Edgar Hilsenrath

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Edgar Hilsenrath

Lebenslauf von Edgar Hilsenrath

Edgar Hilsenrath wurde 1926 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, wuchs in Halle auf. Vor der Reichsprogromnacht floh seine Familie mit ihm nach Rumänien. Von 1944 bis 47 lebte er in Palästina, danach floh er nach Lyon und emigrierte in den 50er Jahren nach New York, wo er sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlug und seinen ersten Roman "Nacht" verfasste. Seit 1975 lebt Hilsenrath in Berlin. Seine Romane mit Themen um den Holocaust wurden weltweite Erfolge.

Alle Bücher von Edgar Hilsenrath

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Der Nazi & der Friseur

Der Nazi & der Friseur

 (154)
Erschienen am 01.03.2006
Nacht

Nacht

 (10)
Erschienen am 15.03.2016
Fuck America

Fuck America

 (8)
Erschienen am 01.01.2005
Berlin ... Endstation

Berlin ... Endstation

 (4)
Erschienen am 01.07.2009
Sie trommelten mit den Fäusten den Takt

Sie trommelten mit den Fäusten den Takt

 (1)
Erschienen am 20.03.2012
Werkausgabe in 10 Bänden (signiert)

Werkausgabe in 10 Bänden (signiert)

 (0)
Erschienen am 01.05.2012

Neue Rezensionen zu Edgar Hilsenrath

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gauchos avatar

Rezension zu "Berlin ... Endstation" von Edgar Hilsenrath

Edgar Hilsenrath – "Berlin ... Endstation"
gauchovor 4 Monaten

Wer hier einen waschechten Berlin-Roman erwartet, wird einerseits enttäuscht, andererseits mit der ganzen Welt überrascht.

 

Es ist 1975. Der erfolglose jüdische Schriftsteller Joseph Leschinsky hat nach mehr als drei Jahrzehnten im Exil "die Schnauze voll" von den USA. Als Überlebender des Holocaust will er ins Land seiner Verfolger zurückkehren. Leschinsky, den alle nur Lesche nennen, hat Sehnsucht nach seiner Geliebten, der deutschen Sprache: "Ich muss sie hören, immer und überall."

 

Desillusioniert vom großen amerikanischen Traum, den Lesche ohnehin nie geträumt hat, glaubt er nur noch an sich selbst: "Als Schriftsteller mache ich überhaupt keine Kompromisse, und ich habe auch in keinem meiner Bücher irgendwelche Zugeständnisse an Dritte gemacht, weder aus finanziellen, ideologischen noch politischen Gründen." Er landet in West-Berlin und blüht schon schnell auf. Seine Romane, die von amerikanischen Verlagen abgelehnt wurden, finden hier ihr Publikum. In Literaturkneipen wie dem "Zwiebelfisch" lernt Lesche Künstler, Verleger, Literaten und Frauen kennen.

 

Von allen Seiten unterstützt, wird er jedoch beständig von seiner traumatischen Vergangenheit eingeholt. Da ist die Flucht vor den Nazis nach Polen, die Vergewaltigung des Jungen von einer alten Bäuerin und das ewige Verstecken vor dem Feind.

 

In Berlin findet Lesche aber auch endlich den so ersehnten Kontakt zu Frauen, der ihm in den USA verweigert wurde wegen seiner Mittellosigkeit. Lesche treibt es bunt, schwängert direkt eine Minderjährige und vergnügt sich gleichzeitig mit deren Mutter. Und irgendwann findet er wie beiläufig etwas Wunderbares: "Ein Leben lang waren Frauen nur Sexobjekte für ihn. Anahid war die erste, für die er etwas empfand." Die junge Armenierin lernt er auf seiner Recherchereise für sein Armenien-Epos kennen und lieben.

 

Der Leser folgt Lesche um die ganze Welt, unter anderem nach London, San Francisco und Halle. Er recherchiert, er schreibt, er trifft die unterschiedlichsten Leute und sein geplanter Rachemord an einem ehemaligen Nazi-Mitschüler löst sich in Vergebung auf. Doch nun sind ihm junge Neonazis auf den Versen. Sie schicken dem Literaten, der mit dem Thema Holocaust satirisch in seinen Texten umgeht, Drohbriefe und malen Hakenkreuze an seine Tür. Er will sich nicht mehr verstecken und wird am Ende doch noch umgebracht. Anahid stellt trauernd fest: "Schließlich haben die Enkel der alten Nazis vollbracht, was den alten Nazis nie gelungen ist."

 

"Berlin ... Endstation" ist ein flott geschriebener Roman, der mit Witz und kurzen Sätzen ein trauriges Schicksal und Glück suchendes Leben umreißt, das stellvertretend für viele steht. Eine zotige Liebeserklärung an die deutsche Sprache. Mal anstößig, oft charmant und sehr bilderreich geschildert.

 

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dominonas avatar

Rezension zu "Der Nazi & der Friseur" von Edgar Hilsenrath

Anderer Blickwinkel
dominonavor einem Jahr

Ja, es ist Satire und nein, ich kenne nichts in der Art. Von der SS zum Judentum - hin und wieder zurück und die Reise ist grausam verrückt. Mit guter Schreibe wird es sogar glaubhaft. Wer die Wohlgesinnten gelesen hat, wird von diesem Buch nicht so sehr überrascht sein, denke ich, aber dennoch ist es ein mutiges und gutes Buch.

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awogflis avatar

Rezension zu "Nacht" von Edgar Hilsenrath

Überleben im Ghetto dargestellt in entmenschlichtem Realismus
awogflivor 2 Jahren

Dieses Buch  musste ich auf zwei Anläufe lesen, denn Anfang 2007 war ich nicht in der Stimmung. Es war mir zu abgebrüht, furchtbar und grausam, als dass ich es beenden konnte (zuviel für meine zarte Seele). Dies sagte aber nie etwas über die Güte des Romans aus, und ich wollte ihn irgendwann mal doch noch durchstehen.

Heuer - fast 10 Jahre später - habe ich Nacht in einer Gruppe gelesen, und das half enorm, denn man konnte wenigestens gemeinsam über das Gelesene reflektieren und sich ein bisschen über das umenschliche Grauen austauschen.

Der Roman beschreibt die Geschichte einer Gruppe von Leuten - als Hauptfiguren Ranek und Deborah, die versuchen, im rumänischen Ghetto von Prokow ihr Dasein zu fristen und zu überleben.

Aber was macht den Roman gleichzeitig so furchtbar und großartig? Ich habe noch nie einen Roman über den Holocaust (Shoah) gelesen, der so realistisch grausam konzipiert ist, dabei ist die dargestellte Grausamkeit derart lapidar, dass sie jeden gewollt gewalttätigen Psychothriller um Längen im Gruselfaktor schlägt. Wo andere Shoah-Romane schmalztriefend auf die Tränendrüse drücken und die jüdischen Opfer durchwegs als heroische Figuren zeigen, werden hier die Opfer extrem realistisch tiefgründig und dicht beschrieben selbst zu Tätern. Der Hunger und der einzige Trieb, diesen Horror im Ghetto irgendwie zu überleben, fegt den Firnis der Zivilisation und Menschlichkeit einfach restlos hinweg. Es gibt keine guten Helden und bösen Verräter, nahezu alle Figuren haben sehr viel Dreck am Stecken und begehen die furchtbarsten aber sehr verständlichen Gräueltaten. Auch der Leser stumpft Zug um Zug bei der Lektüre ab und kann bald alles rechtfertigen, im Gegenteil die ambivalent dargestellten Anti-Helden wachsen einem derartig ans Herz, dass man sich tatsächlich wundert, wie man so mitfiebern kann, ob sie an diesem Tag etwas zu essen bekommen, egal was sie dafür tun müssen. Insofern zeigt der Roman, wie schnell man einen Menschen entmenschlichen kann. Gut ein paar Figuren haben ihren Humanismus nicht eingebüßt aber die erscheinen sehr dumm und sind sehr bald sehr tot - bis auf Deborah. Andere Figuren sind vielleicht eine Nuance verschlagener als der Rest, man hat so seine Symphatien. Aber der Tod schlägt auch bei den Gewieften zu - im Prinzip kann es jeden treffen. Manchmal streut Hilsenrath tröstlich auch ein paar Wunder ein, dann bekommt der Roman einen derartigen Euphorieschub, den auch der Leser mit jeder Faser spürt und die Geschichte wird wieder ein bisschen erträglicher.  Gleich einem hungernden Juden im Ghetto ist man wieder gewillt durchzuhalten, auf den nächsten Tag zu warten und zu hoffen.

Lediglich im dritten Kapitel von vier zieht sich die Handlung mühsam  wie ein Strudelteig - ewig derselbe Kreislauf: Hunger, etwas Verkaufbares besorgen, Tauschgeschäfte anbahnen, dabei über den Tisch gezogen werden, und dann von Irgendeinem beklaut werden. Klar so ist das Leben im Ghetto, aber die Figuren entwickeln sich nicht und die Geschichte kommt nicht voran. Da dieser Abschnitt ein bisserl nach Kürzung schrie, ziehe ich mit Bedauern bei der Beurteilung einen Stern ab.

Ansonsten ist das Werk tatäschlich meisterlich: Sprache, Figurenentwicklung, Handlung, Leserinvolvement - ein Kleinod der deutschsprachigen Literatur - manchmal sogar in seiner lakonischen Grausamkeit fast schon tröstlich romantisch. Meine Lieblingststelle:

"Zwei Leichen trieben gemächlich flußabwärts: Ein Mann und seine Frau. Die Frau schwamm etwas vor dem Mann. Es sah wie ein Liebesspiel aus: der Mann versuchte fortwährend nach der Frau zu haschen, ohne dass es ihm gelang. [...] Beide Leichen fingen nun an, sich im Kreis zu drehen; sie klebten eine Weile aneinander, als wollten sie sich vereinen. Dann trieben sie versöhnt weiter." .

Zum Abschluss der Rezension möchte ich noch eine Lanze für weitere Werke des Autors brechen, denn Hilsenrath ist ja ein Genozidspezialist der besonderen Sorte. Er bearbeitet das Thema Völkermord immer ein bisschen anders als alle anderen Autoren und versucht, das Geschehene immer aus einer neuen Sicht zu beleuchten:

bei Der Nazi und der Friseur - die "humoristische, satirische" Seite des Holocaust aus der Sicht des Täters - eines der besten Bücher, das ich jemals gelesen habe bei Das Märchen vom letzten Gedanken - die sehr fantastisch fabulierte Märchenerzählform, des Genozids an den Armenieren (Aghed), der den Aberglauben der Armenier sehr stark unterstreicht. bei Nacht - der lapidare grausige Realismus der Shoah im Rumänischen Ghetto
Nacht als sein erster Roman konnte von Edgar Hilsenrath lange nicht finalisiert werden. Erstens weil er wahrscheinlich noch zu jung war, zweitens weil der Abstand zu den eigenen Erlebnissen im Ghetto noch zu gering war und drittens und wahrscheinlich der Hauptgrund, weil er keine literarischen Vorbilder zu seiner Geschichte kannte. Erst als Hilsenrath auf das Werk von Remarque stieß, wusste er, in welchem Stil er seine Geschichte schreiben wollte. Tatsächlich hat mich der Roman sehr stark an "Im Westen nichts Neues" erinnert, aber überflügelt diesen nahezu leichtfüßg im Schreibstil des entmenschlichten Realismus. Die Veröffentlichung von Nacht wurde in Deutschland im Kindler Verlag massiv sabotiert, weil einige Mitarbeiter mit der Darstellung der Juden auch als Täter nicht einverstanden waren. Erst als der Roman international in englischer Sprache derart erfolgreich war, wurde er in Deutschland nochmals verlegt.

Fazit: Unbedingt Lesen! Ein furchtbares aber großartiges Meisterwerk, das Ruhe und etwas Leidensfähigkeit benötigt. Auf jeden Fall nicht in depressiver Stimmung und am besten in einer Gruppe lesen, denn es erfordert doch etwas Austausch.

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Edgar Hilsenrath wurde am 01. April 1926 in Leizig (Deutschland) geboren.

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