Eivind Hofstad Evjemo

 5 Sterne bei 3 Bewertungen

Lebenslauf von Eivind Hofstad Evjemo

* 1983 in Levanger, studierte literarisches Schreiben an der Litterær Gestaltning in Göteborg. 2009 gewann er mit seinem Debüt "Weck mich, falls ich einschlafe" (Vekk meg hvis jeg sovner) den Tarjei Vesaas’ First Writers Award, Norwegens prestigeträchtigsten Debütpreis. Sein dritter Roman "Vater, Mutter, Kim" (Velkommen til oss) wurde 2014 in Norwegen von der Presse begeistert aufgenommen und in Frankreich für den Prix Femina nominiert. Eivind Hofstad Evjemo war 2015 unter den zehn besten Schriftsteller*innen Norwegens unter 35. Er lebt in Oslo. eivindhofstadevjemo.com

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Eivind Hofstad Evjemo

Cover des Buches Vater, Mutter, Kim (ISBN:9783903081376)

Vater, Mutter, Kim

 (3)
Erschienen am 02.09.2019

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Rezension zu "Vater, Mutter, Kim" von Eivind Hofstad Evjemo

“Vater, Mutter, Kim” und diese Lücke, die bleibt.
herrzettvor 25 Tagen

“Vater, Mutter, Kim” von Eivind Hofstad Evjemo habe ich nun schon vor einer Weile gelesen und habe nach wie vor das Gefühl, diesem Roman hier nicht gerecht werden zu können. Evjemo erzählt nämlich nicht nur eine einfache Geschichte. Sie ist viel tiefgründiger und greift ganz andere Gedankenebenen an. Es geht mehrfach um den Verlust und die Trauer. Es geht um eine Familie, die ein Kind adoptiert. Es geht um Anteilnahme, um Menschlichkeit, Zurückhaltung und …

“Dieses unmittelbare Gefühl, wenn ein Damals und ein Jetzt zusammenfallen, dass etwas Unveränderliches, ja Ewiges, zwischen dem Anwesenden und dem Verlorenen entsteht. Für sie ist es wohl das, was einem Glauben am nächsten kommt. Wenn sie es fühlt, dann existiert es auch und kann nicht angezweifelt werden, denkt sie, und der Gedanke verschwindet sofort…”


Sella und Arild leben in einem kleinen Haus. Es scheint ein ruhiger, ereignisloser Tag zu sein und dann erblickt Sella das Auto ihrer Nachbarn, wie sie langsam durch die Siedlung fahren. Nach einer Woche Abwesenheit kehren sie nun endlich zurück und damit zunächst auch Sellas Hoffnung. Doch die Familie ist nicht vollständig. Ein Platz ist leer, der ihrer Tochter, die einem Terroranschlag auf Utoya zum Opfer fiel. Sella möchte ihnen ihre Anteilnahme zeigen, ihnen etwas backen. Waffeln vielleicht? Später wird sie diese in den Brotkasten legen und diese Geste immer wieder hinauszögern. Sella und Arlig kennen das Leid, die Trauer, den Verlust. Auch sie haben vor Jahren ihren Adoptivsohn Kim verloren. Sein Platz ist leer, wird es immer sein und doch lassen die Gedanken ihn nie verschwinden, geschweige denn Normalität einkehren. Rückblicke ermöglichen einen Einblick in ihr früheres Leben, den Kummer kein Kind zu bekommen, die Schwierigkeit ein Fremdes zu adoptieren, mit dessen Eigenarten fertig zu werden, gar Gewalt auszuüben und ihm doch ein zuhause und Liebe zu schenken, auch wenn dies oftmals einseitig erscheint. Und dann, dann ist da diese große Lücke, die ihr, aber auch anderen geblieben ist.


Es ist ein eher ruhiges, klares, teilweise gar beklemmendes Bild, das Evjemo hier zu Tage bringt. Aber es ist eben kein Roman, der sich mit einem turbulenten Plot brüsten kann, und das ist auch gut so, denn sonst würde es dieses feine, leicht Philosophische und Tiefgründige nur unnötig aufwirbeln, gar zerstören und den Fokus auf die Handlung lenken. Die Menschlichkeit und der Umgang mit dem Verlust steht hier im Vordergrund und das macht Evjemo sehr geschickt. Zumindest gefiel es mir sehr, dass das Hauptaugenmerk eben nicht auf diesen Anschlägen beruht, sondern die Gedanken der Protagonisten einfängt. Es ist eigentlich eher Sellas Geschichte, die hier präsent wird und ein sehr großes emotionales Abbild von Vertrauen, Liebe, Hoffnung über Trauer, Schmerz, Verzweiflung und Hilflosigkeit bereithält. Als Leser wird man hierzu zwischen den einzelnen Kapiteln bzw. Jahresausschnitten etwas hin und her geworfen und doch ist gerade dieses ‘Spiel’ wichtig um sich näher mit den einzelnen Protagonisten und ihrer Geschichte zu befassen. Und natürlich ist man zunächst etwas verwirrt, vielleicht sogar enttäuscht weil augenscheinlich kaum etwas passiert, im Text heißt es sogar: “Von oben gesehen, könnte man denken, es sei gar nichts passiert.” und doch sind diese 273 Seiten recht gewaltig, aber eben nur auf den zweiten, emotionaleren Blick.
In diesem Zusammenhang fällt mir dann auch Sarah Kuttners Roman “Kurt” ein und doch kann man beide nur bedingt miteinander vergleichen. In beiden geht es um Trauer und den Verlust. Kuttner, beschreibt eher die Verarbeitungszeit, das Tief, die Hilflosigkeit ihrer Protagonisten. Kurt ist unglücklich vom Klettergerüst gefallen und sein Vater scheint in der Welt aus Trauer gefangen. Seine Freundin versucht ihm eine Stütze zu sein und doch schaffen sie es nur gemeinsam Schritt für Schritt sich zu verstehen, sich wieder anzunähern und sich dem Leben neu zu wappnen.
Bei Evjemo ist diese Verarbeitungszeit bereits geschehen. Es ist eher die ständig mitschwingende Trauer und Erinnerungen, die noch danach aufkommen und das Leben begleiten. Der Schicksalschlag der Nachbarn, weckt die Unsicherheit, den Schmerz von damals und doch versuchen sie ihr Leben aufrecht zu halten. Vor allem Sella beschäftigt dies sehr. Und dann ist da noch die Anteilnahme am Verlust der anderen, die Skepsis, die Frage nach dem Wann. Wann ist der richtige Zeitpunkt auf die Betroffenen zuzugehen? Was werden sie denken? Und wie wäre der richtige Weg? Sella backt gerade hierfür häufiger Brötchen oder Waffeln, die sie den Nachbarn gerne vorbeibringen möchte, es ist ihre Form/Geste der Nähe und Aufrichtigkeit. Doch sie zögert den Weg hinüber zu gehen stets aufs Neue hinaus. Und diese tiefen Gedankengänge liebe ich an diesem Roman. Man fühlt sich in die Protagonistin hinein, begleitet sie, schaut, wie sie sich ihr Leben aufbaut und einiges wieder verliert, Menschen kennenlernt und verschwinden lässt. Man nimmt ihren Kummer, den Schmerz, ihre Liebesbemühungen auf, möchte eine Stütze sein, doch einem bleiben nur die Beobachtung und die Gedanken.
Das Leben kommt immer anders als man sich das selbst erhofft, manchmal unvorhergesehen schnell, manchmal ist es Arbeit, manchmal wird sie geschätzt, manchmal auch nicht und manchmal bleibt einem nur der Blick zu den ‘anderen’ und die Überwindung der eigenen Gedanken. Eivind Hofstad Evjemo – eine großartige Stimme aus Norwegen mit einem großen, unaufgeregten Roman voller Wärme, Einsamkeit und Leid.

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Rezension zu "Vater, Mutter, Kim" von Eivind Hofstad Evjemo

Willkommen bei uns
Buecherschmausvor 4 Monaten

Viele Nationen haben ihre eigenen Traumata, die in jüngerer Zeit meist mit dem internationalen Terrorismus jedweder Couleur zusammenhängen. Anschläge mitten in der Gesellschaft, unerwartet, heimtückisch und vermeintlich unvorhersehbar, die das Sicherheitsgefühl und den Alltag der Menschen nachhaltig erschüttern. 9/11 und die Novemberanschläge in Paris waren solche Ereignisse, die nicht nur in den USA und Frankreich noch sehr lange nachhallen.


Auch das kleine Königreich Norwegen am Rande Europas, durch seine Erdölvorkommen eines der reichsten Länder der Welt, stets ganz weit vorn, wenn es um das demokratischste Land, die glücklichste Bevölkerung oder das beste Sozialsystem geht, erlebte 2011 ein solches Trauma, das nahezu aus dem Nichts zu kommen schien. Am 22. Juli verübte der Rechtsextreme Anders Behring Breivik Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya mit insgesamt 77 Todesopfern, die aufgrund der besonderen Kaltblütigkeit, mit denen sie ausgeführt wurden, und der überwiegend jugendlichen Opfer, die Teilnehmer eines Zeltlagers waren, weltweit große Bestürzung hervorriefen.


Eivind Hofstad Evjemo nimmt die Anschläge als Hintergrund für seinen 2014 im Original erschienenen Roman „Velkommen til oss“, der nun als erstes seiner Werke auch auf Deutsch, in der Übersetzung von Karl Clemens Kübler und Clara Sondermann, in einer besonders schön gestalteten Ausgabe bei Luftschacht erscheint: „Vater, Mutter, Kim“


Dabei bleiben die Geschehnisse auf Utøya aber tatsächlich nur Hintergrund für eine ganz persönliche Geschichte. Sie liefern die Folie für die tiefe Trauer im Leben von Sella und Arild und sind Anlass dafür, dass diese Trauer nach über acht Jahren für sie wieder neu präsent wird. Acht Jahren zuvor verlor das Ehepaar seinen Adoptivsohn Kim.


Nun kehren die Nachbarn zurück von der Insel Utøya, auf der ihre Tochter ermordet wurde. Weder sie noch die Tat stehen im Mittelpunkt des Erzählten. Sie werden lediglich durch Sella wahrgenommen und beobachtet. Diese ist, wie vermutlich das ganze Land zutiefst geschockt. Zu dieser kollektiven, ja nationalen Trauer gesellt sich allerdings noch ihre ganz persönliche, denn sie weiß, wie es sich anfühlt, ein Kind zu verlieren. Ihre Hilflosigkeit, die sich in verschiedenen Anläufen zeigt, etwas für die Nachbarn zu backen, als Trost gewissermaßen, aber auch als solidarischer Akt, als ein Zeichen von Empathie, von Fürsorge und Zusammenhalt, die aber immer wieder von der Angst, zudringlich zu erscheinen, torpediert werden. Unmengen an Zimtbrötchen wandern in die Tiefkühltruhe.


Sella weiß, wie schwierig es ist, Trauer zu teilen, selbst mit dem vertrautesten Menschen. Auch ihre Ehe mit Arild musste dem Verlust von Kim standhalten, das Paar neue Strategien im Umgang miteinander entwickeln. Sella musste erkennen, dass Arild ganz anders trauerte als sie selbst. Eivind Hofstad Evjemo schreibt mit „Vater, Mutter, Kim“ auch einen Eheroman, vom Zueinanderstehen in schwieriger Zeit.


Nun, angesichts der Trauer der Nachbarn, erinnert sich Sella an ihr Kennenlernen, an die schwierige Phase der ungewollten Kinderlosigkeit, an den Entschluss, den kleinen Kim von den Philippinen zu adoptieren. In Rückblenden wird von der Familie erzählt, die die drei fortan bildeten, von den Augenblicken des Glücks, aber auch von schwierigen Momenten, besonders als sich Kim zunehmend von den Adoptiveltern entfernte, die Beziehung zu ihm sich nicht so innig entwickelte wie erträumt. Und davon, wie sich Kim schließlich aufmachte, seine leibliche Mutter zu suchen.


Eivind Hofstad Evjemo erzählt zurückhaltend, einfühlsam und still. Er arbeitet nicht mit plakativen Emotionen, sondern bleibt in seiner Sprache präzise und ernsthaft. Der Text wird dadurch umso eindringlicher.


„Vater, Mutter, Kim“ ist trotz der großen Beachtung, die norwegische Literatur anlässlich des Gastlandauftritts zur Frankfurter Buchmesse erfahren hat, für mein Gefühl ein wenig untergegangen. Völlig zu Unrecht. Der Text verdient viele Leser*innen.





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