Prognosen aus der Vergangenheit werden in der Zukunft wohl eher ein Grund für Heiterkeit sein
Bis zum Jahr 2050 sind es noch 33 Jahre. Sehen wir uns also einmal an, wie die Welt vor 33 Jahren aussah. Wir schreiben also das Jahr 1984: Der sogenannte Ostblock ist noch intakt. Sein Totengräber wird erst in zwei Jahren an die Macht kommen und dieses System beim Versuch, es zu reformieren, ungewollt abschaffen. Auch das Atomkraftwerk in Tschernobyl ist noch voll am Netz. Es gibt weder das Internet, noch Handys. Selbst das Klima muss noch nicht eifrig gerettet werden. China steht noch weit vor seinem wirtschaftlichen Aufschwung. Das sind nur wenige Fakten aus dieser Zeit. Und nun stellen wir uns einfach einmal vor, dass wir in diesem Jahr eine Prognose für die Welt von 2017 vorlegen sollen. Wie wäre das wohl ausgegangen?
Vielleicht würden einige Voraussagen sogar zutreffen, beispielsweise über die Bevölkerungsentwicklung oder die Verfügbarkeit von bestimmten Rohstoffen. Die damalige Prognose der politischen oder gar der technologischen Entwicklung würde uns heute wahrscheinlich eher zum Lachen bringen. Fällt jemandem 2050 dieses Buch in die Hand, wird es ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht anders ergehen. Allein der Vergleich mit 1984 macht das wohl hinreichend deutlich. Tatsächlich denkt man nämlich bei "Visionen" zwangsläufig linear, schreibt also den gegenwärtigen Zustand fort. Alles andere übersteigt einfach unsere Vorstellungskraft.
Ein Mensch, der 1984 eine zutreffende Prognose für 2017 abgegeben soll, hätte damals nämlich zum Beispiel schon wissen müssen, welchen Weg die Computertechnologie gehen wird. Wenn also jemand für die Zukunft eine in der Gegenwart völlig unbekannte Technologie (beispielsweise das Smartphone) und ihre weitreichenden Konsequenzen beschreibt, dann weiß dieser Mensch einfach mehr als er tatsächlich wissen kann. Das ist paradox und deshalb nicht möglich. Neue Technologien oder politische Umbrüche haben stets weitreichende Konsequenzen, die wieder neue Konsequenzen haben werden. Es gibt folglich theoretisch aus der Gegenwart heraus unendlich viele Pfade in die Zukunft. Wie soll man da denjenigen finden, der dann beschritten wird? Das ist eine unlösbare Aufgabe.
Für dieses Buch haben sich ganze Arbeitsgruppen zusammengetan, die aus Menschen mit hoher Bildung und Erfahrung bestanden. Aber selbstverständlich deckt eine solche Auswahl niemals die Gesamtkompetenz der geistigen Eliten einer Gesellschaft ab. Zu den objektiven Schwierigkeiten gesellen sich somit subjektive, die auf die Auswahl der Visionäre und ihre beschränkten Kompetenzen zurückzuführen sind. Ein Beispiel: Im ganzen Buch spielt die Entwicklung künstlicher Intelligenz überhaupt keine Rolle, weil es unter den Autoren offenbar keinen gab, der über den nötigen Sachverstand verfügt. Doch künstliche Intelligenz ist bereits heute ein wesentlicher Faktor in der Gesellschaft. Nur mit künstlicher Intelligenz können riesige Datenmengen zusammengeführt und nach einzelnen Kriterien ausgewertet werden. Künstliche Intelligenz gehört zu den wesentlichen Bedrohungen für die Existenz der Menschheit, weil sie vielleicht irgendwann nicht mehr zu kontrollieren ist oder Entscheidungen fällt, die Menschen nicht getroffen hätten. Man denke da zum Beispiel an den kürzlich verstorbenen sowjetischen Oberstleutnant Petrow, der 1983 einen Fehlalarm eines automatischen Systems richtig interpretierte und so vielleicht einen atomaren Weltkrieg verhinderte.
Trotz dieser eher allgemeinen Kritik bleibt dieses Buch dennoch durchaus lesenswert, weniger weil es die Zukunft richtig voraussagt, was man in der Gegenwart sowieso nicht entscheiden kann, sondern, weil es die meisten Probleme der Gegenwart durchaus richtig beschreibt und versucht, mögliche Lösungen vorauszusehen. Das ist etwas anderes als zu versuchen, die Zukunft vorherzusehen. Das können nämlich selbst Spezialisten für ihr Spezialgebiet nicht. Zu Beginn des Textes über "technologische Entwicklungen bis 2050" findet man dazu lustige Voraussagen von Bill Gates und Albert Einstein.
Die zehn Kapitel widmen sich folgenden Themen: (1) Ressourcen bis 2050, (2) Bevölkerungsentwicklung bis 2050, (3) Entwicklung des Weltfinanzsystems bis 2050, (4) Technologische Entwicklungen bis 2050, (5) Bildung und Bildungssysteme bis 2050, (6) Öffentliche Ordnung/äußere und innere Sicherheit, (7) Gesellschaftliche Entwicklungen bis 2050, (8) Wirtschaft, Arbeitsmärkte, Umverteilung und Sozialsysteme, (9) Geopolitische Entwicklung bis 2050, (10) Wertewandel, Lebenswerte bis 2050.
Man kann es den Autoren nachsehen, dass sie oft allgemein und vage bleiben. Allerdings machen sie es damit dem Leser auch schwer, ihrem mitunter zähen Text zu folgen. Wie man ein solches Buch bewerten soll, weiß ich nicht wirklich. Auf der einen Seite ist es durchaus interessant, zu welchen Prognosen die Autoren kommen. Andererseits kann man sehr skeptisch sein, dass sie in den meisten Fällen rechtbehalten. Als Denkanstoß ist das Buch nicht schlecht. Deshalb drei Sterne.