Doris Unzeitig

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Lebenslauf von Doris Unzeitig

Doris Unzeitig, geboren in Österreich, war Lehrerin an einer oberösterreichischen Dorfschule und wurde dann Leiterin der Berliner Spreewald-Grundschule im Schöneberger Nordkiez. Mit ihrem Auftritt bei „Stern TV“, bei dem sie offen die Misere an den Brennpunktschulen anprangerte, erlangte sie schlagartig bundesweite Berühmtheit. Im September 2018 gab sie ihre Stelle in Berlin auf und kehrte wieder nach Österreich zurück.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Doris Unzeitig

Cover des Buches Eine Lehrerin sieht Rot (ISBN: 9783864706264)

Eine Lehrerin sieht Rot

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Erschienen am 26.09.2019

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Cover des Buches Eine Lehrerin sieht Rot (ISBN: 9783864706264)R_Mantheys avatar

Rezension zu "Eine Lehrerin sieht Rot" von Doris Unzeitig

"Gewalt gehörte an unserer Schule zum Alltag"
R_Mantheyvor einem Jahr

Um sich der ganzen Schizophrenie in der bundesdeutschen Gesellschaft bewusst zu werden, kann ich nur jedem empfehlen, erst dieses Buch zu lesen und sich danach den Internetauftritt der Spreewald-Grundschule in Berlin-Schöneberg anzusehen. Die Autorin dieses Buches war mehrere Jahre Direktorin dieser Schule, bis sie entnervt aufgab und sich zurück in ihre österreichische Heimat begab.

Im Untertitel des Buches steht: "Mini-Machos, Kultur-Clash, Gewalt in der Schule". Auf der Internetseite der Schule findet man dagegen Folgendes zu ihrem Selbstbild: "Eine Schule, in der Kinder und Erwachsene aus verschiedenen Kulturen miteinander lernen, lachen, leben und gemeinsam die Welt entdecken!" Und weiter: "Sind wir ein Brennpunkt? In unseren Herzen brennt mehr als nur ein Punkt für unsere Schule!". Liest man die ganze Vorstellung, dann kann man durchaus den Eindruck bekommen, diese Schule litt ganz schwer unter ihrer früheren Direktorin und atmet nun endlich wieder frei.

Vermutlich geht der Anteil der Schüler mit deutschen Wurzeln an dieser Schule gegen Null, wenn er nicht schon gleich Null ist. Die Presse und Berichte von Betroffenen haben dafür gesorgt, dass deutsche Eltern ihre Kinder lieber anderswo unterrichten ließen. Und vermutlich ist es auch schwer, Lehrer für diese Schule zu gewinnen, denn wer tut sich schon eine Brennpunktschule an, wenn er es woanders ruhiger haben kann? In der Selbstdarstellung der Schule ist jedoch alles eitel Sonnenschein.

Es gibt keinen klar ersichtlichen Grund, der Autorin dieses Buches die Beschreibung des damaligen Schulalltags nicht zu glauben. Ihr Buch jedoch liest sich nicht besonders einfach, und das hat verschiedene Gründe. Zwischen den zuständigen Berliner Senatsstellen und ihr gibt es starke Differenzen in der Einschätzung der Situation in und ihrer Arbeit an ihrer ehemaligen Schule. Allein aus diesem Grund besteht ein großer Teil des Textes aus oft sehr detaillierten Rechtfertigungen und Schilderungen. Dieses fast durchgängige Darstellungsprinzip verhindert meistens verallgemeinernde Schlüsse. Für eine Grundschullehrerin neigt die Autorin darüber hinaus zu komplizierten Satzstrukturen. Der Text ist klein und eng gedruckt. Es gibt kaum Absätze.

Und dann treffen auch noch zwei Lebenslügen aufeinander, die des linksgrünen Berliner Senats und die der Autorin. Jede Regierung mag Erfolge und möchte schlechte Presse vermeiden. Die Autorin benutzte jedoch die Presse gegen den Senat, um politischen Druck zu erzeugen. Für den Senat muss die angebliche Integration eine Erfolgsstory sein. Dabei wohnen in diesem Kietz fast nur Zugewanderte in einer oder mehreren Parallelgesellschaften. Dass sie sich gar nicht integrieren wollen, liest sich bei der Autorin so (S. 72): "Im Kietz erlebte ich den Ausbau einer Parallelgesellschaft. Hierbei spreche ich nicht von einem Medienkonsum, den türkisches oder arabisches Fernsehen dominieren. Mir geht es um türkische Supermärkte, arabische Anwälte und Ärzte, Friseure, also eine komplette Infrastruktur, die gar keine Notwendigkeit aufkommen ließ, das Berliner Leben und die europäische Kultur kennenzulernen und mit ihr zu verschmelzen. Die diskriminierende Haltung allem Fremden gegenüber – und das schon von Kindergartentagen an – war erschreckend." Eine deutsche Autorin hätte sich das vermutlich verkniffen, weil das schließlich nicht wahr sein kann.

Gleichzeitig bemerkt man in diesem Zitat die Lebenslüge der Autorin. Sie glaubt ernsthaft erstens, dass eine Verschmelzung von Kulturen möglich und sinnvoll ist, obwohl sie eine völlig andere Realität vor sich sieht. Und zweitens – und das durchzieht das gesamte Buch – möchte sie den aus ihrer Sicht benachteiligten Zuwandererkindern eine wirkliche Chance in Deutschland oder Westeuropa geben. Und das gegen den oft deutlich geäußerten Willen der Eltern. Auf Seite 231 findet man dazu Folgendes: "Die Schule kann nicht ausgleichen, was Eltern nicht oder schlecht erledigen oder sogar konterkarieren. Die Alternative wäre, die Kinder bei fehlendem Mitwirkungswillen des Elternhauses in ein Internat aufzunehmen." Das ist starker Tobak.

Einen solchen Internierungsvorschlag kann nur jemand machen, der die ganze Hilflosigkeit der fehlschlagenden "Integrationsversuche" spürbar miterlebt hat. Wenn wir also die Elterngeneration nicht integriert bekommen, dann nehmen wir ihnen eben die Kinder weg und erziehen sie gegen deren Willen. Statt einfach die Realität so zu begreifen wie sie ist und einfache Schlüsse zu ziehen, wirft die Autorin dem Senat politisches Unvermögen vor, was sicher nicht unberechtigt ist. Und der Senat kontert, dass die Autorin als Direktorin komplett versagt hätte.

Man kann sich das ganze Dilemma der nicht lösbaren "Integrationsaufgabe" im Detail im Buch zu Gemüte ziehen. In Wirklichkeit nämlich beschreibt das Buch, wieso diese Aufgabe nicht lösbar ist. Wer sich in die deutsche Mehrheitsgesellschaft nicht integrieren möchte (siehe Zitat oben), den kann man auch nicht integrieren. Inzwischen haben nämlich insbesondere die muslimischen Einwanderer schon längst eine solche kritische Masse erreicht, bei der es nur noch um eine mögliche gegenseitige Toleranz, aber nicht mehr um eine Integration geht. Was von der Toleranz der Zuwanderer zu halten ist, kann man im Buch ausführlich nachlesen.

Im Grunde ist dieses Buch also ein Dokument des Scheiterns, nicht nur der Autorin, sondern auch der angeblich erstrebenswerten Vielfalt, die sich auch die Spreewald-Grundschule auf die Fahnen geschrieben hat. Was Doris Unzeitig nämlich tatsächlich erlebt hat, war ein Kultur-Clash. Und den kann man nicht ewig mit flotten Sprüchen verdecken, wenn man ihn so hautnah spüren musste wie sie.

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