Doris Anselm und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus

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Inhaltsangabe zu „und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus“ von Doris Anselm

Was ist der Auslöser für Veränderung in unserem Leben? Die Nachricht einer längst vergessenen Freundin, eine Kränkung zu viel, eine absurde Passion, der es plötzlich nachzugeben gilt. In Doris Anselms Erzählungen begegnen uns Karrieremenschen und Loser, Charismatiker und Verrannte, die diese Momente lostreten oder erleben. So wechselt ein Schmuckstück den Besitzer, unpersönlich und doch symbolträchtig. Am Ende ist ein Mädchen erwachsen geworden und ihr Lehrer ein Stück kindlicher. Dabei bleibt manches scheinbar Wichtige elegant in der Schwebe, um den Blick fürs Wesentliche zu öffnen. Ereignisse wirken aus der Vergangenheit in eine intensiv wahrgenommene Gegenwart hinein, ein bedrohlicher Unterton schwingt mit, ein böses Wuchern und Wachsen. Doris Anselms Debüt besticht durch seine hellsichtigen Beobachtungen, sprachliche Reife und Vielschichtigkeit.

Man rangiert sofort im Geschehen wie in einem morgentlich-vorstädtischen Haltestellengespräch.

— jamal_tuschick
jamal_tuschick

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    und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus
    jamal_tuschick

    jamal_tuschick

    15. March 2017 um 10:59

    Doris Anselms Erzählungen verbindet die Plötzlichkeit alltäglicher Überfälle. Man rangiert sofort im Geschehen wie in einem morgentlich-vorstädtischen Haltestellengespräch, das sich nicht vermeiden ließ. Es wird viel vorausgesetzt und wenig ausgeführt. Ins Zentrum rückt ein Vorgang, für den es zig Beispiele in der Nachbarschaft gibt. Ein Interesse keimt an gehetzter Gleichgültigkeit vorbei. Ein Satz “fällt wie aus der Hand”. Eben noch garantiert der gute Ruf einer Haushüterin ein erfreuliches Einkommen. Sie selbst hebt ihre Diskretion und den zu verschwiegenen Aufenthalten sie verurteilenden Takt hervor. Sie setzt sich engere Grenzen als in den Arbeitsplatzbeschreibungen gezogen werden - und im nächsten Augenblick setzt sie ein Haus unter Wasser, um es wie das sinkende Schiff zu verlassen. Die Autorin erzählt so, als sei der Leser sozial angeschlossen und ereignisnah erreichbar. Eine Staubwolke verflüchtigt sich, auf der “zerhackte(n) Straße” erscheint Tobias Schwarz und startet einen Erinnerungsfilm. Er endet in drei Feststellungen. 1. Die berichtende Anlageberaterin verdross schon in der sechsten Klasse eine stämmige Gesundheit. 2. Tobias litt damals an einer komplizierten Krankheit, die seine körperliche Entwicklung hemmte. 3. Seine Mutter versorgte die Unterstützer_innen ihres Sohnes mit unangenehm “weichen ... Vollwertwaffeln”. Das ist eine Szene aus dem kollektiven Gedächtnis, es sind auf dem heißen Stein der Gegenwart verdampfende Allerweltserinnerungen. In der zwangsläufigen, die Schilderung förmlich begründenden Begegnung, unternimmt Tobias einen asthmatischen Anlauf zur Verschleierung seiner Hinfälligkeit. Im weiteren Tagesverlauf versagt die aus ihrem Trott gerissene Beraterin beruflich. Abends bemerkt sie einen “schwarzen Spiegelschrank” im Vorfeld einer Veränderung ihrer Verhältnisse. Der Leser erkennt sie wieder als Lora Schmarges. Zwei Geschichten zuvor war sie ein schlampiges, mit einer irritierenden Familie geschlagenes, misstrauisch beäugtes und als Freundin ungeeignetes Kind im Hoheitsgebiet einer hochmütigen Erzählerin. Bei den alten Schmarges schimmelte sogar das Plastik. Loras Eltern rauchten Nebelwände zusammen, während sie Hartnäckigkeit auf verlorenem Posten bewiesen. In der Nähe ihres Hauses gedieh unter Dotterblumen fettes Moos. Jetzt dementiert Loras Selbstbewusstsein diese Vergangenheit. Lora legt das Bürokampfkostüm ab und macht den Invaliden zum Liebhaber. An anderer Stelle tritt Tobias als Kronzeuge eines akademischen Versagens auf. Er hustet, da ein anderer raucht. Seine unerklärliche Dienstbereitschaft unterwandert freundschaftliche Verhältnisse im Dunst von Wenn & Wäre. Wenn er ... dann wäre/hätte er ... Die Geschichte entgeht einer schlüssigen Auffassung, vielleicht als komponierte Entgleisung oder Umleitung zu einer Sackgasse des Begreifens. Krolle hält sich nur mit dem eigenen Scheitern auf. Unwillkürlich fragt man sich, wie nah kommt man ihm gefahrlos? Er ist ein Schmuddel mit vom Wanst gespannter Trainingsjacke. Ein Rucksack ist ihm unentbehrlich. Er trägt einen englischen Gasdrucklader in die Kampfzone des S-Bahnverkehrs. Krolle erschöpft sich in kurzfristigen Vorteilnahmen. Bedeutend (in unbeschriebenen Kreisen) macht ihn das seltene Recht, Lea anzurufen. Lea könnte wegen Jul schon einmal auf Karli eifersüchtig gewesen sein? Oder wuchs sie wie Amy in England auf und war christlich, bis zu dem Tag, als sie von Adrian bekehrt wurde?

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