Driss Chraïbi

 3,8 Sterne bei 9 Bewertungen
Autor*in von Die Zivilisation, Mutter!, Inspektor Ali im Trinity College und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Driss Chraïbi, geboren 1926 in El Jadida, Marokko, ging nach dem Abitur nach Paris, um Chemie und Medizin zu studieren. Dann jedoch begann er, sich ganz der Literatur zu widmen. Er unternahm zahlreiche Reisen und arbeitete in den unterschiedlichsten Berufen: als Ingenieur, Journalist, Nachtwächter und Arabischlehrer. Für sein Werk erhielt er die Auszeichnung »Chevalier des Arts et Lettres«. 2007 starb Driss Chraïbi an seinem Wohnort in Frankreich.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Driss Chraïbi

Cover des Buches Die Zivilisation, Mutter! (ISBN: 9783293302891)

Die Zivilisation, Mutter!

(5)
Erschienen am 20.03.2026
Cover des Buches Inspektor Ali im Trinity College (ISBN: 9783293205840)

Inspektor Ali im Trinity College

(3)
Erschienen am 12.07.2012
Cover des Buches Die Zivilisation, Mutter! (ISBN: 9783293710535)

Die Zivilisation, Mutter!

(1)
Erschienen am 20.03.2026

Neue Rezensionen zu Driss Chraïbi

Cover des Buches Die Zivilisation, Mutter! (ISBN: 9783293302891)
KlausEffings avatar

Rezension zu "Die Zivilisation, Mutter!" von Driss Chraïbi

KlausEffing
Das Erkennen eines größeren Lebens

„Die Zivilisation, Mutter“ von Driss Chraibi


Eine Frau in Marokko, als Mädchen verheiratet, Mutter zweier fast erwachsener Söhne – und zunächst ganz auf ihr Zuhause und ihre Familie beschränkt. Dann bekommt sie ein Radio. Und mit diesem Radio kommt plötzlich die Welt zu ihr. Neue Stimmen, neue Gedanken, neue Möglichkeiten. Schritt für Schritt beginnt sie zu ahnen, was Freiheit bedeuten könnte.


Aus dem zunächst einsamen Haus wird nach und nach ein Ort der Begegnung und des Austauschs. Die Mutter verändert ihr Leben, entdeckt neue Interessen und beginnt, ihre eigenen Vorstellungen zu entwickeln.


Interessant fand ich dabei besonders das Verhältnis zu ihrem deutlich älteren Ehemann. Er hat sie geheiratet, als sie fast noch ein Mädchen war, und trotzdem stellt er sich ihrer Entwicklung erstaunlich wenig entgegen. Ich hatte hier mit mehr Widerstand gerechnet. Auch die beiden Söhne unterstützen ihre Mutter. Einer von ihnen findet über deren Veränderung sogar einen neuen Zugang zu seinem Vater.


Das Radio als Symbol für die sich öffnende Welt hat mir gut gefallen. Aus einem technischen Gerät wird ein Fenster nach draußen und schließlich der Auslöser für eine umfassende Veränderung.


Trotzdem hat mich die Geschichte persönlich nicht ganz gepackt. Ich kann gut nachvollziehen, warum der Roman als eindrucksvolle Emanzipationsgeschichte gelesen wird, und fand viele Gedanken und Entwicklungen interessant. Emotional erreicht hat mich das Buch allerdings weniger.


Mit 154 Seiten ist „Die Zivilisation, Mutter“ ein kurzer Roman über Freiheit, gesellschaftliche Veränderung und die Frage, wie eine Familie mit einer Frau umgeht, die beginnt, ihr eigenes Leben zu entdecken.


Für mich lesenswert – aber eher ein Buch, das zum Nachdenken anregt, als eines, das mich nachhaltig begeistert hat.


 

Cover des Buches Die Zivilisation, Mutter! (ISBN: 9783293710535)
MarcoLs avatar

Rezension zu "Die Zivilisation, Mutter!" von Driss Chraïbi

MarcoL
Feinfühlige Geschichte aus Marokko, feministisch und staatskritisch. Toll!

Casablanca, Marokko. Sie wurde mit dreizehn Jahren verheiratet, und hat seit dem ihr Haus nie mehr verlassen (dürfen).


S.83: „Was ist das, 'lieben'? Was soll das heißen? … Als ich in dieses Haus zog, war ich ein Kind. Stand vor einem Mann, der mir Angst einjagte. War mit ihm allein, verstehst du? … Dann habe ich mich im Laufe der Jahre daran gewöhnt. Die Gewohnheit ist ein Gefühl. Ich stellte mit keine Fragen, ich wusste nicht, wer ich war.“


Alles wurde von ihrem Ehemann organisiert. Sogar die Einkäufe. Sie kennt nichts anderes, glaubt einfach, es muss so sein, und allen Müttern und Ehefrauen gehe es gleich. Ihr Mann ist ein reicher Geschäftsmann, mehr unterwegs als zu Hause. Ihre beiden Söhne sind dem Kindesalter mehr oder weniger entwachsen, als sie ein Radiogerät mitbrachten. Für ihre Mutter war das Magie, und sie war lange der Meinung, dass die Stimme von einem Zauberer kommt. Und das Telefon war ihr erster richtiger Kontakt nach außen.

Die moderne Technik hält nach und nach Einzug in dem Haus. Und ihre Söhne nehmen sie mit nach draußen – in die Stadt. Geheim, von ihrem Sohn Nagib, der ein sanfter Hühne war, beschützt.


S.70: „Ein Tor war aufgestoßen worden. Nun flutete alles auf einmal auf sie herein, und sie versuchte einzudämmen, was ihrer Natur fremd war, diesen Schlamm zu verarbeiten, damit er eines Tages fruchtbar werde.“


Ihr Leben ändert sich nach und nach. Sie lernt lesen, schreiben, rechnen. Sie entdeckt die Welt, und auch ihre eigene Welt, ihre eigenen Kinder, mit neuen Augen.

Gleichzeitig mit dieser Entwicklung ändert sich auch das politische Gefüge im Land Marokko.


S.81: „Und sie sah uns. Sah, dass ich Haare am Kinn hatte und dass Nagib größer war als ihr Mann. An diesem Tag war es zu Ende mit dem Panzer, mit der Schale um sie herum.“


Irgendwann erfährt ihr Mann davon, aber er sieht ein, dass er machtlos ist. Die Freiheit beginn zu siegen. Und die Mutter der Söhne beginnt zu verstehen.


S.147: „Und der Kern der Gemeinschaft ist nun einmal die Familie. Wenn aber im Schoße dieser Familie die Frau als Gefangene gehalten wird, verschleiert noch dazu, eingesperrt, wie wir es seit Jahrhunderten getan haben; wenn sie über keinerlei Öffnungen zur Außenwelt verfügt, keine aktive Rolle spielen kann, wirkt sich das verhängnisvoll auf die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit aus; sie zieht sich zurück und hat sich und der übrigen Welt nichts mehr zu geben.“ - ein wunderbarer Satz, der alles auf einen Punkt bringt.


Die Geschichte ist sehr feinfühlig erzählt aus der Sicht ihres anderen Sohns. Ganz allmählich merken wir, dass diese Familiengeschichte als große Gesellschaftskritik funktioniert, im kleinen wie im großen. Flüssig erzählt, mit viel Empathie und Humor, führt uns Driss Chraibi durch die Erzählung, kombiniert Familie mit Staat sehr geschickt.

Ein wunderbares Buch, dem ich sehr viele Leser*innen wünsche. Das Original erschien bereits 1972.

Ganz große Leseempfehlung.


Cover des Buches Inspektor Ali im Trinity College (ISBN: 9783293202269)
kassandra1010s avatar

Rezension zu "Inspektor Ali im Trinity College" von Driss Chraïbi

kassandra1010
Kurz, knapp und mit einer gehörigen Portion Aufregung!

Scotland Yard, die Wiege der Kriminalermittlungen und des klassischen Tweedanzugs sowie der steifen Uniformen des Straßen-Bobbys. Inspektor Ali passt in diesen so klar aufgestellten Haufen Ermittler wie ein Wolf in eine Schafherde. Ali fällt so ganz aus der Rolle. Liebt er doch Poesie, Kreuzworträtsel und einmalig schöne Frauen.

Er rebelliert wo er kann und wird dankbar nach Cambridge gesandt und soll dort einen Mord aufklären. Eine marokkanische Prinzessin wurde dort tot aufgefunden und es droht ein diplomatisches Debakel. Während alle den Selbstmord der schönen jungen Frau vermuten, kann sich Ali damit nicht wirklich anfreunden. Krach und Aufregung sind schon mal vorprogrammiert.

Für mich zwar ein wirklich kurzer Krimi aber ein gelungener Ausflug in die Welt des Inspektor Ali, der nicht unvergessen bleibt.

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