Benedikt Zwicker hat sein Journalismus-Studium abgeschlossen und landet statt bei einem investigativem Nachrichtenmagazin in einer Marketing-Agentur. Die Arbeit als Kommunikationsberater fällt ihm erstaunlich leicht, auch wenn sie bisweilen seinen eigenen Überzeugungen widerspricht. Dies wird besonders deutlich, als die Agentur angeheuert wird, eine neue rechtspopulistische Partei, die sich als Alternative zu den Altparteien in Deutschland positionieren will, zu betreuen. Benedikt wird dem Spitzenkandidat zur Seite gestellt, was Auswirkungen auf die Beziehungen zu seiner Partnerin Marianne, aber auch zu seiner Familie, namentlich Mutter und Schwester hat. Benedikts Familie findet sich zu dieser Zeit bereits in Aufruhr: Nachdem die Großeltern mütterlicherseits verstorben sind, wird ihr Haus sowie die dazugehörige Fischerei und das Strandbad verkauft. Zwischen Benedikts Mutter und ihrer Schwester kommt es über das Erbe zum Bruch, Benedikt selber verliert nicht nur den Ort seiner Kindheit, sondern auch einen erdenden Ankerpunkt in dieser stürmischen gegenwärtigen Zeit.
Zeitlang ist das Buchprojekt zweier Autorinnen, Donata Rigg und Claudia Klischat – ein Umstand, der beim Lesen des Romans aber nie deutlich wird, liest es sich doch gut und aus einem Guss. Abwechselnd berichten sie in ihren Kapiteln von der Gegenwart und der Vergangenheit der Familie Zwicker und bringen dabei Dinge zutage, die Benedikt, seiner Schwester und seiner Mutter im Jetzt verborgen bleiben. So erzählen sie vom Ururgroßvater Benedikts, einem glühenden Anhänger des bayrischen Königs und seinem Sohn, der sich lieber bei den Nationalsozialisten verwirklichen wollten. Sie erzählen von der Fischerei, vom Aufbau eines Geschäfts, das den Lebensunterhalt sichert, von den Verführungen des Populismus und von den Schrecken der Diktatur und ihrer Kriege. Durch die Gegenüberstellung mit den 2010ener wird deutlich, dass die Muster der Vergangenheit sich leichter wiederholen, als man denkt.
Dennoch ist Zeitlang in erster Linie ein Familienroman, der die Mitglieder verschiedener Generationen begleitet und sich auf innerfamiliäre Verstrickungen sowie blinde Flecken konzentriert. Die politische Situation fungieren sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart als Rahmen – wenn auch zugegebenermaßen als sehr formgebender –, es handelt sich also um keinen politischen Roman, der einen kritischen Kommentar zur gegenwärtigen Lage formuliert. Stattdessen liest man locker und leicht von Benedikt und seinen Vorfahren, für die verschiedenen Figuren bräuchte es bisweilen ein Register. Sympathisch sind einem mehr die Ahnen, auch weil diese besser konturiert sind. Protagonist Benedikt bleibt dagegen lange blass und jammernd, seine Mutter anstrengend, seine Schwester bemüht. Vielleicht typisch für unsere Zeit kreisen sie alle sehr um sich selbst, eine Verbindung innerhalb der Familie wird schwer greifbar.
Insgesamt habe ich den Roman gerne gelesen, einfach weil er es einen leicht macht und gut unterhält. Dennoch habe ich mich über die ganze Lektüre der knapp 620 Seiten gefragt, was genau erzählt werden soll. Die eigentliche Thematik wird schwer zu fassen, eine Botschaft mache ich nicht aus. Zwar muss ein Buch diese auch nicht haben, bei so einem starken Gegenwartsbezug wie in Zeitlang (das Buch endet mit Corona und den Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionen) hätte ich mir dies aber gewünscht. So ist die Geschichte insgesamt – und entgegen der Aufmachung des Buches – recht dünn und bietet über die Genealogie einer bayerischen Familie nichts hinaus.










