Biographien, zumal wenn sie im Original in Latein geschrieben sind, stellen für den Leser meist ein Hindernis dar, verleiden so manchem die Leselust und die Freude am Unbekannten. Aber es gibt ja schon seit längerem zweisprachige Ausgaben, die eine Brücke schlagen. So auch in diesem Falle, wobei der Text immer wieder neu entdeckt und erarbeitet werden will.
Es handelt sich dabei um eine Biographie Karl d. Großen (747/48 bis 814), verfaßt von Einhard, dem Leiter seiner „Hofschule“. Diese „Schule“ war, entgegen heutiger Vorstellungen die wir mit diesem Begriff verbinden, kurz gesagt, der geistige Mittelpunkt des Aachener Kaiserhofes. Sie umfaßte die gelehrtesten Männer ihrer Zeit, die Karl dort zusammengezogen hatte, um das durchsetzen zu können, was wir heute als „karolingische Renaissance“ bezeichnen, eine Reform in Bereichen der Bildung, der Schrift, der Architektur, des Ackerbaus und anderer Bereiche des täglichen Lebens.
Einhard schildert hier, geschult an antiken Vorbildern wie beispielsweise dem römischen Kaiserbiographen Sueton das Leben Karls, wobei man aber entgegen heutiger Lesegewohnheiten keine Darstellung von der Wiege bis zur Totenbahre antrifft, sondern eher eine Abfassung verschiedener Themen, unterteilt in Kapitel. Dabei stellt ein Einhard die Person Karls aber keineswegs als entrückte Gestalt dar, die sich ausschließlich mit Regierungsgeschäften oder militärischen Auseinandersetzungen beschäftigte, sondern bringt ihn auch als Menschen mit seinen typischen Charaktereigenschaften näher. Man darf aber zu keinem Zeitpunkt vergessen, welche Absichten der Autor mit seiner Darstellung verfolgte, nämlich einerseits ein absolut positives Bild als Herrschergestalt zu zeichnen und ihn andererseits als Vorbild für kommende Könige, gerade für seine Söhne (hier ist besonders Ludwig d. Fromme zu nennen) darzustellen.
Dennoch ist das kleine Büchlein ein lesenswerter Genuß, auch wenn aus heutiger Sicht argumentiert wird, daß Einhard seinen „Helden“ zu sehr in positivem Licht erscheinen lassen wollte und negative Aspekte konsequent verschwieg. Auf jeden Fall ist die Biographie ein besserer Einstieg in das Thema "Mittelalter", als so mancher Historienroman, der einen meist reißerischen Handlungskosmos seiner Leserschaft vermitteln will.
Noch ein kleiner Tipp: Wer die Zeit findet, in den hessischen Teil des Odenwaldes zu reisen, der sollte einen kurzen Halt in Michelstadt-Steinbach einplanen, um dort die „Einhard-Basilika“ (erbaut zwischen 824-827) zu besuchen, die der Erzähler von Leben und Wirken des fränkischen Herrschers Karl ursprünglich als Kloster gründete.


