„Die Zivilisation, Mutter“ von Driss Chraibi
Eine Frau in Marokko, als Mädchen verheiratet, Mutter zweier fast erwachsener Söhne – und zunächst ganz auf ihr Zuhause und ihre Familie beschränkt. Dann bekommt sie ein Radio. Und mit diesem Radio kommt plötzlich die Welt zu ihr. Neue Stimmen, neue Gedanken, neue Möglichkeiten. Schritt für Schritt beginnt sie zu ahnen, was Freiheit bedeuten könnte.
Aus dem zunächst einsamen Haus wird nach und nach ein Ort der Begegnung und des Austauschs. Die Mutter verändert ihr Leben, entdeckt neue Interessen und beginnt, ihre eigenen Vorstellungen zu entwickeln.
Interessant fand ich dabei besonders das Verhältnis zu ihrem deutlich älteren Ehemann. Er hat sie geheiratet, als sie fast noch ein Mädchen war, und trotzdem stellt er sich ihrer Entwicklung erstaunlich wenig entgegen. Ich hatte hier mit mehr Widerstand gerechnet. Auch die beiden Söhne unterstützen ihre Mutter. Einer von ihnen findet über deren Veränderung sogar einen neuen Zugang zu seinem Vater.
Das Radio als Symbol für die sich öffnende Welt hat mir gut gefallen. Aus einem technischen Gerät wird ein Fenster nach draußen und schließlich der Auslöser für eine umfassende Veränderung.
Trotzdem hat mich die Geschichte persönlich nicht ganz gepackt. Ich kann gut nachvollziehen, warum der Roman als eindrucksvolle Emanzipationsgeschichte gelesen wird, und fand viele Gedanken und Entwicklungen interessant. Emotional erreicht hat mich das Buch allerdings weniger.
Mit 154 Seiten ist „Die Zivilisation, Mutter“ ein kurzer Roman über Freiheit, gesellschaftliche Veränderung und die Frage, wie eine Familie mit einer Frau umgeht, die beginnt, ihr eigenes Leben zu entdecken.
Für mich lesenswert – aber eher ein Buch, das zum Nachdenken anregt, als eines, das mich nachhaltig begeistert hat.








