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EbiSchaeffer

vor 1 Jahr

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Hallo, liebe Freunde,

ich bin Ebi Schaeffer und dies ist meine erste Leserunde. Ich bin der Autor von LILA UND AUS SEIDE, dem Buch, um das es heute hier geht. ich schreibe überwiegend im Genre Belletristik/Drama/Sozialdrama. Neben LILA UND AUS SEIDE, das gerade veröffentlicht wurde, habe ich auch die Sozialdramen ELLIS BAXTERS TAGEBUCH, ELLIS BAXTERS ZWEITE CHANCE und ELLIS BAXTER - DER WEG DURCH DIR HÖLLE geschrieben. Letzteres war bei Amazon Ende Februar 2016 in den Top 10.
Dies ist meine erste Leserunde hier - ich hoffe, es klappt alles und ich mache alles richtig.

Jetzt aber zum Buch:

LILA UND AUS SEIDE erzählt die ganze dramatische Geschichte von Leon und Noemi, zwei jungen Menschen, die in die tiefsten Abgründe der Drogenhölle geraten.

Leon ist 18 und kommt aus gutem Hause. Er wohnt in einer behüteten Familie, die versuchen, ihm alles zu ermöglichen, was sie sich für ihn vorstellen.

Als er die gleichaltrige Noemi kennen lernt, hat er zum ersten Mal das Gefühl, die Richtige gefunden zu haben. Alles blüht, ist voller Rosen, und sie gehen gemeinsam durch dick und dünn. Da ist es für ihn nicht wichtig, dass Noemi aus ärmlichen Verhältnissen kommt und in einer Plattenbausiedlung am Stadtrand wohnt. Er versteht zwar nicht, dass sie nicht möchte, dass er sie dort besucht, aber er respektiert es.

Auf einem gemeinsamen Wochenendtrip stellt Leon bei Noemi Einstiche am Arm fest, die er erst für die Folgen von Allergiespritzen hält. Ihr dunkles Geheimnis kennt er aber nicht.

Erst, als er sie eines abends überrascht und sie zu Hause besucht, erfährt er etwas über sie, was sie ihm bislang verschwiegen hat: Noemi ist Mitglied einer Gang, die Drogen konsumiert. Nicht schlimme Drogen, wie er anfangs glaubt – eben Joints und ein paar Aufheller. Leon macht anfangs mit und findet sogar Freude daran.

Umso mehr wundert ihn, dass Noemi eine kleine Schwester hat und mit ihren 18 Jahren mit ihr alleine wohnt. Offenbar ist sie mit der Fürsorge für ihre Schwester Cassandra überfordert.

Nach einer eskalierenden Situation kommt jedoch die ganze Wahrheit ans Tageslicht: Noemi ist heroinsüchtig.

Leon setzt alles daran, sie aus der Drogenhölle zu befreien. Dabei merkt er jedoch nicht, dass er immer tiefer in den gefährlichen Sumpf hinein gerät. Statt sie zu ermutigen, beschafft er ihr schließlich das Teufelszeug und steigt selbst zu einem namhaften Dealer auf. Er haut von zu Hause ab und beginnt, für Sniper, den Dealer- und Drogenboss im Viertel, zu arbeiten.

Als Leon und Noemi beschließen zu entziehen und  den Drogen den Rücken zu kehren, zeigt Sniper sein wahres Gesicht, und nicht nur Noemi und Leon geraten in Lebensgefahr, auch Noemis 12-jährige Schwester Cassandra. Sie fliehen.

Aber Sniper findet sie, und der Absturz ist vorprogrammiert.

Kann Leon Noemi aus der Drogenhölle retten? Wo er selbst fast nur noch ein Wrack ist und keine Kraft mehr hat?


Die Geschichte basiert auf einer vielseitigen Recherche. Ich habe mit mehreren menschen gesprochen, die mir ihre Erfahrungen mitgeteilt haben, mit Menschen, die eine Drogenvergangenheit hatten oder aktuell mit Drogen in Kontakt sind.

LILA UND AUS SEIDE ist ein fiktiver Roman, aber irgendwo da draußen mag es Menschen geben, die einen ganz ägnlichen Weg gehen mussten. Und ich hoffe, dass dieses Buch ihnen dabei helfen kann.

Autor: Ebi Schaeffer
Buch: Lila und aus Seide
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Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 1 Jahr

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Das Buch klingt gut und ich wäre gerne dabei!

katzekitty18

vor 1 Jahr

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Wow. Das Buch klingt wahnsinnig gut und ich würde gerne in diese Geschichte eintauchen. Ich denke, dass könnte sehr interessant werden und ich würde mich freuen dieses Buch lesen zu dürfen.

BiancaStahl

vor 1 Jahr

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Wow - ein sehr schwieriges und auch allgemein gegenwärtiges Thema. Ich selbst habe leider schon die Erfahrung, mit einer Freundin machen müssen. Ich würde nur zu gern dieses Buch gewinnen und lesen. Besonders, da es auch eigene Recherchen sind.

EbiSchaeffer

vor 1 Jahr

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Vielen Dank für euer großes interesse.

Hier kmmen die ersten Kapitel:

Prolog

Ich musste nicht eine Sekunde überlegen, ob ich es mache. Es war gar nicht so schwer. Am Anfang war es richtig Scheiße, aber irgendwann ist es einfach ganz normal.
Für mich war es der Alltag. Für andere musste das ein Überlebenskampf sein, aber wenn man es einmal erlebt hat, dann ist es beim zweiten oder dritten Mal nicht mehr so schlimm. Man gewöhnt sich dran. Jeden Tag aufs Neue.

Ich mache das ja nicht für mich, sagte ich mir immer. Ich tat es für sie. Weil wir beide keine Chance hätten, wenn ich es nicht tun würde. Und das wollte ich nicht. Sie verlieren. Um nichts in der Welt wollte ich sie verlieren. Ja, sie sagen immer, ich bin ja erst 18 Jahre, ich weiß noch nichts vom Leben und werde so vieles noch entdecken.
Aber ich wusste mehr, als sie wissen. Ich wusste viel mehr vom Leben, als die anderen erahnen konnten, und weiß Gott, ich bereute keine Sekunde. Dafür, dass ich einen Menschen wie sie kennen durfte, bereute ich keine Sekunde.

Heute war wieder ein so beschissener Tag. Nicht nur, dass ich den Stoff nicht losgeworden bin, ich wurde auch noch aufs Massivste bedroht. Von einem Jungen, der zwei Köpfe kleiner war als ich, aber er hatte eine Waffe, und die richtete er genau auf meine Augen.
Ich stand da und bebte vor Angst, aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich spielte den Coolen, das konnte ich ja ganz gut. Das habe ich hier sehr oft gelernt, und die meisten Leute haben auch Respekt.
Aber dieser Junge – ich wusste nicht einmal, wie er heißt – bedrohte mich und zielte mit der Waffe auf mich. Ich hatte mich dann gefügt. Sehr widerwillig zwar, aber letzten Endes dachte ich doch, es sei besser, das zu tun, was er verlangte.
Wo war die Gang? Wie oft haben sie sich für mich eingesetzt, aber heute ließen sie mich alleine dort stehen. Der Junge mit seiner Waffe hatte zehn, zwölf Gorillas hinter sich stehen. Mit zwei oder drei von ihnen wäre ich ja vielleicht noch fertig geworden, aber zehn oder zwölf?
Das waren gut und gerne Waren im Wert von 700 Euro, die der mir abgezogen hatte. Ich musste sie ihm geben, für umsonst. Ich hatte eigentlich geplant, die Sachen bei einer befreundeten anderen Gruppe aus der Ecke loszukriegen, die hätten auch bezahlt. Aber diese Gang hat spitz bekommen, dass ich sie letztens beschissen hatte, weil das Zeug nicht hundertprozentig war. Konnte ich doch nicht ahnen, ich hatte es vom selben Dealer wie immer.

Jetzt hatte ich auch für mich nichts mehr, und ich wusste nicht, wie ich an neuen Stoff kommen sollte. Ich sah nur die ganze Zeit dieses dämmrige Licht vor mir, das ab und an wie eine Neonröhre flackerte. Ich wusste nicht, wie lange ich hier schon saß, und langsam wurde es auch kalt.
Ich wusste nicht einmal mehr, wo ich war. War ich noch in der gleichen Stadt? Wie lange bin ich gelaufen, bis ich hier ankam?
Ich wusste es nicht mehr.

Und immer diese Schmerzen. Sie wurden von Mal zu Mal stärker. Wenn ich nicht bald an neues Zeug komme, dann ist das mein Tod, dachte ich bei mir.
Aber wie sollte ich das machen? Diese Scheißkerle haben mir alles abgezogen, und ich hatte nicht mal mehr einen Hunderter für einen Schuss.
Verdammt!

Es gab sie in meinem Leben, diese Momente, von denen du dir gewünscht hättest, dass sie ewig dauern.
Heute war definitiv nicht einer von diesen Tagen.
Aber ich bereute es nicht. Ich bereute es keine Sekunde lang, auch wenn ich wusste, dass ich das sollte. Ich würde mich jetzt irgendwie, wenn ich es noch schaffe, auf den Weg zu ihr machen. Sie musste ja irgendwo sein. Ich wusste, sie würde es noch viel stärker als ich brauchen, und auch wenn die Schmerzen unerträglich waren und ich keine Ahnung hatte, wo sie steckt, ich würde mein Versprechen halten und ihr etwas bringen. Ich wusste nicht, wie, aber ich würde es halten.

Wir waren erst 18 Jahre alt. Aber wir haben mehr schon gesehen vom Leben als jemand, der 30 ist, und der den normalen Weg gewählt hatte. Wir haben diesen gewählt.
Und ich tat es für sie. Für Noemi. Und fast war es, als sähe ich sie jetzt vor mir stehen, mit ihrem Kleid, lila und aus Seide…

Kapitel 1 - Dieser verfluchte Zivildienst

Ich saß auf dem Stuhl und war ziemlich nervös. Natürlich würde ich es zu Hause nicht sagen, so viel war klar. Meine Eltern waren sehr integer. Alles musste seine Richtigkeit haben, alles musste am rechten Platz sein. Das Leben musste in geordneten Bahnen verlaufen. Da hatte ich einfach keinen Bock auf den Ärger, der mir blühen könnte.
Na ja, aber ich hatte seit einer Woche unentschuldigt gefehlt. Und dass das an meinem Chef nicht unerkannt vorbei geht, das hätte ich mir auch denken können. Jetzt saß ich hier auf diesem Stuhl und wartete darauf, dass er zur Tür rein kommt und mir mein Disziplinarverfahren auferlegt.

Der Job war ja eigentlich gar nicht so schlecht. Ich war seit drei Monaten im Zivildienst, hier im Altenheim, und eigentlich waren die Leute hier ganz cool drauf. Manchen von ihnen sah man ja gar nicht an, dass sie schon 70 oder 80 Jahre alt waren. Die waren so voller Lebensfreude. Sie fühlten sich ganz und gar nicht abgeschoben. Ja, manche von ihnen blühten hier erst richtig auf. Ich dachte oft bei mir, Mensch, wenn ich mal so alt werde, dann möchte ich auch so voller Lebensfreude sein.

Aber ich war letzte Woche irgendwie auf Achse, da hatte ich zum Arbeiten keine Zeit. Ich bin morgens nicht raus gekommen. Und mittags hatte ich dann vergessen, anzurufen. Vielleicht auch absichtlich, das wusste ich nicht genau. Als ich dann abends wieder dran gedacht hatte, hing ich aber schon wieder in der Kneipe oder in der Disco.
Ich trank mir gerne mal einen. Nicht übermäßig viel, aber so zehn, zwölf Gläser waren es schon. Durfte ich ja auch mit meinen 18 Jahren. Aber letzte Woche hatte ich wohl etwas übertrieben, und jetzt hatte ich das Diszi am Hals.
Ich holte aus meiner Tasche gerade die Flasche Wasser raus, um meinen Brand zu löschen, den ich noch vom Vorabend hatte. Da kam Herr Schrödel dann rein.
„Guten Tag, Leon, wie geht es dir?“, fragte er superhöflich.
Man konnte ihn hinter seinem Rauschebart fast nicht verstehen. Würde man ihn beschreiben wollen, käme die Figur des Catweasel ihm wahrscheinlich am Nächsten.
„Ja, es geht“, antwortete ich.
„Nun, dann nehmen wir mal deine Personalien auf“, begann er.
Ich war genervt. „Sie kennen meine Personalien“, sagte ich. „Sie haben mich vor drei Monaten an die Dienststelle überwiesen, ich war hier bei ihnen im Büro zum Erstgespräch.“
Herr Schrödel tat so, als hätte er mich gar nicht gehört.
„Name?“, fragte er.
„Leon“, sagte ich angenervt.
„Der volle Name.“
„Leon Ludwig“, antwortete ich.
„Adresse?“, wollte er wissen. Die kannte er auch, dennoch fragte er mich.
„Villa Kunterbunt 7003“, flüsterte ich.
„Noch mal, bitte, ich habe dich nicht verstanden.“
Ich stieß einen lauten Seufzer aus. „Hahnenweg 7 in Düsseldorf“, antwortete ich dann.
„Nun, Leon, du weißt, warum du heute hier bist?“
Ich nickte stumm.
„Seit letzter Woche Dienstag bist du in deiner Dienststelle nicht erschienen. Vor drei Wochen hattest du im Altenheim schon einmal einen Tag unentschuldigt gefehlt, und jetzt hast du dich in der ganzen letzen Woche nicht einmal dort gemeldet.“
„Wissen Sie, ich darf zu meiner Verteidigung sagen, dass ich eigentlich vorgesehen war für einen Job im Büro des Bundesamtes für…“, begann ich, wurde aber dann von Hern Schrödel unterbrochen.
„Der Zivildienst ist eine sehr ernste Angelegenheit, die man heute, Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends, schon alleine deshalb ernst nehmen sollte, weil er bald schon wegfallen könnte. Und dann sind erst recht Menschen wie diejenigen, die du betreust, angewiesen auf Menschen wie dich. Da kann man sich einen solchen Lapsus nicht mehr erlauben. Wer dann ein freiwilliges Jahr macht, der ist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft.“
„Das heißt ja aber auch, dass man heute Menschen wie mich noch ersetzen kann“, warf ich ein.
„Willst du deine Stelle unbedingt aufs Spiel setzen?“, fragte Herr Schrödel nach. „Weißt du, welches Strafmaß vorgesehen ist bei Nichteinhaltung der Richtlinien? Wären wir bei der Bundeswehr – die übrigens auch demnächst in eine Berufsarmee umgewandelt werden soll – käme das einer Fahnenflucht gleich.“
Ich stieß einen genervten Seufzer aus. „Herr Gott noch mal, dann sagen Sie mir doch, was Sie von mir erwarten.“
„Ich erwarte, dass du dir über die möglichen Konsequenzen in der Zukunft, sollte so etwas noch einmal vorkommen, im Klaren bist. Ich erwarte, dass du nicht mehr unentschuldigt fehlst und für jedes Fehlen ein ärztliches Attest anbringst. Du wirst dich bei mir, bei der Heimleitung und gesondert beim Bundesamt schriftlich entschuldigen. Verstanden?“
Das sollte alles sein? Ein Schreiben – oder von mir aus, mehrere – machen, auf dem steht: Ich war ein unartiger, böser Junge? Das dürfte ja zu machen sein.
„War’s das?“, wollte ich wissen.
„Fürs Erste, ja.“ Herr Schrödel packte mitten im Gespräch eine Banane aus, die er zu schälen begann. „Und ich rate dir, lass den Alkohol weg. Ich rieche, dass du gestern getrunken hast.“
„Kommt nicht wieder vor“, gab ich dann klein bei, unter der Hoffnung, dass dieses blöde Diszi bald zu Ende sei.
Ich stand bereits auf zum Gehen, dann drehte Herr Schrödel sich noch einmal zu mir und sah mich aus seinem Chefsessel mit ernsten Augen an.
„Ich werde deine Eltern benachrichtigen“, meinte er dann.
So ein verfluchter Mist.
Jetzt hatte ich die Kacke richtig am Dampfen. Ich hatte gehofft, dass die das nicht spitz kriegen. Aber jetzt würde er die anrufen, und was mir dann zu Hause blühen würde, daran mochte ich gar nicht denken.
Wäre echt besser, heute dort gar nicht aufzukreuzen, dachte ich so bei mir. Meine Güte, ich war 18. Ich durfte machen, was ich wollte.
Also hieß das für mich, ab in die nächste Kneipe und zwei, drei Alt trinken. Vielleicht auch etwas mehr.

Es war mittlerweile Abend, so gegen zehn Uhr herum musste es gewesen sein. Ich saß hier im Lokal und redete die meiste Zeit nicht. Ich döste so bei meinem Bier vor mich hin.
Morgen hatte ich eh frei… hatte ich doch, oder? Es war doch morgen Samstag, oder nicht?
Ich war schon so benebelt, dass ich nicht mehr genau wusste, welcher Tag heute war. Aber eigentlich interessierte mich das gar nicht.

Ich weiß nicht mehr, welche Musik gerade lief, als ich das erste Mal diese Augen sah. Ich weiß nicht mehr, was der Typ neben mir sagte, als sie herein kam. Ich hörte ihn nur irgendetwas sagen, aber seine Worte gingen unter meinem Herzschlag total unter.
Ich sah eigentlich auch nicht mehr, was um mich herum passierte.
Aber dieses Mädchen setzte sich dann auf einmal neben mich. Als ich zu ihr rüber sah, sah ich dieses lila Kleid, das sie trug.
Ich sah ihr in die Augen, und ohne etwas zu sagen, streifte ich über den oberen Ärmel dieses Kleides.
„He“, machte sie nervös.
„Tschuldigung“, sagte ich, unter der Hoffnung, dass sie nicht merkte, dass ich schon einen im Tee hatte. „Ist das Seide?“
„Muss wohl“, meinte das Mädchen. „Wenn es sich so anfühlt.“
„Ja, tut es“, gab ich zu verstehen.
Ich wusste nicht mehr, was sie sich bestellte. Aber ich sagte dann dem Kellner, dass er ihr Getränk auf mich schreiben sollte.
Sie sah mich an. „Denkst du, ich hätte es nötig, mich einladen zu lassen?“, fragte sie. „Sehe ich so aus?“
Ich schnaufte aus. So war das nicht geplant. Eigentlich war es gar nicht geplant. Aber sie ging mir von der ersten Sekunde an nicht mehr aus dem Kopf.
Ich beschloss, ihre Einwände schlicht zu überhören.
„Morgen ist eine Party in der Disco im Zentrum“, begann ich. „Du kennst doch diese riesige Diskothek in der Altstadt, wie heißt die noch gleich?“
Sie sah mich mit großen Augen an. Dann lachte sie freundlich.
„Hör zu, wenn du mich schon anbaggern willst, dann solltest du dich vielleicht etwas besser vorbereiten, wenn du mich in eine Disco einladen willst. Den Namen solltest du schon wissen.“
Sie trank ihr Getränk dann leer und gab dem Ober dann einen Fünfer. Schließlich stand sie auf, lächelte mir noch mal nett zu und verließ genauso geheimnisvoll wie sie herein kam das Lokal wieder.

Ich wusste nicht einmal ihren Namen. Es ist mir noch nicht einmal geglückt, wenigstens aus ihr herauszubekommen, wie sie heißt.
Alles, was ich auf dem Nachhauseweg in meinem Kopf hatte, war der Duft ihres Parfüms, ihre langen Haare, und ihr lila Kleid aus Seide.

Zu Hause setzte ich mich aufs Bett. Ich verschränkte die Arme hinter mich und lag rücklings auf meiner Bettdecke. Den Ärger vom heutigen Tag hatte ich bereits vergessen, und meinen Eltern bin ich erfolgreich aus dem Weg gegangen, die hatten schon geschlafen, als ich kam.
Wer war dieses geheimnisvolle Mädchen?
Ich wollte sie wieder sehen. Das wollte ich um jeden Preis.

Kapitel 2 - Neonlichter

Ich wartete.
Aber statt mit mir zu schimpfen, sah mich mein Vater einfach nur stumm an. Er wusste genau, dass ich das noch weniger ertragen konnte, als wenn er was sagt, ich dann zurück schreie, ihm sage, dass es doch mein Scheiß Leben ist und es ihn nichts angehe, ob ich auf der Arbeit schwänze oder warum auch immer fehle.
Aber er saß einfach da am Küchentisch unserer Prachtvilla und sah mich an. Sehr ernst musterte er mich.
„Also, was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“, fragte er.
Ich schnaufte aus und wollte ansetzen, ihm etwas zu sagen, aber er unterbrach mich zugleich.
„Du hast letzte Woche ein Disziplinarverfahren gehabt. Du musstest dich bei allen möglichen Stellen entschuldigen, und das schriftlich. Und jetzt hast du schon wieder zwei Tage gefehlt, weil du nichts Besseres zu tun hast, als dein Geld in die Kneipe zu tragen?“
„Ich war beim Arzt, ich habe ein Attest“, warf ich ein.
Mein Vater kratzte über seine Halbglatze. „Du bekommst 1000 Euro von uns, und das jeden Monat. Du musst nicht einmal arbeiten und kannst dich voll auf dein Studium, was du hoffentlich nach dem Zivildienst beginnen wirst, konzentrieren. Dann ist das bisschen Arbeit im Altenheim doch nicht zu viel verlangt. Warum lässt du dich so hängen?“
„Ich lasse mich nicht hängen“, entgegnete ich. „Ich hab mich nicht wohl gefühlt und war beim Arzt, ganz offiziell.“
„Junge, wir wissen doch beide, dass der Grund für deine Unpässlichkeit deine Sauferei war“, sagte er.
Gott, er konnte sich immer so gewählt ausdrücken. Wie ich das hasste. Er benutzte nie Worte wie „Scheiße“, „Fuck“ oder „Kacke“.
„Mann“, gab ich zu verstehen. „Ich hab nicht zu viel getrunken.“
„Du solltest mal überlegen, ob du nicht vielleicht ein Alkoholproblem haben könntest“, warf er ein. „Es gibt Stellen, die dir da helfen können. Ganz gleich, was es kostet.“
War ja klar. Den guten Schein der Familie wahren. Den guten Schein, dass man aus gutem Hause kommt, wahren. Darum ging es ihm. Mehr nicht.
„Ich brauche keine Hilfe“, sagte ich dann sachlich. „Ich bin 18 und kann machen, was ich will.“
„So lange du die Füße unter meinem Tisch hast…“, fing er an.
„Das interessiert mich nicht“, unterbrach ich ihn. „Jedes Mal kommst du mit der Leier, solange ich die Füße unter deinem Tisch habe. Meine Güte, ich habe ein Leben. Ich bin halt nicht so integer wie ihr, wo alles strickt nach Regeln abläuft und man sogar nach Stundenplan vögelt, wenn überhaupt.“
„Ich bitte mir solche Worte aus“, sagte der Vater streng. „In dieser Familie wird nicht so gesprochen, schon gar nicht über Mutter und mich.“
„Leck mich!“ Ich stand auf und lief Richtung Eingangstüre. „Ich bin dann mal weg. Hab keinen Bock auf solche Konversationen.“
Entnervt hörte ich meinen Vater noch ausschnaufen und mir etwas hinterher brüllen, aber das nahm ich schon nicht mehr wahr.

Heute war ein lauer Sommerabend. Ich setzte mich in meinen Audi Cabrio, machte das Dach runter und stellte dann die Anlage auf ganz laut. Dann fuhr ich los.
In der Disco sollte heute viel los sein. Es war zwar nicht Wochenende, aber sie hatten ja immer mal auch unter der Woche irgendwelche Veranstaltungen. Meist spielten dann dort Bands, oder sie machten irgendwelche Mottopartys mit süßen Studentinnen, die ich dort kennen lernen könnte. Ja, das wär’ was. Dann könnte ich mir vielleicht heute eine abschleppen und mit nach Hause nehmen. Auf das Gesicht meiner Eltern am nächsten Morgen würde ich mich freuen. Die dachten ja sowieso, dass ich nicht in der Lage wäre, eine richtige Beziehung zu führen, bei meinen wechselhaften Sexualpartnerinnen, wo keine Beziehung länger als drei Monate hielt.
Ha. Andere haben One-Night-Stands. Ich habe wenigstens Beziehungen von drei Monaten, dachte ich so bei mir, und sah im Geiste schon meinen Vater dieses betreffende Mädchen mit zahlreichen Fragen zubombardieren.

What the fuck, kam es mir in den Sinn, als ich mein Auto parkte. Wollen doch mal sehen, was heute Abend so läuft.
Ich musste zwar morgen wieder raus, aber das interessierte mich jetzt nicht.
Als ich die Anlage abstellte und meine Haare noch mal bürstete, kamen auch schon drei, vier Mädels an meinem Auto vorbei gerauscht.
„Coole Karre“, sagte eine.
„Netter Sound“, sagte eine andere.
Ich grinste sie an.
Tja, manche Situationen erfordern nicht mal irgendwelche Vorbereitungen oder besondere Kenntnisse. Meine Kunst zu flirten war, dass ich die Dinge einfach auf mich zukommen ließ und gar nicht größer drüber nachdachte, was ich eventuell sagen könnte oder sie eventuell sagt. Es war eigentlich wie automatisch, dass aus mir im passenden Moment immer der passende Spruch heraus kam.

Ich betrat die Disco, und ungeachtet dessen, dass mein Auto draußen auf dem Parkplatz stand und ich ein echtes Problem hätte, müsste ich nachher wieder nach Hause fahren, bestellte ich mir gleich ein großes Bier und einen Klaren dabei. Unverzüglich kippte ich das dann in mich rein und fühlte mich gleich noch besser, noch größer als ich es ohnehin schon war.
„Noch mal das Gleiche“, sagte ich dann zum Kellner.
Kaum eine Sekunde später rauschte das Mädchen, die eben draußen am Auto vorbei ging, um die Ecke.
„Na, wie geht’s?“, fragte ich sie. Sie sah mich freundlich an. „Wo sind deine Freundinnen?“, wollte ich dann wissen.
„Tanzen“, antwortete sie. „Hast du auch Lust?“
„Na, sicher“, gab ich zu verstehen. Und dann legte ich galant die Hand auf die Schulter des Mädchens und führte sie zur Tanzfläche.
Wenn einer wusste, wie abhotten geht, dann war sie es. Meine Güte, die konnte tanzen. Und ich stand fast bewegungslos neben ihr, aber in meinem fortgeschrittenen alkoholisierten Zustand fühlte ich mich als großartiger Tänzer.
Nach einer Weile kam dann so ein Typ und kam mit ihr ins Gespräch. Ich nickte ihr freundlich zu und verkrümelte mich wieder an die Theke.

Ich beobachtete einige der Mädchen, die hier waren, während ich immer mehr trank und immer mehr die Tatsache außer Acht ließ, dass ich morgen arbeiten musste und mit dem Auto hier war.
Aber keine kam an sie ran.
Keine von ihnen hatte mir den Zauber geben können, den ich fühlte, als ich sie zum ersten Mal sah. Ihre langen, blonden Haare gingen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Der Duft ihres Parfüms klebte noch immer in meiner Nase, so als säße sie jetzt neben mir und ich könnte sie riechen. Und dann erst ihre tiefblauen Augen – Mann, oh, Mann, so etwas hat die Welt noch nicht gesehen.
Es war jetzt fast eine Woche her, dass ich sie damals in der Kneipe getroffen habe. Und ich habe mir Gedanken gemacht, wer sie sein könnte, oder wo ich sie finden könnte. Aber ich fand sie nicht.
Ich wusste nach wie vor nicht mal ihren Namen.
Scheiße, dachte ich bei mir. Mit ihr, das könnte ich mir echt vorstellen. Nicht nur, weil sie hübsch war. Vielleicht sogar eine Ecke zu hübsch. Sie war so anders als die Anderen. Ihr Auftreten, ihre ganze Art, jedes ihrer Worte – sie war so… ich konnte es nicht beschreiben und fand kein Wort dafür. Aber irgendetwas machte, dass sie mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Wenn mich jemand fragen würde, was ich an ihr schätze, dann würde ich antworten: Einfach alles.

Ich war schon stark alkoholisiert und hatte schon mindestens zehn Bier und zehn Kurze intus, als dann eine Band auf die Bühne kam. Ich wusste nicht einmal, welche Band das war. Aber ich fühlte mich dann auf einmal berufen, mich zum Aufgang der Bühne zu schleichen, hinter den Kulissen herumzugeistern und schließlich dann auf der Bühne zu landen.
Jetzt sah mich jeder an. Ich stand hier oben, und jeder sah mich an.
„Wir haben einen Gast hier“, hörte ich den Sänger der Band sagen. „Wie ist dein Name?“
„Leon“, lallte ich.
„Okay, Leon, dein Publikum“, machte der Sänger. „Publikum, das ist Leon.“
Die Menge klatschte.
Entweder waren sie genau so besoffen wie ich, oder sie dachten wirklich, ich würde jetzt etwas machen.
„Leon, hast du Bock, bei unserem nächsten Titel mitzusingen?“, fragte mich der Sänger.
„Klar“, stammelte ich. „Bin ein Klasse Sänger.“
Und dann ging das Lied los. Ich weiß nicht, ob ich es kannte, aber im besoffenen Kopf trällerte ich einfach mit und stammelte die Worte nach, die der Sänger sang, in der völlig falschen Tonlage natürlich.
Es wurde mir schon in den ersten Sekunden, als der Track lief, total dämmrig, und ich geriet ins Wanken.
Ich hörte die Menge grölen. Ich wusste nicht, ob sie mitsangen, oder ob sie mich auslachten und mich sogar wegapplaudierten.
Das Flackern der Neonlichter drang an meine Augen, aber schon bald war es nur noch ein Flackern. Ich merkte, dass ich nichts mehr mitbekam. Und dass ich über nichts mehr nachdachte, mir über keine Konsequenzen dessen, was gerade passierte, Gedanken machte. Ich stand einfach torkelnd da oben und sah das Flackern des Neonlichts, welches pulsierte.

Auf einmal… stand sie vor mir. Sie stand im Publikum, in der Mitte der grölenden Menge, und sah mir fest in die Augen.
Kein Zweifel, sie war es. Ich könnte diese Augen nie vergessen. Und jetzt stand sie da und sah mich an. Und sie lächelte.

Das war das Letzte, was ich sah, bevor ich zusammenklappte.

Das Licht war hell und weiß. Es schien durch meine Augen durch, obwohl ich sie noch geschlossen hatte.
Mann, mir war so kotzübel.
Wo war ich?
Ich spürte, dass ich weich lag. Wo immer ich jetzt war, ich lag auf irgendeinem weichen Untergrund. Und es roch komisch hier, so nach Medizin und so steril.
„Er hat keine schwerwiegenden Verletzungen, nur ein paar Prellungen“, hörte ich jemanden sagen.
„Was ist geschehen?“, sagte eine Stimme, die mir bekannt vorkam.
„Eine junge Frau hatte ihn gestern Nacht hergebracht. Sie wollte uns ihren Namen aber nicht sagen“, sagte wieder jemand.
Komisch, ich war ganz geistesabwesend, aber die einzelnen Wortfetzen des Gesprächs bekam ich sehr gut mit.
Allerdings fühlte ich mich nicht in der Lage, irgendwie auf das Gehörte zu reagieren.
„Können wir ihn mit nach Hause nehmen?“, hörte ich wieder die bekannte Stimme von eben.
„Wir wollen ihn noch ein oder zwei Tage zur Beobachtung hier behalten, wenn Sie nicht eine Entlassung fordern.“ Der, der das sagte, muss offenbar Arzt oder so gewesen sein. Und ich musste offenbar in einer Praxis, oder schlimmer noch, in einem Krankenhaus sein.
Warum? Was ist bloß geschehen?
Ich dachte krampfhaft nach, aber irgendwie gelang es mir nicht.
Was war das Letzte, woran ich mich erinnern konnte? Was nur?

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Sie.
Dieses unbekannte, fremde Mädchen, die ich schon zweimal sah. Letzte Woche in der Kneipe, und gestern muss ich sie in der Disco gesehen haben. Aber was ist geschehen?
Ich öffnete vorsichtig meine Augen und sah dann in das verdutzte Gesicht meines Vaters.
„Junge, wie geht es dir?“, fragte er mich gleich.
Aber ich brachte kein Wort heraus. Ich stammelte nur irgendwelche Kraftausdrücke, glaube ich, die meine Schmerzen beschreiben sollten. Er sah mich einfach an und fragte Gott sei Dank nicht weiter.
„Wir nehmen ihn mit“, hörte ich ihn dann sagen.

Ich muss dann vom Bett aufgestanden sein. Ich muss mechanisch meine Sachen zusammengeklaubt haben und mich angezogen haben. Diesen weißen Kittel, den ich trug, wollte ich so schnell wie möglich loswerden. Man sagt ja solche Dinge über Menschen, denen ein weißer Kittel angezogen wird. Ich wusste nicht einmal, wer ihn mir angezogen hatte.
Ich muss dann mit meinem Vater zum Auto gelaufen sein. Dann muss er mich eingeladen haben, und wir sind dann wohl nach Hause gefahren.
Zu Hause muss ich mich auf mein Bett gelegt haben, nachdem ich etwa eine gefühlte halbe Stunde auf dem Klo verbracht habe, um dort in Ruhe zu kotzen.

Und plötzlich hörte ich die Haustürklingel. Ich registrierte es nicht, aber ich hörte sie.
Ich hörte, dass jemand die Haustüre geöffnet haben musste.
… und plötzlich klopfte es an meiner Zimmertür. Und dann ging die Türe auf…
„Leon?“, hörte ich die süßeste aller je gehörten Stimmen fragen.
Und ich sah ihr in die Augen, diesem engelsgleichen Mädchen. Lächelnd sah sie mich an, während sie sich zu mir auf den Bettrand setzte.
„Leon, bist du wieder okay?“, wollte sie dann wissen.
Ich war nicht mächtig, ein Wort zu sagen. Meine Traumfrau saß hier bei mir auf dem Bett. Ich konnte mein Glück gar nicht fassen.
Und mit einem Mal vergaß ich, wie schlecht ich mich eben noch gefühlt haben muss.
„Du bist gestern zusammengeklappt“, erklärte sie. „Ich hab dich ins Krankenhaus gebracht.“
Ich sah sie an.
„Hast du noch Schmerzen?“, sagte sie mit zarter Stimme. „Kannst du reden?“
„Glaub, schon“, stammelte ich. „Wer bist du?“
Und sie streichelte mir über den Kopf und sah mir tief in die Augen. Dann lächelte sie.
„Ich heiße Noemi.“
Jetzt hatte sie einen Namen, die Fremde, die Unbekannte. Jetzt kannte ich ihren Namen. Noemi.
Hätte ich gewusst, dass dies mein Leben so sehr verändert, dann hätte ich mir gewünscht, dass heute gestern wäre. Oder letzte Woche.

Kapitel 3 - Wer bist du

Während sie sich stumm in meinem Zimmer umsah, krallte ich mir die Jogginghose, welche auf der Lehne meines Stuhls neben meinem Bett lag, und zog sie mir schnell über.
„Entschuldige, wie es hier aussieht…“, brachte ich nur hervor.
„Nein, nein, ist schon okay“, meinte sie dann. „Ihr wohnt sehr schön.“
Sie holte ein Haargummi aus ihrer Hosentasche, dann band sie sich die lange, blonde Mähne zu einem hübschen Pferdeschwanz zusammen.
„Noemi…“, sagte ich. „Wie hast du mich gefunden?“
Sie grinste nur.
„Ich hab deine Brieftasche dem Arzt gegeben, als ich dich gestern Nacht im Krankenhaus abgeliefert habe.“ Sie stand auf und sah meine CD’s durch. „Du stehst auf coole Musik.“
„R’n’B und Rap, das ist so mein Ding. Aber kein Aggro Berlin.“ Ich lief zur Anlage und legte eine CD von Beyoncé rein.
„Wow“, machte Noemi. „Das ist Halo. Kenne ich.“
Ich nahm Noemi an die Hand und führte sie zu dem Tisch, der bei mir im Raum stand. Dann holte ich aus einem Kühlschrank in meinem Zimmer zwei Energy Drinks und gab Noemi einen davon.
„Magst du die?“, fragte ich.
„Ja“, antwortete sie.
Eine Weile saßen wir einfach nur da und lauschten Beyoncés Worten.

Ich konnte es immer noch nicht fassen. Sie war da. Das Mädchen, über die ich die ganze letzte Woche nachgedacht habe. Das engelsgleiche Wesen, deren Anblick ich seit unserem ersten Treffen nicht vergessen konnte – sie saß hier bei mir am Tisch und hörte Musik mit mir.
Ich musste ihr keine Fragen stellen. Ich musste nicht wissen, wer sie war, oder wo sie herkam. Ich musste nichts über sie wissen.
Es war nur wichtig, dass sie jetzt mit mir hier war, mit mir zusammen in diesem Zimmer saß, und mich mit ihren blauen Augen so lieb ansah.
Habe ich mich verliebt?
Es war nicht wie bei den anderen Frauen. Es war nicht so, dass ich auf irgendetwas aus war, was sowieso nicht lange dauern würde. Oder gar einen One-Night-Stand.
Bei Noemi war es etwas Anderes. Ich kann dieses Gefühl nicht beschreiben, aber es war etwas, was ich so mit meinen achtzehn Jahren noch nicht erlebt habe, seit ich begonnen habe, mich in Mädchen zu verlieben.
Ich wusste immer, was ich sagen sollte. Ich wusste immer, mich bei den Mädchen, mit denen ich in Kontakt trat, auszudrücken und ins rechte Licht zu setzen.
Bei Noemi wusste ich es nicht. Stumm wie ein Fisch schaute ich sie einfach nur an und lächelte.
„Hey, du sagst ja gar nichts“, stellte sie dann fest.
„Bin wohl noch etwas benebelt…“, gab ich zu.
Seltsam – vor jedem anderen Mädchen wäre es mir peinlich gewesen. Aber bei Noemi hatte ich das Gefühl, dass sie mich nicht durch eine rosarote Brille sehen würde. Ich dachte nicht, ich müsste mich irgendwie verstellen, besonders cool rüberkommen oder jemand vorgeben zu sein, der ich nicht war.
„Das war ja auch eine Hammeraktion gestern“, sagte sie zu mir. „Kannst froh sein, dass du dir bei deinem Sturz von der Bühne nicht irgendwas gebrochen hast.“
„Ich bin von der Bühne gestürzt?“, fragte ich ungläubig.
„Aber volle Kanne“, meinte sie. „Schon beim ersten Lied.“
„Was um alles in der Welt hab ich denn auf der Bühne gemacht?“
Noemi lachte. „Du hast versucht zu singen“, meinte sie zu mir.
Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen und hielt sie mir vors Gesicht.
„Keine Sorge“, sagte Noemi. „Es hat keiner gemerkt, dass du nicht singen konntest. Schon als es richtig los ging, lagst du schon unter der Bühne.“
Ich musste lachen.
„Passiert dir eigentlich so was öfters?“, wollte sie wissen.
„Manchmal“, gab ich zu. „Ich bin mal nur in Unterhose mit dem Auto losgefahren und kam in eine Polizeikontrolle.“
Noemi musste lachen.
„Und als ich in Amerika im Urlaub war, da hat mich mal eine Frau angesprochen, die mich dann mit auf eine öffentliche Toilette genommen hatte, um zu knutschen. Und wenig später war sie weg, und mein ganzes Geld auch.“
„Haha“, machte Noemi. „Selbst Schuld.“ Sie lachte laut.
„Es hat sich hinterher rausgestellt, dass sie wohl eine Prostituierte war. Ich hatte nie vor, mit ihr mitzugehen oder mit ihr was zu machen. Aber das musste ich dann den Bullen erklären, die mich für einen Freier hielten. Ist ja in Amerika streng verboten.“
„Und wie hast du dich rausgeredet?“
„Ich hab einfach gesagt, ich Tourist, ich keine Ahnung.“
Wir lachten beide.
„Wo in der Welt warst du noch gewesen?“, fragte sie schließlich.
Und dann lief ich zum Schrank und holte eine Fotomappe heraus.
„In Amerika mehrmals. Dann viel in Spanien, in Portugal, in England und einmal auch in Thailand.“
Noemi sah sich die Fotos an, die ich während meiner Reisen geschossen hatte.
„Das sind tolle Bilder“, meinte sie dann leise. „Ihr müsst ja ganz schön Kohle haben, wenn du so herum kommst.“
„Mein Vater ist Manager in einem Zeitungsunternehmen“, erklärte ich ihr. „Ist nicht schlecht.“
„Und du? Was machst du so?“ Sie sah mich an.
„Ich bin zurzeit Zivi in einem Altenheim.“
„Cool“, sagte sie. „Finde ich ganz schön mutig. Viele würden das nicht machen wollen.“
„Ich hab eigentlich kein Problem damit“, stellte ich klar. „Die Alten sind cool drauf. Und sie freuen sich, wenn ich mal ab und zu ein bisschen frischen Wind in die Bude bringe.“
„Und nach dem Zivildienst, was willst du dann machen?“
„Ich will studieren“, meinte ich. „Weiß aber noch nicht genau, was. Wahrscheinlich Medienwissenschaften oder so.“
„Interessant“, stellte Noemi fest. „Ich hätte auch gerne studiert.“
Ich sah sie an und legte einen fragenden Blick auf. „Ich dachte eigentlich, du wärst eine Studentin von der Fachhochschule.“
„Wie kommst du darauf?“, wollte sie wissen.
„Die Meisten, die in diese Disco gehen, kommen doch von der Fachhochschule.“
„Ich nicht“, sagte Noemi. „Ich bin in der Ausbildung.“
„Aha“, machte ich. „Würde ich auch lieber machen als zu studieren, aber meine Eltern erwarten das von mir.“
„Warum willst du eine Ausbildung machen? Studieren ist doch cool.“ Noemi legte dann die Fotos wieder zur Seite.
„Eigenes Geld verdienen“, meinte ich daraufhin. „Aber irgendwie… weißt du, es ist manchmal schwer für mich, morgens aus den Federn zu kommen.“
„Aber du hast einen guten Job“, machte sie mir dann klar. „Weißt du, diese alten Menschen können so dankbar sein. Und wenn du sie im Stich lässt, wäre das nicht fair ihnen gegenüber.“
„Ja, da hast du sicher Recht.“
„Hast du öfters schon gefehlt?“, wollte Noemi wissen. „Du hättest doch sicher heute arbeiten sollen.“
„Ja, ich hatte letztens ein Disziplinarverfahren wegen meiner Fehlstunden.“
„Leon, du solltest echt regelmäßig zur Arbeit gehen“, gab mir Noemi zu Bedenken.
„Erzählst du mir auch etwas über dich?“, fragte ich Noemi dann fast beiläufig.
Sie schien es zu überhören.
„Komm, gehen wir in die Eisdiele, hast du Lust?“, sagte sie stattdessen.
Ich schnaufte aus. „Ich versuche es“, meinte ich dann.

Es war heute ein sonniger Abend. Die Wespen und Hummeln schwirrten um den Tisch herum, an dem Noemi und ich in der Eisdiele saßen. Im Radio lief italienische Musik. Hörte ich nicht so gerne, aber hier klang sie irgendwie schön. So beruhigend.
„Ich nehme einen Nussbecher“, bestellte Noemi beim Kellner, der dann kam.
„Ich trinke nur was“, sagte ich schließlich.
Ich bestellte mir ein Pils. Aber schon bevor ich die Bestellung aussprechen konnte, nahm Noemi meine Hand.
„Leon“, sagte sie. „Nach gestern… meinst du nicht…“
„Okay“, lächelte ich. „Ich nehme den Schokobecher.“
„Du trinkst gerne mal Einen“, stellte Noemi dann fest. Und irgendwie machte es mir gar nichts aus, dass sie danach fragte.
„Schon“, sagte ich leise.
„Mehrmals die Woche?“, fragte sie.
Ich nickte.
„Regen sich deine Eltern deswegen immer wieder auf?“, wollte sie schließlich wissen.
„Kann sein“, meinte ich, während ich sie einfach lächelnd ansah.
„Leon“, flüsterte Noemi, als sie meine Hand nahm. „Was ist mit dir? Du siehst do geistesabwesend aus.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Weißt du“, begann ich, „ist dir das auch schon mal passiert? Du triffst auf jemanden, und plötzlich hast du das Gefühl, dass du diese Person seit Jahren kennst, dass du nichts vor ihr verheimlichen musst und ihr alles sagen kannst, und dass, egal was es ist, du das Gefühl hast, dass sie dich versteht und zu dir hält?“
Noemi nickte schwach.
„Mir geht es mit dir so“, gab ich ihr gegenüber dann zu. „Es ist so… ich weiß nicht… plötzlich ist alles so anders…“
„Ich hab auch irgendwie das Gefühl, ich würde dich schon Jahre kennen“, meinte Noemi dann lächelnd.
„Aber trotzdem weiß ich nichts über dich“, stellte ich fest.
„Keine Fragen, keine Lügen“, sagte Noemi leise.
Ich schaute sie stumm an.
„Wir werden noch Zeit genug bekommen, mehr von uns zu erfahren“, machte sie nachdenklich. „Findest du nicht?“
„Okay“, lächelte ich. „Wobei ich wirklich das Gefühl habe, du kennst mich schon gut.“
„Ich werde dir mehr erzählen“, sagte Noemi schließlich. „Bei Zeiten erzähle ich dir mehr über mich. Aber jetzt möchte ich noch nicht.“
„Kein Problem“, sagte ich zu ihr. „Heißt das, dass wir uns wieder sehen?“
Noemi strahlte mich an. „Auf jeden Fall“, sagte sie.

Sie gab mir heute noch keinen Kuss, als sie dann ging, nachdem sie mich wieder nach Hause zurück brachte. Aber ihre Augen verrieten mehr als tausend Worte.
Ich fühlte etwas. Ich fühlte etwas, und das war immens.
Und ich glaube, ihr ging es genau so.
Ich war nicht so ganz sicher, dass sie mich auch liebte oder sich in mich verliebt hatte. Alles war richtig schön heute. Ich könnte losrennen und die ganze Welt umarmen. Und sie lächelte, als ob sie das auch wollte.
Ich war jedenfalls verliebt. Und ich freute mich so sehr, dass ich sie bald wieder treffen würde.
Noemi. Fremdes, geheimnisvolles Mädchen, das mein Leben gekreuzt hatte.
Ich wusste nicht, warum sie geheimnisvoller war, als ich dachte. Aber in diesem Moment, als ich so da stand vor unserer Haustüre und ihr nachschaute, als sie zur Bushaltestelle ging, war es gar nicht wichtig, etwas über sie zu wissen. Sie war Noemi, mein unbekannter Engel. Und mehr brauchte sie zu diesem Zeitpunkt nicht zu sein.

Kapitel 4 - Das Ende vom Regenbogen

Ich steuerte den Wagen mit konstanten hundertzwanzig Stundenkilometern über die französische Autobahn. Der Fahrtwind wehte uns in den Haaren, und Noemi hatte ihre Füße auf die vorderen Armaturen gelegt, während ihre langen, blonden Haare hin und her wehten.
Schließlich band sie sich einen Zopf und sah mich mit strahlenden Augen an.
„Hunger?“, wollte ich dann von ihr wissen. Aber sie reagierte gar nicht auf meine Frage.
„Du, Leon, das kommt mir alles so vor wie in einem Traum“, sagte sie stattdessen. „Mit dir so einfach mal ein Wochenende wegfahren, einfach mal ins Grüne, irgendwo hin… das ist so der Wahnsinn.“
„Danke“, lächelte ich ein bisschen stolz.
„Wann hast du das letzte mal so etwas Verrücktes gemacht?“, wollte sie dann wissen.
„Ich glaube, etwas so Verrücktes noch nie“, überlegte ich.
„Aber du hast doch schon jede Menge Unsinn gemacht“, stellte Noemi fest.
„Noch nie nüchtern.“ Ich lächelte sie an. „Du, ich habe jetzt seit gut zwei Wochen nichts mehr getrunken.“
„Mensch, das ist ja toll“, sagte Noemi stolz. „Siehst du, es geht ja auch ohne Alkohol.“
„Ja“, stellte ich fest. „Mit dir auf jeden Fall.“
Als das Hinweisschild für Straßburg kam, nahm ich die Ausfahrt und bog, nachdem wir die Autobahn verlassen hatten, in eine Straße ein, die in die Stadt hinein führte.
Wir landeten wenig später in der Altstadt, und da gab es ein kleines Hotel, was sehr urig aussah. Es hatte gerade mal drei Stockwerke. Die Fenster waren groß und im gotischen Stil gehalten, und das Mauerwerk war fest wie das einer Kirche. Das Haus war so gar nicht mein Stil. Aber alle Häuser hier in der Straßburger Altstadt waren so, und es erinnerte mich an die Schlösser, die ich als Kind mit meinem Vater zusammen in der Provence und dem Loire-Tal ansah. Es gefiel mir irgendwie. Es war anders, aber es gefiel mir.
„Wie findest du es?“, wollte ich von Noemi wissen.
„Ist doch sicher schweineteuer“, meinte sie daraufhin.
„Maus“, sagte ich. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich sehr gerne auf diesen Trip eingeladen habe. Geld spielt keine Rolle.“
Noemi schnaufte aus.
„Mach dir keine Gedanken, bitte“, sagte ich zu ihr.
Noemi sah mich einfach an und lächelte.
„Komm, bitte“, sagte ich zu ihr. „Gehen wir rein und fragen?“
„Okay“, sagte Noemi.

Während ich zum Check-in ging und unsere Taschen in das Haus hinein trug, suchte Noemi die Toilette auf und schien sich ein bisschen frisch zu machen.
Wenig später hatten wir bereits unser Zimmer.
Es war richtig schön gelegen, mit Blick auf den angrenzenden Garten. Und überall duftete es hier nach Rosen und Lilien. Und im weiteren Bereich war sogar ein Gewürzgarten angelegt, wie man ihn von den typischen Schlössern dieser Gegend her kannte.
Ich stand am Fenster und sah hinaus.
Ich bemerkte nicht, dass Noemi für eine Weile im Badezimmer verschwunden war. Sie sagte zwar, dass sie auf die Toilette musste, aber das war jetzt bestimmt eine Viertelstunde her.
Ich genoss die frische Sommerluft und zündete mir eine Zigarette an.
Als Noemi wiederkam, lehnte sie sich an mich, und ich legte meinen Arm um sie.
„Es ist so wahnsinnig toll hier“, sagte sie leise.
Ich bemerkte nicht, dass sie auf einmal gar nicht mehr so zufrieden aussah. Ich sah nicht, dass sie nicht mehr ihr Lächeln auf den Lippen hatte, sondern nachdenklich zu Boden sah, statt wie ich aus dem Fenster raus zu schauen und die Atmosphäre in sich aufzusaugen.
„Gehen wir nachher in die Stadt?“, fragte ich sie. „Da ist eine Waikiki-Bar.“
„Ja“, sagte sie. „Das ist eine sehr schöne Idee.“
Ich sah ihr in die Augen, und als ich den Blick auf sie erhaschte, lächelte sie mich an.
„Ist alles okay, Noemi?“, fragte ich dann leise.
Sie nickte. „Es ist nur… ich hatte irgendwie noch nie das Gefühl, dass ich je so verliebt war…“
Mein Herz klopfte.
„Ich dachte schon, du würdest es nicht sagen“, lächelte ich. „Ich bin auch sehr verliebt, Noemi. Und ohne Ende glücklich.“
Sie lehnte sich an mich.
„Leon, ich möchte deine feste Freundin sein“, hauchte sie. „So richtig.“
Plötzlich holte sie etwas aus ihrer Tasche. Ich sah erst nicht, was es war, aber dann sah ich ein kleines Etui. Sie gab es mir schließlich.
„Hier, das ist für dich“, flüsterte sie.
Ich öffnete das Etui, und heraus kam ein wunderschöner silberner Ring.
„Wow…“, entfuhr es mir nur.
Und dann küsste sie mich. Innig und lange.
Ich war vielleicht jemand, der mit Mädchen nicht unbedingt ein schwieriges Spiel hatte. Aber in dieser Beziehung, und gerade bei Noemi, war ich doch ein bisschen altmodisch. Ich war froh, dass dies erst jetzt unser erster Kuss war. Das machte unsere ganz junge Liebe noch viel interessanter und wertvoller.
„Love you“, flüsterte ich ihr dann anschließend zu.
„Ich dich auch“, sagte sie.
Und während unserem zweiten Kuss krabbelte ich mit meinen Fingern an ihrem Arm hinauf. Als ich an der Innenseite ihres Ellbogen angelangt war, spürte ich plötzlich etwas, was ich nicht zuordnen konnte.
Ich strich ihr über den Kopf, als unser zweier Kuss zu Ende ging, und dann sah ich es: Einstichwunden. An der Innenseite ihrer Ellbögen hatte sie mehrere Einstichwunden. Ich hatte dem keine besondere Bedeutung zugemessen. Hätte ich auch nicht getan, wenn sie nicht auf einmal so traurig geschaut hätte.
„Maus, was ist los?“, fragte ich sie dann.
„Ich… mir ist grad nicht gut“, stammelte Noemi dann. Und wieder rannte sie zur Toilette.
Als sie wieder heraus kam, schien es ihr ruckartig besser zu gehen.
„Alles okay?“, fragte ich dann.
„Ich bin glücklich, Leon“, hauchte sie nur leise.

Am Abend waren wir dann in der besagten Waikiki-Bar. Wir tranken beide keinen Alkohol, es lief auch so perfekt. Wir fühlten uns großartig und redeten den ganzen Abend bei unseren Cocktails ohne Alkohol.
Noemi war, anders als vorhin, ganz ausgelassen, fröhlich und zufrieden. Und ich liebte es, sie so zu sehen.
Später tanzten wir sogar noch Engtanz zur ruhigen Musik, die sie hier spielten. Und so gegen ein Uhr nachts gingen wir dann wieder raus an die frische Luft.
Als Noemi tief einatmete, sah ich sie an und machte es ihr nach.
„Spürst du das?“, fragte ich.
„Was?“
„Das Glück“, meinte ich.
„Ja“, sagte sie.

In dieser Nacht geschah das erste Mal zwischen uns. Hier in Frankreich, in einem wahnsinnig schönen Hotelzimmer in einem alten, rustikalen Haus. Und es war das Wahnsinnigste, was ich seit Langem erlebt habe.
Kein Drink dieser Welt, kein Mädchen dieser Welt hätte mir das geben können. Und es war so echt, so neu und toll alles.
Ich wusste in dieser Sekunde schon, dass ich alles getan hätte, um dieses Glücksgefühl zu halten, was immer geschieht.

Als Noemi eingeschlafen ist, betrachtete ich sie noch eine Weile, wie sie neben mir im Bett lag. Auf dem Stuhl lagen ihre Klamotten, und auf dem Nachtschrank ihre Brieftasche.
Ich wollte gerade ihre Brieftasche in ihren Rucksack hinein tun, damit sie nicht verloren ging – und da fiel ihr Personalausweis heraus. Ich wollte mir kurz das Bild ansehen… und dann sah ich die Adresse: Berliner Straße 15.
Berliner Straße? In Düsseldorf?
Das hätte jede andere Straße sein können, ich hätte sie nicht gekannt. Aber die Berliner Straße war in der ganzen Stadt bekannt. Und diese traurige Berühmtheit erlangte sie, weil sie als die absolut schlechteste Wohngegend mit der höchsten Kriminalitätsrate bekannt war. Sie war so heruntergekommen, dass dort nur die Ärmsten der Armen lebten, die besonders schwierigen Fälle sozusagen. Diese Menschen, die Leute wie meine Eltern als Asozial abstempeln würden. Gangster. Banden. Ghetto-Kids. Drogensüchtige…
Noemi machte ihre Augen auf, als sie merkte, dass ich mit ihrem Ausweis in der Hand an ihrem Bettrand saß.
„Schatz, ich wollte ihn nur wieder zurücktun, er ist raus gefallen“, versuchte ich mich zu entschuldigen.
„Nicht schlimm“, sagte Noemi leise. „Jetzt weißt du ja, warum ich nicht gerne etwas über mich erzählen wollte.“
„Maus, es ist mir egal, wo du her kommst“, versicherte ich ihr. „Jetzt sind wir hier zusammen, das zählt.“
„Die Gegend, aus der ich komme, und in der ich lebe, ist nicht die Beste, ich weiß…“, begann Noemi. „Aber das ist auch für mich nicht leicht.“
„Ich habe keine große Vorstellung, wie das Leben dort ist“, sagte ich dann zu ihr. „Aber glaube mir bitte, es ist nicht wichtig für uns.“
„Danke“, hauchte sie. „Es ist mir sehr viel Wert, dass du mich akzeptierst, wie ich bin. Aber ich bitte dich trotzdem, mich dort nicht zu besuchen.“
„Warum?“, wollte ich schließlich wissen.
„Es ist einfach eine schlimme Gegend, und ich möchte nicht, dass du mich dort so siehst.“
„Aber Maus, ich habe dir doch gesagt, dass das nicht wichtig ist.“ Ich sah sie ernst an. „Aber okay, ich werde dich dort nicht besuchen, wenn du es nicht magst. Es gibt tausend andere Orte, an denen wir uns treffen können.“
„Tausend Orte, die schöner sind als der, von dem ich komme.“ Sie lächelte mir zu, und dann gab sie mir einen Kuss.
Ich legte mich neben sie und lehnte meinen Kopf an ihre Schuler.
„Du, verrätst du mir, gegen was du eigentlich allergisch bist?“, fiel es mir dann plötzlich ein.
„Wie?“, sagte sie dann. „Gegen gar nichts, denke ich. Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Na, ich hab doch vorhin an deinem Arm die Einstiche gesehen, da dachte ich, du bekommst regelmäßig Allergiespritzen oder so. Ein Arbeitskollege von mir hat das auch, der hat es mit Pollen und Heuschnupfen und so.“

Noemi erschrak.
Sie sagte nichts.

Hätte ich dieses versteckte, vielleicht fast absichtlich offensichtliche Signal deuten können. Hätte ich es bloß deuten können. Aber das konnte ich jetzt noch nicht.
Als von ihr keine Erklärung kam, fragte ich nicht näher nach.
Es war nicht wichtig, wo sie herkam. Es war nicht wichtig, dass sie offenbar aus ärmlichen Verhältnissen kam. Ich liebte sie, das zählte. Ich liebte sie, weil sie meine Freundin war. Ganz offiziell.
Und es sollte nichts geben, was uns wieder trennen würde.

Kapitel 5 - Disput mit den Eltern

Mist, dass es heute geregnet hatte. Gerade an diesem Sonntag, wo ich wieder mal frei hatte, wäre ich gerne mit meinem Cabrio mit Noemi durch die Gegend gebrettert, Pampa-Power. Ab ins Grüne.
Aber na, ja, ich hatte mich auch auf den schönen Fernsehabend gefreut. In meinem Zimmer hab ich schon alles vorbereitet. Ich hab Chips und Cola gekauft, und die Kerzen brannten schon. Da war es auch nicht wichtig, dass wir heute einen typischen Frauenfilm ansehen würden – Dirty Dancing. Zum wievielten Mal der wohl schon im Fernsehen lief? Aber Noemi wollte ihn unbedingt ansehen.
Bis sie kommen würde, legte ich schon mal unsere Lieblings-CD auf. Ich klönte auf meiner Couch und rauchte eine Zigarette, während ich auf sie wartete.

Etwa eine halbe Stunde später ging die Türklingel. Aufgeregt und in meinen besten Sonntagsklamotten stapfte ich das große Treppenhaus hinunter und lief durch die Eingangshalle unserer Villa zur Türe.
„Ist für mich“, sagte ich meinen Eltern, die im Wohnzimmer saßen und lasen.
Als ich öffnete und sie so vor mir stand, klopfe mein Herz. Wir waren jetzt schon über einen Monat zusammen, aber sie schaffte es jedes Mal aufs Neue, dass es sich so anfühlt, als wäre es der erste Tag.
„Hey, Maus“, begrüßte ich sie.
„Hey“, sagte sie, während sie mir einen Kuss gab.
Dann liefen wir ins Wohnzimmer. Meine Eltern schauten kurz auf.
„Mama, Papa, ihr kennt ja Noemi schon vom Sehen“, stellte ich sie ihnen vor.
„Guten Tag“, grüßte mein Vater sie höflich.
Schüchtern gab Noemi ihm die Hand.
„Nun, was habt ihr für heute geplant?“, wollte mein Vater wissen.
„Wir sehen uns einen Film an“, sagte ich zu ihm.
„Interessant“, meinte mein Vater. „Noemi, erzählen Sie doch mal etwas über sich. Was machen Sie so? Wie wohnen Sie so?“
„Papa, bitte“, versuchte ich, meinen Vater abzulenken.
„Sind Sie Studentin an der Fachhochschule?“, fragte dieser dann aber unbeirrt.
„Ich bin in der Ausbildung“, erklärte Noemi dann schließlich.
„Oh“, sagte mein Vater. „Unser Sohn wird ab kommendem Jahr sein Studium aufnehmen. In welcher Branche machen Sie Ihre Ausbildung?“
„Bäckereifachverkäuferin“, sagte Noemi nur knapp.
Ich spürte schon, dass sie eigentlich genau so genervt war wie ich.
„Nun, das ist ja ein sehr solides Handwerk“, stellte mein Vater fest. „Machen Sie die Ausbildung im Betrieb Ihrer Eltern? Dann stünde dem ja nichts im Weg, dass Sie eines Tages den Betrieb übernehmen.“
„Ja, vielleicht“, ging ich dann dazwischen. „Können wir jetzt in mein Zimmer gehen?“
„Natürlich“, sagte mein Vater.
Gott sei Dank, er fragte nicht nach. Hätte er gewusst, wo Noemi herkommt, wo sie wohnt, dann hätte er sie achtkantig rausgeschmissen.

Wir bekamen vom Film nicht viel mit. Schon als sie begonnen haben, so eng zu tanzen und Baby auf der Party ankam, wo sie den Lehrer traf, waren wir mitten in eine wilde Knutscherei vertieft.
Aber die Musik des Films war ganz nett. Sie lief im Hintergrund, war eigentlich gar nicht so mein Stil, aber sie passte zur Situation.
„Leon“, flüsterte Noemi dann, während sie ihren Kopf in meine Schulter legte. „Ich liebe dich.“
„Ich dich auch, Noemi“, sagte ich zu ihr.
Noemi schnaufte aus.
„Was ist?“, fragte ich. „Ist alles okay?“
„Ja“, sagte sie. „Ich fühle mich bei dir so… so sicher…“
„Danke“, antwortete ich, ohne größer nachzudenken.
„Es ist nur…“, sagte sie nach einer Pause. „Du hast so ein tolles Haus, du hast so viele Sachen. Und ich, ich bin nur so ein einfaches Mädchen…“
„Ach, Schatz“, meinte ich. „Du bist kein einfaches Mädchen. Du bist ein ganz besonderes Mädchen.“
„Aber was habe ich dir denn schon zu bieten?“, machte sie traurig.
„Noemi, du hast mir mehr zu bieten als es je irgendjemand Anderes könnte“, gab ich ihr zu verstehen. „Mach dir doch keine Sorgen. Es ist mir nicht wichtig, wo du herkommst oder was du machst. Ich finde es nur so endlos schön, mit dir zusammen zu sein.“
„Aber deine Eltern…“, warf sie ein.
„Scheiß auf die“, antwortete ich. „Ich weiß doch selbst am Besten, wen ich liebe, und mit wem ich zusammen sein möchte. Da haben die mir nicht reinzureden.“
Noemi sagte nichts mehr und legte ihren Kopf wieder in meine Schultern, während ich sie über ihren Arm streichelte.

Dann klopfte es plötzlich, und wenig später ging meine Zimmertüre auf.
„Leon, kann ich dich kurz draußen sprechen?“, sagte mein Vater in seiner superhöflichen Form.
Widerwillig dackelte ich dann mit ihm vor meine Zimmertüre.
Dann drückte er mir etwas in die Hand.
Noemi und ihre Sachen. Sie muss vorhin ihre Brieftasche verloren haben, als wir unten im Wohnzimmer waren. Mein Vater gab sie mir und sah mich streng an.
„Oh“, sagte ich. „Hat sie wohl fallen lassen. Danke.“
„Ich habe nachgeschaut“, sagte mein Vater dann. „Weißt du, wo deine Freundin wohnt? Das ist mit Abstand die schlimmste Gegend in der Stadt, wenn die Adresse stimmt.“
„Wieso spionierst du in der Brieftasche meiner Freundin?“, sagte ich verärgert.
„Dann weißt du, wo sie herkommt“, stellte er fest, ohne auf meine Frage einzugehen. „Ich möchte, dass du sie jetzt bittest zu gehen. Und ich möchte sie nicht mehr hier in meinem Haus sehen, darüber bin ich mir mit deiner Mutter einig.“
„Was?“ Ich sah ihn streng an. „Was hast du dich eigentlich in meine Beziehungen einzumischen?“
„Junge, du wirst schon bald, wenn du studierst, eine nette Kommilitonin finden, die wie du aus gutem Hause kommt.“
„Scheiß auf dein gutes Haus“, sagte ich zu ihm. „Ich bin mit Noemi zusammen. Sie ist meine Freundin, egal wo sie herkommt, und damit Ende.“
„Ich warne dich“, sagte er lauter.
„Würdest du bitte leiser reden, das ist unhöflich meiner Freundin gegenüber“, äffte ich seinen geschwollenen Ton nach.
„In zehn Minuten ist sie aus der Türe draußen“, gab er mir unmissverständlich zu verstehen. „Und du wirst sie nicht wieder sehen.“
Ich nahm die Brieftasche und machte, nachdem ich wieder in meinem Zimmer war, die Türe fest zu.
„Was wollte er?“, fragte Noemi dann.
Aber ich wollte ihr nicht sagen, was mein Vater mir sagte.
„Er hatte deine Brieftasche gefunden“, sagte ich zu ihr, als ich sie ihr gab. „Du, sollen wir was ganz Verrücktes machen?“
Noemi sah mich an.
„In Neuss ist heute Jahrmarkt“, meinte ich. „Da gibt es eine ganz verrückte Achterbahn. Traust du dich, sie zu fahren?“
„Es regnet“, stellte Noemi fest.
„Dann macht es umso mehr Spaß“, sagte ich leise zu ihr.
„Was ist wirklich los?“, fragte Noemi dann.
Ich schnaufte aus.
„Deine Eltern wollen mich nicht hier haben, stimmt’s?“, wollte sie wissen.
Ich sah sie nur an.
„Ist schon okay“, meinte sie schließlich. „Ich hab’s nicht anders erwartet.“
„Mein Vater hat in deiner Brieftasche herumspioniert“, erklärte ich. „Er muss deinen Ausweis gefunden haben, wo drin steht, dass du im Berliner Ring wohnst.“ Ich nahm sie in den Arm. „Aber bitte glaube mir, das ist nicht wichtig. Ich lasse mir von meinen Eltern nicht sagen, mit wem ich zusammen bin, und mit wem nicht.“
„Leon, aber wo sollen wir uns denn treffen, wenn wir uns hier nicht mehr sehen können?“
„Das kriegen wir schon hin“, sagte ich zu ihr. „Dann nehme ich mir eben eine eigene Wohnung. Kann ich innerhalb von zwei, drei Monaten arrangieren.“
Noemi sah mich an und atmete resigniert aus.
„Mach dir bitte nicht so viele Gedanken“, meinte ich. „Komm, hauen wir ab von hier.“

Wir fuhren dann auf den Jahrmarkt und fuhren tatsächlich mit der Achterbahn. Anschließend gingen wir ins Festzelt, und obwohl es immer noch nieselte, hatten wir Spaß ohne Ende.
Typisch meine Eltern. Wie gerne hätte ich ihnen an den Kopf geknallt, dass Noemi es geschafft hat, dass ich seit mittlerweile fast zwei Monaten nichts mehr trank. Es ist ihnen nicht mal aufgefallen, dass ich wieder regelmäßig zur Arbeit ging, und dass ich die Abende nicht mehr in Kneipen oder Discos verbrachte, es sei denn, Noemi war dabei, und dann tranken wir auch nur Cola, Kaffee oder Energy Drinks.

Einen Abend später war das Wetter wieder besser, und wir machten dann unsere Tour ins Grüne. Wir fuhren einfach mit dem Auto los, irgendwo hin. Wir sahen uns ein kleines Dorf an, das überwiegend aus Fachwerkhäusern bestand, wir gingen an einem versteckten Marktplatz einkaufen und machten dann auf einer Wiese ein Picknick. Und am Abend besuchten wir noch einen Segelflughafen.
„Ich fand den Tag richtig schön“, sagte ich zu ihr, während wir auf dem Rückweg nach Düsseldorf waren.
„Ich auch“, lächelte Noemi. „Ich muss jetzt aber leider langsam wieder nach Hause…“
„Ja“, sagte ich. „Ich bringe dich natürlich. Sehen wir uns morgen wieder?“
Noemi sah mich an. „Kannst du mich bitte einfach an der Straßenbahnhaltestelle am Bahnhof rauslassen? Da fährt eine Bahn, die direkt vor meiner Haustüre hält.“
„Ich kann dich doch nach Hause bringen“, überlegte ich.
Und plötzlich sah Noemi wieder so traurig aus. Das war schon manchmal der Fall, und ich hatte es schon ein paar mal gemerkt, dass sie manchmal solche Momente hatte – in der einen Sekunde war sie mit mir überglücklich, und in der nächsten Sekunde schaute sie dann ganz traurig, so als wenn sie irgendetwas bedrücken würde.
„Was ist los, Schatz?“, fragte ich sie, als ich bereits auf die Landstraße in Richtung Düsseldorf einbog.
„Ich möchte nicht, dass du mich dort besuchst“, sagte sie nachdenklich. „Ich möchte nicht, dass du in meiner Straße vorbei kommst.“
„Ach, Maus…“, begann ich.
„Es ist mir irgendwie peinlich, und ich möchte das, was wir haben, nicht dadurch gefährden.“
„Es muss dir nicht peinlich sein“, stellte ich klar.
„Ich will eigentlich gar nicht nach Hause“, hauchte Noemi schließlich.
„Ich auch nicht“, sagte ich lächelnd zu ihr.

Wir verbrachten dann den Abend in einem Hotel irgendwo in einem Dorf. Ich bezahlte es heimlich mit der Kreditkarte, die auf meinen Vater lief. Ich dachte in diesem Moment nicht nach, dass er es herausbekommen würde. Dieser Abend, diese Nacht war zu schön, um sich darüber Gedanken zu machen. Und Noemi war so glücklich und ausgelassen. Mein Herz ging mir auf, als ich sah, welche Freude sie mit mir hatte.

Am nächsten Morgen brachte ich sie dann zum Bahnhof nach Düsseldorf. Nachdem wir uns mit einem leidenschaftlichen Kuss verabschiedeten, fuhr ich dann wieder zurück zu mir nach Hause.
Schon als ich parken wollte, stand mein Vater in der Haustüre und betrachtete mich mit Argusaugen.
„Wo warst du gewesen?“, fragte er mich, als ich ausstieg.
„Unterwegs“, sagte ich.
„Warum mietest du dich in einem Hotel ein?“, sprudelte es gleich aus ihm heraus.
Scheiße. Er muss die Abrechnung schon bekommen haben.
„Na, hier dürfen wir uns ja nicht aufhalten“, warf ich ihm verärgert entgegen. „Wenn ich mit Noemi eine Nacht verbringen möchte, dann muss ich das wohl künftig woanders machen.“
„Ich habe dir gesagt, du wirst sie nicht wieder sehen“, sagte er streng.
Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört, und ging in Richtung der Eingangstüre unseres Hauses.
„Wenn du sie noch mal triffst, dann werden Mutter und ich dich enterben“, stellte mein Vater klar.

Enterben. Das war krass.
Es war geplant, dass ich Medienwissenschaften studiere und später die Firma und das Haus meiner Eltern vererbt bekäme. Sie malten sich meine Zukunft in ihrem Kopf schon so schön aus.
Aber ich hatte vielleicht ganz andere Pläne, das wusste ich doch jetzt noch nicht. Ich könnte genauso gut auch ohne das Erbe meiner Eltern leben. Das interessierte mich nicht. Ich ließ mir doch von meinen Eltern nicht vorschreiben, mit wem ich eine Beziehung führte.
Ich beschloss, egal was kommen würde, für mich und Noemi zu kämpfen. Das war mir wichtiger als alles Andere. Und wenn meine Eltern das nicht verstanden, dann war das ihr beschissenes Problem, nicht meins. Ich würde auch ohne das Geld meiner Eltern klar kommen, wenn sie mir den Geldhahn zudrehten. Das war mir egal.
Die Beziehung zwischen Noemi und mir stand unter einem so guten Stern. Wir hatten so viele Gemeinsamkeiten, und wir waren so gerne zusammen. Das wollte ich um keinen Preis aufgeben. Und ich würde einen Weg finden, wie wir trotz der Attacken meiner Eltern zusammen bleiben können. Ich wusste, für Noemi lohnt es sich zu kämpfen. Und das wollte ich.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was mit Noemi wirklich los war. Was sie wirklich hatte. Und es war etwas, was ich mir in meinen schlimmsten Träumen nicht hätte vorstellen können.
Aber das sollte ich noch nicht erfahren. Jetzt noch nicht.

Kapitel 6 - Der heimliche Besuch

Merkwürdig, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man etwas tut, was einem Spaß macht. Und wie langsam sie vergeht, wenn man auf etwas wartet, was dann letzten Endes doch nicht passiert.
Noemi hatte sich schon seit mehreren Tagen nicht gemeldet. Ich hatte sie zweimal angeschrieben, aber sie reagierte nicht. Ich ging davon aus, dass sie wieder ihr Ladekabel vom Handy verlegt hatte, oder sie war mit ihren Arbeiten für die Ausbildung so sehr beschäftigt, dass sie keine Zeit hatte zu antworten.
Merkwürdig fand ich es aber schon, denn erst vor drei Tagen sagte sie mir, wie sehr sie mich liebt, und dass sie froh war, jemanden wie mich zu kennen.
Was es wohl bedeuten mochte, wenn jemand dir sagt, er ist froh, jemanden wie dich zu kennen?

Ich saß schon seit drei Stunden auf meinem Sofa im Zimmer und hörte Musik. Gott sei Dank, meine Eltern waren heute nicht da, so konnten sie nicht an mir rummäkeln oder mich sonst irgendwie nerven.
Ich könnte ja mein Cabrio nehmen und einfach mal ein bisschen raus fahren, dachte ich so bei mir. Das hab ich lange nicht mehr gemacht. Es war zwar schon abends, so gegen sechs Uhr, aber die Nacht war ja noch jung. Na, ja, trinken würde ich nicht, das wusste ich. Obwohl ich mich manchmal dabei ertappte, dass ich einen Grund suchte, um wieder trinken zu können. Aber ich hatte es Noemi ja versprochen. Sie sagte mal, sie mag mich nicht, wenn ich Alkohol getrunken habe. Eigentlich mochte mich niemand, wenn ich Alkohol getrunken hatte. Ich habe mir dann immer nur eingebildet, ich wäre stark und bei allen beliebt. Erst jetzt, seit ich nicht mehr trinke, merkte ich das voll. Ich merkte, wie ich wirklich bin. Und das war das, was Noemi an mir mochte.
Ich nahm mir eine Cola aus meinem Kühlschrank und setzte mich an den Fenstersims und schaute hinaus. Das Wetter war heute nicht schlecht, dafür dass es fast Herbst war. Die Sonne schien, und nur einige Wolken waren am Horizont zu sehen. Ideales Wetter eigentlich, um raus zu fahren.
Aber wohin?
Egal. Ich trank meine Cola aus, packte meine Autoschlüssel ein und lief runter zur Garage, wo mein Cabrio stand.

Mit offenem Dach bretterte ich dann ziellos durch die Stadt. Ich fuhr am Einkaufszentrum vorbei. Es hatte noch auf, aber ich brauchte nichts. Also fuhr ich weiter.
Ich kam dann zum Stadtgarten. Während ich die Musik ausmachte, stellte ich mein Auto ab und stieg dann aus.
Im Stadtgarten spazierten einige Menschen mit ihren Hunden, andere joggten. Ich hatte ja meine Sportsachen an, also lief ich auch eine Runde.
Nach etwa einer halben Stunde kam ich wieder zum Auto und setzte mich rein.

Noemi. Immer musste ich an sie denken. Und ich wusste nicht, wieso, aber jedes Mal, wenn ich an sie dachte, überkam mich so ein ungutes Gefühl.
Als ich an der großen Kreuzung rechts abbog, sah ich in der Ferne eine Hochhausanlage. Ich musste unbewusst hierher gefahren sein, und eigentlich war diese Gegend für ein Auto wie meins nicht so geeignet. Aber trotzdem fuhr ich auf die Anlage zu.
Es war der Berliner Ring. Die Straße, in der Noemi wohnte. Ohne es eigentlich zu wollen oder vorzuhaben, bin ich zu ihr gefahren.
Ich parkte den Wagen in einer Ecke und lief dann die paar Meter zum Haus. Als ich dort ankam, sah ich bereits ein paar finstere Gestalten. Sie sahen mich merkwürdig an, aber ich hoffte, in meinen Sportsachen hier nicht allzu sehr aufzufallen.
Ich suchte Noemis Hausschild. Das stellte sich als sehr schwierig heraus, da es hier an der Klingenanlage so viele Namen gab, und auf Anhieb habe ich ihren erst nicht gefunden. Im ersten Haus stand nichts, also lief ich dann zum zweiten Haus.
Als ich dann auf einem Schild den Namen Kasperski las, überlegte ich eine Weile, ob ich klingeln sollte.
Noemi Kasperski. Das war zweifelsohne ihre Wohnung. Wie sie wohl dort wohnte? Wie groß die Wohnung wohl sein mochte? Sollte ich wirklich klingeln?
„Leon“, machte hinter mir plötzlich eine Stimme, die ich aus allen anderen heraus erkennen würde. Ich drehte mich ruckartig um.
Und Noemi sah mir in die Augen. „Was machst du hier?“, fragte sie dann etwas schüchtern und verlegen.
„Du, Maus… ob du’s glaubst oder nicht, ich bin eigentlich zufällig hier vorbei gefahren.“
„Wie jetzt?“, meinte Noemi.
„Na, ich hatte irgendwie Sehnsucht nach dir“, gab ich zu. „Da muss ich unbewusst hergefahren sein.“
Noemi schnaufte aus. Ich merkte, dass sie mir das nicht recht glaubte.
„Leon, entschuldige, dass ich mich nicht gemeldet hatte“, sagte sie dann. „Ich war mit einer dicken Erkältung im Bett und konnte kaum reden.“
Ich sah sie an. „Geht’s dir heute besser, Schatz?“, wollte ich wissen.
„Leon, wir hatten doch ausgemacht, dass du nicht herkommst…“, stotterte sie.
„Hey“, sagte ich. „Es ist mir nicht peinlich.“
„Na, ja, jetzt bist du da“, meinte sie. „Aber wir gehen nicht hoch in meine Wohnung.“
„Gut“, antwortete ich. „Sollen wir irgendwo hin fahren?“
Und plötzlich kamen drei Jungs an, zusammen mit zwei Mädchen, alle so um die 17-20 Jahre alt. Auf den ersten Blick kamen sie mir nicht ungewöhnlich vor. Zwei von den Jungs trugen Sonnenbrillen und taten etwas obercool, aber als sie dann freundlich nickten, dachte ich mir nichts dabei.
„Leute, das ist mein Freund Leon“, stellte Noemi mich dann vor.
„Cool“, sagte der eine Junge.
„Leon, das sind Freunde von mir, mit denen ich hier ab und zu abhänge. Jesse, Jonas und Paul. Und die Mädels sind Katharina und Vicki.“
„Hi“, grüßte ich freundlich.
„Dich mal kennen zu lernen“, meinte Vicki dann. „Noemi hat schon voll viel von dir erzählt.“
„Aha“, kam es aus mir raus. Ich drehte mich dann zu Noemi. „Du hast mir nie davon erzählt, dass du hier eine Clique hast.“
„Ja, weißt du, hier in der Gegend ist es gut, wenn man ein paar Leute kennt.“

Ich hätte mich wundern sollen. Aber das tat ich nicht. Ich hätte mich fragen sollen, warum Noemi so wenig über ihr Zuhause, ihre Familie oder ihre Clique erzählte. Wenn wir zusammen waren, bis jetzt, gab es immer nur uns Beide. Ich hätte mir vorstellen können, dass sie außer mir noch Freunde hat, aber dass sie in einer Clique ist, das dachte ich nicht, nachdem Noemi bei mir doch immer so schüchtern war. Und dass sie das auf einmal jetzt gar nicht mehr war, das fiel mir erst nicht auf.

„Kommst du mit in den Bunker?“, fragte Paul Noemi. „Leon kann gerne mitkommen.“
„Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist“, sagte Noemi nachdenklich.
„Was ist denn der Bunker?“, wollte ich wissen.
„Der Kellerraum von Haus 13“, meinte Jesse schließlich. „Ist unser Gruppenraum sozusagen. Aber erwarte nicht, dass es dort besonders ordentlich ist. Der Hausmeister kommt dort so gut wie nie vorbei, und deshalb treffen wir uns da immer.“
„Du, ich finde, das klingt interessant“, sagte ich dann zu Noemi. „Okay, gehen wir“, wandte ich mich dann Jesse zu.
Und während die Jungs dann vorliefen, kam ich mit Noemi im Arm und den beiden Mädchen hinter uns dann nach. Als wir im Keller ankamen, machte Jesse die Türe dann auf.

Der Raum war groß, fast schon wie eine Tiefgarage, nur dass hier keine Autos parkten. Es roch ein wenig merkwürdig hier, aber das störte mich nicht. Ich war sowieso die penible Sauberkeit meiner Eltern Leid und eigentlich ganz froh, dass ich mal was Anderes sehen konnte.
Es lagen hier jede Menge Kisten herum. An der einen Ecke war eine alte Kloschüssel, neben der ein altes Waschbecken lag. An der hinteren Wand waren einige Fahrräder abgestellt. Und in der Mitte des Raums stand ein Tisch, um den sechs oder acht Stühle herumstanden, die alle nicht zueinander passten.
„Sieht wüst aus hier, nicht?“, meinte Noemi zu mir.
„Es sieht toll aus“, stellte ich dann fest. „Weißt du, bei mir zu Hause muss alles am vorgesehenen Platz stehen, und eigentlich vermisse ich ein bisschen das Chaos.“
„Na, hier hast du es“, meinte Jesse. „Aber wir fühlen uns wohl hier.“
„Und was macht ihr hier so?“, wollte ich dann wissen.
Und plötzlich merkte ich, wie Noemi rot wurde und anfing zu zittern.
„Na, was wohl?“, meinte Paul. „Konsumieren.“
Ich schaute blöd.
Dann packte Paul Tabak aus. Er hatte Blättchen dabei und in einer kleinen Tüte so grünes Zeug, von dem ich eigentlich wusste, was es war.
„Drogen?“, fragte ich.
„Hast du nie gekifft?“, wollte Katharina dann wissen.
„Nö“, sagte ich.
„Dann wird’s Zeit, dass du’s mal versuchst“, sagte sie. „Ist echt cool, sich mal einen durchzuziehen.“
„Ich bin eigentlich grad runter vom Alkohol“, dachte ich laut nach.
„Leon…“, meinte Noemi dann.
„Du kiffst auch?“ Ich schaute Noemi verwundert an. „Warum weiß ich das nicht?“
„Ich wollte es dir ja sagen“, stieß es aus ihr heraus. „Aber ich wusste nicht, wie du reagierst, gerade jetzt, wo du aufgehört hast, Alkohol zu trinken…“
„Ist schon okay“, beruhigte ich sie. Irgendwie fand ich das hier ganz normal, so seltsam es auch war, aber momentan schien es mich nicht zu stören.
„Ich rauche nur mal ab und zu einen mit“, meinte sie dann.
Ich spürte, dass sie zitterte, aber ich wusste nicht, warum.
Und ihre Freunde verstummten und schauten Noemi fragend an.
Keiner sagte etwas. Und so blieb Noemis Geheimnis, was ich noch nicht kannte, vor mir verborgen.
„Hey“, meinte ich dann schließlich. „Rauchen und Saufen sind zwei verschiedene Sachen. Nur, weil ich nicht mehr saufe, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht mal einen Joint probieren will. Kiffen soll eh gesund sein, jedenfalls gesünder als Trinken.“
„Ein Sixpack Bier haben wir natürlich auch“, meinte Paul dann. „Aber wir stehen eher auf Rausch statt auf besoffen sein. Musst ja keins trinken.“
„Aber eine rauchen“, meinte Katharina dann. „Da machst du doch mit?“
„Leon, du musst das nicht“, flüsterte mir Noemi ins Ohr.
„Hey, ich will aber“, sagte ich dann. „Also, her mit dem Zeug.“ Ich lachte.
„Cool“, sagte Paul. „Also, wenn du einen ganzen Joint alleine schaffst, dann bist du aufgenommen.“
Noemi atmete resigniert aus. Ich wusste nicht, ob sie mich davon abbringen wollte, es zu versuchen. Aber im Moment kam ich mir sehr sicher vor, denn ich war der Meinung, so ein Joint könnte mir nichts und würde mich noch lange nicht so ausrasten lassen wie ich es tat wenn ich getrunken hatte.
Paul machte dann zwei oder drei Joints fertig. Den ersten bekam ich. Und während ich ihn anzündete und langsam inhalierte, rauchten die Anderen dann die beiden anderen Joints zusammen.
Ich weiß nicht, warum es so war, aber plötzlich fühlte ich mich hier unten in dem dreckigen, versifften Keller aufgehobener als jemals bei mir zu Hause. Ich fühlte mich hier auf einmal wohler als in meinem viel zu ordentlichen Zimmer, wo alles an seinem Platz stehen musste. Die Freunde von Noemi waren nett und cool drauf, und ich merkte, dass ich mit jedem Zug etwas lockerer wurde.
„Schatz“, sagte ich dann zu Noemi, die neben mir saß und sich an mich kuschelte. „Warum hast du mir nicht früher schon davon erzählt?“
„Ich wusste nicht, wie ich es sagen sollte.“
„Deine Clique ist cool“, sagte ich zu ihr. „Vielleicht gehen wir mal zusammen weg.“
„Und, Leon?“, wollte Paul dann wissen.
„Der Wahnsinn“, sagte ich zu ihm. „Viel besser als Saufen.“
„Ja, ist immer so chillig“, sagte Katharina dann.
Mir kam es plötzlich vor, als wenn die Zeit sich langsamer dreht. Als wenn ich auf einer Wolke sitzen und schweben würde. Und ich glaubte, dass die Wände von dem tristen, grauen Keller plötzlich farbig wären. Jedenfalls begann ich, irgendwelche Muster zu sehen.
Aber ich sagte es nicht. Ich genoss einfach dieses schöne Gefühl und lehnte mich zurück.
„Sieht so aus, als wäre Leon jetzt aufgenommen“, meinte Paul dann.
„Jo“, stieß es aus mir nur heraus.
„Kannst jetzt öfters kommen“, meinte Jesse dann. „Wir sind immer hier.“
Ich sah Noemi an.
„Ist okay“, meinte sie. „Aber behalte das lieber für dich.“

Nach zwei Stunden hatten wir alle mehrere Joints geraucht und waren schon richtig zugekifft. Paul hatte Katharina im Arm, wie ich beobachten konnte, und Jesse machte mit Vicki herum.
„Sagt mal, wer ist denn eigentlich mit wem zusammen?“, fragte ich dann in die Runde.
„So wie wir sitzen“, meinte Paul. „Ich mit Katharina und Jesse mit Vicki. Und du mit Noemi.“
„Und Jonas?“, fragte ich. Dabei fiel mir auf, dass er die ganze Zeit nichts gesagt hatte.
„Jonas redet nicht viel“, erklärte Paul. „Aber dem finden wir auch irgendwann eine Freundin.“
„Au, Scheiße“, fluchte ich auf einmal.
„Was Scheiße?“, meinte Paul.
„Ich hab mein Auto irgendwo oben stehen.“ Ich schlug die Hände vor meinem Gesicht zusammen und grinste dann in die Runde. „Ich hab das Auto irgendwo da oben stehen.“
„Weißt du noch, wo?“, wollte Paul dann wissen.
„Nee“, machte ich.
Dann lachte ich auf einmal ohne Ende.
„Wir hatten sowieso vor, hier zu übernachten“, sagte Noemi dann. „Da hinten in der Ecke sind ein paar Matratzen.“
„Wieso gehen wir nicht einfach in deine Wohnung?“, stotterte ich.
„Das ist keine gute Idee“, meinte Noemi dann leise.
„Oh… alles klar“, sagte ich dann. Ich war der Meinung, dass sie Stress mit ihren Eltern bekommen würde, wenn wir in ihre Wohnung gehen würden. Vielleicht wussten ihre Eltern noch nicht einmal, dass sie einen Freund hatte. Aber das war mir zu diesem Zeitpunkt egal. Ich dachte nicht länger darüber nach.
„Okay“, sagte ich schließlich. „Schlafen wir hier.“
„Wenn wir zum Schlafen kommen.“ Kaum, dass Paul das gesagt hatte, drehte er den Ghetto Blaster auf, und ein cooler Sound hallte von den Wänden des Kellers wieder.
Zugleich ging Katharina auf den Tisch und begann, exotisch zu tanzen. Wenig später ging Vicki dann zu Noemi und zerrte sie am Arm.
„Komm, Noemi, du auch“, sagte sie zu meiner Freundin.
Und Noemi trat dann mit Vicki ebenfalls auf den Tisch. Und zu den aufreizenden Bewegungen der Mädchen begannen wir Jungs dann zu grölen und zu applaudieren.

Ich sah Noemi tanzen. Ich sah sie, wie sie anscheinend schwerelos da oben auf dem Tisch stand und sich bewegte und mir immer wieder zulächelte. Es drehte sich alles. Es war fast so, als wenn ich besoffen wäre, nur dass es viel, viel besser, viel schöner war.
„Weißt du, wie schön du bist?“, sagte ich zu Noemi.
Sie zwinkerte mir zu.
„Das ist meine Freundin“, hörte ich mich noch sagen… aber dann drehte sich alles auf einmal so sehr, dass ich nur noch irgendwelche bunten Farben sah. Und wenig später merkte ich nur noch, dass Noemi mich irgendwo hingelegt haben musste.
Dann schloss ich meine Augen.

EbiSchaeffer

vor 1 Jahr

Ich werde jetzt jeden Tag ein paar Hapitel von der Geschichte posten, aber eingeklappt (Spoiler). Natürlich werde ich die Spannung erhelten und nicht zu viel verraten. Wer aber nicht warten möchte, kann das E-book (kommt auch in ein oder zwei Tagen bei Amazon) jetzt schon mal hier in der Gratisaktion downloaden: https://www.neobooks.com/ebooks/ebi-schaeffer-lila-und-aus-seide-ebook-neobooks-AU-0sIpop-t1ODIKafq8?toplistType=undefined
Das Taschenbuch gibt es schon bei Amazon, hier: http://www.amazon.de/Lila-aus-Seide-Ebi-Schaeffer/dp/3741800139/ref=sr_1_15?ie=UTF8&qid=1459891092&sr=8-15&keywords=ebi+schaeffer
Viele Grüße, und see you tomorrow. :)

EbiSchaeffer

vor 1 Jahr

Sorry die Schnellschreibfehler, hier noch mal richtig:

Ich werde jetzt jeden Tag ein paar Kapitel von der Geschichte posten, aber eingeklappt (Spoiler). Natürlich werde ich die Spannung erhalten und nicht zu viel verraten. Wer aber nicht warten möchte, kann das E-book (kommt auch in ein oder zwei Tagen bei Amazon) jetzt schon mal hier in der Gratisaktion downloaden: https://www.neobooks.com/ebooks/ebi-schaeffer-lila-und-aus-seide-ebook-neobooks-AU-0sIpop-t1ODIKafq8?toplistType=undefined
Das Taschenbuch gibt es schon bei Amazon, hier: http://www.amazon.de/Lila-aus-Seide-Ebi-Schaeffer/dp/3741800139/ref=sr_1_15?ie=UTF8&qid=1459891092&sr=8-15&keywords=ebi+schaeffer
Viele Grüße, und see you tomorrow. :)

LostHope2000

vor 1 Jahr

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Bei dem Titel dachte ich mir nicht viel von bis ich den Klappentext las. Er hat mich sofort fasziniert! Es ist ein Thema was auch in Wirklichkeit existiert aber eher tot geschwiegen wird deswegen würde ich mich sehr sehr gerne von diesen tollen Buch fesseln lassen!

EbiSchaeffer

vor 1 Jahr

Hier kommen jetzt die nächsten Kapitel. Vielen Dank für euer Interesse.

EbiSchaeffer

vor 1 Jahr

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Kapitel 7 - Ich will tanzen

Wir waren heute alle nicht mit dem Auto hergekommen. Ich ließ meins zu Hause stehen und traf mich mit Noemi an der Straßenbahn, von wo aus wir in die Disco fuhren.
Jesse und Paul haben ihre Autos auch stehen lassen und waren mit ihren Freundinnen auch mit der Bahn unterwegs. Wir würden sie nachher hier treffen.
Ob Joans heute auch kommen würde, wusste ich nicht. Ich war jetzt schon zweimal im Cliquenraum zu Besuch, und jedes Mal war er so reserviert, ich wusste auch nicht, warum.

Es war schon ein tolles Gefühl irgendwie. Vorher war ich zwar auch beliebt, zumindest bei den Frauen. Ich hatte ja auch jede Menge kurzer Beziehungen. Ich hatte ja auch keine Schwierigkeit, welche anzusprechen, wenn mir danach war.
Aber das war vor der Zeit mit Noemi. Seit ich mit ihr zusammen war, gab es eigentlich nur sie und mich. Wir machten alles zusammen. Wir gingen oft weg, machten uns schöne Abende oder fuhren raus, irgendwo hin.
Jetzt, wo ich erfahren habe, dass sie Mitglied in einer Clique ist und diese Clique mich auch aufgenommen hat, war es irgendwie noch besser. Ich hatte dort so etwas wie Familie. Und zwar eine, die nicht so bieder und ordnungsliebend wie meine Eltern war. Eine, die einem nicht vorschreibt, dass man sein Leben strikt nach Regeln und Erwartungen leben muss.
Noemis Clique stellte keine Erwartungen. Sie akzeptierten mich so wie ich bin. Bei ihnen fühlte ich mich gut aufgehoben, und ich hatte irgendwie das Gefühl, das mit Noemi ergab jetzt noch mal einen größeren Sinn.

Paul sagte mir heute, ich solle das Auto stehen lassen. Ich wusste nicht, warum, denn Alkohol würde ich ja wohl kaum trinken. Brauchte ich ja auch nicht mehr, mit einer Freundin wie Noemi. Mit einer Clique wie ihrer, die jetzt auch meine war.
Als wir ankamen, standen Paul und Jesse schon mit den Mädchen vor dem Eingang.
„Hey, ihr“, grüßte uns Pauls Freundin Katharina gleich.
„Was geht ab?“, fragte ich.
„Satte Laserparty heute Nacht“, meinte Paul.
„Sag mal, musst du morgen nicht arbeiten?“, wollte Vicki dann von mir wissen.
Scheiße. Jetzt fiel mir wieder ein, dass heute Dienstag war und ich seit zwei Tagen hätte wieder arbeiten müssen. Ich war beim Zivildienst für beide Tage nicht entschuldigt, ich hatte nicht mal dort angerufen. So ein Mist. Wenn das meine Eltern rauskriegen würden, dachte ich so bei mir.
„Nein, hab diese Woche frei“, log ich.
So ganz gelogen war es nicht. Ich beschloss, morgen zum Arzt zu gehen und mir eine Krankmeldung für die ganze Woche zu holen. Ich hoffte, er würde mich für gestern und heute auch noch nachträglich krankschreiben.
„Ich hab nämlich was ganz Spezielles heute da“, meinte Paul dann. „Da wirst du morgen nicht früh aufstehen können.“
„Aha“, meinte ich.

Es war noch früh, erst so acht Uhr rum. Allzu viele Leute waren noch nicht hier in der Disco, aber nach einem Joint, den wir vor der Halle schon geraucht haben, war die Stimmung schon sehr hoch.
Ich setzte mich mit Noemi an die Theke, und wir bestellten uns einen Cocktail. Er war ohne Alkohol, aber Noemi probierte trotzdem an meinem Getränk, um sicherzugehen. Ich fand das ja irgendwie süß von ihr, dass sie so umsorgt war. Wobei sie gegen die Joints ja nichts hatte. Na, ja, das machten wir ja auch nicht allzu oft.
Während Paul und Jesse mit den Mädchen tanzen waren, kuschelte sich Noemi an mich.
„Ich hab eine Frage an dich“, meinte Noemi dann.
Ich sah sie an.
„Das mit dem Kiffen…“, begann sie.
„Ich find’s okay“, entgegnete ich ihr gleich.
„Nein, das meine ich nicht.“ Sie sah mich mit ihren großen Augen fragend an. „Machst du das nur wegen mir?“
„Was?“, machte ich.
„Warum kiffst du?“, wollte sie dann wissen.
Ich schnaufte aus. „Es macht Spaß“, sagte ich dann zu ihr.
„Wirklich?“
„Ja“, sagte ich. „Weißt du, mit dir, das ist so… Familie. Deine Clique ist voll cool. Und ich trinke ja auch nicht mehr. Durch das Kiffen ist ja noch nie was Schlimmes passiert, und außerdem soll es ja sogar gesund sein.“
„Was ist aber, wenn du abhängig wirst?“, fragte Noemi.
„Warum sollte ich das?“, antwortete ich. „Ich mach das ja nur ab und zu, und davon ist noch nie jemand anhängig geworden.“
„Ich meine ja nur“, sagte sie.
„Ich finde das ja voll süß von dir, dass du dir Sorgen machst, Noemi“, sagte ich leise. „Aber das musst du nicht.“
Noemi schnaufte aus und lächelte mich an.
Warum machte sie sich Sorgen?
Sie hatte eine Clique, die ganz gerne mal einen durchzieht. Und seit ich das auch mache, fand ich das Leben eine ganze Ecke einfacher. Sie tat es doch selbst auch. Warum war sie auf einmal so dagegen?
Ich hatte es bis jetzt nicht bemerkt, aber Noemi versuchte, in meiner Gegenwart möglichst nicht oder wenig zu kiffen. Es ist mir vorher nicht aufgefallen, aber im Nachhinein merkte ich es schon. Ich dachte mir aber nichts dabei.
Als Paul von der Tanzfläche kam, kam er zu mir.
„Na, alles cool`“, fragte er.
„Klar“, meinte ich daraufhin.
Paul bestellte sich dann ein Bier, und Vicki und Katharina gingen dann mit Noemi aufs Klo. Dass die Frauen immer gemeinsam aufs Klo müssen, dachte ich so bei mir, und lächelte.
„Willst du mal den absoluten Kick probieren?“, wollte Paul dann wissen.
Ich schaute ihn fragend an. „Du hast ja schon gesagt, dass du was hättest. Was ist es?“
Dann holte Paul ein paar Pillen aus seiner Tasche und gab mir eine. „Kiffen dürfen wir hier drin ja nicht, aber niemand kriegt mit, dass wir diese Pillchen schlucken.“
„Hm“, machte ich. „Und was machen die?“
„Versuch eine“, sagte er dann zu mir. „Du wirst ein Energiebündel pur.“

Nur das eine Mal, dachte ich.
Ich wusste nicht, warum. Vielleicht dachte ich nicht mal darüber nach. Alles war so easy, so leicht. Das ganze leben irgendwie. Ich hatte vorher mit den anderen einen Joint geraucht, und mir ging es den ganzen Abend schon richtig gut.
Jetzt, nachdem ich die Pille genommen hatte, war es noch besser. Die Zeit schien auf einmal stehen zu bleiben, und es kam mir vor, als dass ich tausend Dinge in nicht mal einer Sekunde machte. Es war 22.11 Uhr, und als ich mein Glas leer hatte, war es noch immer 22.11 Uhr. Als ich dann auf die Tanzfläche gegangen bin, zeigte meine Uhr noch immer die gleiche Uhrzeit. Entweder, meine Uhr war stehen geblieben, oder ich hatte für die ganzen Aktionen wirklich nicht mal eine Sekunde gebraucht.
Ich war der Bär. Der King. Ich war der größte Tänzer. Das war ich wirklich, das hatte nichts mit Selbstüberschätzung zu tun, wie ich sie beim Trinken immer hatte. Die Leute standen um mich herum, und ich war in der Mitte der Tanzfläche und tanzte.
Ich merkte nicht einmal, dass mir heiß wurde, und dass ich anfing zu schwitzen. Ich merkte nicht, wie trocken meine Kehle wurde. Und ich bemerkte nicht, dass ich nach einer Weile anfing zu zittern.
Wo war Noemi?

Als ich nach einer längeren Zeit wieder an die Theke ging, saß sie dort. Sie sah mich einfach an und lächelte. Sie sagte kein Wort.
Als ich sie küsste, erwiderte sie den Kuss und legte dann ihren Kopf in meine Schulter.
Paul, Katharina, Vicki und Jesse waren plötzlich weg. Ich fragte Noemi nicht, wo sie waren. Ich wollte diesen Moment nur gerne einfrieren. Irgendwie.
Als ich mein Glas leer hatte, stellte ich es auf die Theke.
Und ich spürte den Bass der Disco-Boxen. Das war so ziemlich das Letzte, was ich merkte, bevor sich alles begann zu drehen.
Alles drehte sich. Das ganze Gebäude drehte sich. Ich saß mitten in einem riesigen Karussell, und es fuhr mit Höchstgeschwindigkeit.
Ich hörte Noemi etwas sagen, aber ich verstand nicht, was es war.
Dann muss ich zu Boden gefallen sein.

In der Seitenstraße war es kalt und dunkel. Ich hatte meine Augen noch geschlossen, aber ich spürte, dass mir jemand die Jacke zumachte. Dann merkte ich, dass jemand versuchte, meinen Kopf anzuheben.
„Leon“, hörte ich eine Stimme, die mir vertraut vorkam.
Ich ertastete einen Arm. Ich nahm diesen Arm und führte ihn dann vorsichtig zu meiner Nase, dann roch ich daran.
Auch dieser Geruch kam mir vertraut vor.
„Leon, wach auf“, hörte ich die Mädchenstimme wieder.
Und dann öffnete ich meine Augen. Ich sah auf meine Beine, die ich als Erstes erblickte, und spürte, dass ich lag.
Dann sah ich hoch – und das süße Gesicht von Noemi schaute auf mich.
„Leon…“, hauchte sie.
„Was… was ist passiert?“, schoss es aus mir heraus.
„Geht’s dir gut?“, wollte Noemi wissen.
Und dann überkam es mich. Ich drehte mich zur Seite und erbrach so ziemlich das ganze Essen der letzten zwei Tage.
Noch während ich hustete, hievte Noemi mich hoch.
„Komm“, sagte sie. „Wir sollten hier weg.“
„Mir ist kotzschlecht“, entgegnete ich.
Noemi führte mich dann zur Straßenbahnhaltestelle, wo eine Bank stand, auf die wir uns setzten.
„Noemi, was ist los mit mir?“, konnte ich gerade so herausbringen, als schon der nächste Hustenanfall kam.
Noemi schnaufte laut. Sie holte ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche, dann wischte sie mir den Mund ab.
„Mir ist so übel…“, stammelte ich.
„Das wird wieder“, versuchte Noemi mich zu trösten. „Dir muss jemand was ins Getränk gekippt haben.“
„Hä?“ ich blickte sie mit fragendem Gesicht an.
Reflexartig schob ich meine Hand in meine vordere Hosentasche, wo ich immer meine Geldbörse hatte.
Sie war weg.
„Noemi, mein Geld ist weg.“ Ich versuchte, aufzustehen, aber Noemi hielt mich an, sitzen zu bleiben.
„Ich weiß“, sagte sie. „Ich habe es vorhin gemerkt, als ich dich hier gefunden habe.“
„Wie, gefunden?“, wollte ich wissen. „Hast du mich nicht hergebracht?“
Noemi schüttelte ihren Kopf. „Ich habe Jesse und die anderen gesucht, aber sie waren schon weg, bevor du von der Tanzfläche gekommen bist. Und dann hast du dein Getränk leer getrunken und bist raus gerannt.“
„Raus gerannt?“, sagte ich ungläubig. „Ich kann mich nicht erinnern. Das Letzte, was ich weiß, ist, dass ich von der Tanzfläche wieder kam, und auf einmal drehte sich alles.“
„Ich glaube, so ein paar Typen sind dir hinterher gegangen, als du dann raus bist“, mutmaßte Noemi. „Ich hab dich dann draußen überall gesucht. Und als ich dich hier fand, lagst du da, mitten auf der Straße.“
Ich schaute sie verwundert an.
„Diese Typen… kennst du die?“
Noemi verneinte Kopf schüttelnd.
„Ich muss zur Polizei“, stammelte ich.
Aber noch bevor ich das sagen konnte, erbrach ich erneut.
„Verflucht“, machte ich. „Was sind das für Schmerzen?“
„Hat Paul dir von seinen Pillen eine gegeben?“, wollte Noemi wissen.
Ich nickte.
„Mach das bitte nicht mehr“, sagte sie ernst. „Du siehst ja, wohin das führt.“
„Das kommt doch nicht von den Pillen“, erwiderte ich. „Das kommt von dem Zeug, was die mir ins Glas gekippt haben.“
„Das weißt du nicht“, entgegnete Noemi. „Du verträgst diese Pillen nicht. Du solltest sie lieber weglassen, bevor Schlimmeres passiert.“
„Aber du nimmst doch selber auch…“, sagte ich.
„Leon, du hast keine Ahnung, wie kaputt das einen machen kann“, hörte ich Noemi sagen.
Aber ich registrierte nicht, was sie damit meinen könnte. Ich merkte nicht, dass sie mich vielleicht vor irgendetwas warnen wollte. Ich wollte es nicht hören.
„Ich muss die Polizei rufen“, meinte ich dann. „Meine Papiere sind weg.“
„Und was willst du denen sagen?“ Noemi schaute mich ernst an. „Dass du Pillen genommen hast und dann ausgeraubt wurdest?“
Ich schaute Noemi fragenden Blickes an.
„Wenn die erfahren, dass wir Drogen nehmen… das geht nicht, Leon.“
„Wir müssen denen ja nicht sagen, dass wir konsumieren“, entgegnete ich. „Wir sagen es, wie es war – jemand hat mir was ins Glas gekippt.“
„Leon, du bist immer noch voll high. Die werden eine Blutprobe machen, und dann werden sie es rauskriegen. Und dann…“
„Noemi, was hast du? Was soll Schlimmes passieren… außer dass mir noch immer kotzeschlecht ist.“
„Es darf keiner wissen, dass ich Drogen nehme“, sagte Noemi fast schon verzweifelt.
„Du kiffst doch nur ab und zu, das ist doch sogar legal“, widersprach ich ihr.

Und Noemi stand weinend auf.
„Bitte geh nicht zur Polizei“, sagte sie zu mir.
Dann lief sie weg und ließ mich an der Straßenbahnhaltestelle sitzen.

Ich verstand die Welt nicht mehr.
Was war bloß mit Noemi los? Wir waren doch so ein Herz und eine Seele. Und auf einmal ließ sie mich hier alleine sitzen und rannte voller Angst weg.
Was hatte sie nur?
Und die Drogen. Erst warnte sie mich davor, aber gleichzeitig nahm sie selbst welche. Sie sagte, sie kifft nur ab und zu, und das selbst nicht mal in meiner Gegenwart. Plötzlich tat sie so, als wäre das was total Schlimmes. Gut, zugegeben, die Pillen hätte ich vielleicht wirklich lieber lassen sollen, aber ich glaubte nicht, dass es davon kam, dass mir so schlecht war.
Aber sie ließ mich hier alleine. Was hatte sie nur dazu gebracht, voller Angst wegzurennen? Warum hatte sie Angst, wenn sie doch nur ab und zu kifft? Und warum sollte das keiner wissen?

Kapitel 8 - Noemis kleine Schwester

Ich saß immer noch in meinem Zimmer und starrte mein Handy an. Seit zwei Tagen kam keine einzige SMS, nicht mal von Noemi. Ich hatte sie mehrmals versucht, anzurufen, aber sie ging nicht ans Telefon. Seit sie letztens in der Nacht weggerannt war und mich einfach an der Bahnhaltestelle sitzen ließ, meldete sie sich nicht mehr.
Ich hatte mich ernsthaft gefragt, was ich falsch gemacht haben könnte.
Ich hatte ihr das längst verziehen. Ich bin ja auch alleine gut klar gekommen. Hab mir ein Taxi gerufen und mich dann irgendwie nach Hause geschleppt. Es ging ja.
Aber sie meldete sich einfach nicht.
Ob sie sauer war, dass ich diese Pillen genommen hatte? Ich wusste ja nicht einmal, was das für Pillen waren. Ich hatte seitdem auch keine mehr genommen.
Ich hatte nicht mal mehr Gras geraucht. Um an welches zu kommen, hätte ich bei Paul oder Jesse vorbei gehen müssen. Aber ich war in den letzten zwei Tagen zu schlapp dafür.
Und seit zwei Tagen saß ich auch hier in meinem Zimmer und starrte ununterbrochen das Telefon an.

Plötzlich klingelte es.
„Endlich“, entwisch es mir, und ohne zu sehen, wo der Anruf herkam, ging ich ran.
„Noemi?“, fragte ich. „Wo bist du?“
„Wer ist Noemi?“, hörte ich eine männliche Stimme sagen.
Ach, du Scheiße.
Das war der Leiter der Zivildienststelle. Herr Schrödel.
„Gratuliere“, sagte er knapp. „Du hast deine Dienststelle verloren, Leon.“
„Was?“ ich erschrak.
„Du hast dich wiederholt nicht gemeldet. Keiner im Altenheim wusste, wo du steckst. Und eine Bescheinigung von einem Arzt hast du auch nicht angebracht.“
„Ich bringe sie noch nach“, stammelte ich.
„Dazu ist es zu spät“, sagte Herr Schrödel. „Es wird nun so sein, dass dich eine Strafe erwartet. Du wirst dir eine neue Dienststelle suchen müssen, nachdem du die Strafe – gehen wir mal davon aus, dass du Sozialstunden auferlegt bekommst – abgearbeitet hast. Wenn dich Schlimmeres erwartet, dann kannst du sogar mit Jugendarrest rechnen.“
„Aber…“, wollte ich sagen. Herr Schrödel unterbrach mich aber direkt.
„Wenn du den Brief vom Gericht bekommen hast, dann melde dich unverzüglich bei mir. Und ich rate dir, dass deine Eltern dir einen guten Anwalt suchen.“
Dann legte er auf.

Was sollte ich jetzt nur machen? Nicht nur, dass ich vergessen hatte, zum Arzt zu gegen und mir eine Bescheinigung zu holen – jetzt hatte ich auch noch meine Dienststelle verloren. So ein Mist.
Und eine nachträgliche Bescheinigung für eine ganze Woche würde mir der Arzt ja wohl kaum ausstellen.
Ich musste unbedingt mit jemandem reden. Mit meinen Eltern wollte ich nicht reden, die würden es ja noch früh genug erfahren.
Ich wollte zu Noemi. Und ich wollte jetzt mehr zu ihr als je zuvor.

Als ich mich in mein Cabrio setzte und losfuhr, war es später Nachmittag. Es war heute nicht so warm, da ließ ich das Dach oben. An der Ampel dachte ich eine Weile nach.
Meinen Personalausweis hatte ich als verloren gemeldet, direkt im Einwohnermeldeamt, nicht bei der Polizei. Und genau so machte ich das mit meiner Krankenversichertenkarte. Das war eigentlich das Wichtigste. Den Führerschein hatte ich ja in einer anderen Tasche gehabt, und dieser ging mir nicht verloren. War eigentlich Zufall, denn normalerweise hatte ich ihn auch in meiner Geldbörse. Gerade an dem Tag, als sie mir gestohlen wurde, hatte ich ihn aber woanders.
Aber in eine Verkehrskontrolle wollte ich dennoch lieber nicht kommen.

Ich parkte den Wagen zwei Seitenstraßen von Noemis Straße entfernt und lief das letzte Stück. Es war nachmittags, da hatte ich eigentlich keine Angst.

Als ich auf dem Weg zum Bunker war, um dort nachzusehen, passierte es aber dann.
Zwei oder drei Typen fingen mich ab.
„Ey, du, was willst du hier?“, fragte der Eine, während sich der Andere nervös umsah.
„Macht halblang“, entgegnete ich mutig. „Ich will nur eine Freundin besuchen.“
„In unserem Ghetto?“, fragte dann der zweite Typ.
Und dann zuckte er ein Messer und richtete es auf mich.
„Ganz ruhig“, sagte ich. „Wir wollen doch alle keine Probleme haben.“
Ich wusste nicht, woher ich den Mut nahm.
„Du hast gleich ein Problem“, sagte der mit dem Messer.
Und zugleich hielt er es mir an die Kehle.
„Los, verschwinde hier und komm nicht wieder. Sonst lebst du nicht mehr lange“, drohte er mir.
„Hört mal“, meinte ich dann zitternd, wobei ich mir nicht anmerken lasen wollte, dass ich zitterte. „Ich weiß eine Lösung, wie wir das bereinigen können.“
Die Typen schauten mich ernst an. Bei dem einen hatte ich das Gefühl, dass er seine Zähne fletschte.
„Ich denke, ihr seid auf der Suche nach gutem Stoff, habe ich Recht?“, fragte ich.
Ich hatte keine Ahnung, wovon ich da redete.
„Ich kann euch gutes Gras besorgen“, meinte ich daraufhin. Ich wusste nicht, wie, aber es würde mich aus meiner jetzigen Lage retten, wenn ich denen so etwas verspreche, dachte ich mir.
Der eine Typ sah den Anderen dann an.
„Woher?“, wollte er wissen.
„Hey, sagt ihr etwa, wo ihr eures herkriegt?“
Der Typ steckte das Messer dann wieder in seine Tasche.
„Zweihundert Gramm bis nächste Woche Freitag“, meinte der Eine dann. „Wie du das machst, ist uns egal. Und wenn es gutes Zeug ist, dann kommen wir ins Geschäft.“
„Geht klar“, versprach ich, ohne nachzudenken.

Zweihundert Gramm.
Ich dachte wirklich nicht nach. Ein Gramm kostete vielleicht zehn Euro. Dann kosteten zweihundert Gramm ja zweitausend Euro.
Woher sollte ich das Zeug kriegen? Wo sollte ich zweitausend Euro hernehmen? Mein Monatsgehalt von meinen Eltern betrug gerade mal tausend Euro. Und ich war nicht gerade der größte Sparer.
Verfluchter Mist. Dienststelle verloren, und jetzt noch zwei schmierige Typen am Hals.
Ich musste zu Noemi. Unbedingt.

Die Türe vom Bunker war zwar offen, aber es war niemand hier. Weder Jesse noch Paul. Auch nicht ihre Freundinnen.
Also lief ich zu Noemis Haustüre. Ich wusste, sie hatte mich gebeten, nicht bei ihr zu Hause vorbeizukommen. Sie hatte ausdrücklich gesagt, ich solle nicht an ihrer Haustüre klingeln.
Aber es war extrem wichtig, und ich musste unbedingt mit ihr reden.
Also klingelte ich.
Als niemand öffnete, klingelte ich noch mal. Aber es kam keine Reaktion.
Wenig später kam eine südländisch aussehende Frau aus der Haustüre raus. Ich nickte ihr zu, dann schlich ich mich ins Treppenhaus hinein.
Dann ging ich in den Aufzug und fuhr rauf in die dritte Etage. Nach dem Klingelschild zu urteilen, musste Noemis Wohnung hier sein.
Ich klopfte erst vorsichtig an die Türe, und als sich nichts rührte, klopfte ich heftiger.
„Wer ist da?“, hörte ich die Stimme eines vermutlich sehr jungen Mädchens, eigentlich eines Kindes, sagen.
„Hier ist Leon“, sagte ich. „Wohnt Noemi hier?“
„Ja“, sagte die Stimme.
„Kannst du Mama oder Papa fragen, ob du aufmachen darfst?“, fragte ich höflich. „Ich würde gerne mit Noemi reden.“
„Noemi ist nicht da, und du bist ein Fremder“, entgegnete die Stimme hinter der Türe.
„Ich bin Noemis Freund“, antwortete ich. „Wo sind denn deine Eltern?“
Und plötzlich ging die Tür einen Spalt auf, und ein kleines, vielleicht elf- oder zwölfjähriges Mädchen sah mich mit ernsten Augen an.
„Hi“, grüßte ich das Kind. „Wer bist du denn?“
Das Kind schnaufte aus. „Petzt du es Noemi nicht, wenn ich dich rein lasse?“, sagte sie schließlich.
Ich sah die Verzweiflung in den Augen des kleinen Mädchens nicht. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Und ich fragte mich auch nicht, warum sie mir, einem fremden Mann, einfach die Türe öffnete.
Ich schüttelte nur den Kopf, obwohl ich wusste, dass ich mein Versprechen nicht halten würde.
Dann machte das Kind den Sicherheitsriegel weg und öffnete die Türe. Vorsichtig trat ich in die Wohnung ein.
„Wo sind deine Eltern?“, fragte ich sie.
Aber sie machte keine Anstalten, mir zu antworten.
„Ich bin Cassandra“, sagte sie schließlich.
Ich sah, dass sie in ein sehr dreckiges Nachthemd gehüllt war. Offenbar achtete hier niemand auf Ordnung oder Hygiene. In der Wohnung standen viele Sachen kreuz und quer. Und in der Spüle von der Küche, zu der das Kind mich dann führte, waren Berge von gebrauchtem Geschirr und Besteck.
„Bist du Noemis Schwester?“, wollte ich dann wissen, während ich mich umsah.
Das Mädchen nickte.
„Wie alt bist du?“, fragte ich sie.
„Zwölf geworden, letzten Monat“, sagte Cassandra. „Noemi hat es aber vergessen.“
„Und deine Eltern?“, hakte ich nach.
Cassandra setzte sich nervös und traurig an den Küchentisch.
Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
„Willst du etwa sagen… dass Noemi und du hier alleine lebt?“
Cassandra stand auf und kroch wortlos auf meinen Schoß.
„Ich hab Hunger“, meinte sie. „Noemi ist seit zwei Tagen weg, und ich hab kein Geld. Kannst du mir was zu Essen kaufen?“
Ich schnaufte aus. „Was ist denn mit deiner Mutter oder deinem Vater?“, sagte ich. „Und wäscht denn keiner deine Klamotten?“
Cassandra wischte sich eine Träne aus ihren Augen.
„Noemi kann doch nichts dafür“, antwortete sie. „Sie sagt, ihre Drogen sind einfach zu teuer.“
Ich erschrak.
„Aber du darfst ihr bitte, bitte nicht sagen, dass ich es dir gesagt hab, okay?“
Stumm sah ich das Mädchen an.
„Kaufst du mir etwas zu Essen?“, fragte sie dann noch mal.
„Komm, wir sehen, ob wir etwas für dich zum Anziehen finden“, antwortete ich reflexartig. „Dann gehen wir erst einmal in die nächste Imbissbude.“
„Okay“, sagte die Kleine.

Und als ich für sie etwas gefunden hatte, was wenigstens noch einigermaßen sauber war, zog sie es sich an, und dann gingen wir zu einer Imbissbude, die nicht weit entfernt war.
Dort aß sie gleich zwei Döner und anschließend noch eine Fritten mit Mayo. Gott, dachte ich bei mir, die Arme muss ja ziemlich ausgehungert gewesen ein.
Ich verstand es nicht.
Das mit den Drogen musste ein Ende haben, überlegte ich. Ich wollte keine mehr nehmen. Und ich wollte nicht, dass Noemi welche nimmt.
Mir war es nie klar. Ich hatte nie die Anzeichen verstanden. Aber jetzt auf einmal war es mir so klar wie Kloßbrühe.
„Sag mal, ihr lebt alleine, Noemi und du?“, fragte ich Cassandra dann.
Sie nickte.
„Und du weißt, dass Noemi ab und zu kifft? Weißt du denn, was kiffen ist?“
„Ich weiß das“, sagte Cassandra. „Aber Noemi sagt, ich soll keinem sagen, dass ich das weiß. Es soll auch keiner wissen, dass sie was nimmt. Immer, wenn sie ihre Sachen nicht kriegt, dann hat sie ganz, ganz doll Schmerzen. Sie muss sie nehmen, sagt sie. Sie kann nichts dafür. Noemi sagt, dass ist eine Krankheit, die sie hat.“
Wenn ich das richtig verstanden hatte… nein, diesen Gedanken wollte ich nicht haben. Diese Frage wollte ich Cassandra nicht stellen.
„Aber solche Schmerzen hat man nur, wenn man wirklich schlimme Drogen nimmt.“ Ich sagte es dann doch.
„Sie nimmt alles“, sagte ihre Schwester. „Sie braucht das. Weißt du, wenn sie diese Spritzen nimmt, dann tut es mir oft selbst im Arm Weh, obwohl ich nicht gestochen werde. Ich hasse Spritzen.“
Oh, mein Gott, oh, mein Gott… das konnte nicht sein.
Aber jetzt hatte ich die Gewissheit. Von Wegen nur ab und zu kiffen. Noemi nahm harte Drogen. Und das regelmäßig. Sie lebte mit ihrer jüngeren Schwester aus irgendwelchen Gründen alleine in der Wohnung, und durch ihre Drogensucht hatte sie sie sträflich vernachlässigt.
Jetzt fiel es mir echt wie Schuppen von den Augen.
Deshalb durfte ich nie vorbei kommen. Sie würden ihr die Kleine wegnehmen, wenn herauskommt, dass sie ein Junkie ist. Sie könnte sogar die Wohnung verlieren und auf der Straße sitzen.
Und dann die Clique. Nahmen die auch harte Sachen? Die Pillen waren ja schon der Übertreiber irgendwie. Ich fand das anfangs zwar okay, aber jetzt?
Und ihre Schwester? Was sollte mit ihr werden, wenn es heraus käme?

Cassandra tat mir Leid. Und ich wollte das mit den Drogen nicht mehr. Ich wusste, Noemi musste aufhören, damit es ihr wieder besser geht. Ich wusste, das musste ein Ende haben.
Aber wenn ich Noemi darauf ansprechen würde… dann könnte ich sie verlieren. Und sie könnte mich verlieren.
Was sollte ich tun? Ich versprach Cassandra, dass ich keinem etwas sagen würde. Aber konnte ich es halten? Sollte ich es halten? Und wem sollte ich es sagen? Jemandem, der Noemi helfen könnte? Ich wusste doch selbst, wie schwierig es war, Hilfe anzunehmen. Ich wollte wegen meiner Trinkerei nie Hilfe haben. Hab’s ganz alleine geschafft, als ich Noemi kennen lernte. Aber Drogen, und dann noch vermutlich die Schlimmste von allen – Heroin – das war eine Nummer zu heftig. Ich hatte echt keine Ahnung, was ich tun sollte.

Ich brachte Cassandra dann nach Hause und kaufte noch eine ganze Wagenladung ein, dass sie für die nächsten Tage etwas zu Essen und Trinken hatte. Ich blieb noch bis spät am Abend bei ihr, bis sie eingeschlafen war.
Und erst so gegen elf Uhr schlich ich mich dann aus der Wohnung und fuhr nach Hause.
Noemi blieb den ganzen Abend verschwunden.

Ich dachte nach, als ich auf dem Bett lag.
Die Gedanken kreisten um Noemi und ihre Schwester. Die ganze Zeit. Cassandra tat mir so Leid, aber ich konnte und wollte Noemi, meine Freundin, nicht dafür verantwortlich machen. Sie konnte nichts dafür, sagte ich mir immer wieder. Niemand kann etwas für seine Sucht.

Ich wusste nicht, wann ich es beschlossen hatte, aber es war schon bevor ich zu Hause ankam und bevor ich es wusste.
Ich hatte von nun an vor, ein Auge auf Cassandra zu haben und auf sie zu achten, dass sie saubere Klamotten hatte, und zu Essen. Das hatte ich entschieden.
Ich beschloss, keinem davon etwas zu sagen. Das machte ich auch mit mir aus.
Ich würde Noemi nicht zur Rede stellen, das war mir auch klar. Ich wollte, dass sie es mir selbst sagt.
Und ich selbst wollte keine Drogen mehr nehmen.

Und während ich darüber nachdachte, dass ich diesen Beschluss schon gefasst hatte, bevor ich das selbst wusste, kam dieses unerklärliche Drücken in meiner Magengegend. Ich wusste, warum ich das hatte. Ich wusste, was das für Schmerzen waren.

Und als ich realisierte, dass mein Körper neuen Stoff brauchte, fand ich noch zwei Pillen in meiner Tasche, die ich von Paul letztens bekommen hatte…

Kapitel 9 - Diese flehenden Augen

Mann, what the fuck, konnten meine Eltern nerven. Bloß wegen der verlorenen Zivildienststelle. Den Anwalt, der mich vertreten würde, wenn es hart auf hart käme, konnten sie doch locker bezahlen.
Ich hatte momentan viel schlimmere Probleme als mich um meine Arbeitsstelle zu kümmern. Wirklich, ich hatte ganz andere Probleme. Und wenn die das wüssten, dann würden sie mich vielleicht verstehen.

Ich habe die letzten drei Tage fieberhaft nach Noemi gesucht. Ich habe mehrmals bei ihr angerufen und war zweimal bei ihrer kleinen Schwester, aber die hatte auch nichts von ihr gehört. Seit mehreren Tagen schon.
Wo steckte sie bloß?

Seit Stunden fuhr ich jetzt mit meinem Auto durch die Stadt. Ich habe alle gefragt, die Noemi kennen könnten. Bei dem geheimen Treffpunkt unserer Gang war ich natürlich zuerst – aber Fehlanzeige. Weder Jonas, der eh ein bisschen komisch war, noch Jesse oder Paul waren da, von den Mädels ganz zu schweigen.
Ich hatte so lange gesucht und brauchte jetzt einfach mal eine Pause. Auch wenn ich nervös und nachdenklich war wegen ihr. Ich musste einfach mal abschalten.
Ich setzte mich in ein kleines Café in der Nähe der Kirche und zündete mir eine Zigarette an, als ich merkte, dass auf den Tischen gar keine Aschenbecher standen.
„Hier ist Rauchen nicht erlaubt, nur draußen“, machte mich gleich auch die Bedienung an.
Ich ging daraufhin kurz raus und schmiss die Zigarette in den Gulli neben dem Café. Zum draußen sitzen war es schon zu kalt, also setzte ich mich wieder rein und bestellte mir dann einen Café Latte und ein belegtes Brot mit Salami. Dann lehnte ich mich in den Stuhl zurück und schnaufte tief aus.

Was um alles in der Welt hatte Noemi geritten? Dass wir mal eine kifften, okay. Dass wir mal ein paar Pillen schluckten, okay. Obwohl ich eigentlich am Anfang dabei ein ganz seltsames Gefühl hatte. Denn die aller Ersten Entzugsschmerzen waren schon heftig.
Viel schlimmer aber war, dass Noemi mir verschwiegen hatte, dass sie alleine wohnt und auf ihre kleine Schwester achten muss. Cassandra wusste, dass Noemi viel intensiver Drogen nimmt als ich es anfangs dachte. Sie wusste, dass Noemi nicht in der Lage war, auf sie aufzupassen, ihr Essen zu machen oder die Klamotten zu waschen.
Ich wusste es nicht. Ich wusste die ganze Zeit nicht, dass Noemi so tief drin steckte. Und ich wollte nicht, dass das so ist.
Was könnte ich tun, dachte ich bei mir.
Ich wollte ihr irgendwie helfen. Ich nahm mir so sehr vor, sie da raus zu holen, aus dem Sumpf, in dem sie sein musste.
Aber ich hatte keinen Plan, wie.
Meine Eltern fragen? Nie und nimmer. Ich stand kurz vor dem Rausschmiss von zu Hause. Und sie verachteten Noemi sowieso, schon alleine deswegen, weil sie in dieser Gegend wohnte, die so bekannt für die Kriminalität, die asozialen Leute und die Drogen war. Sie würden mir bestimmt keinen Rat geben, außer dem, dass ich Noemi sich selbst überlassen und sausen lassen soll.
Das würde ich natürlich nie tun. Das konnte ich nicht. Ich liebte sie sehr, und ich wusste, das ändert sich auch nicht.

„Leon“, wurde ich bei meinen Gedanken plötzlich unterbrochen.
Und auf einmal… standen Paul und Jesse neben mir am Tisch.
„Leute“, meinte ich dann aufgeregt. „Wo wart ihr? Ich war mal bei euch, aber es war keiner da. Wo ist Noemi?“
„Bleib ruhig, Alter“, meinte Paul.
„Ruhig bleiben?“, stieß es aus mir heraus. „Ich suche sie schon seit Tagen. Sie ist nirgends zu finden.“
Ich wusste nicht, ob Paul und Jesse von Noemis Schwester wussten. Instinktiv sagte ich ihnen nichts darüber.
„Wir wissen, wo sie ist“, sagte Jesse dann.
„Ja?“, hakte ich nach. „Dann los.“
Ich bezahlte schnell meinen Kaffee, dann zerrte ich Jesse und Paul am Arm.
„Kommt mit“, sagte ich zu ihnen. „Ich habe das Auto da.“
Ich lud die Beiden dann in meinen Wagen ein, und dann fuhren wir los.

Jesse saß vorne auf dem Beifahrersitz bei mir. Während Paul auffällig ruhig war, lotste Jesse mich auf die Autobahn. Er sagte mir aber nicht, wo genau wir hin fuhren.
„Wisst ihr, was mit Noemi los ist?“, fragte ich schließlich. Ich wollte mich nicht mit den Antworten, die ich bislang erhalten hatte, zufrieden geben.
„Sie ist seit ein paar Tagen untergetaucht“, sagte Jesse dann.
„Was?“ Ich schaute ihn ungläubig an. „Das gibt’s doch nicht. Warum?“
„Wir wissen das auch erst seit gestern“, meinte Jesse nervös. „Alter, besser du lässt es dir von ihr selbst erklären.“
Ich schnaufte genervt aus.
Wenn ich was nicht leiden konnte, ist es, wenn man mir etwas Wichtiges verheimlicht. Und wenn ich etwas auf den Tod nicht leiden konnte, dann ist es, wenn man Anspielungen macht und dann doch nichts sagt. Ich musste unbedingt wissen, was mit Noemi los war. Ich wusste nicht, ob Jesse und Paul wussten, dass sie so harte Drogen nimmt. Ich wusste auch nicht, ob sie selbst so was auch nehmen. War Noemi die Einzige aus der Gang? Verheimlichte es sie vor den Anderen? Oder machten sie mit und deckten sie? Wer besorgte ihr das Zeug? Was wussten Jesse und Paul wirklich?
So viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, ich konnte die Beiden nicht fragen. Und wenn ich es täte, dann hätten sie vielleicht am Ende doch keine Antworten darauf.

Auf einer Ausfahrt kurz hinter Neuss, ich glaubte dort Gustorf gelesen zu haben, lotsten sie mich in einen Waldweg. Nach etwa 300 Metern kam dann dort eine Scheune zum Vorschein, die gut versteckt unter einer Tannenbaum-Reihe lag.
„Hier kannst du halten“, meinte Jesse dann.
„Hier?“, fragte ich aufgeregt. „Ist sie da drin?“ Ich zeigte auf das Haus, nachdem ich den Wagen geparkt hatte.
„Leon, bevor du da rein gehst, solltest du noch was wissen“, meinte Paul, als ich schon Anstalten machte, zu dem Haus zu rennen, nachdem wir ausgestiegen waren.
„Ich hab keine Zeit für irgendwelche sinnlosen Kommentare“, fauchte ich. „Alter, wenn sie da drin ist, will ich sofort zu ihr.“
„Alter, warte“, meinte Paul. „Du könntest dich erschrecken, wenn du sie siehst.“
Ich hörte nicht zu und rannte los.
„Noemi!“, rief ich. „Noemi, bist du da?“
Ich lief zur Türe und öffnete sie sofort. Sie war nicht verschlossen, und noch ehe Paul und Jesse am Haus waren, war ich schon drin.
„Noemi?“, rief ich.
Die Scheune hatte zwei Ebenen. Unten war alles voller Stroh. Die obere Ebene, zu der eine Leiter führte, schien leer zu sein.
„Schatz, bist du da?“, hallte meine Stimme hinauf.
Dann hörte ich auf einmal ein leichtes Winseln. Klang so, wie das von einem verletzten Hund oder so.
Ich lief zur Leiter und krabbelte zitternd die Stufen hoch…
Und da lag sie.
Sie war eingehüllt in eine Wolldecke. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt, ihre Augen Blut unterlaufen. Ihre Lippen waren aufgesprungen, und sie zitterte am ganzen Körper.
Ich wusste, was sie hatte. Ich brauchte sie nicht einmal zu fragen.
„Leon…“, stammelte Noemi. „Wie hast du mich gefunden?“
„Es wird alles gut“, versuchte ich, sie zu trösten, als ich sie in den Arm nahm.
„Ich… ich…“
„Noemi… ich war bei Cassandra“, rutschte es dann aus mir heraus.
„Du kennst meine Schwester?“, stammelte sie. „Warum hast du… warum warst du…“
„Ich werde mich um sie kümmern“, versprach ich ihr. „Mach dir bitte keine Sorgen.“
„Was hat sie dir gesagt?“, wollte Noemi wissen.
„Das ist jetzt unwichtig“, meinte ich. „Schatz, vielleicht solltest du ins Krankenhaus…“
„Im Leben nicht“, hauchte Noemi.
„Ich weiß, was los ist.“ Ich sah sie ernst an.
„Du weißt… was weißt du?“ Sie weinte. „Ich weiß nicht mehr, wie oder wann es angefangen hat“, begann sie dann gleich zu erzählen, ohne dass sie ein Wort von mir abwarten wollte. „Ich nehme dieses verdammte H schon seit einigen Monaten. Vielleicht auch schon zwei Jahre, ich weiß es nicht. Weißt du, wie es ist, wenn man immer wieder neues braucht, jeden Tag? Und wenn du nicht weißt, was du machen kannst, damit du es dir leisten kannst?“
Ich hörte ihr zu. Ich hielt sie fest im Arm und hörte ihr einfach zu. Und in der Zwischenzeit waren auch Paul und Jesse angekommen und setzten sich zu uns.
„Sie wussten es anfangs nicht“, sagte Noemi dann. „Später, als sie es wussten, haben sie mir immer was besorgt. Bei Sniper.“
„Sniper ist der Dealer, von dem wir unser Zeug bekommen“, klärte Paul mich auf. „Sehr unangenehmer Typ. Aber er ist der Einzige, wo wir was herkriegen. Er kontrolliert sozusagen die Siedlung.“
„Was ist passiert?“, fragte ich dann nur.
Noemi schnaufte leise aus.
„Ich… ich brauchte dringend was“, setzte Noemi fort. „Ich hatte aber kein Geld. Und da… da hat er mich gezwungen…“
„Ich will es nicht hören“, sagte ich wütend. „Ich kann es mir denken. Ich werde zu ihm fahren und ihm die Wichse aus seinem Gehirn pusten.“
„Er ist eine Nummer zu groß, Leon, vergiss es“, meinte Paul dann.
„Wie habt ihr überhaupt zugelassen, dass…“, fing ich an. Und dann drehte ich mich zu Noemi. „Du bist doch nicht für den auf den Strich gegangen?“
Noemi weinte.
„Ich leg den Kerl um“, schwor ich leise. „Ich besorg mir eine Knarre und leg ihn um.“
„Ich bin gleich nach dem ersten Mal weg“, erzählte Noemi dann weiter. „Ich konnte nicht nach Hause zurück. Er kennt zwar nicht meinen richtigen Namen und weiß auch nicht, wo meine Wohnung ist, aber wenn ich in der Siedlung geblieben wäre, dann hätte er mich gefunden…“
„Du musst zurück“, versuchte ich ihr klar zu machen. „Alleine wegen Cassandra…“
„Wer ist Cassandra?“, wollte Paul wissen.
„Meine Schwester“, sagte Noemi.
„Alter… du hast eine Schwester?“ Paul sah Noemi an.
„Sie ist 12“, meinte Noemi dann. „Ich wohne mit ihr alleine.“
„Ihr sagt das niemandem, habt ihr verstanden?“, vergewisserte ich mich bei den Jungs. „Wenn das auffliegt, dann bringen sie sie weg.“
„Ja, ist ja gut“, meinten Jesse und Paul. „Was machen wir jetzt mit Noemi?“
Noemi hielt sich die Hand vors Gesicht. Zwei Minuten später hustete sie laut, dann kotzte sie auf den Boden. Sie weinte. Sie wand sich vor Schmerzen. Gott, ich hätte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, würde es ihr sofort besser gehen. Würde ich ihr nur helfen können. Die Schmerzen wegmachen können. Das wollte ich, um alles Andere könnte ich mich später kümmern, dachte ich bei mir.
Ich wusste nicht, ob ich nachgedacht hatte. Ich wusste nicht, ob ich es hätte verhindern können. Aber ich dachte, es wäre die einzige Möglichkeit, Noemi zu helfen.
„Ich muss ihr was besorgen“, beschloss ich dann, als ich es zu Paul und Jesse sagte.
„Willst du einfach zu Sniper rennen und fragen, ey, Alter, hast du was für mich?“, meinte Paul.
„Ich werd mit jeder Menge Bargeld hingehen. Und dann werde ich ihm sagen, er soll Noemi in Ruhe lassen.“
„Alter, du weißt nicht, worauf du dich da einlässt“, meinte Jesse. „Nicht mal wir gehen zu dem. Das macht Jonas für uns?“
„Der Stumme?“, fragte ich ungläubig. „Wo ist der überhaupt die ganze Zeit?“
Jesse und Paul zuckten mit den Schultern.
„Gut“, sagte ich dann. „Wie kommen wir an Geld?“
Paul dachte nach. „Wir müssen wohl einen Bruch machen.“
„Und wo?“, fragte Jesse. „Ich kenne nirgendwo was, wo es genug zu holen gibt, dass wir genug zusammen kriegen.“
„Ich schon“, meinte ich dann. „In meiner Nachbarschaft ist ein altes Ehepaar gerade verreist. Ich weiß, dass die ihr Geld zu Hause unter dem Kopfkissen lagern.“
„Unter dem Kopfkissen?“
„Jedenfalls haben die jede Menge Bargeld“, überlegte ich.
„Und wir willst du ins Haus von denen rein kommen, ohne dass es auffällt?“
Ich holte meinen Schlüsselbund raus und zeigte ihnen einen Schlüssel. „Damit“, sagte ich.
„Du hast die Schlüssel von dem Haus?“, fragte Jesse dann.
„Meine Eltern“, sagte ich. „Das ist ihr Schlüsselbund. Sie füttern alle zwei Tage die Fische von den Alten.“
„Und wenn die spitz kriegen, dass du den Schlüssel hast?“
„Der ist morgen früh wieder auf dem Tisch meiner Eltern, das kriegen die nicht mit, dass ich den hatte.“
„Leon…“, stammelte Noemi.
Aber dann konnte sie nichts mehr sagen. Sie wand sich nur noch vor Schmerzen und hielt sich die Hände über ihren verkrümmten Bauch.
„Ich fahr sofort los“, beschloss ich dann. „Paul, Jesse, ihr bleibt hier bei Noemi.“
Und dann stand ich auf und wandte mich zum Gehen.
„Ich bin in drei oder vier Stunden wieder da. Ihr ruft Sniper an und fragt ihn, wo ich hinkommen soll, mir das Zeug abholen. Sagt ihm, ich zahle gut. Wenn ihr wisst, wo ich ihn treffe, dann sagt ihr mir Bescheid. Aber ihr gebt auf keinen Fall meine Nummer raus, okay?“
„Willst du das echt machen?“
„Hab ich eine Wahl?“, stellte ich klar. „Ihr meldet euch.“

Als ich dann auf die Autobahn zurück fuhr, zitterte ich am ganzen Körper. Nicht, weil ich Angst hatte. Ich zitterte aus Verzweiflung darüber, was aus Noemi werden soll. Ich hatte nur noch im Kopf, ich musste ihr helfen.
Ich dachte nicht mehr an mich. Ich dachte nicht daran, was werden könnte.
Ich dachte nur noch an sie. Und daran, dass ich sie nicht aufgeben würde. Für nichts und niemanden. Zu keinem Preis.

Wie erwartet, war das Licht im Haus aus. Die Uhr zeigte morgens halb fünf, und das bedeutete, so gut wie keiner ist auf der Straße, zumal heute ein Wochentag war.
Ich stellte das Auto sicherheitshalber zwei Straßen weiter ab, und nachdem ich ein paar Handwerkshandschuhe aus meinem Kofferraum holte, lief ich die etwa 400 Meter zu dem Haus. Als ich davor stand, sah ich mich um. Es war niemand da, keiner schien mich gesehen zu haben.
Ich zog mir die Handschuhe an.
Dann lief ich auf leisen Sohlen zum Eingang und schloss auf. Gleich hinter mir machte ich die Türe wieder zu.
Als ich in der großen Eingangshalle stand, wollte ich schon das Licht anmachen, aber in letzter Sekunde fiel es mir ein, dass dies kein offizieller Besuch in diesem Haus war.
Ich tapste zum Schrank, von dem ich erahnte, dass sie dort ihre Kasse aufbewahrten.
Ich tastete mit der Hand im Schrank herum. Nach einer Weile fand ich einen harten Gegenstand, der metallisch sein mochte und etwa die Grüße eines Aktenkoffers hatte.
Blind nahm ich den Gegenstand heraus.
Es schien tatsächlich die Geldkassette zu sein. Aber um sie hier zu öffnen, hatte ich nicht das passende Werkzeug, und es war zu dunkel.
Und ich konnte doch wohl kaum mit der Kassette hier heraus spazieren. Was, wenn mich doch jemand sehen würde, dachte ich bei mir.
Ich musste etwas haben, wo ich sie rein machen konnte.
Blind lief ich in die Küche. Jeder Mensch hatte meistens seine Plastiktüten irgendwo in der Küche, und meist lagen sie dort auch ganz offen herum.
Ich stapfte zum Herd und tastete die Arbeitsfläche ab. Als ich dort nichts fand, suchte ich den Schrank unter der Spüle. Diesen öffnete ich dann… und Bingo, da waren Plastiktüten. Ich nahm eine und lief dann zur Eingangshalle zurück, wo die Geldkassette lag.
Ich packte dann die ganze Kassette in die Tüte und verließ den Raum so, wie er war. Die Schranktüre machte ich zuvor wieder zu.
Ich vergewisserte mich, dass ich nicht gesehen wurde, dann lief ich mit der Kassette, die ich in die Plastiktüte gehüllt hatte, zum Auto.
Als ich mich reinsetzte und den Motor anmachte, dachte ich nur noch – jetzt schnell weg hier.

Verdammtes Telefon! Warum klingelte es nicht? Warum hatten sich Paul und Jesse noch nicht gemeldet?
Ich fuhr ganz in die Nähe meines Hauses. Dort war eine Schrebergartenanlage, wo mein Vater eine Hütte besaß und dort diverses Werkzeug hatte. Ich lief dann, nachdem ich geparkt hatte, zu seinem Haus, die Kassette fest unter meinem Arm.
Im Haus fand ich dann einen Seitenschneider.
Natürlich hatte die Kassette ein Schloss. Aber für mich als Hobbybastler war es kein Problem, es aufzukriegen.
Mein Gott, diese Nachbarn waren immer so leichtsinnig, überlegte ich. Wäre nicht mal ein Wunder, wenn die Polizei ihnen selbst noch die Schuld geben würde, sollten sie den Diebstahl nach ihrem Urlaub anzeigen.
Natürlich würden sie ihn anzeigen, dachte ich nach. Verdammt, natürlich würden sie ihn anzeigen.
Ich hatte geklaut.
Verdammte Scheiße. Wenn das jemand rauskriegt… was würden meine Eltern sagen? Was würde mit mir passieren?
Ich verwarf diese Gedanken schnell wieder, als ich dann den Inhalt der Kassette sah… und ich zuckte zusammen.
Siebenhundert Euro waren da drin. Siebenhundert Euro…

Dann klingelte plötzlich das Telefon. Ich wusste, wer es war.
„Wie geht es ihr?“, fragte ich gleich, nachdem ich ran ging.
„Du musst dich beeilen, sie hält nicht mehr lange durch“, machte Jesse am anderen Ende. „Wie viel hast du?“
„Siebenhundert“, sagte ich.
„Ich hab mit Sniper telefoniert. Komm zum Rhein an den Hafen“, sagte Jesse schließlich. „Er erwartet dich dort.“
„Hat er Stoff?“, wollte ich wissen.
„Ich weiß es nicht“, meinte Jesse. „Es sieht so aus, dass er seine Gorillas irgendwo im Hintergrund versteckt, wenn er dich trifft. Es wird auf jeden Fall gefährlich. Und er will auch unbedingt, das Noemi zu ihm kommt und wieder für ihn anschaffen geht.“
„Kann der knicken“, sagte ich zu Jesse. „Ich fahre hin und hole den Stoff.“
„Aber du weißt doch noch nicht mal, ob er dir welchen gibt.
„Das lasst mal meine Sorge sein“, sagte ich selbstsicher. „Kümmert ihr euch um Noemi. Vielleicht sollte sie eine von euren Pillen schlucken, das könnte ihre Schmerzen lindern.“
„Ich hab ihr schon eine gegeben“, antwortete Jesse schließlich. „Pass aber auf dich auf.“
„Ich komme, so schnell ich kann“, beendete ich dann das Gespräch.

So schnell ich kann…
Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Ich hatte keine Ahnung, wie ich den Dreckskerl davon überzeugen sollte, dass er Noemi in Ruhe lässt und sie ungehindert wieder in ihre Wohnung zu Cassandra kann. Ich hatte keine Ahnung, was dieses Treffen auch für mich für immense Auswirkungen haben sollte.
Darüber dachte ich jetzt nicht nach.

Ich dachte nur daran, dass Noemi dringend was bräuchte, weil sie mir sonst krepieren würde. Ich wusste nicht genau, wie Entzugsschmerzen sich anfühlen würden, die man nach dem Gebrauch von Heroin hatte. Aber ich konnte mir vorstellen, dass es unerträglich war. Und ich wollte nicht, dass Noemi so leidet. Ich litt förmlich mit ihr. In meiner Magengegend machte sich ein unbeschreiblich unangenehmes Drücken breit, und ich vermutete, dass dies Solidaritätsschmerzen waren.
Wie sie da lag, zitternd und sich krümmend vor Schmerzen. Wie sie sich wand, weinte und mir so flehend in die Augen sah. Wie sie mich fast anbettelte, ihr etwas zu bringen. Sie hat es nicht mit Worten gesagt, und sie bat mich nicht explizit darum. Aber ich hörte es, wie sie es sagte.
Ich wollte ihr nur helfen.
Ihre flehenden Augen gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.

Als ich das Auto am Hafen parke, stieg ich aus und ging zu dem verabredeten Treffpunkt.
Dann wartete ich.

Kapitel 10 - Sniper

Es war fast noch dunkel, als ich mich an den Mast des großen Hubkrans lehnte. Am Osthimmel war zwar schon das erste Dämmerlicht zu sehen, aber die Lichter leuchteten noch. Obwohl jetzt zu der fast nächtlichen Zeit kein Mensch hier herum lief. Jedenfalls sah ich keinen.
Ich war ganz ruhig. Ich sollte eigentlich Angst haben, mich fragen, was ich hier ganz alleine in einer dunklen, verlassenen Hafengegend machte. Aber das tat ich nicht.
Es musste schnell gehen. Jetzt musste alles ganz schnell passieren, damit ich Noemi gleich das Zeug bringen konnte.

Ich hatte keine große Ahnung vom Heroin. Ich wusste nur, dass es saugefährlich war, sofort süchtig macht und sauteuer war.
Ich dachte fest an Noemi.
Warum hat sie mir nicht vorher etwas gesagt? Ich hätte ihr doch vielleicht helfen können. Ich hätte eingreifen können, dann wäre es vielleicht gar nicht so weit gekommen wie es jetzt war.
Auch, wenn ich nicht wusste, was ich hätte machen sollen, ihr sagen sollen. Ist so, hängst du einmal in der Sucht drin, dann ist es saumäßig schwer, wieder raus zu kommen.
Mehr wusste ich aber darüber nicht.

Ein einsamer Hafenarbeiter lief dann an mir vorbei. Er hatte ein großes Werkzeug, wahrscheinlich einen überdimensionalen Schraubenschlüssel, bei sich. Als er mich sah, nickte er kurz, dann ging er weiter.
An dem anderen Kran weiter hinten blieb er stehen. Merkwürdig, ich hatte irgendwie das Gefühl, dass er mich beobachten würde. Aber das fiel mir noch nicht wirklich auf.
Ich wollte nur eins, die Sache so schnell wie möglich hinter mich bringen.
Als dann zwei weitere Hafenarbeiter kamen und sich in meiner Nähe platzierten, wurde ich doch etwas stutzig. Sie stellten sich einfach hin und beobachteten mich. Jetzt war ich sicher.
Auf einmal kam ein Mercedes angefahren, und ein in schwarz gekleideter Mann stieg aus. Zwischen den Arbeitern fiel er auf mit seinem weißen Hemd, seiner schwarzen Bundfaltenhose und der dazu passenden Jacke.
„Leon?“, fragte er mich dann.
Ich zitterte innerlich, aber ich versuchte, meine Angst nicht zu zeigen.
„Wer will das wissen?“, konterte ich.
„Klappe“, meinte der Mann.
Und plötzlich… kamen noch mehr Hafenarbeiter an und formierten sich in einem Kreis um uns.
„Das sind deine Leute, richtig?“, stellte ich fest. Ich versuchte, den Mann, bei dem es sich offensichtlich um Sniper handeln musste, cool anzuschauen.
„Ich stelle hier die Fragen“, sagte er. „Wo ist Angel?“
Ich blickte ihn verdutzt an.
Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Er kannte ja Noemis richtigen Namen nicht. Das war gut, ein Fünkchen Hoffnung.
„Du lässt die Finger von ihr“, drohte ich ihm.
Plötzlich kam einer von Snipers Gorillas. Es war der mit dem Riesenschraubenschlüssel. Er packte mich und hielt mich im Schwitzkasten. Ich bekam kaum Luft, aber ich ließ mir nichts anmerken.
„Machst du jetzt brav, was ich sage?“, wollte Sniper wissen.
Ich antwortete nicht, worauf der Gorilla fester zudrückte.
„Junge, du weißt wohl nicht, mit wem du es zu tun hast“, erklärte Sniper. „Wenn du jetzt nicht auf der Stelle machst, was ich sage, dann war es das für dich. Verstanden?“
„Hier sind dreißig oder so Zeugen“, konterte ich. „Du wirst mich nicht auf offener Straße töten.“
„Hahaha…“, machte Sniper nur. „Das sind alles meine Leute. Also, sieh dich lieber vor.“
Ich rüttelte am Arm des Gorillas und versuchte, ihn zu beißen. Aber als es mir nicht gelang, schnaufte ich aus.
„Gut“, sagte Sniper, und dann nickte er dem Gorilla zu. Dieser ließ mich dann wieder los.
„Ich habe keine Lust, auf meine lukrativste Schlampe zu verzichten. Ab morgen geht Angel wieder anschaffen. Got me?“
Ich wollte so auf ihn zustürmen und ihm direkt eine in die Fresse rein geben. Am Liebsten hätte ich ihn sofort erschossen.
„Sie kommt nicht wieder“, sagte ich nur gespielt kühl. „Sie ist meine Freundin. Sie wird nicht anschaffen. Für kein Geld der Welt. Und wenn du sie nicht in Ruhe lässt, dann lasse ich dich auffliegen.“
Sniper kam dicht an mich ran. Ich konnte seinen versoffenen Atem spüren.
„Wem willst du hier drohen?“, fragte er mich. „Der Hafen gehört mir. Die Bullen, die hier Wache schieben, gehören mir auch.“
„Ich werde nicht zulassen, dass du sie wieder auf den Strich schickst.“ Ich war geladen ohne Ende. Aber ich musste jetzt einen ganz kühlen Kopf bewahren. Die Situation war sehr brisant.
Jetzt brauchte ich aber schnell einen Einfall. Ich musste den Kerl irgendwie ablenken und dann aufs Eigentliche zu sprechen kommen.
„Ihr braucht den Stoff“, meinte er dann schließlich. „Und ich habe ihn. Wenn Angel nicht wieder kommt, dann wird das tödliche Folgen für sie haben.“
„Vergiss es“, meinte ich trocken. „Das lasse ich nie zu.“ Ich nahm dann meinen Beutel und schleuderte ihn auf die Motorhaube seines Mercedes. „Ich bin hier, weil ich denke, dass du was für mich hast. Und ich habe was, was du gerne hättest.“
Ich holte dann die Geldbündel heraus und zeigte sie Sniper. „Was kriege ich dafür?“
Sniper lachte mich aus. „Hahaha… du weißt nicht mal den Wert“, meinte er dann ironisch.
„Ich kenne noch einige andere, die was brauchen könnten“, bot ich Sniper dann schließlich einen Deal an. „Lass Angel und mich in Ruhe, und ich schicke dir regelmäßig Leute. Kunden.“
Sniper nahm das Geld in die Hand.
„Von welcher Menge reden wir?“, fragte er schließlich.
„So zwei- bis dreimal die Woche bestimmt 50 bis 100 Gramm.“
Wieder lachte Sniper. „Ich verkaufe Kiloweise“, sagte er. „Die 700 sind ja ein guter Anfang, aber viel kriegst du dafür nicht.“
„Egal“, meinte ich. „Ich will den Stoff.“
Sniper schien nachzudenken.
Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte ich bei mir. Ich hatte ihn jetzt soweit, dass er über meinen Deal nachdachte. Das war schon mal ein Zeichen.
„Nun gut“, meinte er dann nach einer Weile. „Ich gebe dir für die Kohle eine volle Spritze. Mehr nicht. Und du sicherst mir im Gegenzug zu, dass du in der Woche Abnehmer für mindestens ein Kilo anbringst.“
„Eine lächerliche Spritze?“, beschwerte ich mich. „Wenn sie die kriegt, dann ist sie doch spätestens übermorgen wieder auf Turkey. Das reicht nicht.“
„Für den Anfang muss es das“, erläuterte der biedere Sniper. „Du kommst nächste Woche exakt zur selben Zeit wieder her. Wenn du dann nicht Geld für ein ganzes Kilo hast – und wir reden hier von Tausenden – dann schwöre ich dir, ich finde Angel. Ich finde dich, und dann ist mein Gesicht das Letzte, was ihr im Leben seht.“
Ich wollte ausholen, hielt dann aber inne.
„Ich brauche das Zeug“, meinte ich dann. „Ich brauche es, du Schwein.“
Sniper sah mich einfach grinsend an.
„Okay“, sagte ich schließlich. „Ich nehme die Spritze für die 700. Aber dafür lässt du Angel in Ruhe.“
Wortlos gab er mir die Spritze und nahm das Geld an sich.
„Was ist?“, fragte ich nach. „Lässt du uns in Ruhe, und sie muss nicht mehr anschaffen gehen?“
„Wir werden sehen“, meinte Sniper trocken, als er schon wieder im Begriff war, ins Auto einzusteigen.
„Ich will, dass du es versprichst“, schrie ich ihn an.
Und plötzlich… packten mich drei seiner Gorillas.
Dann ging alles sehr schnell.
Der Eine hielt mich von hinten fest. Der Zweite krempelte meinen Arm hoch. Und der Dritte holte dann… eine Spritze aus seiner Tasche.
Dann stach er mir damit in den Arm.
Ich fühlte noch in der gleichen Sekunde, wie das Zeug sich in meinem Körper breit machte.
Ich sah Sniper in die Augen, als ich langsam zu Boden sank. Er beugte sich über mich, und sein Sabber lief auf mein Gesicht drauf. Ich versuchte, es wegzuwischen, aber das gelang mir nicht mehr.
Ich wusste nicht, ob seine Gorillas mich in diesem Moment schon wieder losgelassen hatten, ob ich lag oder schon wieder stand.
Ich wusste nicht mehr, ob es Morgen oder Abend war. Die Zeit stand plötzlich still.
Die Wolken hörten auf, sich zu bewegen.
Die Sonne, die am Horizont im Begriff war, aufzugehen, kam nicht hinter den Hügeln in der Ferne hervor.
Der leichte Nieselregen hörte auf zu tropfen. Die Wassertropfen blieben einfach in der Luft hängen.
Und auf einmal war alles… so wunderbar leicht. So, wie ich es noch nie erlebt hatte.
Alles war egal.
Die Zeit stand einfach still.
Ich sah nur noch, dass die Hafenarbeiter verschwanden. Sniper, der in seinen Wagen einstieg, musste noch was gesagt haben, bevor er die Türe schloss. „Ich wünsche dir einen schönen Rausch“, glaubte ich ihn verstanden zu haben.
Dann fuhr er davon.

Diese Stille.
Meistens fand ich sie unerträglich. Aber jetzt war sie so schön. Alles war so ruhig. Niemand war hier.
Ich dachte nach, obwohl ich nicht denken wollte.
Noemi. Ich hatte sie nicht gefragt, wie ihr erstes Mal war. Ich hatte es nicht von ihr erzählt bekommen. Vielleicht wollte sie es auch nicht erzählen.
Das war mein erster Schuss.
Ich wusste nicht mehr, wie es passierte. Aber was ich fühlte, jetzt in diesem Moment… ich wollte es. Vor zwei Minuten oder vor einem Tag wollte ich es noch nicht. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr. Ich hätte nie gedacht, dass ich es wollen würde.
Jetzt wollte ich es.

Ich merkte, dass ich aufgestanden sein musste. Denn ich hörte mein Telefon klingeln.
Ich ließ es eine Zeit lang klingeln, dann ging ich ran.
„Wo bleibst du?“, fragte Jesse.
„Ich… komme schon“, brachte ich nur hervor.
Oh, mein Gott… Noemi…
„Hat alles geklappt?“, hörte ich Jesse fragen.
„Ich habe Stoff“, musste ich gesagt haben. „Nicht viel, aber für zwei, drei Tage sollte es für sie reichen.“
„Was ist abgegangen, Alter?“, hörte ich Jesse sagen. „Komm schnell her.“
„Ich muss mein Auto suchen“, hörte ich mich sagen.
„Leon, hast du was genommen?“, wollte Jesse dann wissen.
„Alles cool“, hörte ich mich ihn beschwören. „Ich bin unterwegs.“
„Was hat er mit dir gemacht? Was hat er gesagt?“
„Ich treffe ihn nächste Woche wieder, dann bekomme ich neues Zeug. Ich muss das Geld dafür irgendwie besorgen. Er will Kunden haben.“
„Bist du irre?“, fragte Jesse.
„Alles cool, ich hab alles im Griff.“

Ich konnte mich so schön selbst belügen, dass ich es sogar glaubte. Ich konnte mir so schön selbst vormachen, dass ich das Richtige getan hätte.
Hätte ich bloß schon gewusst, dass das erst der beschissene Anfang von allem war…

Ich musste zu meinem Auto. Ich musste irgendwie zu Noemi kommen, ganz, ganz schnell, und egal, wie voll oder zugedröhnt ich war. Ich musste zu ihr fahren. Jetzt.

Kapitel 11 - Butterfly Effect

Die ersten Sonnenstrahlen huschten ins düstere Zimmer. Die Vorhänge waren noch zugezogen. Und wie meistens war ich der Erste, der wach war.
Es ging mir so scheiße. Gott, ging es mir scheiße. Aber ihr musste es noch viel schlimmer gehen.
Ich sah neben mich. Da lag sie. Zusammengekauert und sich vor Schmerzen krümmend.
Ich konnte nichts machen. Ich musste heute wieder los, das wusste ich. Spätestens heute Abend. Noemi schlief Gott sei Dank noch, vielleicht merkt sie dann ihren Turkey nicht ganz so sehr, versuchte ich mir einzureden. Ich weckte sie nicht, ich ließ sie schlafen. So wie jeden Morgen.

Noemis Wohnung war nicht sehr groß. Zwei Zimmer. Normalerweise teilten sich Cassandra und Noemi ein Zimmer. Aber weil ich jetzt hier war, schlief Cassandra im Wohnzimmer auf der Couch, und ich nächtigte bei Noemi im Zimmer. Ich wollte sie am Liebsten 24 Stunden am Tag im Auge behalten. Leider ging das aber nicht, wenn ich abends und nachts auf Tour ging, um was zu besorgen.

„Leon“, hörte ich die Stimme aus dem Wohnzimmer.
Ich stand auf und trottete schlaftrunken zu Cassandra an das Sofa und setzte mich zu ihr.
„Wie geht es ihr?“, fragte Noemis Schwester.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Wir haben nichts mehr zu essen“, stellte Cassandra fest.
„Ich weiß, Schatz“, tröstete ich sie. „Ich besorge nachher etwas.“
„Du hast kein Geld“, sagte Cassandra nachdenklich. „Dein Vater hat deine Kreditkarte sperren lassen, und was du auf der Bank noch hattest, das hast du letzte Woche schon für Stoff ausgegeben…“
Ich schnaufte genervt aus.
„Was soll ich denn machen?“, sagte ich lauter. „Noemi braucht den Stoff. Das weißt du.“
„Und was ist mit dir?“ Cassandra sah mich fragend und vorwurfsvoll an. Als sie merkte, dass dies der falsche Eindruck war, den sie vermitteln wollte, nahm sie meine Hand.
„Ich habe es unter Kontrolle“, sagte ich. „Ich habe erst einmal H genommen. Ich muss das Zeug nicht haben.“
„Lügst du auch nicht?“, fragte sie leise.
„Cassandra, ich verspreche dir, dass ich auf euch aufpassen werde, egal was geschieht.“

In der gleichen Sekunde hörte ich ein Stöhnen aus Noemis und meinem Zimmer. Schnell lief ich zu ihr.
„Maus, wie geht es dir?“, fragte ich. Aber zugleich merkte ich, wie bescheuert die Frage war.
„Alter…“, meinte Noemi leise. „Ich hab so Bauchkrämpfe…“
„Ich werde heute Abend was besorgen“, meinte ich zu ihr. „Ich brauche erst mal Geld. Und was zu essen. Cassandra hat Hunger.“
„Mann, Alter, ich hab seit Tagen nichts gegessen.“
„Solltest du, Schatz. Vielleicht geht es dir dann etwas besser.“
Noch ehe ich Noemis Antwort abwartete, kramte ich in meiner Hose, um nach meiner Geldbörse zu suchen. Als ich sie fand, zählte ich das letzte Geld, was wir noch hatten. Es waren so um die acht Euro fünfzig. Für einen Schuss reichte das sicher nicht. Aber was zu essen könnte ich jetzt gleich besorgen.
„Ich gehe was einkaufen“, sagte ich dann zu Cassandra, die ins Zimmer kam. „Pass bitte auf Noemi auf, okay?“
Cassandra nickte.

Ich kaufte im Supermarkt Lasagne, Frischkäse, Tomaten und Brot. Für mehr reichte es nicht, aber bis morgen sollten wir damit hinkommen.
Zu Hause machte ich Cassandra gleich ein Brot und schob schon mal die Lasagne in den Ofen.
Als ich damit fertig war, klingelte das Telefon.
„Ja“, sagte ich.
„Hey, Alter“, begrüßte mich Jesse. „Alles klar?“
„Sieht das so aus?“, fragte ich genervt zurück.
„Geht’s ihr immer noch so scheiße?“
„Heute ist es besonders schlimm“, antwortete ich. „Wir brauchen was.“
„Ich komm gleich vorbei“, meinte Jesse schließlich. „Es gibt in der Altstadt eine Villa, die heute leer zu sein scheint.“
„Du willst bei helllichtem Tag einbrechen?“, fragte ich ungläubig.
„Ist eine sichere Sache“, meinte Jesse. „Wir können durch den Keller rein, da fällt es nicht auf.“
„Ey, Alter, spinnst du?“, schoss es mir wie aus der Pistole geschossen aus dem Mund.
„Das klappt schon“, meinte Jesse schließlich. „Hast du was von Jonas gehört?“, warf er nach.
„Nee, nichts, seit er damals spurlos weg war.“ Ich setzte mich auf den Stuhl im Wohnzimmer. „Bringst du welche von den Pillen mit nachher?“, bat ich Jesse dann.
„Ist gebongt“, antwortete er.
Dann legte ich auf.

Jonas war schon vor dem Vorfall letzte Woche weg. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich ihn das letzte Mal sah. Und letzte Woche war ich das erste Mal bei Sniper. Da hat er mir das H für Noemi gegeben… aber unter welchen Voraussetzungen? Ich wusste es noch, als wenn es gestern gewesen wäre. Ich sah Noemi noch immer da, voller Schmerzen, als sie mir gebeichtet hat, dass sie H nimmt, und dass sie auch schon für Sniper anschaffen war.
Dieses Schwein.
Aber er war der Einzige, durch den ich an dieses Zeug dran kommen würde. Das wusste ich. Und heute würde ich ihn wieder treffen, das war so ausgemacht.
Ich bin damals noch in der gleichen Nacht von Zuhause abgehauen. Ich hab alles mitgenommen, was mir wichtig war, und was ich brauchen könnte, und bin zu Noemi und ihrer Schwester gegangen. Ich wollte sie um keinen Preis mehr alleine lassen.
Das Zeug, was der mir damals gegeben hat, hat gerade mal drei Tage gereicht. Und das ist jetzt schon wieder vier Tage her. Seitdem hing Noemi auf Turkey. Die Pillen, die Jesse und Paul ab und zu brachten, halfen nur schwer. Aber wenigstens ging es dann irgendwie.
Es musste.

Als am Nachmittag Jesse vor der Türe stand, sagte er, Paul wäre unten. Ich gab Noemi schnell eine von den Pillen, und dann machte ich mich mit Jesse runter zu Paul.
Wir wollten meinen Wagen – Gott sei Dank hat den mir mein fickender Vater gelassen – natürlich nicht nehmen. Es musste jetzt alles schnell gehen. Um fünf sollte ich am Hafen sein, um Sniper zu treffen, und jetzt war es schon vier Uhr durch. Ich hatte ihm zweitausend Euro versprochen und hoffte, er hatte genug Stoff dafür.
Wir liefen dann in die Altstadt. Kaum einer sagte ein Wort. Ich war sowieso schon gereizt ohne Ende, und alles, was irgendjemand zu mir sagte, fasste ich als Angriff gegen mich oder meine Lieben auf.
Es regnete heute, und da war die Stadt nicht sehr voll. Vorteil für uns.
„Kommt zum Hintereingang“, meinte Jesse, nachdem er sich vor dem Haus noch kurz umsah.
Ich lief ihm hinterher, und Paul wartete draußen. Er hatte das Handy parat, für den Fall, dass jemand kämme.
Ich weiß nicht, woher er die Stange hatte, aber auf jeden Fall machte Jesse dann damit die Türe auf, die zum Keller führte. So abgelegen hinter der Hecke konnte das auch so gut wie niemand mitbekommen.
„Ist hier Bargeld?“, fragte ich dann leise, als wir drin waren.
Jesse zuckte mit den Schultern.
Im Erdgeschoss fanden wir eine moderne Anlage. Die sollte uns vielleicht drei-, vierhundert Euro einbringen. Aber noch während ich überlegte, wie und wo ich sie am Besten verhökern könnte, verwarf ich den Gedanken schon wieder, da wir das Geld dafür auf jeden Fall nicht schnell genug hatten.
Wir sahen uns um.
Jetzt war es schon halb 5.
„Mist“, fluchte ich. „Hier ist nichts, was wir auf die Schnelle zu Geld machen können.“
Plötzlich knarrte die Eingangstüre.
Wortlos zog ich Jesse am Ärmel, und wir versteckten uns hinter einem Schrank.
Ein alter Mann kam herein.
„Hallo?“, rief er.
Jesse fuchtelte mit seiner Hand in der Tasche. Warum, wusste ich erst nicht.
Dann zog er eine Knarre zum Ansatz raus.
„Tu die weg“, flüsterte ich, ohne hinzusehen.
Der Mann ging dann nach oben. „Die Kellertüre stand auf. Ist jemand zu Hause?“, hörten wir ihn noch sagen.
„Komm, raus hier“, meinte Jesse dann.

Wir liefen zu Paul und liefen langsam um die Ecke. Noch hat keiner gemerkt, dass wir in dieses Haus eingebrochen sind.
Als wie dann über die Straße waren, rannten wir, was das Zeug hielt.
Vor einer Tankstelle, die nicht sehr besucht war, blieben wir dann stehen.
„Knarre“, meinte ich zu Jesse. „Gib her.“
„Wieso?“, meinte Jesse dann.
„Frag nicht so blöd“, entgegnete ich genervt. „Los, her damit.“
Jesse gab mir seine Knarre.
„Ihr wartet hier, bis ich komme.“ Kaum dass ich das sagte, lief ich auf die Tankstelle zu.

Es dauerte nicht mal zwei Minuten.
Ich lief rein, wartete, bis der eine Kunde, der noch drin war, ging, und dann hielt ich dem bärtigen Typ, dem die Tankstelle gehören mochte, die Waffe an die Schläfe. Ich hatte den Schal über meine Lippen gebunden, aber dass er meine Augen sehen konnte, daran dachte ich im Moment nicht.
„Alles Bargeld. Los!“, befahl ich.
Er schaute mich nur an.
„Los!“, bekräftigte ich.
Wortlos gab er mir dann so Rund tausend Euro.
Ich nahm sie, rannte raus, schnappte Paul und Jesse, und wir rannten und rannten.

„Okay“, sagte ich, als wir in Hafennähe zum Stehen kamen.
„Meinst du, die kriegen dich?“, wollte Jesse wissen.
„Mir doch egal“, meinte ich. „Den Rest muss ich jetzt alleine machen.“ Ich wandte mich zum Gehen und drehte mich dann noch mal um. „Geht nach Hause. Wartet im Bunker, bis ich komme.“

Ich lief zu der verabredeten Laterne. Als nach fünf Minuten noch niemand in meiner Nähe war, lehnte ich mich angepisst an sie.
Plötzlich haute mir wer auf den Hinterkopf.
„Du hast dich tatsächlich getraut“, sagte der Mann zu mir.
„Sniper“, stieß es aus mir hervor.
„Sag nie wieder meinen Namen in der Öffentlichkeit, hörst du?“, meinte der Mann. „Was hast du?“
„Tausend.“
„Zeigen!“
Ich holte das Bündel aus der Tasche und zeigte es ihm. „Erst die Ware“, meinte ich dann trocken.
Sniper holte ein Päckchen hervor. Ich konnte nicht genau sehen, wie viel es war, aber das war jetzt auch egal. Es musste ja nur etwas sein. Etwas, damit sie über die Runden käme, und das möglichst ein paar Tage oder sogar Wochen.
Ich nahm das Päckchen, dann gab ich Sniper das Geld.
„Willst du mich verarschen?“, meinte ich, als ich dann sah, dass es doch sehr wenig war. „Ich hab dir tausend gegeben.“
„Du hast gesagt, du bringst Kunden“, meinte der Mann. „Davon hab ich noch nichts gesehen. Und Angel ist auch weg vom Fenster. Ich sagte dir ja, sie soll wieder anschaffen gehen. Dann gibt’s auch mehr.“
„Du widerwärtiges Stück Scheiße“, fluchte ich.
Ich zog die Knarre von Jesse und zielte auf Sniper.
„Angel geht nie mehr anschaffen. Weißt du eigentlich, wie scheiße es ihr geht, Alter?“ Ich hielt meine Finger am Abzug.
„Fresse!“, meinte Sniper nur unbeeindruckt.
Und schon kamen zwei oder drei seiner Gorillas und stellten sich um mich herum. Einer hatte eine Waffe und richtete sie gegen mich.
„Komm morgen wieder, wenn du dreitausend zusammen hast. Und besorg die Kunden“, sagte Sniper.
Er stieß mich zu Boden und ließ mich dann liegen.
„Richte deiner Freundin aus, sie soll sich bei mir melden. Und wenn sie es nicht tut.. ich finde euch. Das weißt du.“
Er stapfte dann davon, noch ehe ich kontern konnte.

Ich hätte schießen sollen. Warum hab ich dieses Schwein nicht getötet? Dann hätte er Noemi nie wieder etwas tun können.
Aber dann hätte sie auch keinen Stoff mehr bekommen…

Der Weg vom Hafen war etwa eine dreiviertel Stunde Fußweg. Ich hatte ja das Auto nicht dabei.
Ich zitterte die ganze Zeit über am ganzen Körper. Ich litt mit Noemi mit. Ich wollte so schnell wie möglich zu ihr, ihr den Stoff bringen.
Ich würde alles tun für Noemi…

Als ich ankam, war sie mit Jesse und Paul im Bunker. Kaum dass ich da war, machte sie sich ihre Mischung zurecht.
Aber noch bevor sie sich die Spritze setzen konnte, ging die Türe auf.
Scheiße, Scheiße, Scheiße…
Jonas kam herein. Er war in der ganzen letzten Zeit verschollen, wie vom Erdboden verschluckt. Und jetzt, wo er hier war, wünschte ich, er wäre es geblieben.
Denn er kam nicht alleine. Hinter ihm standen die zwei Typen, die mich damals bedroht hatten. Der Eine hatte eine Waffe und richtete sie auf Jonas, der am ganzen Körper zitterte wie Espenlaub.
„Den Stoff“, meinte der Junge.
Noemi sah ihn an. Ihre Spritze war fertig, bereit, gesetzt zu werden.
„Das ist alles, was wir haben“, meinte ich zu dem Jungen. „Lass Jonas los. Morgen besorge ich euch was.“
„Morgen ist es zu spät“, meinte der Junge. „Los, gib den Stoff her.“
Ich blickte Noemi an.
Sie sah den Jungen an. Sie wand sich vor Schmerzen.
Dann setzte sie sich den Schuss.
Und in diesem Moment schoss der Junge.
Oh, mein Gott… Jonas sackte zu Boden, und die beiden Jungs liefen aus dem Bunker heraus.
Oh, mein Gott…
„Jonas…“, schrie Noemi, als es ihr besser ging, weil sie jetzt den Stoff bekommen hatte.
Aber Jonas antwortete nicht. Er lag leblos auf dem Boden.
„Was passiert hier?“, stammelte ich total paranoisch. „Jonas ist tot… Jonas ist tot…“
„Sie haben ihn getötet…“, stammelte Paul.
Jesses Arm bewegte sich die ganze Zeit zitternd af und ab.
„Wir müssen ihn wegbringen“, hauchte er dann nur.
„Wegbringen?“ Ich sah ihn an. „Wohin?“
„Keine Ahnung“, meinte Jesse.
„Wir bringen ihn heute Nacht in den Wald“, überlegte Paul.
„Nein“, meinte Jesse dann. „Wir legen ihn auf die Gleise. Dann sieht es wie Selbstmord aus.“

Noemi weinte.

„Gott, wenn ich nur wüsste, wo er war. Ich hätte sein Geheimnis gerne gekannt“, sagte ich nachdenklich, als ich zu Noemi ging und sie in den Arm nahm.

Und Noemi weinte stärker.

„Jesse, Paul, legt ihn in eine Folie oder so. Da hinten ist welche.“ Ich schnaufte aus.

Und Noemi weinte bitterlich.
„Ich bin Schuld“, sagte sie.
„Aber du hast das Zeug doch gebraucht…“, versuchte ich sie zu trösten. „Ich bin Schuld“, erklärte ich dann.
„Warum du?“
„Ich hätte dich retten sollen, als ich es noch konnte“, hauchte ich. „Ich weiß nicht, warum ich das nicht gemacht hab. Ich weiß nicht, warum ich dich nicht retten konnte. Und jemand musste jetzt dafür sterben…“
Ich weinte jetzt auch, aber ich versuchte, die Tränen zu unterdrücken.
„Ich will nicht mehr“, stammelte Noemi.
„Red keinen Scheiß“, sagte ich zu ihr. „Du musst am Leben bleiben. Für Cassandra.“
„Ich kann nicht mehr…“
„Aber ich kann“, sagte ich, mehr oder weniger um mir selbst mut zuzusprechen. „Und wenn ich es muss, dann musst du es auch.“
„Leute… was tun wir jetzt?“, warf Paul ein.
„Sobald es dunkel ist, packen wir ihn in einen Koffer, der groß genug ist. Ich hab oben in Noemis Wohnung einen. Und in der Nacht bringen wir ihn dann zum Bahnübergang. Dort legen wir ihn ab.“
„Scheiße, Scheiße…“, fluchte Jesse leise.
„Warum musste so was passieren?“, meinte Paul. „Jonas… er war so ein guter Kerl.“
„Das muss ein Ende haben“, flüsterte ich fast unhörbar. „Noemi, das muss ein Ende haben…“

Wir wussten nicht, wann ihn jemand auf den Gleisen entdeckt hatte, nachdem wir ihn dort ablegten. Wir wussten nicht mal, ob tatsächlich ein Zug über ihn drüber gefahren war, oder ob ihn jemand dort schon tot fand, bevor der Zug kam.
Es war jetzt früh am Morgen, und ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich machte mir solche Vorwürfe. So wahnsinnige Vorwürfe.
Hätte ich doch Noemis Drogensucht bloß früher erkannt… vielleicht hätte ich was tun können. Vielleicht hätte ich nicht nur ihres, sondern auch Jonas’ Leben retten können.
Aber dazu war es jetzt zu spät.
Dies war die Sekunde, als ich einen fatalen, Folge schweren Entschluss fasste. In dieser Sekunde wusste ich, dass es nun auch für mich kein Zurück mehr geben würde.
Aber gesehen habe ich es nicht. Noch nicht.

Kapitel 12 - Ich auch

Es sah nicht so aus, als wenn die beiden Kinder, die gerade hier spielten, besonders Angst hatten. Sollten sie aber, nach dem was letztens hier geschehen ist. Ich hatte jedenfalls Angst, aber trotzdem bin ich nicht zurück zu meinen Eltern gegangen. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – bin ich hier bei Noemi und ihrer Schwester geblieben.
Außerdem was es jetzt eh zu spät.
Ich saß schon seit Stunden hier unten vor dem Haus auf der Parkbank. Ich bildete mir ein, von hier unten könnte ich Noemi am Besten bewachen. Ich würde direkt sehen, wenn einer versucht, herzukommen und ihre Wohnung zu betreten. Ich würde ihn erst gar nicht ins Haus lassen.
Nebenbei hatte ich dann noch die Hoffnung, Jesse oder Paul würden hier aufkreuzen. Seit Jonas umgebracht wurde, waren sie nicht mehr hier. Sie hatten wohl noch mehr Angst als ich, dachte ich. Weicheier.
Ich habe nie gelernt, im Ghetto zu leben. In den tiefsten Slums, so wie hier. Manchmal wunderte ich mich über mich selbst, wie ich das schaffen würde. Da sitzt man da, beobachtet Menschen, die hier vorbei gehen und schauen, dass sie so schnell wie möglich in ihre Bude kommen, um nicht von irgendwem angemacht oder belästigt zu werden, oder Schlimmeres… aber ich saß einfach hier und stellte mich all dem entgegen.
Tat ich das wirklich?
Ich war Schuld an Jonas’ Tod. Das wusste ich. Noemi sagte, das stimmt nicht. Aber ich wusste, dass sie Unrecht hatte. Ich hätte schon damals reagieren sollen, als diese Jungs mich schon einmal bedroht hatten. Ich hätte ihnen damals schon so sehr eins geben müssen, dass sie sich nie wieder hierher getraut hätten. Auch wenn ich noch nicht hier gewohnt hatte, so wie jetzt.
Aber jetzt war Jonas tot, und ich war es Schuld.
Ich hing jetzt schon mehr drin, als ich es je vermutet hätte. Gestern musste ich einen Bruch machen, weil wir heute neues Zeug brauchten. Ich wusste noch nicht, wie ich das anstellen sollte. Aber ich musste heute auf jeden Fall noch mal zu Sniper, irgendwie.
Ich sah Noemis Augen vor mir. Wie sie schaute, als sie mir sagte, sie braucht dringend etwas. Ihre flehenden Augen. Und ich sah ihre verzweifelten Augen vor mir, als Jonas getötet wurde. Ich sah, dass sie die Schuld auf sich nahm. Aber hätte ich besser aufgepasst, wäre das gar nicht passiert. Und Jonas könnte noch mit uns im Bunker sitzen und einen Joint rauchen.
Verdammte Scheiße. Warum musste das geschehen? Warum bloß musste er sterben?
Ich dachte nicht darüber nach, was ich eigentlich wollte. Ich dachte nicht daran, dass es insgeheim mein Wunsch war, Noemi aus dieser Hölle hier zu befreien.
Ich dachte über etwas ganz anderes nach…

Als ich wenig später nach oben ging, schlief Noemi noch. Cassandra war in ihrem Zimmer und las eine Zeitschrift, die sie von einem Schulkameraden bekommen hatte.
„Sie fragen“, meinte Cassandra knapp, als sie hörte, dass ich rein kam.
„Wer fragt was?“, erkundigte ich mich.
„In der Schule“, meinte sie. „Offiziell wohnt Mama auch hier. Sie wissen nicht, dass ich mit Noemi alleine wohne. Und Noemi hat kein Sorgerecht. Wenn die nachprüfen, dann kommt das Jugendamt her.“ Sie weinte leise. „Ich will nicht von Noemi weg. Ich will hier bei ihr und dir bleiben…“
„Mach dir keine Sorgen, Schatz“, versuchte ich, Cassandra zu trösten.
Dass ich selbst schon fast überfordert war, das wollte ich mir nicht eingestehen. Jetzt zählte nur eines: Ich musste an neuen Stoff. Damit es Noemi gut geht. Und ich musste an Geld, damit Cassandra vernünftig versorgt ist. Wir hatten zwar noch alles da, denn von dem, was ich gestern erbeutet hatte, hatte ich für die nächsten zwei Wochen zu Essen eingekauft. Aber irgendwann würde das ja auch alle gehen. Ich musste mir dringend etwas einfallen lassen. Ich musste einen Weg finden, wie wir das alles hier bezahlt bekämen.
Leider machte ich mir darüber aber keine großen Gedanken. Ich konnte es irgendwie nicht. Ich saß apathisch am Esstisch, als Noemi aufwachte und in die Küche rein kam.
„Leon…“, hauchte sie nur knapp.
„Ich muss gleich los“, sagte ich geistesabwesend.
„Ich weiß“, sagte sie.
„Ich werde genug für uns Beide holen.“
Jetzt hatte ich das, was ich die ganze Zeit dachte, gesagt.
„Leon, nein…“
„Ich diskutiere nicht darüber“, sagte ich knapp.
Mit einem Mal wurde ich aggressiv.
„Leon, du kannst nicht konsumieren…“, stammelte Noemi.
„Aber ich kann dir Zeug besorgen? H besorgen? Noemi, ich steh das nicht durch. Jonas ist wegen mir getötet worden. Hätte ich besser aufgepasst, wäre das nicht geschehen. Ich hab keinen Bock auf diese depressiven Schmerzen. Ich will auch H nehmen. So wie du. Dann wird alles viel cooler und gelassener.“
„Leon, wenn du selbst nehmen willst, dann schließe ich dich hier ein…“
„Ach ja?“ Ich schaute sie gekünstelt lächelnd an. „Wie willst du dann an das Zeug kommen? Wenn du selbst zu Sniper geht… du weißt, was er dann mit dir macht. Du weißt, dass du dann wieder auf den Strich gehen müsstest. Aber ich bewahre dich davor.“
„Leon…“
„Wenn du willst, dass ich das weiter mache, dann lass mich auch H nehmen. Und lass mich meinen Job machen, so wie ich es für richtig halte.“
„Das ist es?“, fragte sie leise. Eine Träne lief über ihre Wange. „Ich und Cassandra sind für dich nur ein Job?“
„Nein“, bekräftigte ich stark. „Ich meine das mit dem H. Den Job. Und das weißt du. Wenn ich dich nicht lieben würde, dann wäre ich gar nicht hier. Also; tu jetzt nicht so, als wenn es nur um diese Drogen ginge.“
„Aber das geht es“, sagte Noemi weinend. „Merkst du das nicht? Merkst du nicht, wie tief ich gefallen bin? Weißt du eigentlich, wie es ist, wenn man morgens aufsteht und den ganzen Tag nur den einen Gedanken hat, dass man was kriegen muss, damit man den nächsten Tag irgendwie übersteht?“
„Nein“, gab ich zu. „Aber es wird Zeit, dass ich es lerne.“
„Leon, tu das nicht…“
Ich stand auf, als Noemi mich am Hemdärmel zog und versuchte, mich festzuhalten. Aber ich war stärker. Gekonnt riss ich mich los.
„Wenn ich sage, ich kümmere mich, dann mach ich das auf meine Weise“, sagte ich zu ihr.
Dann ging ich zur Türe.
„Leon, ich liebe dich doch…“, warf Noemi noch nach.
Aber das hörte ich schon nicht mehr.

Scheiße.
Verfluchte Scheiße. Mein Auto war weg.
Ich stellte es doch weit genug von der Siedlung entfernt hin, gestern Abend noch. Jetzt war es nicht mehr da. Es wurde hundertprozentig geklaut. So ein verfluchter Mist. Wie sollte ich jetzt von A nach B kommen? Mit der Bahn etwa? Ich war dich nicht einer von den Assis, die Bahn fahren müssen.
Aber ich hatte wohl keine Wahl. Die Polizei konnte ich nicht rufen, das wusste ich. Zumal ich auf dem Weg zum Hafen war, und wer weiß, was mit mir geschehen würde, wenn die Bullen raus kriegten, warum ich dorthin wollte.
Half alles nichts. Ich setzte mich dann in die Bahn und fuhr zum Hafen.

Es war früher Abend, und die Sonne hing schon ziemlich am Horizont. Ich mochte es lieber, wenn es hier schon etwas dunkler war. Na, ja, aber ich hatte heute die schäbigsten Klamotten an, die ich besaß, so würde ich hier vielleicht nicht allzu sehr auffallen.
Ich lief durch die Anlagen, die Kräne hindurch, vorbei an den Hallen. Es war die letzte Halle; zu der ich musste. Dort war der Kontaktmann. Sniper gab seine Adresse, geschweige denn Handy-Nummer, natürlich nicht raus. Man musste dann zu einem Kontaktmann, der hier arbeitete, und der würde Sniper Bescheid sagen.
Ich stellte mich vor die Halle. Es waren noch zwei weitere Leute hier drin, aber die würden um sieben Uhr Feierabend machen. Solange wollte ich auf jeden Fall warten.
Ich stellte mich an die Laterne. Instinktiv griff meine Hand in die Tasche, und ich fühlte die Geldscheine. Tausend Euro hatte ich bei mir. Knapp tausend Euro. Das war das, was ich gestern erbeutet hatte, bei dem Bruch in die Spielhalle.
Mir fiel auf, dass ich mich langsam wie ein Profi verhielt. Und mit der Maske und der Knarre, die ich noch hatte, weil ich Jesse und Paul seit dem noch nicht wieder gesehen habe, war das auch kein großes Problem. Ich stapfte einfach gestern in die Spielhalle rein, hielt der netten jungen Frau die Knarre an den Kopf und ließ mir das Geld aus der Kasse geben. Dann verschwand ich wieder. Und die ganze Aktion musste nicht einmal fünf Sekunden gedauert haben. Ich hatte auch keine Angst gehabt. Ich tat alles in letzter Zeit sowieso ganz mechanisch, ohne großartig nachzudenken. Ich machte einfach.
Natürlich machte ich mir auch über meinen weiteren Gang keine Gedanken. Die Zivildienststelle hatte ich ja quitt. Bei meinen Eltern wollte ich nicht länger bleiben, also war ich auch deren Geld los. Also musste ich auf eigene Faust agieren. Und das machte ich mehr oder weniger mechanisch.
Ich dachte an Noemi. Ich dachte immer an sie, denn sonst würde ich das alles hier ja nicht machen. Mir war klar, dass ich das so wollte.
Aber jetzt ging es nicht mehr nur darum, ihr zu helfen und für sie und Cassandra, ihre kleine Schwester, da zu sein. Jetzt wollte ich es selbst auch. Gott, wie ich diese Depressionen hasste. Ich wollte sie loswerden. Und ich wusste, das kann ich nur, wenn ich selbst auch H konsumiere. Verdammt, ich hatte echt Schiss, dass ich das alles ohne selbst etwas zu nehmen nicht mehr hinbekomme. Ich hatte auch Angst davor, dass ich über kurz oder lang kein Verständnis mehr für Noemis Lage hätte, würde ich es nicht selbst am eigenen Leib kennen.
Ich stand jetzt hier an der Laterne, und ich versuchte, mit aller Gewalt eine Entschuldigung zu finden. Eine Entschuldigung für alles. Für die ganze Scheiße. Vor allem für meinen Wunsch, es am eigenen Leib zu kennen.
Aber ich wusste, irgendwie wollte ich das so. Genau so und nicht anders.
Als die beiden Hafenarbeiter dann das Gebäude verließen, schlich ich mich vorsichtig rein.
„Ey!“, meinte ich dann zu dem Kontaktmann, dessen Namen ich nicht mal kannte. „Hol mir Sniper her.“
„Du hast wohl einen an der Waffel“, meinte der Mann.
„Ich war letzte Woche schon mal hier“, grunzte ich ihn an. „Schon vergessen?“
Der Mann guckte mich blöd an.
„Vielleicht hilft dir das auf die Sprünge, Alter“, sagte ich, und dann zog ich die Waffe und richtete sie auf ihn.
„He, mach keinen Blödsinn“, meinte der Mann. „Steck die Waffe weg.“
„Holst du Sniper jetzt her?“
Er nickte. „Warte kurz hier“, forderte er mich auf, während ich meine Waffe wieder weg steckte.
Dann lief er in sein Büro. Ich wartete zwei Minuten, dann kam er wieder.
„Wie viel?“, sagte er dann.
„Genug“, meinte ich. „Ich hab tausend.“
Der Mann sah mich an. „Warte draußen irgendwo. Sniper wird dich in der nächsten halben Stunde kontaktieren.“
„Wenn nicht, dann bist du fällig“, versuchte ich dem Mann Angst zu machen.
Aber er reagierte nicht darauf, sondern zeigte nur stumm auf die Türe.

Als Sniper innerhalb der nächsten halben Stunde nicht eintraf, wartete ich noch eine weitere halbe Stunde. Aber er kam nicht. Verfluchter Mist, dachte ich bei mir, dieser Scheißkerl hat mich hängen lassen.
Nach einer Stunde kam dann der Kontaktmann raus.
„Was ist?“, wollte ich von ihm dann wissen.
Er schaute mich nur an.
Dann ging alles sehr schnell.
Ich zuckte die Waffe. Ich hielt sie ihm an die Schläfe, nachdem ich ihn in den Schwitzkasten genommen habe.
Er fluchte. Dann wimmerte er.
Und ich schoss.
Ich sah mich hektisch um.
Der Kontaktmann sackte zu Boden. Ich hatte keine Ahnung, ob er tot war. Ich wusste nicht, ob er noch lebte. Ich wusste nicht mal, wohin ich geschossen habe.
Ich drehte mich nicht noch mal um. Ich rannte.
Habe ich einen Menschen getötet?
Wer hat mich gesehen?
Woher kriege ich jetzt das Zeug, wenn der tot ist?
Fragen, die mir hätten durch den Kopf schießen müssen. Aber das taten sie nicht. Ich war zu apathisch, um etwas mitzukriegen. Ich rannte und rannte. Und ich wusste nicht einmal, wohin.

Irgendwie kam ich dann wieder in der Siedlung an. Berliner Ring, dort, wo ich jetzt zu Hause war. Es war schon dunkel geworden, und die üblichen düsteren Gestalten kamen hervor und krochen witternd zwischen den Plattenbauten herum.
Was war geschehen?
Es war wie ausgeblendet. Es war für eine Sekunde lang so, dass ich es nicht mehr wusste, als ich hier ankam.
Noemi. Cassandra. Was war mit ihnen? Was sollte ich ihnen sagen, wenn ich jetzt da rauf zu ihnen gehen würde?
Ich hatte keinen Stoff. Wir brauchten dringend welchen. Noemi brauchte dringend welchen.
Nein, ich bin nicht abhängig, dachte ich bei mir. Ich will es nur jetzt auch nehmen. Aber ich verstand nicht, warum mein Wunsch so groß war, und warum er sogar das Vorangegangene irgendwie überwogen hatte. Ich wusste es nicht.
„Satte Leistung“, hörte ich plötzlich eine tiefe, männliche Stimme hinter mir sagen.
Ruckartig drehte ich mich um.
Und da stand Sniper. Er hatte eine fertige Spritze in der Hand.
Ich sah ihn an. Was wusste er? Was hat er gesehen oder gehört? Und was zur Hölle war mit seinem Kontaktmann.
„Ich weiß nicht, wovon du redest“, log ich instinktiv.
„Oh, das weißt du, mein Junge“, meinte er nur trocken. „Mach dir keine Gedanken, ihm geht’s gut. War nur ein Streifschuss. Aber dass du dich so auflehnen kannst… Respekt.“
Wie jetzt?
„Wo zum Henker warst du?“, schnauzte ich Sniper an. „Wir brauchen. Wir wollen. Und ich hab Kohle.“
Ich merkte, dass ich nicht nachdachte. Hätte ich nachgedacht… hätte ich nur nachgedacht. Aber irgendwie tat ich das schon lange nicht mehr.
„Die ist für dich“, grunzte der fiese, garstige Mann im aalglatten Anzug nur, und dann gab er mir die Spritze.
Ja. Jetzt war es soweit. Und ich spürte, dass ich nie etwas mehr wollte.
Schnell setzte ich mir, ungeachtet dessen, dass andere mich dabei sehen könnten, oder was das für Auswirkungen auf die Beziehung zu Noemi haben könnte, den Schuss…
Die Sonne ging auf. Am Abend um 10 Uhr ging sie auf. Alles leuchtete. Diese Lichter, die ich sah. Diese verdammt tollen Lichter.
Und ich wog nichts mehr.
Diese Klänge, die ich hörte. Noch zehnmal stärker als bei einem Cannabis-Rausch. Die vernachlässigten Kinder, die jetzt noch draußen waren, weil ihre Eltern nicht auf sie achteten… ihr ängstliches Geschrei hörte sich wie süßer Gesang in meinen Ohren an. Das Geschrei von den Gangs, die sich hier zofften… jeder Kampf, jede Schlägerei war ein spannender Monumentalfilm. Das Geräusch von Autohupen, das in der Ferne erklang… es war die geilste Mucke, die ich je hörte.
Alles war anders. Alles war wunderbar, irre sanft, ruhig und cool.
Ich konnte alles. Ich war der Größte. Wenn ich wollte, könnte ich dem Schwein die Birne wegpusten, der das mir und Noemi angetan hat. Hier auf offener Straße. Und es würde mich nicht mal stören, dass mich einer dabei sieht. Ich könnte das wirklich machen.
Aber ich tat es nicht. Es war zu geil. Dieses Gefühl, was ich hatte, war zu geil.
„Der geht auf mich“, hörte ich Sniper sagen. „Aber ich hab noch mehr da. Für einen Tausender hab ich genug, dass ihr die ganze nächste Woche, wenn nicht sogar die kommenden zwei Wochen auskommt.“
„Gib“, sagte ich zu ihm.
„Erst das Geld“, meinte Sniper.
Ich griff in meine Tasche, holte die Scheine heraus und gab sie ihm. Und dann bekam ich von ihm eine kleine Tüte, ein Päckchen, das in meinem jetzigen Zustand riesig zu sein schien.
„Hör mal zu“, sagte Sniper dann, als ich mich schon zum Gehen wandte. „Ich denke, du könntest…“
Aber auf einmal wurden wir unterbrochen.
Zwei Jugendliche, kaum 17, kamen mit gezogenen Maschinenpistolen an und drängten uns zu Boden.
Sofort kamen aus den dunklen Ecken mir bekannte Gesichter zum Vorschein – Snipers Gorillas.
„Was willst du hier?“, fragte der eine Junge Sniper. „Das ist unser Revier.“
Jetzt erkannte ich ihn. Jonas’ Mörder.
Ich sah auf.
Ich rappelte mich hoch.
Dann fielen Schüsse. Snipers Gorillas griffen an und zerrten die beiden Jugendlichen von uns weg, während Sniper und ich aufstanden.
Sofort kamen mindestens zehn weitere junge Männer zum Vorschein – zweifelsohne die Gang der Jungs.
Einer der Jungs machte sich direkt über zwei von Snipers Leuten her. Aber die nahmen ihn direkt in die Mangel. Sie warfen ihn zu Boden und traten auf ihn ein.
Eine wilde Schlägerei entstand.
Mann gegen Mann.
Und ich war der Stärkste von allen. Ich riss vier, fünf von der rivalisierenden Gang zu Boden und trat sie, bis sie blutend auf der Erde lagen.
Als ich mich dem sechsten gerade zuwenden wollte, spürte ich plötzlich einen Messerstich in meinem Arm.
Ich hörte jemanden schreien. Sie riefen. Sie schrieen. Sie warfen mit Drohungen und Beleidigungen um sich. Ich wusste nicht, wer oder was. Ich spürte nur, ich war der Größte. Der Tollste überhaupt.
Ich sah an mir herunter… und da sah ich die Wunde. Tiefer Kratzer. Aber eben nur ein Kratzer.
Der Typ mit dem Messer stand mir gegenüber und musterte mich.
„Du sagst deinem Chef besser, dass er sich hier nicht mehr blicken lassen soll“, meinte er.
Sniper? Wo war er hin? War ich hier ganz alleine? Mitten im Bandenkrieg?
Ich zuckte meine Waffe und schoss mehrmals in die Luft.
Dann fielen weitere Schüsse.
Als einer von Snipers Männern zu Boden sackte, wollte ich hin.
Der, der ihn angeschossen hatte, zielte auf mich.
Und wieder schoss ich. Ich traf ihn ins Knie, glaube ich. Nicht so sehr, aber er hielt kurz inne.
„Haut ab!“, schrie ich. „Haut ab und kommt nie wieder. Ich weiß, wer ihr seid. Und das ist mein Revier. Wenn ihr uns noch mal auf die Pelle rückt, werde ich euch eiskalt töten. Ihr wisst, dass ich das tu.“
Sie liefen.
„Sagt das jedem, den ihr kennt“, schrie ich. „Das ist Yokozunas Ghetto.“
Nur ich und der zusammengefallene Mann waten noch hier.
Dann kam Sniper.
„Was zur Hölle ist hier los?“, wollte ich wissen.
„Du hast gerade meine Leute verteidigt“, meinte Sniper trocken.
Dann zog er mich zur Seite. „Ich habe dir was anzubieten.“
„Was ist mit dem?“, wollte ich wissen, und zeigte auf den am Boden liegenden Mann.
Aber ohne meine Frage zu beantworten, kamen zwei von Snipers Leuten und zogen in weg.
„Yokozuna, was?“, machte Sniper.
„Was willst du?“
„Du kannst für mich arbeiten, Yokozuna“, meinte Sniper. „Weißt du, es gibt Leute, die mir Geld schulden. Leute, die mich brauchen, ohne dass sie es wissen. Wenn du ab und an ein paar Jobs für mich erledigst, dann lasse ich Angel in Ruhe, und ich besorge dir jede Woche frisches H.“
Ich sah Sniper tief in die Augen. „Wo ist der Haken?“, fragte ich.
„Was denkst du von mir?“, meinte Sniper. „Also, okay… der Job ist mitunter sehr gefährlich, denn einige von den Typen sind echt mies. Nicht so mies wie ich, aber einige haben keine Skrupel. Got me?“
„Und was hab ich zu tun?“, wollte ich wissen.
„Sage ich dir von Job zu Job.“ Er klopfte mir auf die Schulter. „Und du bringst mir jede Woche fünf Neukunden. Du weißt ja, wie das geht.“
Ich schnaufte aus.
„Okay, ich mach’s“, willigte ich dann ein.
Sniper drehte sich um und stieg dann in sein Auto.

Im gleichen Moment – Sniper war noch nicht mal um die Ecke gebogen – kam Noemi runter vor die Türe.
„Leon… was ist hier los?“, stammelte sie.
„Schatz… ich hab Stoff für zwei Wochen…“
Ich sah sie an. Und sie sah mir in die Augen, wie sie es noch nie getan hatte.
„Leon, hast du was genommen?“, fragte sie dann leise, während sie sich eine Träne aus dem Gesicht wischte.

EbiSchaeffer

vor 1 Jahr

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vor 1 Jahr

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Hört sich interessant an!

EbiSchaeffer

vor 1 Jahr

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Und der letzte Spoiler-Beitrag:

Kapitel 13 - In anderen Welten

Es wurde dunkel. Ich hörte dieses Rauschen schon seit einiger Zeit, dieses angenehme Rauschen. Aber ich konnte beim besten Willen nicht orten, wo es her kam.
Ich lief. Ich spürte, dass ich Schritt für Schritt über einen felsigen Weg gehen musste. Ich sah es nicht, aber es fühlte sich hart an, worauf ich lief. Ich sah zu Boden und wollte meine Füße orten, aber das gelang mir nicht. Irgendwie war es immer noch stockfinster.
Ich bildete mir ein, in weiter Ferne eine Art Lichtschein gesehen zu haben, aber ich musste mich wohl irren. Da war nichts.
Und dann diese Luft. Es roch angenehm hier. So wie im Wald oder auf einer frisch gemähten Sommerwiese. Ganz und gar nicht roch es nach dem üblichen, mir bekannten Geruch aus dem Ghetto, nach Pisse, Scheiße und vermoderten Müll.
Und je mehr ich lief, und je steiler die Steigung wurde, desto leichter fiel es mir.
Was war nur los?
Ich hielt eine Minute lang an.
Plötzlich schien ein Blitz einzukrachen, direkt vor mir. Dann hallte ein Donner, und für einen Moment wurde es taghell.
Ich sah einen Berg. Ich war am Fuß eines Berges. Merkwürdig, in Düsseldorf gab es doch weitestgehend nur flaches Land. Wo kam denn dieser selten hohe Hügel jetzt auf einmal her? Wo war ich? War ich vielleicht gar nicht mehr zu Hause?
Ich versuchte, rational zu denken. Aber schnell gab ich es wieder auf. Zu schön war das, was ich gerade spürte…
Ich flog in die Höhe. Irgendetwas musste mich hoch heben, oder irgendwer hat mich an einen Kran festgebunden. Ich schien zu fliegen. Warum ich das auf einmal konnte, darüber dachte ich nicht nach.
„Leon…“
Ein Windhauch huschte an meinem Ohr vorbei, als ich das sanfte Flüstern hörte. Aber was die Stimme sagte, das wusste ich nicht. Nur, dass sie zu einem verdammt süßen Mädchen gehören mochte.
Und ich flog weiter.
Ein Dämmerlicht machte sich auf einmal breit. Und dann sah ich es…
Der Berg, vor dem ich stand, teilte sich auf magische weise. Seine beiden oberen Enden taten sich dann an den Spitzen wieder zusammen, so dass ein kreisrundes Loch im Berg entstand. Und ich schwebte inmitten dieser Öffnung. Ich schwebte hinauf.
In Ruhe sah ich mir das alles an. Es war so unwirklich, so phantastisch und doch so echt.
Man musste sich das vorstellen wie in dieser Raumstation aus dem Science-Fiction-Film. Das Land, auf dem die Häuser stehen und die Straßen führten, war nicht geformt wie die Erde. Es war nach innen gekrümmt. Und über dieses Land ging ein Weg. Und man ging ihn immer weiter, man stieg unaufhörlich an. Wie in einem Looping. Man lief, bis man über Kopf stand. Und dann lief man weiter und wurde nach einer gewissen Zeit wieder gerade. Und die Gravitation hier drin… war gleich Null.
So war das hier.
Als ich oben ankam und noch immer nicht wusste, was das alles zu bedeuten hatte und wo ich wäre, hörte ich diese Stimme wieder.
„Leon…“
Eigentlich fiel ich, obwohl ich gleichzeitig nach oben schwebte. Über mir war eine Wiese, durch die ein Fußweg zu führen schien, alles auf dem Kopf. Neben dem Weg waren eine Bank und ein Baum.
Ich reckte meine Arme aus, als ich nach oben schwebte, genau auf die Bank zu. Ich bekam eine Lehne zu fassen und krallte mich daran fest. Gekonnt drehte ich mich und setzte mich dann auf die Bank.
In diesem Moment drehte sich meine Wahrnehmung – eigentlich drehte sich alles. Was eben noch oben war, war jetzt unten. Und was unten war, das war jetzt oben.
Ich saß also auf der Bank in der Aushöhlung des Berges und betrachtete die Welt unter mir, die völlig auf dem Kopf stand. Für mich jedenfalls. Dass ich derjenige war, der verkehrt herum saß, merkte ich nicht mehr.
„Leon…“
Ich drehte mich zu der Stimme… und plötzlich saß Noemi neben mir.
„Was machst du denn hier?“, fragte ich sie leise.
„Komm zurück, Leon“, sagte Noemi nur.
„Geht grad nicht, Alter…“, meinte ich nur. „Ist gerade so endlos geil. Weißt du, dein Schloss, in dem du wohnst, und dieser Platz hier, das sind die beiden besten Plätze auf der Welt.“
„Ich wohne in keinem Schloss.“ Noemi blickte mich traurig an.
Aber ich grinste nur.
„Natürlich tust du das“, sagte ich zu ihr.
„Nein“, bekräftigte sie. „Ich wohne im Ghetto. Und du wohnst bei mir. Du bist high, Leon, so verdammt scheiße high.“ Sie sah mich hilflos an. „Komm nach Hause.“
„Ich will nicht“, meinte ich. „Und selbst wenn ich wollte, ich kann nicht.“
„Leon…“
Plötzlich wurden Noemis Augen rot. „Siehst du nicht, was es mit dir macht?“, sagte sie.
Dann wuchsen Noemi Pranken. Große, starke Pranken. Und ihr Kopf wurde zu dem eines unheimlichen Monsters, so wie ein Werwolf. Ihre fletschenden Zähne schmachteten mir zu.
„Komm mit“, sagte das Monster.
„Ich habe keine Angst vor dir“, meinte ich nur trocken.
Und dann verschwand Noemi plötzlich.
Und die Bank, auf der ich noch immer in aller Seelenruhe saß, fing auf einmal Feuer.
Ich stand auf. Ich betrachtete die brennende Bank. Ich bemerkte nicht, dass aus meinem Oberkörper auch Flammen schossen. Ich lief einfach los und lief den Weg entlang.
Plötzlich fiel der Berg zusammen.
Ich hüpfte kurz hoch… und schwebte wieder.
Dann glitt ich hinab auf ein riesiges asphaltiertes Feld und betrachtete die Ruinen des Berges.
Was ging mir in dieser Sekunde durch den Kopf? Ich konnte es nicht ordnen. Dieses Gefühl, so mächtig und frei zu sein, war zu schön. Diese Drogen waren zu Hammer geil. In dieser Sekunde, ich schwöre, wollte ich nichts Anderes. Nur das.
Noemi. Was wohl aus ihr geworden war?
Als ich plötzlich merkte, dass es wie ein Stich in meinem Herzen war, als ich an sie dachte, stand sie plötzlich vor mir. Sie schrie, aber der Ton war ausgeschaltet. Alles war so still, und ich konnte sie nicht hören.
Plötzlich sah ich das Monster, das sie vorhin war. Jetzt waren es zwei Personen, sie und das Monster. Und es hielt sie fest. Es riss ihr dann die Kleider vom Leib.
Ich wollte auf die Beiden zustürmen, aber irgendetwas hielt mich auf der Stelle, so als wären meine Füße am nackten, kalten Asphaltboden festgeklebt. Ich war starr und konnte mich nicht bewegen. Plötzlich schien ich überhaupt nicht mehr stark zu sein.
„Halte aus, Noemi, ich befreie dich!“, rief ich.
Aber sie schien mich nicht zu hören.
Dass das Monster seine dicken Pranken dann mitten in ihr Herz stieß, war das Letzte, was ich sah. Mir wurde dann schwarz vor Augen, und ich hörte nur noch eine leise Stimme, die meinen Namen rief.

„Leon…“
Mein Atem ging schneller. Er war heftig, und ich spürte, dass ich fast keine Luft bekam. Es war, als wenn etwas meine Kehle zuschnürte oder jemand versuchte, mich zu erwürgen.
„Leon…“
Ich tastete mit dem Arm nach oben. Schließlich bekam ich eine Hand zu fassen. Ohne darüber nachzudenken, wem sie gehören mochte, krallte ich mich daran fest.
„Leon, wach auf. Komm mit“, hörte ich die Stimme sagen.
Ich öffnete dann meine Augen… und sah in Noemis verzweifeltes Gesicht.
„Komm“, sagte sie, während sie mich am Ärmel zerrte. „Kannst du aufstehen?“
„Ich… glaub’, schon“, meinte ich. „Noemi… was ist hier los?“
„Die Bullen sind garantiert schon unterwegs. Wir müssen uns im Bunker verstecken.“
„Im Bunker?“
„Jesse und Paul haben gesehen, dass jemand die Bullen gerufen hat.“
Ich rappelte mich irgendwie hoch. Ich streifte dann den Dreck von meinem Hemd ab und schüttelte mich.
„Ich fühl’ mich scheiße“, meinte ich dann zu Noemi.
Es stimmte. So geil es eben noch war, umso dreckiger ging es mir jetzt.
„Ich weiß“, hauchte Noemi. „Komm jetzt.“

Im Bunker angekommen, saßen Jesse und Paul schon da. Mit einem teils verwunderten, teils bewunderten Blick sahen sie mich an.
„Leute…“, sagte ich leise.
„Yokozuna, was?“, machte Paul. „Irre.“
„Mir ist kotzschlecht“, antwortete ich nur.
„Wir sollten leise sein“, meinte Jesse dann. „Die laufen oben bestimmt schon herum.
„Wer?“, fragte ich.
„Die Bullen“, antwortete Jesse.
„Was ist… wenn sie meine Schwester finden?“, hauchte Noemi dann leise zu mir. „Ich kann doch Cassandra nicht alleine lassen…“
„Das wirst du nicht müssen“, schnaufte ich aus. „Ich bin bei dir.“
„Wie war dein Trip?“, wollte Paul dann wissen.
„Ich… weiß nicht“, antwortete ich.
Plötzlich klingelte mein Handy.
Ich nahm das Gespräch mit unbekannter Nummer an.
„Sieh in deiner Tasche nach“, sagte die männliche Stimme.
Ich sah nach… und ertastete einen Beutel. Ich holte ihn heraus… und als ich merkte, was es war, steckte ich ihn schnell wieder ein.
„Du bringst das unter die Leute“, sagte die Stimme dann. „Sniper erwartet dich morgen Abend am Hafen. Wenn du weniger als 4000 hast, kommst du nicht lebend davon.“
Das war also die Art von Job, die Sniper meinte. Ich sollte das Heroin unter die Leute bringen und für ihn verkaufen.
„Du hast H in der Tasche?“, fragte Noemi.
„Ich soll es verhökern“, sagte ich dann.
„Gib mir was.“ Noemi sah mich flehend an.
„Wenn die Bullen weg sind“, sagte ich.
Plötzlich ging die Türe vom Bunker auf. Und eine Frau und ein Mann in Polizeikleidung kamen herein.
„Polizei“, sagte die Frau. „Ihre Ausweise, bitte.“
Ich zitterte nicht. Ich hatte Angst, ja, aber ich ließ es mir nicht anmerken.
„Mein Ausweis ist kürzlich gestohlen worden“, gab ich an.
„Und das haben Sie noch nicht gemeldet?“, fragte die Polizistin. „Name?“
„Leon Ludwig“, sagte ich.
„Sie wohnen hier?“, wollte sie wissen.
„Ich besuche meine Freunde“, warf ich ein.
„Wir werden das überprüfen.“
Auf Noemi richteten die beiden Bullen kein besonderes Augenmerk. Gott sei Dank.
„Haben Sie überhaupt einen Durchsuchungsbefehl?“, wollte ich dann wissen.
„Wir machen hier ganz normale Ermittlungsarbeiten“, warf der männliche Bulle dann ein.
„In was für einem Fall?“
„Das werden Sie beizeiten erfahren“, meinte er. „Ist Ihnen in den letzten Tagen etwas Besonderes hier aufgefallen? Dass Menschen, die Sie nicht kennen, sich hier aufgehalten haben?“
„Nein“, log ich.
„Wo halten Sie sich immer auf, wenn Sie hier sind?“
„Hier unten“, sagte ich. „Was soll die Fragerei?“
Die Frau wandte sich dann, ohne auf mich einzugehen, Jesse und Paul zu. „Sind Sie unter den Namen Jesse und Paul hier bekannt?“
Paul nickte vorsichtig.
„Sie Beide werden uns aufs Revier begleiten.“, sagte sie.
„Was?“ Paul sah sie verständnislos an.
„Nur ein paar Routinefragen“, meinte die Frau. „Um jeden Verdacht abzuwenden.“
„Wollen Sie uns festnehmen?“, fragte Jesse.
Aber die Beamten reagierten darauf nicht. „Kommen Sie bitte mit.“
Widerwillig gingen Paul und Jesse dann mit den Bullen mit.
Und Noemi schnaufte aus.
„Sie haben nichts gemerkt“, versuchte sie sich selbst zu trösten.
„Das wissen wir noch nicht“, meinte ich. „Sie könnten wieder kommen.“
„Was ist mit Jesse und Paul?“
„Sie werden sie wieder frei lassen müssen“, meinte ich. „Sie können uns nicht nachweisen, dass wir Jonas’ Ermordung mitbekommen haben.“
„Glaubst du, dass es ihnen darum ging?“ Noemi sah mich an.
„Natürlich“, sagte ich.
„Sie werden alles raus kriegen…“, weinte Noemi.
„Nein, werden sie nicht.“
„Ich brauch’ was, Leon…“, stammelte sie.
„Ist gut“, sagte ich, ohne nachzudenken.
Ich machte Noemi eine Spritze zurecht und setzte ihr dann den Schuss.

Zwei Stunden lang kauerte ich neben ihr und hatte meinen Arm um sie liegen. Sie verfiel in einen halben Dämmerschlaf. Ich war froh, dass sie für eine Zeit lang frei war von allen bösen Gedanken, von allen Ängsten.
Aber ich wusste, dass es nicht der richtige Weg war. Wie gerne hätte ich Noemi aus der Drogenhölle befreit. Aber dazu war es jetzt zu spät. Denn ich hing selbst schon in der tiefsten Hölle drin.
„Schatz“, sagte ich zu ihr.
Noemi sah auf.
„Ich gehe kurz oben schauen, ob die Luft rein ist.“
Sie nickte.
Dann lief ich rauf und sah nach. Es war mittlerweile nach Mitternacht, und nur noch ein paar wenige Leute, die ich nicht kannte, liefen hier herum.
Als ich wieder runter kam, packte ich Noemi und schleppte sie aus dem Bunker raus, hoch in ihre Wohnung.
Cassandra schlief schon, als ich in ihrem Zimmer nachsah. Gott sei Dank, dachte ich bei mir. Sie hatte von alledem nichts mitbekommen.

Ich wartete bis zum Morgengraun. Dann legte ich einen Zettel auf Noemis Nachtschrank, auf den ich geschrieben hatte: „Bin gegen Mittag wieder da. Bitte haltet aus…“
Dann machte ich mich aus dem Haus. Ich musste das Zeug irgendwie los kriegen. Ich musste es irgendwie verkaufen.
Und ich hatte keinen Zweifel, dass ich es konnte. Ich war Yokozuna, der Dealer aus dem Viertel. Aus meinem Viertel.

Auf der nahe gelegenen stillgelegten Baustelle war der heimliche Treffpunkt, das wusste ich. Und im Morgengraun lief hier immer einer rum, der regelmäßig brauchen würde, das wusste ich auch. Und er hatte immer Geld.
Als ich eine Weile wartete, kam er auch schon an.
„He, du“, meinte er.
„Was willst du?“, fragte ich.
„Was willst du?“, fragte er.
Ich sah ihn an, und ich musterte ihn.
„Bist du Yokozuna?“, fragte er. „Der Neue hier?“
„Wenn du fünftausend hast, sage ich es dir.“
Der Typ zuckte einen Umschlag. Ich nahm ihn und sah nach. Es waren viertausendfünfhundert drin.
„Du glaubst wohl, du kannst mich bescheißen“, sagte ich zu ihm.
„Ich muss erst wissen, ob das Zeug gut ist“, sagte er grinsend. „Wenn es gut ist, dann kriegst du in zwei Stunden die restlichen 500.“
Er nahm dann den Beutel und machte sich gleich eine Spritze. Nachdem er sich den Schuss setzte, wartete ich eine Weile.
„Ist echt Hammer“, sagte er dann.
„Dieses eine Mal“, meinte ich zu ihm. „Nächstes Mal kassiere ich im Voraus.“
„Komm morgen Abend wieder“, sagte er dann zu mir. „Bring genug mit. Ich werde Geld genug haben.“
„Von wie viel reden wir?“, fragte ich ihn.
„Drei“, meinte er.
„Gut“, sagte ich dann. „Aber denk’ dran, ich lasse dich nur diesmal davon kommen. Hast du morgen nicht die Kohle, gibt es nichts.“
High, wie er war, stapfte er dann davon.
Großartig. Ich hatte das komplette Zeug verhökert und noch 500 Euro Gewinn gemacht. Davon durfte Sniper aber nichts wissen. Offiziell hab ich die Menge, die er mir gegeben hat, für 4000 verkauft. Und das war das Geld, was ich heute Abend zu Sniper tragen würde.
Ich war einerseits froh, dass das Geschäft so schnell und unproblematisch über die Bühne ging. Andererseits verfluchte ich mich innerlich für das, was ich getan hatte.
Aber ich hatte es doch für Noemi getan. Ich hatte es doch nur für Noemi getan…

Kapitel 14 - In der Hölle

Klar hatte ich Angst. Es war zwar nicht das erste Mal, dass ich so was machte, aber ich hatte extrem Angst.
Paul und Jesse wurden letzte Woche befragt. Von den Bullen. Aber wie ich erwartet hatte, mussten sie sie gehen lassen. Trotzdem hatte ich sie überredet, diesen Bankraub mit mir zu machen. Nachdem gestern der Verkauf gescheitert ist und Sniper fast am Rad gedreht hatte, war das meine einzige Chance.
Ich versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren. Aber das war scheiße schwer.
Ich dachte an Noemi, als wir vor der Bank warteten, unsere Masken in den Fingern, unser Regencape um unsere Körper gewickelt und ich die Waffe in der Hand. Ich dachte fest an sie.
Gestern war es besonders schlimm. Cassandra hatte in die Hose gemacht, und Noemi war nicht imstande, ihr frische Sachen zu geben. Sie war völlig neben sich. Ich auch. Ich hatte Cassandra in meinem Trip nur aus der Ferne gesehen irgendwie. Sie sah mich hilflos an.
Und Noemi? Was hätte ich tun sollen? Sie war so hilflos und alleine. Wir brauchten dringend Geld. Wir hatten für Cassandra nichts mehr zum Anziehen, geschweige denn, Waschmittel, um ihre Sachen zu waschen. Die Verkäufe liefen irgendwie nicht, und Sniper drohte mir schon. Er wollte Geld haben. Er wollte mir nur was geben, wenn ich mit Kunden oder Geld ankäme. Er drohte mir, dass ich meinen Job besser machen sollte, ansonsten würde es mir und Noemi an den Kragen gehen.
Ich wusste, er könnte uns nicht in der Wohnung finden. Aber er wusste, aus welchem Viertel ich kam. Und Wenn er dann Noemi und Cassandra findet… ich wollte nicht daran denken. Ich brauchte dringend Geld.
„Du musst die Drogen besser kontrollieren“, meinte Paul dann zu mir. „Immer das Maß kennen.“
„Schwachsinn“, meinte ich.
„Ehrlich, Leon“, sagte Jesse dann. „Alles Andere ist okay. Dope. Pillen. Teile. Aber mit dem H, das ist doch tödlich.“
„Macht ihr jetzt mit oder nicht?“, fragte ich gespielt selbstsicher, um das Thema abzulenken.
„Ja“, sagte Paul dann.
„Okay, gehen wir“, warf Jesse hinterher.

Wir setzten unsere Wollmasken auf, in die die Gucklöcher für Nase und Augen eingearbeitet waren. Ich hielt dann meine Knarre fest in der Hand, und wir liefen in die Bank rein.
„Los!“, schrie ich. „Alle auf den Boden.“
„Überfall!“, rief Jesse. „Los, alle runter.“
Die Menschen schauten uns zitternd an.
Da war eine Frau mit einem kleinen Jungen. Die Frau flüsterte ihrem Jungen zu, er solle sich hinlegen. Aber er tat es nicht.
Ohne zu überlegen, und ohne, dass ich das wollte, schnappte ich mir den Jungen und hielt meine Waffe an seine Schläfe.
„Mami…“, weinte er.
„Klappe!“, sagte ich zu ihm.
„Bitte…“, hauchte die Frau. Gott, sie tat mir so Leid. „Lassen Sie ihn gehen.“
Ich stapfte mit dem Jungen zum Schalter.
„Los. Alles Bargeld her!“, rief ich.
Die Frau am Schalter wandte sich nach unten, während ich ihr die Tüte, die ich dabei hatte, auf den Tisch legte. „Hier rein“, sagte ich.
Es sah so aus, dass sie machte, was ich sagte.
Plötzlich… hörte ich Jesse rufen. „Die haben den Alarm gedrückt.“
„Scheiße!“, rief ich. „Los, schneller!“, befahl ich reflexartig der Frau.
Ich sah, dass zwei Mitarbeiter auf Jesse und Paul zustürmten, als sie sahen, dass sie keine Waffen trugen.
„Schieß! Schieß doch!“, rief Jesse verzweifelt.
Ich sah dem kleinen Jungen, den ich in Gewahrsam hatte, in die Augen. Er sah mich nur stumm an, so als hätte er gar nicht verstanden, was hier passiert. Für einen Moment dachte ich, ein kleines Lächeln würde über sein Gesicht huschen.
Ich zitterte, die Hand am Abzug.
Jesse und Paul wurden überwältigt. Sie wurden zu Boden gerissen, und die beiden Angestellten schmissen sich auf sie.
Und ich… ich ließ meine Waffe fallen. Ich ließ die Tüte liegen, von der ich nicht mal wusste, ob die Frau am Schalter da schon Geld rein gemacht hatte, und rannte hinaus.
Ich rannte und rannte…

Scheiße. Scheiße, dachte ich nur bei mir. Ich hörte nicht auf zu laufen, wenn ich auch nicht mehr rannte. Aber ich torkelte immer noch ziellos durch die Gegend, immer Jesses Worte im Ohr: „Schieß doch.“
So ein Bockmist.
Ich hatte kein Geld. Noemi und ich brauchten neues Zeug. Ich merkte schon, dass ich stark schwitzte und am ganzen Körper zitterte. Zuerst wollte ich es nicht wahrhaben, dann dachte ich, es käme vom Überfall. Aber je weiter ich ging, desto mehr spürte ich, dass es die Entzugsschmerzen waren. Ich brauchte neuen Stoff, genau wie Noemi.
Paul und Jesse sind erwischt worden. Würden sie mich kriegen? Was, wenn Paul und Jesse reden? Was, wenn sie mich verpetzen und es dann rauskommt, dass ich der eigentliche Drahtzieher des Banküberfalls war? Was wäre, wenn die Bullen dann im Zuge der Ermittlungen Noemis und meine Drogensucht und die Drogengeschäfte aufdeckten und Noemi ihre Schwester weggenommen bekäme? Was würde dann mit mir, mit Noemi oder Cassandra geschehen? Wohin würden sie uns bringen? Würden wir getrennt werden?
Dann würde ich nicht mehr leben wollen. Das wollte ich ja eigentlich jetzt schon nicht mehr.
Der kleine Junge in der Bank. Beinahe wäre er tot gewesen. Hätte sein kurzes, kleines Leben schon ausgehaucht, bevor es richtig begonnen hat. Ich versuchte mir einzureden, dass ich ihn davor bewahrt hätte. Dass ich ihm das Leben gerettet hätte. Aber das habe ich nicht. Ich war eine feige Sau und bin weggerannt, und habe ihm so das Leben gelassen.
Ich wollte keinen Menschen killen, schon gar nicht ein kleines Kind, das es verdient hat, zu leben. Ich konnte es nicht. Vielleicht war ich feige, aber ich konnte es nicht anders.
Was jetzt?
Ich lief langsamer, als ich außer Reichweite war.
Wo sollte ich jetzt hin? Zu Sniper, ihn fragen, ob er mir trotzdem was gibt, und ich das dann ein andermal bezahle, wenn ich wieder Geld habe? Würde der doch nie machen. Also fiel das schon mal aus.
Einen Bruch machen? Jetzt, eine knappe Stunde nach dem Banküberfall, der misslungen war? Fiel definitiv auch aus.
Aber ich musste mir irgendwie Geld beschaffen. Irgendwie…

Instinktiv – ich merkte es gar nicht – lief ich zurück nach Hause. Ich stapfte in das Treppenhaus von Noemis Haus rein, und als ich merkte, dass der blöde, zu gepisste Aufzug schon wieder kaputt war, lief ich die Treppen hinauf.
Ich schloss die Türe auf, und am Esstisch sah ich Cassandra sitzen.
„Schatz…“
„Wo warst du, Leon?“, wollte die Kleine wissen.
„Wo ist Noemi?“, ging ich auf ihre Frage gar nicht erst ein.
„Sie hat sich im Badezimmer eingeschlossen. Schon seit einer halben Stunde.“ Cassandra sah mir tief in die Augen. „Sie ist den ganzen Morgen schon am Kotzen.“
Ich atmete aus.
„Leon, ich hab Hunger.“
„Ich schieb dir eine Pizza in den Ofen“, sagte ich dann zu ihr.
Während ich die Pizza aus der Tiefkühltruhe holte, rutschte Cassandra auf ihrem Stuhl hin und her.
„Leon, meine Lehrerin will morgen Abend Mama sehen“ sagte sie dann. „Ich habe unentschuldigt oft gefehlt, und jetzt soll es eine Konferenz geben. Darüber will die Lehrerin mit Mama reden.“
Ich setzte mich zu ihr. „Cassandra, Mama ist nicht hier“, erklärte ich ihr.
„Mama ist fort, ich weiß“, sagte sie. „Schon eine ganze Zeit. Aber Noemi kann das nicht machen.“
Ich nahm ihre Hand und streichelte drüber.
„Kannst du nicht zu meiner Lehrerin gehen?“, fragte mich das Mädchen.
„Würde ich sofort“, antwortete ich. „Aber ich hab keine Erziehungsberechtigung für dich.“
„Kannst du mich nicht adoptieren oder so?“
„Wie soll das gehen, Cassandra?“, stellte ich die Gegenfrage. „Noemi und ich… wir…“
„Ihr habt ein Drogenproblem“, stellte Cassandra klar. „Wenn ihr das nicht hättet, würde es dann gehen?“
Ich schnaufte aus. „Jedenfalls nicht bis morgen.“ Ich streichelte über Cassandras Kopf. „Sag deiner Lehrerin, dass Mama krank ist und sich bei ihr melden wird. Ich kann diese Woche versuchen, sie ausfindig zu machen.“
„Du versprichst Sachen, die du sowieso nicht halten kannst“, hauchte Cassandra leise.
„Wie kommst du darauf?“
Cassandra weinte. „Du hast gesagt, dass du Noemi hilfst, von den Scheiß Drogen wegzukommen. Und jetzt nimmst du selbst welche. Und wir haben nicht mal Geld für Waschmittel und was zu essen…“
Ich hielt mir beide Hände über den Kopf und raufte mir die Haare. Ich versuchte, nicht zu weinen, aber Cassandra sah meine Tränen.
„Entschuldige, Leon…“, flüsterte sie.
„Nein, Maus“, sagte ich zu ihr. „Ich muss mich entschuldigen. Ich habe alles versucht, aber ich kriege es nicht hin. Ich kriege es einfach nicht hin, für euch da zu sein. Es ist so Scheiße schwer, Cassandra, du weißt nicht, wie sehr.“
„Bitte… könnt ihr nicht aufhören mit den Drogen? Kann nicht alles ganz normal werden?“
Wortlos holte ich die Pizza aus dem Ofen und schnitt sie für Cassandra zurecht. Im gleichen Moment kam Noemi aus dem Bad.
„Noemi… wie geht es dir?“
Sie hustete.
„Schatz, kann ich dich noch mal für ein paar Stunden alleine lassen? Ich habe etwas Wichtiges zu klären“, sagte ich. „Ich tu das nicht gerne, aber ich muss. Bitte achte auf euch, wenn ich weg bin.“
„Wo willst du hin?“, wollte Noemi wissen.
„Er muss Stoff für euch besorgen“, schnaufte Cassandra leise.
„Leon…“ Noemi wollte etwas sagen, aber ihr fehlten die Worte. Ich wollte eigentlich auch gar nicht hören, was sie sagte. Und noch weniger wollte ich ihr erklären, was vorhin passiert ist.
Ich machte mir die ganze Zeit Gedanken, wie es weiter gehen sollte. Aber ich kam auf keinen Nenner.
Plötzlich klingelte Noemis Handy.
Sie ging dran.
„Was?“, hörte ich sie sagen.
Und dann kam sie schnell zu mir herangerauscht.
„Leon… ihr habt eine Bank überfallen?“
Ich sah zu Boden. Ich schloss meine Augen. Niemand sollte sehen, wie sehr ich mich schämte.
„Das war Vicky. Sie sagt, sie haben Jesse und Paul in U-Haft genommen. Sie fragt, ob du was weißt oder dabei warst…“
„Noemi… ich wollte doch nur…“
„Leon, das ist keine Lösung.“ Noemi sah mich scharf an.
„Nichts ist eine Lösung“, sagte ich dann lauter. „Sieh uns doch an. Wo sind wir gelandet?“
„Ich weiß…“, flüsterte Noemi tonlos.
„Ich gehe jetzt meine Dinge erledigen“, sagte ich, während ich mir die Jacke zu machte. „Ich bin gegen Abend wieder da.“
Dann lief ich aus dem Haus.

Noemi wusste nicht, welchen Entschluss ich da gefasst hatte. Cassandra ahnte es nicht einmal.
Aber ich wusste, es war die aller letzte Möglichkeit.
Ich fuhr mit der Straßenbahn zur dunkelsten Ecke der Stadt. Dort, wo sich die Freier tummelten, die Junkies und Dealer. Ich setzte mich in eine verruchte, alte Kneipe und wartete, was geschehen würde.
Dann kam ein ekelhafter, alter Mann an, so um die 60. Seine Haut war verrunzelt, seine Falten tief, sein Haar schütter. Und er war dick.
„Neu hier?“, fragte er dann.
Ich sah ihn an. Dann nickte ich.
„Wie heißt du?“, fragte er.
„Yokozuna“, stellte ich mich vor.
„Drogen, was?“, meinte er.
Ich warf ihm einen angewiderten Blick zu.
„Ich hab was für dich“, sagte er dann. „Ich hab einen Freund, der dealt. Wenn du für mich was machst, dann gibt er dir ein paar Gramm.“
„Und was stellst du dir so vor?“, wollte ich von ihm wissen.
„Komm mit, dann zeige ich es dir.“
Ich überlegte. Ich überlegte ernsthaft, obwohl ich mich längst schon entschieden hatte.
„Das H und noch 200 oben drauf“, sagte ich. „Dann kommen wir ins Geschäft.“
Der Mann lächelte.

Nachdem er mich seinem Freund vorgestellt hatte, der mir dann H gab, brachte er mich in ein Hotel um die Ecke, wo wir uns für eine Stunde lang einmieteten.
Es verschwamm. Die Bilder von dem, was dann geschah, verschwammen.
Es war, als wenn ich meinen eigenen Körper verlassen hätte. Ich tat alles nur noch mechanisch, nicht mehr Herr meiner eigenen Sinne und Kräfte.
Er musste mich ausgezogen haben, dann sich. Und dann spürte ich diese unerträglichen Schmerzen. Ich hörte, wie er stöhnte, und spürte nur noch dieses Stechen.
Ich konnte nichts sagen. Nichts machen.
Ich war ein Stricher, schoss es mir durch den Kopf. In diesem Moment war ich ein Stricher.

Plötzlich ging die Türe des Zimmers auf.
Sie musste herein gekommen sein. Sie zerrte mich am Arm, weinend und schreiend.
„Noemi…“, muss ich gesagt haben.
„Nimm ihn ruhig mit“, schnaufte der alte Mann. „Ich habe bekommen, was ich wollte.“
„Leon… nein…“, hauchte Noemi.
Ich musste mit ihr hinunter gegangen sein.

Wir mussten gelaufen sein, eine ganze Strecke, wortlos nebeneinander her.
Dann hat sie mich in den Arm genommen.
Ich bereitete uns eine Spritze, und wir setzten uns einen Schuss. Dann setzten wir uns auf eine Bank in einer dunklen Straße.
„Leon, ich will das nicht mehr.“
Ich sah sie an.
„Ich will nicht mehr Drogen nehmen“, bekräftigte sie. „Es ist zu Scheiße. Mein Leben ist zu Scheiße. Unser Leben ist zu Scheiße.“
Ich nahm sie feste in den Arm.
„Ich will es auch nicht mehr“, flüsterte ich dann. „Aber ich habe keine Ahnung, wie wir das schaffen sollen…“

rewareni

vor 1 Jahr

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Ich glaube, dass der Drogenmissbrauch leider nie aufhören wird. Denn obwohl sogar in den Schulen darüber berichtet wird, ist es für viele immer noch ein Nervenkitzel, dass einem selbst ja nichts passieren kann, weil man jederzeit aufhören kann. Und wenn selbst auf offener Straße gedealt wird, ist keine Hemmschwelle mehr vorhanden. Würde gerne das Buch lesen.

EbiSchaeffer

vor 1 Jahr

Vielen Dank für eure rege Teilnahme und eure interessanten Beiträge. Morgen (Montag) werde ich dann die beiden Gewinner der Paperback-Ausgaben von LILA UND AUS SEIDE bekannt geben.

rewareni

vor 1 Jahr

Freue mich schon auf die kleine, aber feine Leserunde.

EbiSchaeffer

vor 1 Jahr

Leider falle ich wegen Krankheit einige Wochen aus, aber Anfang Mai wird dann hier unsere Leserunde steigen. Vielen Dank für euer Verständnis. Die Bücher werden dann auch bei den Gewinnern ankommen. Bis bald.

rewareni

vor 1 Jahr

EbiSchaeffer schreibt:
Leider falle ich wegen Krankheit einige Wochen aus, aber Anfang Mai wird dann hier unsere Leserunde steigen. Vielen Dank für euer Verständnis. Die Bücher werden dann auch bei den Gewinnern ankommen. Bis bald.

Dann wünsche ich dir gute Besserung und keinen Stress machen wir haben alle Zeit der Welt.
LG Renate

rewareni

vor 1 Jahr

EbiSchaeffer schreibt:
Leider falle ich wegen Krankheit einige Wochen aus, aber Anfang Mai wird dann hier unsere Leserunde steigen. Vielen Dank für euer Verständnis. Die Bücher werden dann auch bei den Gewinnern ankommen. Bis bald.

Ich wollte zur Sicherheit nach fragen, ob die Bücher schon verschickt worden sind oder ob wir noch abwarten sollen ?

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