Ehm Welk Mein Land, das ferne leuchtet

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Inhaltsangabe zu „Mein Land, das ferne leuchtet“ von Ehm Welk

SAGTE DER GREIS Das Schönste im Leben sind die Erinnerungen. SAGTE DER MANN Der Mensch behüte sorglich seine Erinnerungen: Jedes Gestern hat den Drang, sein Heute zu verdecken, mit Licht ebenso wie mit Schatten. SAGTE DER JÜNGLING Was läge viel daran? Jedes Heute, das nicht im Lichte, eines besseren Morgen steht, ist bereits ein Gestern! Textauszüge: Mein Land "Dort oben, wo die Uckermark ihre nördlichste Spitze weit ins vorpommersche Gebiet vorstößt und an ihrer rechten Flanke ein Bruch mit nach Norden zieht, liegt mein Land: eine meilenweite, rechteckige Schale, deren saatengrüner Boden auf der östlichen Längsseite vom schwarzen Rand eines Höhenzuges, auf der Westseite von hohen Wäldern eingefaßt ist und deren Schmalseiten im Süden und Norden die Ferne als ein samtenes Blau aufwellen lassen. Der silberne Zierat der Bäche, Teiche und Seen und das Riesenkinderspielzeug in Gestalt der kleinen Dörfer, ackernden Bauern und weidenden Herden liegt auf dem grü¬nen Grunde dieser Schüssel. Zwischen ihnen, empfunden von den Männern als Urheber derbtröstlicher Nahrhaftigkeit, von den Frauen als süßerregende Geisterfurcht, von den Kindern geträumt und gesehen als wesenhafte Wirklichkeit, lebten und wirkten aus Märchen, Sage und Geschichte die Geschehnisse und Gestalten einer vieltausendjährigen Vergangenheit. Über Tag schliefen sie in alten Weidenstümpfen, unter Brücken, hinter den Ruinen der Burgen und Klöster und im Rohr der Teiche und Tümpel; nachts aber standen sie auf, ackerten und werkten, jagten und kriegten, liebten und haßten sich und uns. Keinerlei menschliches Tun unserer Zeit war ihnen fremd, nur beten konnten sie nicht. Darum auch waren sie unsterblich, denn wer beten konnte auf Erden, beschloß im Sterben seine Wanderung hienieden und stieg auf in den Himmel. Sie aber, die Unsterblichen, die an kein Jenseits geglaubt hatten, mußten zur Strafe, so hatte man uns gelehrt, das ewige Diesseits erleben. Ich weiß noch, wie ich als kleiner Knabe mich freute, des Jenseits gewiß zu sein, denn ich konnte beten. Wie es mich aber eines Tages durchschauerte und lange Zeit scheuchte, als ich bedachte, daß ich dort drüben meine beiden Eltern nicht wieder mit mir vereint sehen würde, da doch mein Vater nicht betete, sich sogar rühmte, ein Heide zu sein, und ich fürchtete, meine Mutter, die für ihn mit betete, könnte es für zwei nicht schaffen. Es war nur ein schwacher Trost für das erregte Kindergemüt, zu wissen, ich würde einst, wo immer ich landete, einen von meinen Eltern gewißlich treffen: im Himmel die Mutter und in der Unterwelt den Vater." Knabe zwischen Orplid und Bimini "Leuchtender und wärmer, als Hirn und Herz es vermögen, bewahren Landschaften und Gegenstände die Erinnerung an Erlebnisse und Eindrücke, die wir einstmals durch sie beglückt erfuhren oder klagend erlitten. Die Zeit, rastlos sich mühend, ihre eigenen Kinder zu verschlingen und neu und vollkommener zu gebären, läßt der befristeten Menschen Hirne und Herzen altern, ihre Gedanken und Gefühle verblassen und verleiht den Erinnerungen günstigen Falles den Ton alter Bilder in den Museen. Ach, ihr ursprünglichen Farben, da der Himmel blau, die Wälder grün und das Blut rot war, wo ist euer Glanz geblieben? Und seid doch nicht gestorben oder auch nur verdunkelt wie die Menschen, mit denen wir, flüchtige Söhne der Stunde, lebten, kämpften, liebten und wähnten, die Dauer zu haben, da wir sie in Stücke schlugen und die Trümmer rafften. Ihr wohnt, leuchtend und lockend, wie in der Frühe des Tages, in den alten Bäumen, verwitterten Brücken und stillen Gewässern, in deren Nähe einst es uns geschah, daß wir jung waren. Und so ungemindert. stark ist die Verbundenheit einer Landschaft und ihrer Dinge mit uns geblieben, daß sie noch nach langen Zeitläufen nicht nur den Heimkehren¬den anreden und ihm die von Lust, Torheiten und Schmerzen erfüllten Geschichten seiner jungen Tage erzählen, sie rufen oft auch über die Grenzen der Länder und über die Ozeane hin und durch die dicken Mauern der Verliese. Dann teilen sich die grauen Nebel, die dunklen Schatten weichen und werden zu lichten Gestalten, und aus den verschütteten Schächten in uns brechen neu die Quellen der Zuversicht und heißen uns das Leben lieben. Und hoffen und kämpfen. Immer wieder. Nun ich hier sitze und es bedenke, war es bei mir ein Vers, der, ungerufen und unerwartet, aufklang, fünfzig Jahre lang. Er stand in diesem besungenen und beklagten. Leben wohl zehnmal da, Mädchenlachen, Vogelgesang, Todesgestöhn und Orgelklang in einem, und brachte stets ein einfaches Landschaftsbild herauf, vor dem alle geschauten Bilder der herrlichen Erde entwichen und alle häßlichen und gefährlichen Umgrenzungen des Lebens auch. Ein Gedicht, in der Schule gelernt und von einem verträumten Knaben in glücklicher Kinderzeit mit einer geheimnisvollen Niederung unweit seines Dorfes verbunden, folgte dem Jüngling und dem Manne, in welchem Erdteil er sich auch befand. Und tauchte, viele Jahre wieder vergessen, seltsamerweise immer dann auf, wenn das Leben ganz verdunkelt oder auf das äußerste bedroht war. Damals, als der Zehnjährige es auf Geheiß eines wunderlichen Schulmei¬sters für eine Feierstunde der Dorfschule lernte, wußte er das nicht und legte auch keinen Wert darauf, es mit einem Dichter zu verbinden, denn es war für den Knaben ein Gruß wie die Botschaften zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten: Friede auf Erden! Er ist auferstanden! Gehet hin in alle Welt und lehret! Da ich das Gedicht nun hinschreiben will, muß ich das Buch aufschlagen, in dem es steht, so sehr hat die Zeit es gekürzt, und es sind im Gedächtnis nur noch seine An¬fangszeilen geblieben. Dies war das Gedicht: Du bist Orplid, mein Land, das ferne leuchtet! Vom Meere dampfet dein besonnter Strand den Nebel, so der Götter Wange feuchtet. Uralte Wasser steigen verjüngt um deine Hüften, Kind! Vor deiner Gottheit beugen sich Könige, die deine Wärter sind. Später, in einer anderen Schule, lernte ich, wer der Mann war, der es gedichtet, und noch später, es sei ein Stück aus einem Roman. Als ich jedoch den „Maler Nolten“ las, erschrak ich und war enttäuscht und verstimmt, daß das ferne leuchtende Land eine Gegend sein sollte, die ich mir als preisenswert nicht vorstellen konnte. Die ich mir auch nicht vorstellen wollte, denn was konnte schon das gewiß schöne Hellas, was Indien, China oder gar das Phantasieland eines Dichters oder Malers sein gegenüber dem geheimnisvollen Wunderland meiner einsamen Streifen, meiner Träume und meiner Gespräche und Erlebnisse mit Tie¬ren, Menschen und Geistern? Es machte mir auch nichts aus, daß mein Land keinen so schönen Namen hatte wie Orplid, sondern nüchtern düster Schwarzer See hieß. War es doch gar kein See, sondern eine meilenweite und breite Niederung mit Bäumen, Pflanzen und Tieren aller Art und Größe, mit Teichen und Sümpfen und Inseln, die nie, oder doch nur ganz selten, ein Mensch betrat ober befuhr. Eines Tages jedoch genügte mir der Name Schwarzer See nicht mehr, und ich erfand einen, hinter dessen Klang und Verheißung das Orplid des Dichters, so meinte ich, verblassen mußte: Bimini. Die drei iii klingelten, jubelten und glänzten ganz anders als das eine i bei dem Herrn Mörike. Ich sprach den Namen immer wieder aus, zu Hause und in der Schule; ich sang ihn mit natürlicher Sopranund mit gewaltsam erzeugter Baßstimme; und je mehr meine Schwestern mich ob dieses Tuns auslachten und meine Mutter sich wegen meines Kopfes Gedanken machte, je mehr sang ich mein Bi-mi-ni. Da ich nicht sagte, was damit gemeint sei, konnten sich die Menschen auch nichts dabei denken, und mir genügte der Glaube, es müßte ein Name für Paradies sein." Neben der von Joachim Grambow vollständig neu illustrierten Textausgabe enthält diese Sonderausgabe zusätzlich bislang unveröffentlichte Fotos, Dokumente, Schriftwechsel, literaturwissenschaftliche Beiträge usw. über das Buch und Ehm Welk. (Quelle:'Fester Einband/01.10.2013')
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