Dominic Lieven

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Cover des Buches Towards the Flame: Empire, War and the End of Tsarist Russia (ISBN: 9780141399744)A

Rezension zu "Towards the Flame: Empire, War and the End of Tsarist Russia" von Dominic Lieven

Hin zur Flamme. Russland und der Erste Weltkrieg
Andreas_Oberendervor 9 Monaten

Es geschieht selten, dass sich ein Historiker ein Thema, das er bereits einmal bearbeitet hat, nach längerer Zeit ein zweites Mal vornimmt. Vor über 30 Jahren veröffentlichte der Brite Dominic Lieven eine schmale Studie über Russlands Außenpolitik am Vorabend des Ersten Weltkrieges und während der Juli-Krise 1914 ("Russia and the Origins of the First World War", 1983). Die Ergebnisse, zu denen Lieven damals gelangte, lassen sich in vier Punkten knapp zusammenfassen: (1) Die russische Außenpolitik unter Zar Nikolaus II. sei dem Ziel verpflichtet gewesen, Russlands Großmachtstatus zu verteidigen, eine machtpolitische Deklassierung des Zarenreiches zu verhindern. (2) Nach der Niederlage gegen Japan und der Revolution von 1905 sei das Zarenreich geschwächt gewesen und habe daher eine vorsichtige, defensiv angelegte Außenpolitik betrieben, die auf eine Bewahrung des Status quo in Europa und des Gleichgewichts der Mächte abgezielt habe. Angesichts einer instabilen innenpolitischen Lage und des angespannten Verhältnisses zwischen Monarchie und Gesellschaft sei eine offensive, risikoreiche Außenpolitik nicht in Frage gekommen. (3) Die deutsche Außenpolitik unter Kaiser Wilhelm II. sei in Petersburg als expansionistisch und potentiell bedrohlich wahrgenommen worden. Um einen etwaigen deutschen Griff nach der Hegemonie auf dem Kontinent abzuwenden, habe Russland den Schulterschluss mit Frankreich und Großbritannien gesucht. (4) Im Sommer 1914 habe sich die zarische Regierung für den Krieg entschieden, weil sie keine andere Möglichkeit gesehen habe, die von Österreich-Ungarn und Deutschland angestrebte gewaltsame Veränderung des Status quo auf dem Balkan abzuwenden. Eine Zerschlagung Serbiens hätte zum Zusammenbruch der russischen Position auf dem Balkan geführt. Dies habe Petersburg nicht hinnehmen können. Expansive Ziele habe Russland im Sommer 1914 nicht verfolgt. Die Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch sei in Berlin zu suchen.

Jetzt hat Dominic Lieven ein neues Buch über das gleiche Thema vorgelegt. Der Titel - "Towards the Flame" - ist von Alexander Skrjabins Klavierstück "Vers la flamme" op. 72 (1914) inspiriert. Liest man beide Bücher und vergleicht man sie miteinander, so fällt auf, dass sie im Aufbau und inhaltlich viele Parallelen aufweisen. Identisch sind sie aber allein schon deshalb nicht, weil das neue Buch viel umfangreicher ist als das alte. Im Kern kreist das neue Werk um die gleichen Aspekte, die Lieven in den 1980er Jahren untersucht hat: Russlands Stellung im europäischen Mächtesystem; regierungsinterne Debatten über Ziele und Optionen der russischen Außenpolitik; die Wechselwirkung zwischen Innen- und Außenpolitik; zu guter letzt die Frage, wer die Akteure waren, die über die Außenpolitik bestimmten und von welchen Normen und Werten sie sich dabei leiten ließen. Die Untersuchung dieser Aspekte ist eingebettet in einen übergreifenden Rahmen, der dem älteren Werk fehlt: Das um 1900 immer akuter werdende Spannungsverhältnis zwischen Imperien bzw. Imperialismus einerseits und Nationalbewegungen bzw. Nationalismus andererseits. In diesem Spannungsverhältnis sieht Lieven den Schlüssel zum Verständnis der russischen Außenpolitik und des Kriegsausbruches. Ein Vergleich beider Bücher ist auch deshalb sinnvoll, weil sich seit 1983 viel getan hat. Die internationale Forschung über das europäische Mächtesystem zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist nicht stehengeblieben, und seit dem Ende der Sowjetunion sind mehr Archivquellen über das Zarenreich zugänglich als jemals zuvor. Lieven hat von diesen Archivbeständen reichlich Gebrauch gemacht, wie ein Blick in die Endnoten seines Buches zeigt. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie sich Lieven gegenüber neueren Forschungsarbeiten positioniert, etwa Sean McMeekins umstrittenem Buch "The Russian Origins of the First World War" (2011) und Christopher Clarks "The Sleepwalkers" (2012). Clark und erst recht McMeekin weisen Russland mehr Mitschuld am Ausbruch des Weltkrieges zu als es Lieven seinerzeit tat.

Wenn es an Lievens Buch eines zu kritisieren gibt, dann ist es der Umgang mit Teilen der neueren Forschung. Das Buch ist als Erwiderung auf die kontrovers diskutierten Thesen McMeekins zu verstehen, ohne dass Lieven dies explizit klarstellt (ein einleitender Überblick zum Stand der aktuellen Forschung fehlt leider, ein sehr ärgerlicher Mangel). McMeekins und Clarks Bücher tauchen jeweils nur ein einziges Mal in einer Endnote auf. Eine Bezugnahme auf diese beiden Autoren und eine Auseinandersetzung mit ihnen sucht man als Leser vergeblich. Dieser Verzicht, aktuelle Erklärungsansätze für den Ausbruch des Weltkrieges zu diskutieren, mag dem Umstand geschuldet sein, dass Lieven, der Alt- und Großmeister unter den britischen Russland-Historikern, es nicht für nötig hält, sich mit Kollegen auseinanderzusetzen, die im Gegensatz zu ihm keine Experten für die Geschichte des späten Zarenreiches sind. Ein solches Maß an olympischer Arroganz muss man einem Schwergewicht wie Lieven wohl oder übel nachsehen. Problematisch wird die selektive Rezeption der Sekundärliteratur spätestens dann, wenn sie zu gravierenden thematischen Lücken führt. Viel Aufmerksamkeit widmet Lieven Russlands Verhältnis zu Deutschland und Österreich-Ungarn. Die Beziehungen zu Großbritannien und Frankreich bleiben hingegen weitgehend außen vor, was unverständlich und nicht nachvollziehbar ist. Vor allem auf dem "französischen Auge" ist Lieven nahezu vollkommen blind. Über die Entwicklung des französisch-russischen Verhältnisses nach der Jahrhundertwende sagt er so gut wie nichts. Die Zusammenarbeit der Generalstäbe beider Länder wird ebenso wenig erörtert wie Frankreichs Engagement auf dem Balkan, und im Kapitel über die Juli-Krise fehlt jeder Hinweis auf den Besuch des französischen Präsidenten Poincaré in Petersburg. Stefan Schmidts Studie "Frankreichs Außenpolitik in der Juli-Krise 1914" (2009) bietet viel Material zum Thema der französisch-russischen Beziehungen, das Lieven hätte rezipieren und diskutieren müssen. Dass er das nicht getan hat, ist merkwürdig, um es vorsichtig auszudrücken.

Unerwähnt bleiben auch die britisch-russischen Verhandlungen über eine Marinekonvention im Frühjahr 1914, die in jüngster Zeit erstmals umfassend untersucht wurden (Stephen Schröder, "Die englisch-russische Marinekonvention", 2006). Als Teil der von Petersburg verfolgten Eindämmungsstrategie gegenüber dem Deutschen Reich hätte Lieven diese Verhandlungen eigentlich beleuchten müssen, auch wenn sie letztlich ohne Ergebnis blieben. Lieven hätte dann auch ein Indiz zur Verfügung gehabt, um zu erklären, warum Reichskanzler Bethmann Hollweg im Sommer 1914 das Risiko eines großen europäischen Krieges in Kauf nahm: Weil ihn die Nachricht von den Marineverhandlungen fürchten ließ, die "Einkreisung" Deutschlands stehe nunmehr vor der Vollendung, an einem militärischen Befreiungsschlag führe kein Weg mehr vorbei. Bethmann Hollwegs Verhalten im Juli 1914 war beileibe nicht so "rätselhaft", wie es für Lieven den Anschein hat (S. 317). Es ist nicht klar, ob diese Lücken und Auslassungen absichtlich und bewusst zustande gekommen sind (was man einem Historiker von Lievens Statur nur ungern unterstellen möchte), oder ob sie der Tatsache geschuldet sind, dass das Buch nicht unter optimalen Bedingungen geschrieben wurde. Wie Lieven im Vorwort erwähnt, hat er das Buch einer schweren Krankheit abgerungen. Kenner der Materie werden es jedenfalls bedauern, dass sich Lievens Werk nicht ganz auf der Höhe des gegenwärtigen Forschungsstandes bewegt. Wer Russlands Außenpolitik bis zum Sommer 1914 angemessen verstehen will, der kann Petersburgs Beziehungen zu Paris und London nicht so nonchalant behandeln, wie es Lieven tut.

Damit diese Rezension nicht über Gebühr ausufert, sollen hier nur die wichtigsten Themen und Thesen des Buches skizziert werden. Die ersten drei Kapitel sind thematisch angelegt. Lieven analysiert zunächst die Probleme und Herausforderungen, vor denen die Großmächte und Imperien (empires) um 1900 standen (Kap. 1). Es folgt ein Porträt des Russischen Reiches, seiner inneren Verhältnisse und auswärtigen Beziehungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts (Kap. 2). Das umfangreiche dritte Kapitel ist den Akteuren gewidmet, die Einfluss auf die russische Außenpolitik hatten (Zar; ranghohe Politiker; Außenminister und Diplomaten; Armee- und Marineführung). Die Kapitel 4 bis 7 sind ereignisgeschichtlich angelegt. Sie schlagen einen Bogen vom Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) bis zur Juli-Krise 1914. Behandelt werden die wichtigsten Konflikte und Spannungsmomente vor dem Ersten Weltkrieg, darunter die Bosnische Annexionskrise und die beiden Balkankriege. Auf einer ungeheuer breiten Quellenbasis zeichnet Lieven die russische Balkanpolitik und die Beziehungen zu Wien und Berlin nach. Im achten und letzten Kapitel bietet Lieven einen Ausblick auf den Weltkrieg, den Zusammenbruch der Monarchie im Februar 1917 und die Folgen der Revolution für Russland selbst, aber auch für Europa. Besonderes Interesse verdienen die Einleitung und Kapitel 1. Hier präsentiert Lieven seine Überlegungen zu den Problemen und Herausforderungen, vor denen die europäischen Großmächte um 1900 standen. Alle Großmächte glaubten, sie müssten Außenpolitik im kontinentalen und globalen Maßstab betreiben, um im "Daseinskampf der Völker" bestehen zu können. Wer keine "imperiale" Politik betrieb, wer nicht nach territorialer Expansion strebte, wer sein bereits bestehendes Kolonialreich nicht verteidigte oder sich kein neues Kolonialreich aufbaute, der riskierte Niedergang und Abstieg, so die Auffassung der herrschenden Eliten in ganz Europa. Die Möglichkeiten, eine "imperiale" Politik zu betreiben, waren um die Jahrhundertwende aber begrenzt, denn in Übersee und erst recht in Europa boten sich kaum noch Chancen für Gebietserwerb oder die Sicherung von Einflusszonen. Das war vor allem für "Emporkömmlinge" und "Nachzügler" wie Italien und Deutschland bitter und frustrierend. Zusätzlich wurde der Imperialismus vom Nationalismus herausgefordert. Mehr und mehr setzte sich die Auffassung durch, Imperien und Vielvölkerreiche hätten sich historisch überlebt, jedem Volk, jeder Nation stehe ein eigener Nationalstaat zu.

Bedrohlich war der Nationalismus vor allem für Vielvölkerreiche wie Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich - und Russland. Die Regierung in Petersburg war zu keinerlei Zugeständnissen an die nichtrussischen Völker des Reiches bereit, weil sie fürchtete, jede Konzession gegenüber dem Nationalismus gefährde den Bestand des Reiches. Mit Genugtuung, wenn nicht gar Schadenfreude blickte Russland auf die Nationalitätenprobleme des Rivalen Österreich-Ungarn. Im Innern galt der Nationalismus als Bedrohung, in der auswärtigen Politik jedoch als willkommenes Mittel, das Habsburgerreich in Verlegenheit und Bedrängnis zu bringen. Im 19. Jahrhundert förderte Russland die Entstehung der Balkanstaaten, und nach der Jahrhundertwende, besonders nach der Bosnischen Annexionskrise, ermunterte es sie zu einer aktiven Außenpolitik, die im Falle Serbiens zu einer ernsten Gefahr für die Donaumonarchie wurde. Der Status quo auf dem Balkan geriet ins Wanken - mit verhängnisvollen Folgen für das gesamte Mächtesystem. Unter dem Deckmantel der panslawischen Solidarität instrumentalisierte Russland die Balkanstaaten, um sie als Bollwerk gegen eine weitere Expansion Österreich-Ungarns auf dem Balkan in Stellung zu bringen. Hundert Jahre früher, zur Zeit des Wiener Kongresses, wäre ein solches Vorgehen - die Ermunterung von Kleinstaaten zu einer auftrumpfenden Außenpolitik - undenkbar gewesen. Die in Wien beschworene Solidarität der Großmächte im übergeordneten Interesse des europäischen Friedens existierte zu Beginn des 20. Jahrhundert längst nicht mehr. Russlands Engagement auf dem Balkan war Teil der Eindämmungspolitik gegenüber dem Zweibund. In die Art, wie sich Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland wechselseitig wahrnahmen, schlichen sich zunehmend paranoide Züge ein. In allen drei Hauptstädten witterten die Regierenden einen herannahenden "Rassenkampf" zwischen Germanen und Slawen.

Lieven setzt sich deshalb so intensiv mit Russlands Balkanpolitik auseinander, weil er überzeugt ist, dass der Erste Weltkrieg in erster Linie ein osteuropäischer Konflikt gewesen sei. Im Westen habe es gar kein nennenswertes Konfliktpotential gegeben. In Ostmittel- und Osteuropa dagegen hätten die Zweibundmächte und Russland einen Kampf um ihre Zukunft als Imperien ausgetragen. Russland und Österreich-Ungarn hätten ihren Anspruch auf imperiale Geltung verteidigen wollen. Der Aufsteiger Deutschland habe danach gestrebt, Russland niederzuwerfen und den Weg für den Aufbau eines politischen und wirtschaftlichen Großraumes zu ebnen, der neben dem Zweibund den Balkan und das Osmanische Reich einschließen sollte. Die deutsche Umorientierung von der Kolonial- und Überseepolitik hin zur Kontinentalpolitik ab 1911 war Lieven zufolge auch ein Grund dafür, dass sich Russland so intensiv mit der Meerengenfrage beschäftigte. Das rege deutsche Engagement im Osmanischen Reich weckte in Petersburg Befürchtungen, der Zweibund greife nach der Kontrolle über diesen Seeweg, die Achillesferse an Russlands südlicher Flanke. Wie in vielen anderen außenpolitischen Fragen herrschte auch in Bezug auf die Meerengen Uneinigkeit in Petersburg. Radikale Stimmen forderten eine russische Inbesitznahme Konstantinopels und der Meerengen. Moderate Stimmen, unter ihnen Lievens Vorfahr Vize-Admiral Fürst Alexander Lieven, plädierten für ein internationales Vertragswerk über Öffnung und Neutralisierung des Seeweges. Zu keinem Zeitpunkt gab es konkrete Planungen für einen militärischen Handstreich gegen Konstantinopel. Logistisch war ein solches Unternehmen unmöglich, so lange dem Zarenreich im Schwarzen Meer keine schlagkräftige Flotte zur Verfügung stand. Lieven verweist Sean McMeekins abenteuerliche These ins Reich der Fabel, Außenminister Sasonow habe die Juli-Krise gezielt genutzt, um einen großen europäischen Krieg herbeizuführen, der Russland die Inbesitznahme der Meerengen ermöglichen sollte.

Warum entschieden sich der Zar und seine Minister im Juli 1914 für den Krieg? Diese folgenschwere Entscheidung markierte gewissermaßen den Schlusspunkt jahrelanger interner Debatten über die Ziele und Prioritäten russischer Außenpolitik: Sollte Russland imperiale Größe in Asien suchen oder in Europa? Sollte es mit den Balkanstaaten zusammenarbeiten oder nicht? Sollte es die Meerengen erobern oder auf eine vertragliche Lösung setzen? In all diesen Fragen erzielten die Politiker, Diplomaten und Militärs nie Einigkeit. Jede Option, jede Strategie hatte ihre Befürworter und Gegner. Namhafte russische Politiker hielten die Tripel-Entente mit Frankreich und Großbritannien für einen Fehler und plädierten für eine Neuauflage des Dreikaiserbündnisses mit Deutschland und Österreich-Ungarn. Radikale und moderate Stimmen neutralisierten sich gegenseitig, und auch die notwendige Rücksichtnahme auf die labilen innenpolitischen Verhältnisse führte dazu, so Lieven, dass Russland nach 1905 eine im Großen und Ganzen defensive Außenpolitik betrieb. Einigkeit herrschte nur in einem Punkt: Wenn Russlands Prestige als Großmacht bedroht war, wenn Veränderungen des Status quo in Europa Russlands außenpolitische Lage zu verschlechtern drohten, dann war eine Politik der Härte, Abschreckung und Unnachgiebigkeit an der Tagesordnung. Eine zweite außenpolitische Demütigung wie während der Bosnischen Annexionskrise musste verhindert werden - notfalls mit der Waffe in der Hand. Vor dieser Situation standen die Petersburger Entscheidungsträger im Juli 1914. Nicht die Gier nach Expansion und Eroberung trieb sie in den Krieg, sondern das Bestreben, das Gleichgewicht in Europa gegen die Aggression des Zweibundes zu verteidigen, die eigene Stellung auf dem Balkan zu sichern und Russlands Status als Groß- und slawische Führungsmacht zu wahren.

Den deutschen Blankoscheck für Österreich-Ungarn hält Lieven für die entscheidende Weichenstellung in Richtung Krieg. Er wendet sich gegen jene Autoren, die die russische "Kriegsvorbereitungsphase" (ab dem 26. Juli) zur "geheimen Mobilmachung" aufbauschen. Sie sei nichts anderes gewesen als die Vorbereitung auf eine eventuell notwendig werdende Mobilmachung. Anders als bei einer Mobilmachung seien während der Kriegsvorbereitungsphase keine Truppen vom Landesinneren an die Grenzen verlegt worden. Für die deutsche Führung findet Lieven harte Worte: Der in Deutschland vor 1914 grassierende außenpolitische Pessimismus und die Furcht vor der "slawischen Gefahr" seien irrational und unbegründet gewesen, Ausfluss einer verzerrten Wahrnehmung. Deutschlands außenpolitischer Handlungsspielraum sei größer gewesen als von Kaiser, Kanzler und Militärführung angenommen. Kein russischer Politiker oder General habe einen Angriffskrieg gegen Deutschland geplant, weder kurz- noch langfristig. Bethmann Hollwegs Risiko-Kurs im Juli 1914 sei sträflich und verantwortungslos gewesen. Wenn Lieven die Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch wie vor 30 Jahren bei Berlin und Wien sieht, so unterzieht er doch auch die russische Führung einer deutlichen Kritik. Niemand kennt die Mentalitäten der herrschenden Eliten im späten Zarenreich besser als Lieven. Dem Zaren und seinen Ratgebern waren abstrakte Werte wie Ehre, Prestige und Großmachtstatus wichtiger als das Wohlergehen des Landes, das im Zuge einer spannungsreichen Modernisierung tiefgreifende Umwälzungen durchlief, die eigentlich Ruhe und Frieden erforderten. Die von traditionellen aristokratischen Werten geprägten Eliten stürzten das Reich in einen Krieg, der den aktuellen Bedürfnissen der russischen Gesellschaft gänzlich widersprach. Rasch zeigte sich dann, dass Russland dem Krieg nicht gewachsen war. Die Folgen sind bekannt.

Dem Buch ist anzumerken, dass Lieven den Untergang des alten Russland mit Wehmut und einem Gefühl des persönlichen Verlustes betrachtet. Seine Ahnen, das baltische Adelsgeschlecht derer von Lieven, standen zweihundert Jahre lang im Dienst der Zaren. Über Generationen wirkten sie am Aufbau und an der Verwaltung des Imperiums mit. Die adligen Eliten gaben 1914 in Politik und Diplomatie noch immer den Ton an. Sie setzten alles aufs Spiel - und verloren alles. Selten hatten die Entscheidungen weniger Männer so katastrophale Folgen für ein Volk, einen Staat, einen ganzen Kontinent. Lievens Buch ist nicht ohne Schwächen; es bietet durchaus Angriffsflächen. Dennoch ist es ein bedeutendes und unbedingt lesenswertes Buch. Es bietet gewichtige Argumente für eine kritische Auseinandersetzung mit Christopher Clark und Sean McMeekin, deren Werke nicht als Schlusspunkt der Debatte über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges betrachtet werden dürfen. Was das Zarenreich angeht, so ist Lieven in puncto Sach- und Quellenkenntnis Clark und McMeekin haushoch überlegen. Daher muss man ernst nehmen, was er zu sagen hat. Mit seinem gut lesbaren, aber inhaltlich anspruchsvollen Buch hat Lieven die Summe seiner jahrzehntelangen wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem späten Zarenreich vorgelegt. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch nicht zu seinem Schwanengesang wird, wie er es im Vorwort andeutet. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Juni 2015 bei Amazon gepostet)

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