Rezension zu "Ein Höllensturz der Alten Welt. Zur Selbsterforschung der Moderne nach dem Juni 1848." von Dolf Oehler
sKnaerzleMan weiß mal wieder zu wenig. Aber im Juni 1848 gab es einen Arbeiteraufstand, vielleicht eine Revolution in Paris, die nicht nur blutig niedergeschlagen wurde, sondern die Besiegten wurden hinterher auch ziemlich brutal massakriert, nicht etwa durch finstere Mächte der Reaktion, sondern durch ein linkes, liberales Bürgertum, das gerade mit Hilfe der Arbeiter selbst eine Revolution gemacht hat. Für Marx war dies der erste Klassenkampf des Proletariats.
Da Geschichte wird von den Siegern geschrieben, und so setzte sich die offizielle Version durch, dass die tapfere Nationalgarde einen sinnlosen Aufstand des bestialischen Pöbels mit größtmöglicher Schonung des Gegners niedergeschlagen hat.
Oehler suchte nach den Schriftstellern, die versucht haben, an die andere Version zu erinnern. Das war nicht einfach, denn Zensur, Verleger und Literaturkritik verhinderten eine offene Auseinandersetzung mit dem Thema. Oehler aber wurde fündig in einem Werk über Vogelkunde, bei Heine, der als "ausländische Zelebrität" sein Sterben öffentlich zelebrierte und ironisch verklausuliert manche Wahrheit durchschlüpfen ließ. (Am bekanntesten sind die "Wanderratten".) Baudelaire, dessen Lyrik voller Anspielungen sei, wenn man erst einmal auf die Spur gekokmmen ist, und Flaubert, der in der "Education Sentimental" eine schonungslose Analyse des denkfaulen Bürgertums geschrieben habe.
Das Werk ist sehr speziell, das Mitdenken ist nicht immer einfach, die Ergebnisse sind auch nicht immer überzeugend. Aber man wird wieder daran erinnert, dass Literatur, wenn sie Kunst ist, sehr viel mehr ist als Unterhaltung.

