Douglas Smith

 4,6 Sterne bei 17 Bewertungen
Autor von Und die Erde wird zittern, Der letzte Tanz und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Douglas Smith

Douglas Smith ist Historiker und Übersetzer. Er arbeitete für das U.S. State Department in der Sowjetunion und als Russisch-Dolmetscher für Ronald Reagan und war als Russland-Spezialist für Radio Free Europe/Radio Liberty in München tätig. Er hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, unter anderem das renommierte Fulbright-Stipendium für Wissenschaftler. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Seattle/USA. www.douglassmith.info

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Douglas Smith

Cover des Buches Und die Erde wird zittern (ISBN: 9783806235746)

Und die Erde wird zittern

 (8)
Erschienen am 01.09.2017
Cover des Buches Der letzte Tanz (ISBN: 9783596197774)

Der letzte Tanz

 (7)
Erschienen am 27.04.2016
Cover des Buches A Lion Among Men (ISBN: 0060548924)

A Lion Among Men

 (1)
Erschienen am 01.10.2008
Cover des Buches Rasputin (ISBN: 9781447245841)

Rasputin

 (1)
Erschienen am 03.11.2016
Cover des Buches Impossibilia (ISBN: 9780991800728)

Impossibilia

 (0)
Erschienen am 29.01.2014

Neue Rezensionen zu Douglas Smith

Cover des Buches Der letzte Tanz (ISBN: 9783596197774)A

Rezension zu "Der letzte Tanz" von Douglas Smith

Fall und Untergang des russischen Adels
Andreas_Oberendervor 9 Monaten

Kein anderes europäisches Land musste im Ersten Weltkrieg und in den Jahren danach einen so hohen Blutzoll entrichten wie Russland. Durch Krieg, Revolution und Bürgerkrieg, durch Hunger und Seuchen kamen zwischen 1914 und 1921 mindestens 10 Millionen Menschen ums Leben, vielleicht auch mehr. Angesichts dieser gewaltigen demographischen Katastrophe mag es unangemessen erscheinen, ausgerechnet einer vergleichsweise kleinen sozialen Gruppe wie dem russischen Adel besondere Aufmerksamkeit zu widmen und danach zu fragen, was in der Revolutions- und frühen Sowjetzeit mit dem Adel geschah. Diese Frage lässt sich leicht und schnell beantworten: Der russische Adel, jahrhundertelang die dominierende gesellschaftliche Schicht des Russischen Reiches, verschwand gleichsam über Nacht; er löste sich buchstäblich auf. Viele Adlige gingen in die Emigration und retteten dadurch wenigstens ihr Leben. Die meisten russischen Adligen blieben hingegen in Russland und verloren dort nicht nur ihren Besitz, ihre Standesprivilegien und ihre exklusive Stellung in der Gesellschaft, im Staatsapparat und im Militär, sondern oft auch ihr Leben. Es fällt schwer, in der Geschichte Parallelen zu finden für eine derart vollständige Auslöschung einer ganzen sozialen Schicht. Der russische Adel verschwand nicht nur aus der Geschichte. Auch in der historischen Erinnerung und in der geschichtswissenschaftlichen Forschung spielte er über Jahrzehnte keine nennenswerte Rolle, sowohl in der Sowjetunion als auch im Westen. Das Klischee vom tyrannischen Gutsbesitzer, der einen parasitären Lebenswandel pflegt und seine Leibeigenen quält, prägte lange das Bild vom russischen Adel, vor allem in der Sowjetunion.

Der amerikanische Historiker Douglas Smith hat mit seinem Buch eine Pioniertat vollbracht. Vor ihm ist niemand auf die Idee gekommen, den Fall und Untergang des russischen Adels in einer für ein breites Lesepublikum geeigneten Form zu schildern. Sein Buch ist keine akademisch trockene und blutleere Sozialgeschichte, in der individuelle Schicksale hinter abstrakten Kategorien verschwinden. Smith bedient sich der gleichen Methode, die Orlando Figes in seinen "Flüsterern" erprobt hat. Er hat zwei Adelsfamilien ausgewählt und erzählt ihre Geschichte vor dem Hintergrund der russischen Geschichte zwischen 1900 und 1945. In der Geschichte dieser beiden Familien spiegeln sich die tiefgreifenden und umfassenden Umwälzungen der Revolutions- und frühen Sowjetzeit. Originell ist an Smiths Buch, dass hier die sprichwörtlichen "Verlierer der Geschichte" Gesicht und Stimme erhalten, nicht wie sonst üblich die Revolutionäre und die neuen kommunistischen Machthaber. Smiths Interesse am russischen Adel speist sich nicht aus Nostalgie und Verklärung der Zarenzeit, sondern ist von der Frage geleitet, welche Folgen das Verschwinden dieser sozialen Schicht für die weitere Geschichte der russischen Gesellschaft hatte und noch immer hat.

Im Mittelpunkt des Buches stehen die Familien Scheremetjew und Golizyn. Sie gehörten zu den ältesten, prominentesten und wohlhabendsten russischen Adelsgeschlechtern. Jahrhundertelang dienten sie dem russischen Staat in exponierten Positionen. Sie verkörperten geradezu idealtypisch das Dienstethos, die Bildungsbeflissenheit und den Kunstsinn der russischen Aristokratie, die keineswegs nur müßiggängerisch dahinlebte und sich ganz dem Genuss ihres märchenhaften Reichtums hingab, wie es spätere Zerrbilder behaupteten. Beide Familien brachten in der späten Zarenzeit etliche Vertreter hervor, die sich gesellschaftlich engagierten, liberale Positionen vertraten und sich für die dringend überfällige Reform des verkrusteten autokratischen Systems einsetzten. Anhand von Tagebüchern, Briefen, Memoiren und archivalischen Quellen untersucht Smith, wie Graf Sergej Scheremetjew (1844-1918), Fürst Wladimir Golizyn (1847-1932) und ihre jeweiligen Kinder und Kindeskinder die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebten. Fürst Wladimir Golizyn, der 1905 als Bürgermeister von Moskau abgesetzt wurde, weil er dem Zaren als zu liberal galt, teilte die Sorge vieler hellsichtiger russischer Adliger über Russlands Zukunft. Die Gewaltexzesse der Revolutions- und Bürgerkriegsjahre, die Eruption des Hasses der Bauern auf die Oberschichten, der sich über Jahrzehnte, wenn nicht über Jahrhunderte aufgestaut hatte, empfanden er und andere Mitglieder der beiden Familien als "Vergeltung" der Geschichte für die Reformunfähigkeit der Autokratie und das Versagen der Eliten, die sich letztlich nicht energisch genug für eine Modernisierung des Systems eingesetzt hatten.

Für beide Familien, für die Scheremetjews wie auch die Golizyns, war die Fallhöhe besonders hoch. Sie erlebten die Revolutionszeit als jähen Absturz in Armut, gesellschaftliche Isolation und Bedeutungslosigkeit. Von ihren Landsitzen und aus ihren Stadtresidenzen vertrieben, fristeten sie fortan ein karges und prekäres Dasein. Ihr Alltag war bestimmt von ständigen Existenzsorgen und Angst vor Verfolgung. In der neuen Sowjetgesellschaft war für sogenannte "ehemalige Menschen", zu denen auch Adlige gezählt wurden, kein Platz und keine sinnvolle Aufgabe vorgesehen. Der Adel gehörte zu denjenigen sozialen Gruppen, die von den Bolschewiki systematisch entrechtet, marginalisiert und verfolgt wurden. Auschlaggebend war dabei allein die soziale Herkunft, nicht etwa tatsächliche Gegnerschaft zum kommunistischen Regime. Adlige wurden drangsaliert und repressiert, weil sie Adlige waren, nicht weil sie eine tatsächliche Gefahr für den Staat darstellten. Wann immer das Regime zum Schlag gegen seine vermeintlichen inneren Feinde ausholte, traf es auch stets die in der Sowjetunion verbliebenen Adligen. Viele Scheremetjews und Golizyns waren nicht emigriert, weil es ihnen als Verrat am Vaterland erschien, Russland zu verlassen. Der Preis für die Treue zur Heimat war hoch. Dutzende Mitglieder beider Geschlechter, Männer wie Frauen, wurden zwischen 1917 und 1941 inhaftiert, in Arbeitslager verbannt, getötet. Während des Großen Terrors 1937/38 wurden auch Mitglieder beider Familien ermordet, die nach 1900 geboren worden waren und keinerlei "historische Schuld" auf sich geladen hatten. Die Schicksale einiger Familienmitglieder sind bis heute ungeklärt.

Smith macht aus seiner Sympathie für die Protagonisten seiner Erzählung keinen Hehl. Er setzt vor allem ihrem Überlebenswillen und ihrem engen Zusammenhalt in Zeiten von Not und Verfolgung ein Denkmal. Viele Scheremetjews und Golizyns schöpften Kraft aus ihrem Glauben. Fürst Wladimir Golizyn - ein Foto aus seinen letzten Jahren zeigt einen Greis, dessen Erscheinungsbild an einen Bettler oder Landstreicher erinnert - äußerte 1932 auf dem Totenbett die Gewissheit, dass das Sowjetregime auf lange Sicht nicht überlebensfähig sei. Bemerkenswert ist, dass kein Scheremetjew und Golizyn je aus Verzweiflung den Freitod wählte. Zu kritisieren gibt es an Smiths Buch nur eines: Der Personenkreis ist viel zu groß. Der Überblick geht beim Lesen immer wieder verloren. Es wäre besser gewesen, wenn sich Smith auf eine der beiden Familien beschränkt hätte. Die Liste der wichtigsten Figuren am Anfang des Buches verzeichnet fast 50 Scheremetjews und nahezu 60 Golizyns. Der Kinderreichtum beider Geschlechter und die Häufung bestimmter Vornamen verschärfen die Komplexität der Familienverhältnisse. Im Buch tauchen sieben (!) verschiedene Wladimir Golizyns auf, die auseinanderzuhalten den wenigsten Lesern auf Anhieb gelingen dürfte.

Smith leistet mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der heutigen russischen Gesellschaft. Es besteht nämlich ein enger Zusammenhang zwischen der Vertreibung, Marginalisierung und physischen Vernichtung der vorrevolutionären Eliten und der nivellierten, undifferenzierten Struktur der heutigen russischen Gesellschaft. Die heutige russische Gesellschaft besitzt nicht nur kein Bürgertum im westlichen Sinne, sie ist auch eine Gesellschaft ohne Oberschicht (die neureichen Oligarchen kann man schwerlich auf eine Stufe mit dem Adel und dem Großbürgertum der späten Zarenzeit stellen). Der russische Durchschnittsbürger von heute ist ein Nachfahre von Arbeitern und Bauern. Seine Eltern und Großeltern mögen Angestellte, Ingenieure, Wissenschaftler oder Parteifunktionäre gewesen sein, spätestens in der Generation seiner Urgroßeltern stößt er auf Arbeiter und Bauern. Abkömmlinge des Adels und des alten Bürgertums fallen statistisch gesehen überhaupt nicht ins Gewicht. Statt alter Vermögen gibt es nur neuen Reichtum. Im heutigen Russland fehlt eine historisch gewachsene Elite, die über Generationen materielles und symbolisches Kapital angesammelt und eine ausgeprägte Identität entwickelt hat; es fehlt eine Oberschicht, die genügend Gewicht besitzt, um gegenüber dem Staat als Wortführer der Gesellschaft aufzutreten, so wie es der progressive Teil des Adels in der späten Zarenzeit tat. Der russische Staat ist auch deshalb so (über-)mächtig, weil eine soziale Gruppe fehlt, die stark genug ist, ihm nötigenfalls Paroli zu bieten. Die heutigen russischen Machthaber profitieren also noch immer von den sozialen Umwälzungen der Revolutions- und frühen Sowjetzeit und vom Untergang des russischen Adels. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Oktober 2014 bei Amazon gepostet)

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Cover des Buches Und die Erde wird zittern (ISBN: 9783806235746)A

Rezension zu "Und die Erde wird zittern" von Douglas Smith

Rasputin. Der Mann und der Mythos
Andreas_Oberendervor 9 Monaten

"Dienstag. Ein kalter, windiger Tag. Ich war den ganzen Vormittag beschäftigt. Mittagessen mit Fürst Orlow und Resin. Ging spazieren. Um 4 Uhr fuhren wir nach Sergejewka. Tee mit Miliza und Stana. Wir lernten einen Mann Gottes kennen, Grigori aus dem Gouvernement Tobolsk."

Mit diesen lapidaren Worten hielt Zar Nikolaus II. am 1. November 1905 in seinem Tagebuch die erste Begegnung mit dem sibirischen Bauern Grigori Rasputin (1869-1916) fest. Wie sehr das Treffen ihr Leben prägen und verändern sollte, ahnten der Zar und seine Gemahlin Alexandra an jenem Tag nicht. Rasputin gehört zu den berühmtesten – oder wohl eher berüchtigtsten – Figuren der russischen Geschichte. Über Rasputin dürfte ähnlich viel geschrieben worden sein wie über Peter den Großen, Katharina die Große, Lenin und Stalin. Bis heute wird dem Mann aus Sibirien eine erhebliche Mitschuld am Niedergang der Romanow-Monarchie und am Zusammenbruch des Zarenreiches zugeschrieben. Kaum eine andere Gestalt hat im vorrevolutionären Russland derart viel Hass auf sich gezogen wie Rasputin. In den Augen seiner Zeitgenossen war der Sibirier ein religiöser Fanatiker und Sektierer; ein Hochstapler und Scharlatan, der sich als Wunderheiler ausgab; ein reaktionärer Einflüsterer, der die Politik des Zaren verhängnisvoll beeinflusste; ein unersättlicher Lustmolch und Frauenschänder; ein Landesverräter und Spion im Sold der Deutschen. Wie Douglas Smith in der Einleitung seines Buches hervorhebt, wurde über kaum eine andere Figur der russischen Geschichte so viel Unsinn verbreitet wie über Rasputin. Smith hat es sich zum Ziel gesetzt, den Wust von Gerüchten und Legenden beiseite zu schieben, der das Rasputin-Bild bis heute prägt.

Smith ist nicht der erste Autor, der das gängige Zerrbild von Rasputin durch ein realistisches Porträt ersetzen möchte. Alle anderen Versuche aus jüngerer Zeit, ein an überprüfbaren Fakten orientiertes Bild von Rasputin zu entwerfen, übertrifft Smith durch die ungeheure Breite und Tiefe seiner Darstellung. Mit seiner Biographie leistet er mehr, als nur Rasputins Lebensweg zu rekonstruieren, von den obskuren Anfängen in Sibirien bis zum gewaltsamen Tod im Dezember 1916. Smith bietet ein beeindruckendes Panorama der russischen Gesellschaft am Vorabend des Ersten Weltkrieges und der Revolution. Rasputin lebte in einem Land, das aus den Fugen zu geraten drohte. Die Abneigung, die er auf sich zog, kaum dass er zum Vertrauten der Zarenfamilie aufgestiegen war, ist nur vor dem Hintergrund der Krise verständlich, in der sich das späte Zarenreich befand. Das Verhältnis zwischen der Krone und den gebildeten Ständen war nachhaltig gestört und von wechselseitigem Misstrauen geprägt. In der Presse regte sich immer wieder Kritik am Zaren und an der ominösen "Hofpartei", die angeblich den Gang der hohen Politik bestimmte. Im Regierungsapparat, aber auch in der Leitung der Orthodoxen Kirche waren Machtkämpfe und Intrigen an der Tagesordnung. Rasputin betrat ein Minenfeld, als er 1905 nach Petersburg kam. Ehe er sich versah, wurde er in die Konflikte und Spannungen hineingezogen, die das politische, gesellschaftliche und religiöse Leben Russlands bestimmten.

Konsequent gibt Smith jenen Quellen den Vorzug, die zu Rasputins Lebzeiten entstanden sind, nicht erst nach seinem Tod. Für die Biographie hat Smith umfangreiche Aktenbestände aus russischen, europäischen und amerikanischen Archiven ausgewertet. Skeptisch betrachtet er die Memoiren von Zeitgenossen, die erst nach Rasputins Tod verfasst wurden. Nach dem Ende der Romanow-Monarchie waren der Diffamierung und Dämonisierung des Sibiriers keinerlei Grenzen mehr gesetzt. Viel zu lange, so Smith, haben fragwürdige und problematische Quellen, die aus der Zeit nach Rasputins Tod stammen, das Rasputin-Bild bestimmt. Für die Biographie hat Smith außerdem die zeitgenössische russische Presse und die Korrespondenzen zahlreicher Persönlichkeiten ausgewertet. Es liegt auf der Hand, dass sich eine Rasputin-Biographie nicht damit begnügen kann, die gesicherten Fakten über Rasputins Leben zusammenzufassen. Smith schildert das Leben seines Protagonisten, und zugleich analysiert er, welches Bild sich die russische Gesellschaft von dem Emporkömmling Rasputin zusammenphantasierte. Was hat Rasputin tatsächlich getan, und was wurde ihm von der Öffentlichkeit angedichtet und unterstellt? Smiths Bemühungen laufen auf die Demontage eines zählebigen Mythos hinaus, auf die Widerlegung oder zumindest Abschwächung vieler Legenden, die seit über hundert Jahren im Umlauf sind. Smith geht dabei allerdings nicht so weit wie manche russische Autoren der Gegenwart, die den negativen Rasputin-Mythos in sein Gegenteil verkehren und Rasputin zum Unschuldslamm und Märtyrer stilisieren.

Über Rasputins Leben bis zum Alter von etwa 30 Jahren ist so gut wie nichts bekannt. Rasputin erhielt keine Schulbildung; er lernte erst als Erwachsener Lesen und Schreiben. Kurz vor der Jahrhundertwende hatte er ein religiöses Erweckungserlebnis. Obgleich Ehemann und Vater, begann er ein neues Leben als Pilger und religiöser Wanderer (strannik). In seinem sibirischen Heimatdorf Pokrowskoje und später in Petersburg gewann er als spiritueller Mentor viele Anhänger und Verehrer. Anders als oft behauptet, trat Rasputin nicht als Wunderheiler und Hypnotiseur auf. Bald nach seiner Ankunft in Petersburg (1905) wurde er dem Zarenpaar vorgestellt. Auch Nikolaus und Alexandra lernten Rasputin als geistlichen Beistand schätzen, wie Tagebuchnotizen und Briefe belegen. Die Bluterkrankheit des Thronfolgers Alexej spielte eine geringere Rolle als traditionell angenommen. Die Begegnungen und Gespräche mit Rasputin hatten auf das Zarenpaar eine tröstende und aufbauende Wirkung. Besonders die Zarin konnte mit "Vater Grigori" ihre inbrünstige Religiosität ausleben. Sie war überzeugt, dass Rasputins Gebete segensreich für ihre Familie waren. Rasputin hatte kein Interesse an Theologie. Der christliche Glaube war für ihn eine Sache des Herzens, nicht des Verstandes. Mit dieser Haltung traf er den Nerv der Zarin und seiner mehrheitlich weiblichen Anhängerschaft. Rasputin zog Menschen an, die mit der in pompöser Routine erstarrten Amtskirche unzufrieden waren und sich nach emotional intensiven Glaubenserlebnissen sehnten. Smith zitiert aus Briefen, die Rasputin an die Zarenfamilie schrieb, und aus einigen Interviews, die er russischen Zeitungen gab. Diese Quellen zeigen Rasputin als Mann von schlichtem Gemüt. Seine Denk- und Ausdrucksweise war naiv und schwärmerisch.

Wie Smith mehrfach betont, hielt sich Rasputin nie dauerhaft am Zarenhof auf. Erst 1914 nahm er sich eine eigene Wohnung in der Hauptstadt. Er kehrte immer wieder für längere Zeit in seine sibirische Heimat zurück. Oft vergingen mehrere Monate zwischen seinen Begegnungen mit Nikolaus und Alexandra. Und doch wurde die Öffentlichkeit schon bald nach Rasputins Ankunft in Petersburg argwöhnisch. Was hatte dieser ungehobelte und schmutzige Bauer im Palast zu suchen? Wie konnte es sein, dass er mit der Zarenfamilie auf vertrautem Fuße stand? Höflinge und Minister, Kirchenleute und Journalisten stellten die abenteuerlichsten Vermutungen über Rasputin und seine Rolle im Umfeld des Herrscherpaares an. Die Presse inszenierte im Lauf der Jahre mehrere Kampagnen gegen den Sibirier. Kleinere, an sich harmlose Skandale, an denen Rasputin beteiligt war, wurden von den Medien gezielt ausgeschlachtet und aufgebauscht, um Rasputin in Verruf zu bringen (Kap. 40 und 45). Auch das Parlament, die Duma, debattierte mehrfach erregt über die Frage: Wer ist dieser Rasputin, und was führt er im Schilde? Es gab etliche Gründe, warum die Spekulationen aus dem Ruder liefen und die Anfeindungen von Jahr zu Jahr bösartiger wurden. Die selbstgewählte Abschottung des Zarenpaares führte zwangsläufig zur Entstehung von Gerüchten. Mit ihrer hartnäckigen Weigerung, Rasputin fallenzulassen und wegzuschicken, fachten Nikolaus und Alexandra den Zorn all derer an, denen der Sibirier ein Dorn im Auge war. Allzu bereitwillig glaubte die Öffentlichkeit, der Thron werde von "dunklen Kräften" kontrolliert. Irgendjemand musste ja schuld daran sein, dass die Kluft zwischen Krone und Gesellschaft immer tiefer wurde. Im Ersten Weltkrieg führte die allgegenwärtige Spionage- und Verschwörungsmanie dazu, dass Rasputin und die Zarin verdächtigt wurden, im Auftrag der Deutschen die russischen Kriegsanstrengungen zu sabotieren. Auch das spannungs- und widerspruchsreiche kulturelle Klima des russischen Fin de siècle, der Zusammenprall von Aufklärung und Obskurantismus, wurde Rasputin zum Verhängnis. Scharlatane aller Art hatten um die Jahrhundertwende Hochkonjunktur in Russland, Wahrsager und Hypnotiseure, Gurus und selbsternannte Wunderheiler. In den Augen kritischer Zeitgenossen stand Rasputin stellvertretend für alle irrationalen und "mittelalterlichen" Kräfte, die Russland daran hinderten, endlich in der Moderne anzukommen (Kap. 11).

Doch damit nicht genug: Aus Sicht der russischen Gesellschaft verkörperte Rasputin den Archetyp des "bösen Ratgebers", der einen willensschwachen Herrscher nach Belieben manipuliert. Aber war der Mann aus Sibirien wirklich die Graue Eminenz hinter dem Thron? Wie Smith herausarbeitet, kann überhaupt keine Rede davon sein, dass Rasputin systematisch Einfluss auf die Staatsgeschäfte genommen hätte. Einem gänzlich ungebildeten Mann wie Rasputin fehlten alle Voraussetzungen für eine ernst zu nehmende politische Betätigung. Rasputin, zeitlebens auffallend unehrgeizig, besaß kein wie auch immer geartetes politisches Programm, und er war auch nicht das Haupt einer Gruppe oder Clique, die nach der Macht im Staate strebte. Seine Möglichkeiten, auf die Regierung und die Kirchenleitung einzuwirken, waren nicht zuletzt deshalb sehr begrenzt, weil seriöse Politiker und Kirchenführer von Anfang nichts mit ihm zu tun haben wollten. An mehreren Beispielen zeigt Smith, dass der Zar Rasputins gelegentliche Vorschläge in Sach- und Personalfragen ignorierte. Rasputin hob sich noch in anderer Hinsicht von fürstlichen Günstlingen früherer Jahrhunderte ab: Er strebte nicht nach Ämtern und Titeln, und er nutzte seine Stellung nicht, um ein riesiges Vermögen zusammenzuraffen. Geld interessierte ihn nicht. Die Besitztümer, die er seiner Familie hinterließ, hatten einen Wert von gerade einmal 23.500 Rubeln (Kap. 74). Rasputins angebliches Millionenvermögen existierte nur in der Phantasie seiner Feinde.

Was bleibt vom Rasputin-Mythos? Hatte Rasputin am Ende eine saubere Weste? Wurde ihm von seinen Kritikern durchweg Unrecht getan? Smith stellt klar, dass manche Vorwürfe berechtigt waren. Ähnlich wie die Zarin und andere konservativ gesinnte Personen bestärkte Rasputin Nikolaus II., an der Autokratie als Herrschaftsform festzuhalten und eine Parlamentarisierung des politischen Systems nicht zuzulassen. Das ist jedoch keine Überraschung. Denn warum hätte ausgerechnet ein sibirischer Bauer als Verfechter des Parlamentarismus auftreten sollen? Auch der Vorwurf sexueller Promiskuität lässt sich nur zum Teil entkräften. Rasputin, daran lässt Smith keinen Zweifel, war ein zwanghafter Fummler und Grabscher. Er konnte seine Hände nicht von den Frauen lassen, die in seinen Dunstkreis gerieten. Liebhaber der Zarin und Vater des Thronfolgers war er aber nicht. Im Krieg hatte Rasputin tatsächlich Anteil an etlichen fatalen Personalentscheidungen des Zaren. Dennoch gelangt Smith zu dem Schluss, dass nicht Rasputins Aktivitäten zu dem rapiden Ansehensverlust führten, den die Monarchie in den letzten Jahren ihres Bestehens erlitt. Ausschlaggebend war vielmehr die grotesk verzerrte Wahrnehmung Rasputins in der russischen Gesellschaft. Dem Sibirier wurden finstere Absichten unterstellt, die er nicht hatte, und ihm wurde ein Einfluss zugeschrieben, den er nicht besaß. Nach den militärischen Rückschlägen der Jahre 1915 und 1916 wurde Rasputin die Schuld an allem angelastet, was in Russland im Argen lag. Seine Mörder rechtfertigten ihre Tat damit, sie hätten die Monarchie und das Reich retten wollen. Doch kaum drei Monate nach Rasputins Tod brach das alte Russland wie ein Kartenhaus zusammen.

An Douglas Smiths Buch wird künftig niemand vorbeikommen, der sich mit dem Untergang der Romanow-Monarchie beschäftigt. Fachhistoriker und historisch interessierte Laien können die Biographie gleichermaßen mit großem Gewinn lesen. Warum nur vier Sterne? Das Buch zeigt anschaulich, wohin es führt, wenn ein Autor zu viel über sein Thema weiß und der Versuchung nachgibt, sein gesamtes Wissen vor dem Leser auszubreiten. Über weite Strecken ist die Fülle und Dichte der vermittelten Informationen schlichtweg erdrückend. Die Erzählung wird umso minutiöser und detailreicher, je mehr sich Smith auf Rasputins Ende zubewegt. Auf die Jahre 1914 bis 1916 entfällt die Hälfte der 74 Kapitel. Es kommen Hunderte und Aberhunderte von Personen vor. Selbst unwichtige Nebenfiguren werden von Smith mit vollem Namen eingeführt, etwa die Polizisten, die Rasputin im Auftrag des Innenministeriums überwachten, oder die Prostituierten, mit denen Rasputin in Petersburg Umgang hatte. In diesem Gewimmel der Personen und Namen geht rasch jeglicher Überblick verloren. Für Leser, die mit der Geschichte des späten Zarenreiches nicht oder nur flüchtig vertraut sind, ist die Lektüre kein Spaziergang. Ohnedies braucht man gutes Sitzfleisch und Durchhaltevermögen, um den 800-seitigen Text zu bewältigen. Es handelt sich um ein anspruchsvolles Buch, das sich nicht als Gelegenheits- oder Unterhaltungslektüre eignet. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Oktober 2017 bei Amazon gepostet)

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Cover des Buches Gute Prinzessinnen kommen ins Märchen, böse schreiben Geschichte (ISBN: 9783442713394)E

Rezension zu "Gute Prinzessinnen kommen ins Märchen, böse schreiben Geschichte" von Linda Rodriguez McRobbie

Eine Meisterleistung der Autorin !
Emylia_dbvor einem Jahr

30 Kurzbiographien über berühmte Prinzessinnen in der Weltgeschichte, u.a. Alfhild die Piratin, Nzinga (Angola) inmitten ihres Männer-Harems, Giftmischerin Lucrezia Borgia und Christina von Schweden, unglücklich in ihrem Frauenkörper.

Sisi von Österreich, die depressive Schöne, litt unter der Knute des höfischen Protokolls, Anna von Sachsen war eine tobende Säuferin.

Alles blaublütige Damen, unmoralisch, boshaft, herrschsüchtig, gierig, mordend. 

Dieses Buch ist eine Entmystifizierung des Begriffs "Märchenprinzessin" und zusätzlich guter Geschichtsunterricht ... 

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