Rezension zu "Dopamine Nation: Finding Balance in the Age of Indulgence" von Dr Anna Lembke
Grim-PeterDopamin - über den Neurotransmitter ist in den vergangenen Jahren viel geschrieben worden. Leider auch Texte in der Selfcare-Blogosphäre, die wenig wissenschaftlich waren. Wie es besser geht, zeigt Anna Lembke. Anhand von "Sucht" erklärt die Psychologin, wie die Chemie von Schmerz und Freude funktioniert und das Gleichgewicht zwischen beiden Polen wiederhergestellt werden kann. Für nahezu jedes Suchtbild hat sie ein plastisches Beispiel aus der Praxis - und lädt damit auch Leser:innen ohne schwerwiegende Suchtprobleme dazu ein, obsessive Konsummuster bei sich selbst zu entdecken.
Ein nicht blinder, aber sehr schwach ausgeleuchteter Fleck in diesem Buch ist die Frage, warum wir in unserer Zeit so häufig unter Suchtproblemen leiden; zumindest stellt sie die Frage häufiger, als sie diese beantwortet. An der Opioid-Krise der USA sind eben nicht nur Ärzte Schuld, die abhängig machende Wirkstoffe zu locker verschrieben haben, sondern auch Hersteller, die ihre Produkte verharmlost und massiv beworben haben. Und hinter diesen Unternehmen stehen Besitzer, die offensichtlich nicht der Wunsch antreibt, Menschen zu helfen. Gleiches gilt für Digitalkonzerne, die süchtig machende Funktionen in ihre Software integrieren - warum gerade westliche Gesellschaften Konzernbesitzern so große individuelle Macht zugestehen, dass sie das Leben von Millionen Menschen ihrer Gier unterordnen können, wäre natürlich ein Thema für ein weiteres Buch.
So bietet Lembke (ein Stück weit nachvollziehbar) Lösungen nur auf individueller Ebene an. Das ist für viele Menschen sicherlich auch hilfreich, wer kann schon mehr verändern, als sich selbst? Ob man am Ende Religion oder straff strukturierten Gruppen als Teil seines individuellen Wegs sieht, naja. Das Buch hilft aber dabei, Probleme zu erkennen, zu verstehen und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten damit zu beginnen, sie zu lösen. Das alleine macht es um ein Vielfaches wertvoller als einen Großteil der zeitgenössischen Selfhelp-Ratgeberliteratur. Dazu ist es unterhaltsam geschrieben, verständlich, aber nie trivial.




