Und die Erde wird zittern

von Douglas Smith 
5,0 Sterne bei6 Bewertungen
Und die Erde wird zittern
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Beeindruckende Biografie!

Sikals avatar

Spannend, informativ - volle Leseempfehlung für dieses umfangreiche Werk.

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Inhaltsangabe zu "Und die Erde wird zittern"

Auch hundert Jahre nach Rasputins Tod bleibt uns die wahre, historische Figur des Predigers verborgen, der wegen seinen Ausschweifungen und seiner Nähe zu den Romanovs verteufelt wurde. Bis jetzt.
In seiner großen, beeindruckenden Biographie zeigt uns Douglas Smith, dass Grigori Jefimowitsch Rasputin viel mehr war – eine schillernde Persönlichkeit in einer dramatischen Wendezeit. Der renommierte Historiker hat dazu in sieben Ländern eine Fülle von neuen Dokumenten entdeckt. Darin stößt er auf einen Rasputin, der jene tiefen Widersprüche zwischen dem alten und dem neuen Russland zu deuten wusste und der umso mehr darunter litt. Damit zeichnet Smith zugleich ein eindruckvolles Panorama einer haltlos gewordenen russischen Gesellschaft am Vorabend ihres Untergangs.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783806235746
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:928 Seiten
Verlag:wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG)
Erscheinungsdatum:01.09.2017

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    mabuereles avatar
    mabuerelevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Beeindruckende Biografie!
    Das Leben des Gregori Rasputin

    „...Meine arme Schwiegertochter begreift nicht, dass sie die Dynastie und sich selbst ruiniert. Sie glaubt aufrichtig an die Heiligkeit eines Abenteurers, und wir sind ohnmächtig, das Unglück abzuwenden, das unvermeidlich sein wird...“


    Grigori.Jefimowitsch Rasputin – wer war der Mann, der die russische Gesellschaft und Kirche gespalten hat, der Zugang zum Palast des Zaren hatte, obwohl er nicht aus dem Adel stammte, und über den eine Menge an Mythen und Geschichten kursierten? Der Autor Douglas Smith, Historiker und Russland-Spezialist, hat eine Annäherung an die vielschichtige Persönlichkeit von Rasputin versucht. Gleichzeitig zeichnet er ein Zeitgemälde der russischen Oberschicht in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts.

    Der Autor hat die Biografie in sieben Teile gegliedert.

    Im ersten Teil fragt er nach Rasputins Vorfahren. Er beschreibt, so weit bekannt, seine Kindheit und Jugend als Sohn eines Bauern im sibirischen Dorf Pokrowskoje, seine Pilgerschaft und sein Leben bis zu seiner Reise nach St. Petersburg im Jahre 1904.

    Der zweiten Teil beschäftigt sich mit den zunehmenden Kontakten von Rasputin zum Zarenhaus und endet 1909.

    Die Jahre 1910 und 1911 lassen Rasputin immer mehr in die öffentliche Wahrnehmung gelangen. Die Gesellschaft trennt sich in Bewunderer und Gegner.

    Der vierte Teil widmet sich den Untersuchungen gegen Rasputin, dem ersten Attentat und seinem Verhalten bis Juni 1914.

    Danach setzt sich der Autor mit dem Leben des Protagonisten in den ersten beiden Kriegsjahren auseinander. Sein Verhalten gegenüber Frauen und sein Alkoholismus werden ebenso thematisiert wie seine politischen und religiösen Ansichten. Ein Zitat aus einem seiner Briefe zeigt, dass er sich anfangs gegen die Kriegsteilnahme Russlands ausgesprochen hat:;

    „...Ich weiß, sie alle wollen den Krieg von Dir und begreifen offenbar nicht, dass er den Ruin bedeutet...“

    Der sechste Teil spannt den Bogen bis zur Ermordung Rasputins und beleuchtet die darauf folgenden Untersuchungen.

    Der letzte Teil endet mit dem Tode des Zaren und seiner Familie.

    Der Schriftstil des Buches ist sehr sachlich gehalten. Trotzdem lesen sich manche Teile wie ein Roman, denn der Autor versteht es, trockene Themen anschaulich darzustellen.

    In jeder Zeile ist die exakte und umfangreiche Recherche des Autors spürbar. Er hat eine Vielzahl an Originaldokumenten studiert und verwendet. Eingerückt im Text wird häufig aus diesem Dokumenten, seien es Zeitungsartikel, Briefe oder Bücher, zitiert. Dabei werden die verwendeten Aussagen aus verschiedenen Blickwinkel beleuchtet, unterschiedliche Quellen miteinander verglichen und dann kritisch der Wahrheitsgehalt überprüft. Viele Aussagen verweist der Autor dabei ins Reich der Mythen und Legenden, weil sie persönliche Standpunkte wiedergeben und einer Überprüfung an der gesellschaftlichen Realität nicht standhalten.

    Obiges Zitat stammt aus einem Brief von Maria Fjodorowna, der Mutter des Zaren. Sie muss ohnmächtig zusehen, wie Alexandra den Zaren dominiert.

    Doch der Autor hat es nicht nur bei der Biografie von Rasputin belassen. Er erzählt dessen Leben im Lichte der politischen Verhältnisse im zaristischen Russland. Am Zarenhof trifft man auf eine Gesellschaft, die die Bodenhaftung verloren hat und sich an Dekadenz überbietet. Zar Nikolaus ist nicht sehr entscheidungsfreudig und hat keinen Blick für die Nöte seines Volkes. Die Frauen der gehobenen Gesellschaft frönen dem Okkultismus. Da kommt ihnen ein sibirischer Bauer gerade recht, der geschickt mit Worten umzugehen weiß. Alexandra, die Zarin, macht dabei keine Ausnahme. Hinzu kommt, dass sie in Rasputin den Retter ihres kranken Sohnes Alexei sieht.

    Die russisch-orthodoxe Kirche ist ebenfalls vorwiegend mit sich beschäftigt. Rasputin polarisiert. Für die einen ist er ein Altgläubiger, andere verehren ihn. Exakt beschreibt der Autor die Lebensläufe etliche Personen, die Rasputins Weg gekreuzt haben, seine es Freunde oder Feinde. Insbesondere Iliodor sind dabei umfangreiche Abschnitte gewidmet. Als geschworener Feind Rasputins hat er versucht, sein Wissen nicht nur in Russland zu Geld zu machen. Mit seinem Buch „Der heilige Teufel“ hat er seine Version von Rasputins Leben dargelegt. Der Autor Douglas Smith weist allerdings nach, dass der Wahrheitsgehalt eher minimal ist. Das Buch enthält mehr Phantasien als Tatsachen.

    Deutlich wird herausgearbeitet, wie sich die Situation zuspitzt. Geheimdienst, Presse und Duma interessieren sich zunehmend für den Mann, dem man eine aktive Rolle bei politischen Entscheidungen zuspricht. Die Zeit verändert aber auch Rasputin, je mehr er zum einzigen Feind hochstilisiert wird. Die wahren Gefahren für die russische Gesellschaft werden nicht gesehen. Dieses Zwiespalt stellt der Autor ausgezeichnet dar. Auch das folgende Zitat bringt dies zum Ausdruck:

    „...Fast kein Russe sah mehr realistisch, was mit seinem Land geschah, wer dafür verantwortlich war und wie Russland gerettet werden könnte...Für die meisten Menschen musste Rasputin sterben, damit Russland leben konnte. Bald sollten sie erkennen, wie sehr sie sich geirrt hatten...“

    Eine Karte Russlands und ein Stadtplan von ST. Petersburg ergänzen das Buch. Im Anhang befinden sich ein umfassende Anmerkungen, eine Bibliografie, Bildnachweise und ein Register. Eingebettet in die Biografie wurden an zwei Stellen insgesamt 102 Fotos.

    Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen.

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    Sikalvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Spannend, informativ - volle Leseempfehlung für dieses umfangreiche Werk.
    Rasputin – Teufel oder Heiliger?

    „Der Bruder wird den Bruder töten, und die Erde wird zittern.“

     

    Der Name Grigori Jefimowitsch Rasputin ist bis heute untrennbar mit dem letzten russischen Zarenpaar (Nikolaus und Alexandra) verbunden. In vielen Liedern besungen, sein Leben als Grundlage unzähliger Filme, sein Name betitelt Bars, Restaurants und vieles mehr.

     

    „Seine Schlechtigkeit, so erzählte man sich, kenne keine Grenzen und sein Geschlechtstrieb lasse sich nicht stillen, ganz egal, wie viele Frauen er mit in sein Bett nehme. Rasputin galt als brutaler, trunksüchtiger Satyr mit den Manieren eines Stallburschen. Dank der den russischen Bauern angeborenen Gerissenheit wusste er ganz genau, wie er Zar und Zarin den einfachen Mann Gottes vorspielen konnte. Er brachte sie mit seinen Tricks dazu, zu glauben, er können ihren Sohn Alexei retten und mit jenem letztlich die Dynastie. Sie gaben sich und das Zarenreich in seine Hände, doch er verriet das Vertrauen, das sie in ihn setzten mit seiner Gier und Verderbtheit, zerstörte die Monarchie und trieb ganz Russland in den Ruin. So sagte man.“ (Seite 21)

     

    Der Autor, Douglas Smith, Historiker und Übersetzer, versucht mit dieser Monster-Biographie dem Mythos Rasputin auf den Grund zu gehen, neue Quellen zu ergründen und einfließen zu lassen. Seine Recherchen beeindrucken mich und ebenso seine Einwände, dass sich so manches historisch nicht mehr nachvollziehen lasse. Smith arbeitete für das U.S. State Department in der Sowjetunion, als Russisch-Dolmetscher für Ronald Reagan, erhielt etliche Auszeichnungen im Laufe seiner Berufslaufbahn.

     

    Doch wie viel Wahres steckt nun wirklich in diesem Mythos Rasputin? Welchen Einfluss hatte er tatsächlich auf die politischen Belange? Konnte er mit seinem hypnotisierenden Blick Menschen gefügig machen? Was er ganz sicher konnte – Menschen analysieren, ihnen zuhören und erzählen, was sie hören wollten.

     

    Smith gelingt es aus einer Unmenge von Dokumenten ein ziemlich realistisches Bild zu schaffen, er widerlegt Gerüchte, erläutert Zusammenhänge und verbindet diese mit bereits bekannten Ereignissen. Immer bedacht, nicht alles vorweg zu nehmen sondern dem kritischen Leser zu ermöglichen, sich seine eigenen Gedanken zu machen und zu hinterfragen. Für mich war es eine großartige Erfahrung, dieses Buch zu lesen. Nachdem ich mich in letzter Zeit vermehrt mit dem Untergang der Romanows beschäftigt hatte, war Smiths Biographie eine Bereicherung. Viele Wissenslücken konnte ich füllen und trotz der enormen Seitenanzahl wurde es für mich nie langatmig oder gar langweilig.  

     

    Oft stellte ich mir die Frage, wie es denn möglich war, dass ein einfacher Bauer solchen Status erlangen konnte, vielen Freunden aber natürlich auch einer Unmenge an Feinden begegnete. Dies hatte vermutlich weniger mit seiner Person und dem was er tat zu tun, sondern ist an einen Zeitgeist zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebunden. Viele Russen waren um die Jahrhundertwende auf der Suche nach spirituellen Anregungen, man wandte sich vom materialistischen Positivismus des 19. Jahrhundert ab und kehrte zu anderen Formen der Spiritualität zurück (Renaissance der Religion). Die Zeit von 1890 – 1914 ging als „Silbernes Zeitalter“ in die Geschichte ein, die Oberschicht war von Mystik und Okkultismus fasziniert. Damit lässt sich der Aufstieg und Fall Rasputins ganz gut gleichsetzen.

     

    Smith schafft es, ein klares Bild über den Zeitgeist zu vermitteln, die Wichtigkeit des sozialen Status darzustellen, ein Netzwerk an Intrigen und Gerüchten aufzuarbeiten, gibt uns einen Einblick in ein politisches Pulverfass, die Vorboten der Revolution und das von langer Hand arrangierte Mordkomplott. Bilder wichtiger Wegbegleiter ergänzen dieses spannende und informative Werk.

     

    Smith wird mir als Autor in Erinnerung bleiben, man darf auf seine weiteren Werke gespannt sein. Auf jeden Fall kann ich hier eine absolute Leseempfehlung aussprechen und natürlich gibt es dafür auch 5 Sterne.

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    michael_lehmann-papevor einem Jahr
    Schillernde Gestalt in weltenbewegender Zeitgeschichte

    Schillernde Gestalt in weltenbewegender Zeitgeschichte

    Untrennbar verbunden ist der Name „Rasputin“ mit dem Untergang der Dynastie der Romanows. Zum engen Umfeld gehörte diese schillernde Persönlichkeit, dieser selbsternannt (und vielfach auch so gesehene) „neuzeitliche Prophet“, dieser „Wunderheilers“ auch oder eher von eigenen Gnaden (aber auch mit Erfolg, wie die Vorkommnisse um einen Unfall des Zarewitsch zeigten, durch die Rasputin wieder engen Zugang zum Hof erhielt). Der ebenso begeisterte Anhänger (eben auch in Teilen bei den Romanows) fand, wie erbitterte Gegner und Feinde (dieser „heilige Teufel“).

    Der, der einen Skandal auslöste, der dem innerlich schon wankenden Zarentum 1912 fast schon den Garaus gemacht hätte. Ein Skandal, der gerade in der Nähe zur Zarenfamilie, speziell der Zarin, Anlass für wildeste Spekulationen gab.

    Ein Thema, dass Smith als Schwerpunkt bewegt. Das glänzende „Der letzte Tanz“ hat den Leser bereits in das Zarentum, die Atmosphäre in den Jahren kurz vor der Oktoberrevolution, bestens eingeführt. Und dort wie hier gilt, dass Smith nicht nur ein akribisch recherchierender Biograph ist, sondern auch ein talentierter Erzähler, der seine historischen Fakten in sehr flüssiger Form dem Leser zu präsentieren versteht.

    Die Geschichte eines einfachen, russischen Bauernsohns, der sich der Religion in Kinderjahren wohl bereits zuwandte (und dies, wie es seine Art war, mit aller Konsequenz vollzog). Der aber, anders als bei anderen Pilgern und Gottsuchenden, beim Volk kaum in den „Geruch des Heiligen“ eintrat, sondern in seiner öffentlichen Wirkung vielfach auf Ablehnung und Unterstellungen traf und damit insgesamt eine umstrittene, kaum wirklich zu fassende Person der Zeitgeschichte wurde.

    „Es hieß, er gehörte einer bizarren, religiösen Sekte an, die den schlimmsten Formen sexueller Perversion frönten“.

    „Es hieß, er sei ein Betrüger, der sich als frommer Mann ausgab“.

    Der durch Intrigen und Täuschungen zur „wahren Macht hinter dem Thron“ aufgestiegen war.

    So wundert es nicht, dass dieses Leben ein unnatürliches Ende fand. Und das nicht unbedingt von der Hand von völlig fremden, sondern ermordet von Personen des engeren Umfeldes des Zarenhofes.

    Wie stark aber war der Einfluss dieses Mannes? Stimmt es, wie ihm allgemein vorgeworfen wurde, dass seine „politischer Dilettantismus“, seine „Einflüsterungen“ in das Ohr des Zaren den Weg in die Niederlage Russlands im ersten Weltkrieg verantworte? War die Zarin ihm „hörig“?

    Dennoch aber, und das stellt Smith eindrucksvoll klar, der Mann hatte Substanz. Eine selbsterworbene, tiefe psychologische Bildung in der Betrachtung und Bewertung anderer Menschen. Und tatsächlich zumindest „heilenden Einfluss“ auf den Zarewitsch, der sich nicht einfach so erklären und ebenfalls nicht einfach so zur Seite wischen lässt.

    „Viele glaubten, der Bauer habe seinen eigenen Tod vorausgesehen und prophezeit, der Herrscher werde vom Thron stürzen, sollte ihm etwas zustoßen“. Und so ist es dann passiert.

    Eine schillernde Person mit einem schillernden Leben in einer schillernden, die Welt verändernden Zeit. All dies fasst Smith in seine umfassende Biographie und damit gelingt es ihm, den Leser sehr konkret auf den Spuren einer konkreten Person auch emotional mit hineinzunehmen in einen wichtigen Abschnitt der Zeitgeschichte. Eine Geschichte, and er sich viel Lernen lässt im Blick auf Tendenzen zur Überhöhung, aber auch Verteufelung einer Person. Zu einer Zeit, in der „Fake-News“ noch nicht erfunden, die Gerüchteküche aber bestens funktionierte. Doch auch ehemals engste Freunde wurden zu erbitterten Feinden (wie der Priester Iliodor).

    Ein Leben also, dass tatsächlich vielfach Anlass zur Reibung gab und das Smith nun historisch nachvollzieht, quasi von den Mythen entblättert und dem Mann wieder Fleisch und Blut gibt. In seinen Stärken, aber auch in seinen Schwächen.

    Um zum Schluss zu kommen, dass am Ende gerade der Mythos den Mann ausmachte.

    „Wirklich wichtig ist nämlich nicht, was für einen Einfluss Grischka (Rasputin) auf den Zaren hat, sondern was die Leute denken, was für einen Einfluss er hat. Eben das ist es, was die Autorität des Zaren…..untergräbt“.

    Und damit ist diese Biographie auch ein zeitloses Lehrstück für die Macht der Suggestion, die in der Gegenwart wieder immens Fahrt aufnimmt.

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    Esse74vor einem Jahr
    Kurzmeinung: Sehr gut recherchiert, lesenwert für alle die, die mehr über Rasputin wissen wollen
    Rasputin- ein bizarrer Charakter, historisch sehr gut recherchiert

    Jeder kennt das Lied von Boney M.- auch, wenn das einige Fehler enthält- schon allein, weil Alexandra keine "Russian Queen" war, sondern eine "Empress" und Rasputin auch nicht ihr Liebhaber. Aber das war Discotauglich und es ging nicht um historische Genauigkeit, die Smith natürlich im Fokus hat in seiner Biographie.
    Manche nannten Rasputin zu seiner Zeit einen Teufel, andere einen Heiligen, Frauen bezahlten Geld dafür, um in seiner Wohnung mit ihm zu schlafen, weil er ihnen versprach, sie würden dann den Himmel erblicken. Er trank, prahlte mit seinen Besuchen bei Hofe- nun, in seiner Zeit war eine Position bei Hofe etwas sehr erstrebenswertes, wie auch an anderen Höfen. Das machte Eindruck, auch beim Volk, doch gleichzeitig weckte es auch Neider, die diese Position auch innehaben wollten. Woraus dann Gerüchte entstanden, kreiiert wurden, um der Person zu schaden- oder sie entsprachen auch oft der Wahrheit.
    Was Raputin besaß war einen sehr gute Menschenkenntnis und sicher konnte er durch Meditation, Auto-Suggestion, Zuhören und Gebete auch Krankheiten im Rahmen halten. Heilen sicher nicht.
    Alexeis Blutungen wurden nicht durch Gebete gestillt, sondern durch die simple Tatsache, daß Rasputin bei seinem Erscheinen bei Hofe alle Medikamente stets absetzen ließ- worunter auch Aspirin war. Dies verdünnt das Blut, was man damals aber noch nicht in vollem Ausmaß wusste- man gab es gegen die Schmerzen. So hörten die Blutungen des Jungen meist auf, wenn Rasputin zugegen war, seine Schmerzen. Wenn man jemanden ablenkt, beruhigt, tröstet, kann dies auch Schmerzen nehmen.
    Kurz zur Medizin- heute wissen wir bekanntlich vieles mehr, was früher eben Gang und Gebe war und die Medizin hat sich gewandelt- nach einem Herzinfarkt sollten die Kranken früher ruhen, wobei die meisten kurz darauf starben- heute sollen sie aufstehen, sich bewegen, schon kurz nach dem Infarkt. Die Zarin nahm auch ein Präparat mit Heroin gegen ihre Migräne- Folge: man wird schnell süchtig danach, erreicht schnell einen Gewöhnungseffekt und nach Absetzen kriegt man- eben Migräneanfälle. Ihre Erkrankungen waren psychosomatisch bedingt und Rasputin massierte ihr den Kopf bei Migräne, heißt es. Ich leide selbst an Migräneattacken- die Druckmassage kann durchaus auch mal helfen. Aber es waren sicher auch Rasputins beruhigende Worte, sein Zuhören.
    Man sagte ihm nach, er habe die Töchter des Zaren in Nachthemden auf dem Schoß gehabt und befummelt. Dieses Gerücht setzte eine Hofdame und Kinderfrau in die Welt, nachdem sie selbst in Ungnade gefallen war- sie achtete einmal verwickelt in ein politisches Gespräch mit jemand anderen bei Hofe nicht auf die Kinder im Bade und die kleine Maria rannte alsbald hüllenlos durch die Flure des Palastes.
    Rasputin war eigentlich ein einfacher Bauer aus Sibirien, der sich aber zum Mönch berufen fühlte, schnell Gönner fand und Anhänger in St. Petersburg. Doch er blieb auch der einfache Bauer, ein Trunkenbold, Weiberheld (ein rasputnik ist eben ein solcher) und auch manchmal ein Aufschneider, wenn er eben betrunken war. Durch die Gönnerschaft des Hofes lebte er gut, doch ihm waren auch die Menschen wichtig.
    Davon zeugen u.a. die liebevollen Briefe, die er mit den Zarentöchtern wechselte, gleich einem Freund, der ihnen Rat gab in der Pubertät zum Beispiel.
    Ich denke, es ging ihm nie selbst um einen Machtanspruch an sich. Denn auch ihn störten die Karikaturen, in denen er in anzüglicher Weise neben der Zarin zu sehen war, oder eben neben dem Zaren.
    Er sah den Untergang der Romanows voraus, aus politischer Sicht, wusste um des Zaren politische Fehler und versuchte zu helfen.
    Nikolaus II. war nicht zum Herrscher geboren, man lebte abgeschottet vom Volk im Palast und eher zurückgezogen, die Volksnähe fehlte und als der Zar selbst das Oberkommando über die Truppen ergriff, er, der nie herrschen wollte, eine zu geringe militärische Ausbildung genossen hatte, war Russlands Niederlage besiegelt. Vielleicht hätte er auf Rasputins Vorschläge für Minister etc. hören sollen, die dieser der Zarin unterbreitete. Das hätte aber niemand wissen dürfen, obwohl Nikolaus bereits eine Marionette seiner Minister war.
    Smith hat ein Porträt von Rasputin gezeichnet, ihn wiederaufleben lassen, historisch genau und nach dem Lesen mögen ihn sicher viele in einem ganz anderen Licht sehen. Wer also die Person des Rasputin einmal ohne Vorurteile kennenlernen möchte, wird hier bestens bedient.

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    Igelmanu66s avatar
    Igelmanu66vor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein richtiger Wälzer, aber es lohnt sich! Eine volle Leseempfehlung für diese großartige Biographie!
    Ein richtiger Wälzer – aber es lohnt sich!

    »Noch vor seiner grausamen Ermordung in einem Petrograder Keller in den letzten Tagen des Jahres 1916 war Rasputin in den Augen vieler Menschen weltweit zu einer regelrechten Personifizierung des Bösen geworden. Seine Schlechtigkeit, so erzählte man sich, kenne keine Grenzen, und sein Geschlechtstrieb lasse sich nicht stillen… Dank der den russischen Bauern angeborenen Gerissenheit wusste er ganz genau, wie er Zar und Zarin den einfachen Mann Gottes vorspielen konnte. Er brachte sie mit seinen Tricks dazu, zu glauben, er könne ihren Sohn Alexei retten und mit jenem letztlich die Dynastie. Sie gaben sich und das Zarenreich in seine Hände, doch er verriet das Vertrauen, das sie in ihn setzten, mit seiner Gier und Verderbtheit, zerstörte die Monarchie und trieb ganz Russland in den Ruin. So sagte man.«

     

    Grigori Jefimowitsch Rasputin – die schillerndste Persönlichkeit, der bekannteste Name der russischen Geschichte. Jeder kennt ihn, jeder hat ein ordentliches Maß an Halbwissen über ihn. Neben Dutzenden von Biographien gibt es zahlreiche Romane und Filme über ihn, Dokumentationen, Theaterstücke und Songs. Bars, Restaurants und Diskotheken tragen seinen Namen, eine Computer-Software ist nach ihm benannt, eine Comic-Serie und eine Action-Figur. Man begegnet ihm in Videospielen, in japanischen Mangas und Animes und im Getränkemarkt, denn (ungemein passend) wurden auch ein Bier und eine Wodkamarke nach ihm benannt.

     

    Wer war dieser Rasputin wirklich? Wie viel Wahrheit steckt in all den Geschichten? Konnte ein einzelner Mann so einen großen Einfluss haben?

     

    Douglas Smith ist Historiker und Übersetzer. Er arbeitete für das U.S. State Department in der Sowjetunion, als Russisch-Dolmetscher für Ronald Reagan, war als Russland-Spezialist für Radio Free Europe / Radio Liberty in München tätig und hat für sein Werk bereits verschiedene Auszeichnungen erhalten.

    In dieses Buch hat er 6 Jahre Arbeit gesteckt und sehr umfangreiche Recherchearbeiten durchgeführt. Eben weil es so viel Literatur über Rasputin gibt, gestaltete sich die Arbeit schwierig. Vieles wurde mit der Absicht niedergeschrieben, Rasputin zu schaden und/oder eine bestimmte Ansicht zu verbreiten. Zu ein und demselben Vorfall gibt es die unterschiedlichsten Schilderungen, wie soll man da die Wahrheit finden? Douglas Smith hat versucht, jede nur mögliche Originalquelle zu sichten. Das Quellenverzeichnis im Buch hat einen beeindruckenden Umfang! Im Gegensatz zu vielen Biographen vor ihm konnte er auch sowjetische Archive einsehen, die Akten über Rasputin enthalten, bis Ende des 20. Jahrhunderts aber für Forscher gar nicht zugänglich waren.

    Wie verarbeitet er jetzt diese vielen Fakten? Nun, während er Rasputins Geschichte erzählt, legt er zu jedem möglichen Ereignis die verschiedenen existierenden Versionen der Ereignisse einschließlich seiner eigenen Sichtweise dar. Ich fand das sehr gelungen, ermöglicht es doch dem Leser, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Klingt langatmig? Ist es aber nicht. Denn der Autor versteht es, wirklich gut und fesselnd zu schreiben, ich war selber überrascht, wie leicht sich das Buch las.

     

    Und ich habe so viel erfahren! Vieles über den Mythos Rasputin wird vermutlich immer ungeklärt bleiben, aber ich habe jetzt schon das Gefühl, der wirklichen Person näher gekommen zu sein. Überrascht las ich, dass er weder der erste, noch der letzte Prediger war, der Einfluss auf die Romanows hatte. Ich erfuhr, dass der damals herrschende Zeitgeist dies alles überhaupt erst möglich gemacht hat und stellte mir beim Lesen und noch im Anschluss immer wieder „was-wäre-gewesen-wenn“-Fragen. Das Buch wirkt nach, es eröffnet neue Sichtweisen, informiert und unterhält durch einen wirklich guten Schreibstil.

     

    Zur Abrundung gibt es neben einem umfangreichen Anhang mit - unter anderem - einem gelungenen und hilfreichen Register zwei große Karten und zahlreiche interessante Fotos und Abbildungen.

     

    Fazit: Ein richtiger Wälzer, aber es lohnt sich! Eine volle Leseempfehlung für diese großartige Biographie!

     

    »Der Glaube an das Übernatürliche, an dunkle Kräfte, die Russland still und heimlich in Richtung Apokalypse steuerten, wobei der Teufel höchstpersönlich am Ruder war – all das kam in der öffentlichen Wahrnehmung Rasputins zusammen. Man kann gar nicht genug betonen, dass Rasputins Image, wie es sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg herauskristallisierte und bis zum heutigen Tag erhalten hat, weniger auf seine Person, seinen Charakter und das, was er tatsächlich tat, zurückzuführen ist als vielmehr auf den Zeitgeist im Russland des anbrechenden 20. Jahrhunderts – einen Zeitgeist, der auf krankhaften Vorstellungen basierte. Kosmische Kräfte bestimmten die Zukunft des Landes, und die Tatsache, dass es einem einfachen Bauern nicht nur gelungen war, sich in den Palast einzuschleichen, sondern auch das absolute Vertrauen des Zaren zu gewinnen, konnte nur eines bedeuten: Entweder war er ein von Gott gesandter Engel oder ein Diener des Teufels.«

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    Wedmavor einem Jahr
    Spannendes, lesenswertes, wohl recherchiertes Werk über Rasputin und seine Zeit.

    Keine einfache Aufgabe, über Rasputin eine Biografie zu schreiben, die seiner komplexen Persönlichkeit und seiner keineswegs eindeutigen Rolle in der russischen Geschichte gereicht wird. Douglas Smith hat diese Aufgabe souverän gemeistert und ein bemerkenswertes und sehr lesenswertes Werk geschrieben. Die knapp 800 Seiten bieten viel Stoff, der ein vielschichtiges Bild der Epoche und ihrer Besonderheiten erlaubt. Und was vllt noch wichtiger ist: Der Autor gibt den Lesern die Chance, zu eigener Meinung über Rasputin und seine Zeit gelangen zu können, die mMn optimalste Art und Weise, über Rasputin eine überzeugende Biografie zu gestalten.

    Zum Autor: „Douglas Smith ist Historiker und Übersetzer. Er arbeitete für das U.S. Department of State in der Sowjetunion und als Russisch-Dolmetscher für Ronald Reagan und war als Russland-Spezialist für Radio Free Europe/Radio Liberty in München tätig. Er hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, unter anderem das renommierte Fulbright-Stipendium für Wissenschaftler. Douglas Smith lebt in Seattle (USA).“
    Übersetzer: „Cornelius Hartz ist Klassischer Philologe und arbeitet als freier Lektor, Autor und Übersetzer in Hamburg.“

    Den Geist der Zeit, diverse Aspekte der Politik, des gesellschaftlichen Lebens, uvm. gelang es Smith bildhaft und überzeugend rüberzubringen.

    Der Autor vermittelt auch, wie nicht einfach es war, heute über Rasputin ein adäquates Urteil zu fällen, da immer noch viele Verleumdungen über ihn kursieren.

    Besonders sympathisch war mir, dass sich Smith auf den Weg gemacht und selbst die Archive durchforstet, zig Dokumente aufgewertet hat. Die bisher bekannten Dinge über Rasputin hat er auf den Prüfstand gestellt und von vielen Seiten unter den Gesichtspunkten der Plausibilität betrachtet.

    Diese Suche, den steinigen Weg zum möglichst wahrheitsnahen Verständnis von Phänomen Rasputin; die Zweifel, ob das eine oder andere bekannte Ereignis aus seinem Leben in der Tat stimmen könnte oder war es bloß ein Teil der Verleumdungskampagne, die damals in der Öffentlichkeit sehr präsent war, und später von einer Biografie zur anderen weitergereicht wurde, uvm., hat Smith auf eine unterhaltsame Weise mit den Lesern geteilt. Das Lesen seines Werkes war eine Entdeckungsreise. Geführt vom Autor untersuchte man viele Fragen jener Zeit. Manchmal gab es keine Antworten und man musste spekulieren, rätseln, raten.

    Smith gibt seinen Lesern möglichst viel Stoff in geordneter Form, damit die Leser selbst ihre eigene Meinung bilden können. Er bringt z.B. genug Spekulationen, die damals kursierten, zur Sprache, sodass man sieht, wie nicht einfach es war, Beweise und so etwas wie Wahrheit im Chaos jener Jahre zu finden. Bei Anna Wyrubowa z.B., der Vertrauten der Zarin, genauso wie bei Rasputin, zeigt er, dass sie polarisierende Meinungen hervorriefen. Die einen sahen sie positiv, die anderen weniger.

    Zugegeben, es gibt Längen, aber sie erfüllen ihren Zweck. Sie führen bildhaft vor Augen, was in dieser Zeit geschah, welche Atmosphäre herrschte, welche Stimmen in den Medien, in der Umgebung der Zarenfamilie, in Rasputins Heimatort, etc., ihre Sicht der Dinge in die Welt hinaus trugen. Und sie waren nicht immer politisch korrekt, milde gesagt.

    Man erfährt vieles auch über Rasputins Weggefährten und seine späteren Feinde, wie Iliodor oder auch Feofan und einigen anderen. Rasputin wurde von praktizierenden bekannten Mönchen wie Feofan mal so beschrieben: „Er ist ein Heiliger, ein wahrer Heiliger!“, S. 83. Rasputin konnte viele Menschen, darunter höhergestellte Geistliche, von seinen Fähigkeiten als wahrer Gläubiger und Mann Gottes insb. in seinen jüngeren Jahren, überzeugen. Er unternahm anfangs etliche Pilgerreisen zu Fuss, allein, durch unwirtliche Weiten des Landes, lebte zeitweise in Klöstern, unterhielt sich mit Mönchen über Gott und die Welt und wurde schließlich selbst zum Starzen erklärt.

    Etliches über diverse Glaubensrichtungen von Sektierern, Spiritisten, dessen Anhänger auch Königin Victoria und Conan Doyl waren, über Hypnotisten, Theosophen von Blawatsky, etc., die im silbernen Zeitalter 1890 - 1914 in Europa populär waren, bekommt man ebenso zu lesen.

    Smith schildert das Umfeld, die Atmosphäre, die Geschehnisse und Vorboten politischer Natur, schlicht den Geist der Zeit, in der das Wirken Rasputins bei der Zarenfamilie möglich wurde. Rasputin war ganz klar „Produkt“ seiner Zeit.

    Auch wie Rasputins Haus in seiner Heimat in Pokrowskoje, in Westsibirien nahe Tobolsk aussah, wer seine Kinder waren, wie sie aufwuchsen, insb. über Maria, seine geliebte Tochter, liest man recht oft.

    Schon zu Rasputins Lebzeiten haben viele versucht, das Geheimnis seines Erfolges zu ergründen. Auch hier gibt Smith viele Meinungen der Zeitgenossen wieder, die er Zeitungen, Tagebüchern, etc. entnommen hat.

    Rasputin scheute vom Anfang an nicht, Staatliches und Politisches mit dem Zaren zu besprechen. Und der Zar hörte zu. Er und seine Gemahlin waren gern in Rasputins Gesellschaft. Das passte vielen beim Hofe nicht.

    Es gibt Zitate aus Rasputins Briefen an die Kinder des Zarenpaares. Die Kinder waren glücklich, von ihm zu hören, ihn wiederzusehen. Nach seinem Tod sagte Alexej, wie schön es doch war, als Rasputin kommen und ihn heilen konnte, da waren die Schmerzen weg, die mit der Hämophilie einhergingen.

    Smith schildert auch detailreich, wie die Meinungsmache gegen Rasputin im Umfeld Romanows vonstattenging: Die Intrigen am Hof, wer für und wer gegen ihn war, wie seine Gegner haarsträubende Gerüchte in die Welt streuten, wie z.B. Tjutschewa, die Hofdame aus Alix‘ Umgebung. Stichwort hier: Ärger im Kinderzimmer. Den Prozess des Abstiegs des Images der Zarin und des Rufes Rasputins hat der Autor überzeugend rübergebracht.

    Bereichernd sind auch die Ausführungen über die alten Adelsfamilien wie Jussupow, Sumarokow- Elston, uvm, was auch wichtig ist, um zu verstehen, warum Felix Jussupow den Mord an Rasputin begehen wollte.

    All die Kräfte, die ihre Finger im Spiel hatten, und sei es nur durch das gezielte Streuen von Gerüchten, sind sehr deutlich präsentiert worden. Da wird klar, wie nicht einfach es war, unter diesen Umständen zu agieren und zu regieren, vor allem so einem wie Nikolaus II, der gar nicht für die hohe Politik geeignet war.

    „Rasputin gelang etwas, wozu niemand anders imstande war: die zänkische Opposition gegen Nikolaus zu vereinen. Alle – Liberale, Konservative, Linke und Rechte sowie skeptische moderne Kosmopoliten schlossen sich zusammen wie nie zuvor. Und die Konfrontation spielte sich nun auf dem höchsten Niveau ab: zwischen der Duma und dem Zaren. Dies war die dritte wichtige Auseinandersetzung um Rasputin – die erste mit dem Synod, die zweite mit Stolypin und die aktuelle mit der Duma, und sie sollte die destruktivste werden.“ S. 323.

    Dass Rasputin Nikolaus II. Russlands Beteiligung im ersten Weltkrieg auf jeden Fall ausreden wollte, den Balkankrieg hatte er ihm zuvor erfolgreich ausgeredet, zeichnet Rasputin als einen Pazifisten. Diese Rolle hat ihm bisher keine mir bekannte Quelle zugestanden.

    Es gibt auch Fotos in der Mitte des Buches: von Jussupow, seiner Frau, seiner Mutter, auch von paar anderen hist. Persönlichkeiten, von denen man des Öfteren auf den letzten hundert Seiten gelesen hat, und natürlich auch von Rasputin selbst, ein Foto aufgenommen kurz vor seinem Tod. Auch die Fotos von seinem gefrorenen Leichnam  und die Nahaufnahme mit der Schusswunde auf der Stirn sind da.

    Dem letzten Jahr sind ca. 200 Seiten gewidmet. Man wird auch hier mit Gerüchten überhäuft, die 1916 über das Herrscherparr und Rasputin kursierten: Auswüchse der kranken Fantasie, z.B. von Iliodor, ehem. Mönch und Rasputins argem Feind. Seine Werke fanden in Amerika großen Zuspruch, da sich damit wohl gutes Geld verdienen ließ. Bitterböse Karikaturen, die damals in den Zeitungen präsent waren, beeindrucken u.a. durch ihre politische Inkorrektheit und zeigen, wie viel böses Blut in der Öffentlichkeit im Umlauf war.

    Smith, ein Profi durch und durch, schildert auch heikle Sachen sachlich und mit zuverlässigen Quellen belegt. Mit seinen tiefgehenden Untersuchungen entlarvt er so manch populär gewordene Lüge und rückt die Geschehnisse ins rechte Licht, z.B. was Rasputins angeblichen Auftritt im Restorant Jar in 1915, oder auch die später fingierte Fotografie von seiner Zusammenkunft mit Krankenschwestern. Auch was seine anti-jüdische Einstellung angeht, findet klare Worte: Erst teilte er diese mit dem Zaren, in späteren Jahren nicht. Dazu gibt es einschlägige Schilderungen und Beispiele.

    All die Szenarien der Rasputins Ermordung, die schon lange im Vorfeld ausgetüftelt wurden, sind schon recht grausig. Smith zeigt, mithilfe von Zitaten der Akteure, die ihre Motivation erklären und schildern, wie die Entscheidung zum Mord gewachsen war, wie sorgfältig der Mord geplant und die Komplizen ausgewählt wurden. So dargestellt, wird es klar, warum, und gerade mit diesen Beteiligten, der kaltblutige Mord möglich wurde und welche Konsequenzen dies für die Zarenfamilie hatte.

    Die Rolle der Religion, die aus all den Ausführungen und Schilderungen der Religiosität des Zaren und seiner Gattin klar wird, ist wohl keine konstruktive, eher die zerstörerische gewesen. Beten statt klug handeln half da kaum weiter.

    Zum Schluss lässt Smith die geschilderten Gerüchte und Auswüchse der kranken Fantasie, was Rasputins Person und seine Taten anging, nochmals kurz Revue passieren. Zum Zweck des Geldverdienens wurde unvorstellbar viel und spitzfindig gelogen. Es ist, also ob alles Krankhafte, was die Urheber in sich trugen, auf Figur Rasputin projiziert werden konnte, alles ging problemlos durch.

    Als Zugabe gibt es Interessantes zum Leben von Maria Rasputina nach 1917, die einzige aus der Familie, die 79 Jahre alt im Ausland wurde. Auch andere Akteure, wie Simanowitch, Rasputins einstiger Sekretär, Großfürst Dmitri, zweitweise Liebhaber von Coco Chanel, der bei der Ermordung dabei war, auch über Felix Jussupow erfährt man, wie es ihm nach 1917 erging, ebenso über Iliodor und sein buntes Leben in den USA. Auch was Wyrubowa und anderen Vertrauten Alexandras, wie auch manchen der Romanows wie Sandro, Nikolascha, den Schwestern des Zaren Olga und Xenia passierte, ihre Schicksale wurden ebenso knapp erzählt.

    Fazit: Ein wohl recherchiertes, spannendes und auf jeden Fall lesenswertes Werk über Rasputin und seine Zeit, das tiefe Einblicke erlaubt und unterhaltsam, wie ein Gespräch unter Freunden, aufbereitet worden ist.

    Es ist schon recht breit erzählt. Diese Vorgehensweise ist aber durchaus gerechtfertigt, denn so erhalten die Leser die Möglichkeit, eigene Schlüsse zu ziehen.

    5 wohl verdiente Sterne und eine klare Leseempfehlung, insb. für diejenigen, die mehr über die letzten Jahre der Romanows, über Russland kurz vor Revolution 1917 aus dieser Perspektive erfahren möchten.

    Ich verbleibe auf weitere Werke des Autors sehr gespannt und lese bis dahin auch das erste Buch aus der Feder von Douglas Smith „Der letzte Tanz“ über das Schicksal des russischen Adels.


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