Ece Temelkuran

 4.4 Sterne bei 14 Bewertungen

Lebenslauf von Ece Temelkuran

Ece Temelkuran, geboren 1973 in Izmir, ist Juristin, Schriftstellerin und Journalistin. Aufgrund ihrer oppositionellen Haltung und Kritik an der Regierungspartei verlor sie ihre Stelle bei einer der großen türkischen Tageszeitungen. Ihr Roman Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann wurde in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt. Bei Hoffmann und Campe erschienen zuletzt die Sachbücher Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur (2019), Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst (2015) und der Roman Stumme Schwäne (2017).

Quelle: Verlag / vlb

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Rezension zu "Stumme Schwäne" von Ece Temelkuran

Schwanengesang
Almut_Scheller_Mahmoudvor 4 Monaten


„Stumme Schwäne“ ist ein Roman über die Wahrnehmung der persönlichen und gesellschaftlichen Realität zweier Kinder und die phantasievolle Übersetzung in ihr eigenes Weltbild. Durch diese Weichzeichnung schimmert der Alltag in der Türkei im Jahre 1980 immer wieder drastisch hervor. Im September putschte sich das Militär zum dritten Mal an die Macht mit der „Operation zum Schutz und zur Sicherung der Republik“.  Man befürchtete eine Islamische Revolution wie im Iran oder einen Bürgerkrieg wie im Libanon.

Der Roman stellt die beiden Protagonisten Ayse und Ali in den Mittelpunkt und uns ihre Erlebnisse und Gedanken dialogartig, plastisch und hautnah miterleben lässt.  Ayse aus der begüterten Familie Bakar, deren Mutter vor Jahren aktiv an den Studen-tenrevolten teilgenommen hatte, im Gefängnis war und gefoltert wurde. Und Ali, der Sohn der Familie Akgün, die in einem Gecekondu lebt. 


Ein oberer Militär begehrt einen der Schwäne aus dem Park in Ankara für sein eige-nes Anwesen: Der Schwan kann jedoch entkommen.  Und wie bei einer Sippenhaft sollen deshalb die anderen Schwäne des Schwanenparks für diesen Ungehorsam büßen und flügellahm operiert werden, als ob sie die Botschaft verstehen könnten: es gibt kein Entfliegen. Der Schwan mit der Aura von Reinheit und Unschuld und Königswürde wird hier das Symbol für Unterdrückung und Freiheit. 

Die Geschichte der Schwäne ist ein Passepartout für die unterschwellige Bürgerkriegs-Stimmung im Land. Die Türkei befindet sich im Vorstadium zum Militärputsch von 1980: wir lesen von dem Verhalten und dem Alltag der Menschen auf, der Intelli-genzia, der „einfachen Leute“, der Angepassten und der Kleinbürger wie die Nach-barin Jale Hanim, die immer die neuesten Schlager singt und durch die Boulevard-presse in der Welt des Glanzes und und des Glimmers lebt. Wie auch heute, und das natürlich nicht nur in der Türkei, werden die Geschichten über Sternchen und Stars des Musik- und Filmgeschäfts, hier Zeki Müren und Bülent Ersoy, zwei besonders ex-zentrische Figuren des türkischen Musikhimmels, in Szene gesetzt, um die Masse abzulenken. Das alte Prinzip von Brot und Spiele. 

Die beiden Kinder sind schon durch ihre Herkunft grundverschieden. Ali ist ein ernsthafter, nachdenklicher Junge, der als zurückgeblieben gilt, seit er einmal über den Rand eines Brunnens in die Tiefe fiel. Aber er kann, wie Ayse voller Stolz betont, die Kleinbuchstaben lesen, ein Konversationslexikon ist sein ständiger Begleiter. Ali träumt, dass sie alle nach der erhofften Revolution Strom haben, dass seine Mama Rosen züchten kann, dass es nicht jeden Tag nur Mehlsuppe gibt, dass jeder ein Lexikon hat und alle Revolutionäre, die umgebracht wurden, im Schwanengewand wiederkommen. „Wenn jemand stirbt, dann verschwindet er eigentlich nicht. Nichts verschwindet. Alles geht weiter, wenn auch in veränderter Form.  Deshalb kann ein Mensch auch eines Tages als Schwan wieder auf die Welt kommen.“ Das sei dialektischer Materialismus, sagt sein Freund Hüseyin, einer der Studenten, die beim Wiederaufbau seines durch Fanatiker abgefacktelten Elternhauses helfen. Aufgewachsen ist Ali in einem Gecekondu der Aleviten, der sog. Kizilbash, der Rotköpfe, eine pejorative Bezeichnung für diese Religionsgemeinschaft, die immer wieder isoliert, benachteiligt und verfolgt wird. Seine Eltern Aliye und Hasan unterstützen den Widerstand. 

Ayse stammt aus einer gutbürgerlichen wohlhabenden Familie, die jedoch der linken Szene angehört. Ayse wächst sehr behütet auf und ist bisher kaum mit der realen Welt konfrontiert worden, sie ist noch kindlich-naiv. Sie klassifiziert z.B. die Gerüche und Geräusche in der Wohnung:  die Kopftücher und  Gästepantoffel, das Nachthemd ihrer Oma riecht nach Butterkeksen, der Tisch brummt vor sich hin, die Sessel haben Bauchweh. Und das Lachen: Das von Papa ist, als ob er Wasser trinkt, das von Mama, als kommen Vögel aus ihrer Kehle, das von Oma ist wie ein Tablett Börek und das vom Nachbarn Sanim klingt wie galoppierende Pferde.  Sie kennt das Eigenleben der alltäglichen kleinen Dinge ihrer kleinen Welt: der Haarklammer, der Stecknadel, des Hemdknopfs, der platt gedrückten Glühbirnenschachtel.

Ayse ist entsprechend ihrer Herkunft weißhäutig, anders als Ali, der entsprechend seiner Herkunft sehr braunhäutig ist. Diese Weiß- oder Braunhäutigkeit ist auch in anderen Ländern ein Zeichen für die soziale Abstammung: reich vs. arm. 

Doch sind diese Unterschiede: gutbürgerlich und Gecekondu, Kleinbuch-staben und Konversationslexikon, Hautfarbe nichts Trennendes, eher etwas sie Verbindendes. Die Kinder sind enge Freunde und teilen ihre Gedanken, Träume und Ängste.

Ayse und Ali haben ein eigenwilliges Gerechtigkeitsbewusstsein, das sich in zwei geplanten Aktionen ausdrückt.  Sie schwören einen Eid: Wir leisten Widerstand gegen den Faschismus bis der letzte Schwan gerettet ist und die Schmetterlinge im Parlament sind.  Ayse hatte in dessen Garten „tausendmillion“ Stück wunderschöner Schmetterlinge in einer Flugwolke gesehen, so als ob diese gebündelt das Parlament erobern wollten. Daraus entstand die Idee, die Schmetterlinge hinein zu schmuggeln. Was für ein schönes farbiges Bild der Leichtigkeit und Lebensfreude: Schmetterlinge im Parlament. 

Ali bringt Ayse ein paar Seidenraupen mit und sie stehlen aus der Polizeiwache gegenüber ihres Hauses Maulbeerbaumblätter als Futter. Ayse gelingt es, die Seidenraupen in das Parlamentsarchiv , in dem ihre Mutter arbeitet, zu schmuggeln: die Raupen gehorchen dem Gesetz der Entelechie: sie werden zu Schmetterlingen. Und sie fliegen und ihr Schmetterlingsflügelstaub färbt die Akten gelb und orange. Der Wunsch ist wahr geworden.

Die Rettung der Schwäne wird ihr zweites Projekt.  Ganz im Sinne eines Befreiungskrieges: Sie wollen sie vor der Verstümmelung retten. Auf dass sie frei sind und fliegen können, wohin sie wollen. Mit Chloroform, einer Schubkarre und einem Sack ausgerüstet gelingt es ihnen, einen Schwan zu entführen und in Ayses Haus in Sicherheit zu bringen. Deren Eltern waren gerade dabei, ihre Wohnung kleinbürgerlich herzurichten: alle Bücher sind verschwunden, Spitzendeckchen überall. Damit bei einer Durchsuchung nichts in falsche Hände gerät. 

Ali lebt in dieser Zeit bei den Bakars, da seine Mutter nach einem Überfall durch die Faschisten mit gebrochenen Armen im Spital liegt. Die Familie bricht im Auto auf, um Ayses kranken Großvater in der Provinz zu besuchen. Dort landen sibirische Schwä-ne immer vor ihrem Weiterflug gen Süden. Sie entlassen ihren gemeinsamer Schwan in die Freiheit. Damit er mit seinen Artgenossen vereint ist und sein Schwanen-schicksal erfüllen kann.

Inzwischen hat das Militär die endgültige Macht übernommen. Um das Vaterland zu schützen. Parlament und Regierung wurden aufgelöst, landesweit der Notstand ausgerufen.

Fluchschatten liegen über dem Land. Begann es, als die Osmanen ihre Zelte gegen Paläste eintauschten, als sie das Byzantinische Reich eroberten, oder als der doppelte osmanische Imperativ „Ich befehle Dir, jemand anderem etwas zu befehlen“ eingeführt wurde, oder als die Knabenlese auf dem Balkan ihre traurigen Früchte trug, oder als die bis heute geleugneten Massaker an den Armeniern den anatolischen Boden mit Blut und Knochen fütterte, oder als die türkische Republik ausgerufen wurde? 

Der Autor Müller-Hohagen zeigt uns in seinem Buch „Die Geschichte in uns“ deutlich, wie sehr Verdrängungsmechanismen von Tätern und Opfern in den Familien weiterleben und tief im Inneren der Menschen ein Eigen-leben entwickeln und ihre Gedanken und Taten steuern. 

Nazim Hikmet schrieb: Wir müssen an die Menschen glauben. Ja, aber der Glaube an Gott ist weniger enttäuschend.

Und wiederholt sich Geschichte? Das Buch schließt mit einer Zeitungsnotiz zu den Gezi-Protesten im Jahre 2013: Junge Leute retten die von Tränengas geschädigten Schwäne des Parks.


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Rezension zu "Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur" von Ece Temelkuran

Neues aus der Türkei
Almut_Scheller_Mahmoudvor 4 Monaten

Die türkische Juristin, Journalistin und Schriftstellerin Ece Temelkuran legt mit „Wenn Dein Land nicht mehr Dein Land ist“ ein Buch vor, das eindringlich die aktuelle Situation in der Türkei beleuchtet.

Temelkuran lässt uns teilhaben an ihrer ganz persönlichen Geschichte, ihren Erfahrungen mit der türkischen Politik und beschreibt eindrucksvoll ihre Gedanken, ihre Ängste und auch ihre Hoffnung. In „glorreichen sieben“ Kapiteln legt sie die Entwicklung eines politischen Systems in Richtung Autokratie und Diktatur dar:

  1. Die Gründung einer Bewegung.
  2. Die Zersetzung des Vernunftgefühls und Terrorisierung der Sprache.
  3. Die Abschaffung des Schamgefühls und der Triumph unmoralischen Verhaltens.
  4. Die Demontage des Rechtsstaates.
  5. Der Entwurf eines neuen Bürgers.
  6. Das Gelächter über das Grauen und als abschließenden Volltreffer: 
  7. Erschaffen Sie sich ihr eigenes Land

Der Begriff des Volkes, des homogenen Volkes, erlebt eine Wiedergeburt. Der Rechtspopulismus ist die neue starke politische Kraft, die sich gegen die saturierten Demokratien in Szene setzt mit manipulativen Oberbegriffen wie Globalisierung und Migration.

Die Autorin bietet keine glatten Lösungen an, hat Zweifel, auch an sich selbst und stellt immer wieder Fragen an die Leser und sich selbst. Ihr Anliegen ist es, die Gefahr des rapide wachsenden, weltumspannenden Populismus klar und deutlich aufzuzeigen. Damit wir aufwachen, wachsam bleiben, Allianzen bilden. Und dabei sollen wir unsere Energien nicht mit der Suche nach Dialog und Ergründenwollen verschwenden. Damit wir den Kaiser in seiner Nacktheit entlarven. Ein aufklärendes notwendiges Buch in diesen Zeiten der populistischen Düsternis.


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Rezension zu "Euphorie und Wehmut - Die Türkei auf der Suche nach sich selbst" von Ece Temelkuran

Die Hoffnung stirbt zuletzt oder Glücklich ist, wer sich Türke nennt?
Almut_Scheller_Mahmoudvor 4 Monaten


Dieses Buch von Ece Temelkuran wurde 2015 geschrieben und publiziert. Seit dem versuchten Putsch des Jahres 2016 hat sich die Lage noch einmal drastisch verändert und sich dramatisch verschlechtert.

Und doch ist dieser Bericht ein wichtiges Dokument, da es den interessierten Leser tief in die Geschichte der Türkei, in die Irrungen und Wirrungen der türkischen Seele führt. Ich gehe davon aus, dass die meisten Menschen, die sich nicht beruflich mit Geschichte und Politik des Landes auseinandersetzen, wenig vom Land und seiner Struktur wissen. Wenig von seiner Geschichte und seinen Mythen und Traumata. Da gibt es einen interessanten Ansatz: die sog. Knabenlese, Devsirme, des osmanischen Reiches. Parallel las ich gerade von dem türkisch-zypriotischen Psychoanalytiker Vamik Volkan das Buch „Blutsgrenzen“.  Er beschreibt, dass eben diese balkanesische Knabenlese als Motiv für die Gräueltaten der Serben gegen die muslimischen Bosnien herhalten musste: „Wir werden mit euch tun, was eure Vorfahren mit uns taten“.

Das Spiel der Mächtigen mit Mythen, Traumata und Religion. Heute und gestern, hier und überall. 


Die Türkei ist immer wieder von Militärputschen heimgesucht worden, der gravierendste, bis ins Heute reichende, war der von 1980, seine Bilanz listet die Autorin auf, sie entspricht in vieler Hinsicht den Folgen des aktuellen Putschversuches. Der militärische Gründungsmythos der modernen Türkei mit seiner durch Atatürk forcierten Westorientierung kollidiert mit der heutigen religiös verbrämten Politik. Die letztendlich ihren Anhängern und Schäfchen kapitalistische Teilhabe und Pfründe verspricht. Ein überall gern gespieltes Spiel. 

Das Buch ist aufgeteilt in die Zeitrahmen Gestern. Heute. Morgen. Und behandelt immer wieder die Problematik des kollektiven Vergessens und der Lügen. Die Armenier? Vergessen. Die Massaker von Maras 1978, die Pogrome 1955 in Istanbul? Vergessen. Die 90.000 kurdischen Opfer, tot oder vertrieben, von Dersim? Vergessen. Schweigen und Vergessen. Man habe gelernt, keine Fragen zu stellen, nicht neugierig zu sein. Eine Philosophie des „Gestern ist gestern. Heute ist heute.“ 

Gut gefällt mir „Das unsortierte Fotoalbum“ mit kleinen s/w-Photos und kurzen Narrativen. Auch die Symbolik des Baumes und der Brücken. Der offene Brief an Slavo Zizek. 


Ece Temelkuran geht immer wieder auf psychologische und geschichtliche Hintergründe ein, bringt immer wieder persönliches Erleben ins Spiel und beschreibt die Teilung des Landes in Wir und Sie. Den Opferstatus der Religiösen spart sie ebenso wenig aus wie die Dubaiisierung des Landes, die glitzernden Konsumtempel, eine neue Form der Agora, der Verlust des öffentlichen Raumes. Selbst die modernen Liebeslieder kritisiert sie, beklagt den Verlust der Sprache. Seit dem 80er-Putsch wurden Hunderte von Worten verboten, zurück blieb eine verstümmelte Sprache. Sie beklagt die Dummdreistigkeit von Menschen, deren mangelnde Bildung und Verrohung uns hypnotisieren, ein Phänomen bis in die Spitzen der Regierung und in der Tiefe der Gesellschaft. Immer wieder kommt die Autorin auf die Gezi-Proteste zurück, besingt ihren solidarischen Charakter und Widerstand gegen die Gleichschaltung und absoluten Gehorsam (Hannah Arendt) und immer wieder bezieht das Kurdenproblem mit in ihre Analyse ein. 


Was für ein Land wird die Türkei morgen sein? Was für ein Mensch werde ich sein? Viele haben ihr Land verlassen oder ihr Land hat sie verlassen. Enttäuschung, Trauer, Wut, Zorn. Keine gesunde Basis für ein neues Leben, ein neues Land.  

 











 

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