Ekaterine Togonidze

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Einsame Schwestern

Einsame Schwestern

 (7)
Erschienen am 19.02.2018

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Rezension zu "Einsame Schwestern" von Ekaterine Togonidze

Zwei Leiber - ein Leben
jenvo82vor 10 Tagen

„Das Schreiben ist wie ein Spiel, man spricht von sich, als wäre man jemand anderes. Jedoch wie alle Spiele ist auch dieses Spiel nur Schein. Hört man damit auf, hat man das gleiche Problem vor sich wie zu Beginn, ein Problem, dem man nicht entkommen kann und das den Namen Leben trägt, das glücklose Leben von Lina und Diana.“


Inhalt


Lina und Diana haben es geschafft, im Verborgenen aufzuwachsen und vor den Blicken jeglicher Fremder geschützt zu bleiben. Ihre Großmutter, hat sich um die Erziehung der siamesischen Zwillinge gekümmert und sie zu Hause unterrichtet. Doch nun stirbt diese einzige Bezugsperson und die beiden 17-jährigen Mädchen sind auf sich allein gestellt. Ein Hochwasser wird ihnen zum Verhängnis, weil sie ihm nicht entkommen können und so landen sie auf der Krankenstation eines öffentlichen Krankenhauses. Plötzlich stehen sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und müssen sich mit wildfremden Menschen arrangieren. Ihr weiterer Verbleib ohne Verwandte ist ungewiss und sie werden in die Obhut eines Zirkus gegeben, der sich bereiterklärt für Kost und Logis zu sorgen, wenn sich die Mädchen an Auftritten beteiligen. Und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich in die neue Situation einzufinden: herausgeputzt, gedrillt und zur Schau gestellt – so gestaltet sich ihre nähere Zukunft. Ihr einziger Lichtblick ist das Tagebuch schreiben und der Zauberer Sascha, der ihnen ein bisschen Zuneigung schenkt. Doch zu spät erkennen sie, das auch diese Aufmunterung ihren Preis hat.


Meinung


Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Roman durch die begeisterten Leserstimmen, die ich mit großem Interesse verfolgt habe und so habe ich mir den Debütroman der georgischen Autorin Ekaterine Togonidze zur Hand genommen, um selbst von dem berührendem Schicksal der beiden Mädchen zu lesen, die sich von der Taille abwärts einen Körper teilen.

Auch mich konnte die Geschichte auf ganzer Linie überzeugen, weil es ihr gelingt nicht nur das normale Leid siamesischer Zwillinge aufzugreifen, die sich ihr Lebtag lang einen Körper teilen müssen und trotz verschiedener Charaktere und unterschiedlicher Vorlieben alles gemeinsam machen müssen, sondern auch weil sie den gesellschaftlichen Aspekt dieser „Rarität“ so schonungslos und bitter in den Fokus der Erzählung rückt.

 Interessant ist auch der literarische Schachzug, beide Mädchen in Form von Tagebucheinträgen zu Wort kommen zu lassen. Dabei wird sehr realistisch beschrieben, wie verschieden die zwei wirklich sind, wie viele Kompromisse sie ertragen müssen, um durch jeden Tag zu kommen. Lina, die offenere, lebensbejahende, versucht alles mit Emotionen zu erfassen, sie schreibt Gedichte, glaubt an die große Liebe und singt gerne Lieder. Diana ist viel pragmatischer, sie zweifelt mehr, hinterfragt die Dinge und sieht eher das Problem in der Entwicklung als die Chance. Dennoch brauchen beide einander, als wären sie nur ein Mensch, die eine kann ohne die andere nicht existieren.

Besonders traurig und erschütternd wird das Schicksal der beiden durch die Tatsache, dass ihr leiblicher Vater nicht von ihrer Existenz wusste, oder diese nur durch Gerüchte bestätigt hörte, denen er natürlich aus Selbstschutz keinen Glauben schenkte. Wer will schon der Vater eines Monsters sein? Erst nach ihrem Tod, wird er durch die Behörden ausfindig gemacht und mittels DNA-Test wird die Richtigkeit der Behauptung untermauert. Für Rostom Mortschiladze, der bisher ein unscheinbares Leben führte, wird dieses Wissen zur bitteren Wahrheit. Für ihn, der er damals die Mutter der beiden hat sitzenlassen, für ihn der nicht einen Tag an die mögliche Existenz der beiden glaubte, bleibt nun nur noch die Aufgabe für die Beerdigung seiner Töchter zu sorgen. Gerade dieser interfamiliäre Konflikt war es, der mich so berührt hat. Zeigt er doch, welche Sicht die Öffentlichkeit auf Behinderungen jeglicher Art hat. Welcher Makel auch die Angehörigen trifft, welch schiefe Blicke ihnen zugeworfen werden und wie einfach es ist, dem wahren Leben den Rücken zu kehren und sich Nichtwissen als Schutzschild zuzulegen.


Fazit


Hier kann ich nur volle 5 Lesesterne vergeben, denn auf wenigen Seiten vermag es die Autorin nicht nur ein Einzelschicksal glaubwürdig zu schildern, nicht nur zwei junge Menschen in ihrer gänzlichen Verzweiflung zu charakterisieren, sondern zusätzlich noch den Wert der Zuneigung und Liebe bzw. deren komplette Abwesenheit zu offenbaren. Die Erzählung ist emotional aber nicht rührselig, die Botschaft wird klar transferiert und ist doch nur zwischen den Zeilen zu finden. Der Nachklang und die folgende Auseinandersetzung des Lesers mit der angeschnittenen Thematik sind allerdings immens. Immer wieder gibt es Aspekte, die man aufgreifen kann, jede Perspektive hat ein Für und Wieder und am Ende bleibt trotzdem nur die schnöde, willkürliche Existenz eines bitteren Lebens – wunderbar umgesetzt und absolut empfehlenswert, für alle die einmal mehr darüber nachdenken möchten, was das Menschsein eigentlich ausmacht.

 

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Rezension zu "Einsame Schwestern" von Ekaterine Togonidze

‚Ich kann ohne Diana nicht leben und sie nicht ohne mich.'
sabatayn76vor 3 Monaten

‚Ich kann ohne Diana nicht leben und sie nicht ohne mich. Diese Worte sind wahr, sie entsprechen den Tatsachen, sind kein romantisches Gefasel.‘ (Seite 31)

Diana und Lina sind siamesische Zwillinge: ‚zwei Nervensysteme, zwei Speiseröhren, 4 Lungenflügel, zwei Herzen, [...] eine Leber, zwei Gallenblasen, zwei Mägen, [...] drei Nieren, ein Mastdarm, ein Urogenitaltrakt, ein reproduktives Organ, weiblich‘ (Seite 121).

Die beiden Schwestern sind grundverschieden, fühlen sich von der permanenten Nähe zu einem anderen Menschen gestört und sind gleichzeitig einsam. Nichts gehört nur der einen Schwester, alles wird zwangsläufig geteilt - bis Diana das Tagebuch-Schreiben für sich entdeckt, wodurch sie endlich etwas gefunden hat, was nur ihr gehört. Auch Lina schreibt bald ihre Gedanken und Gefühle nieder, entdeckt, wie befreiend es ist, offen über ihre Eindrücke schreiben zu können und sie nicht mit Diana teilen zu müssen.

Die Mutter der beiden Schwestern ist bei der Geburt gestorben, ihr Vater von der Bildfläche verschwunden, als seine Freundin ihm von ihrer Schwangerschaft erzählte. Aufgewachsen sind die beiden Mädchen bei ihrer Großmutter, doch als diese stirbt, sehen die beiden Schwestern einer ungewissen und beängstigenden Zukunft entgegen.

Auf der Frankfurter Buchmesse bin ich zufällig auf den Roman von Ekaterine Togonidze aus dem Septime Verlag aufmerksam geworden, und nach der Lektüre freue ich mich, dass ich den Roman entdeckt habe, über den ich vollkommen unverhofft gestolpert bin und den ich ansonsten vielleicht nie entdeckt hätte.

Mich hat dieser eindringlich erzählte Roman, der einen seltenen Einblick in das Leben und das Leiden von siamesischen Zwillingen bietet, sehr berührt, bewegt und begeistert, denn er führt einem beim Lesen in voller Deutlichkeit und Erbarmungslosigkeit vor Augen, wie es ist, nie allein zu sein und kaum Privatsphäre zu haben.

Togonidzes Debütroman ‚Einsame Schwestern‘ ist in klarer, schnörkelloser, sachlicher Sprache geschrieben und ist trotz der Einfachheit und der kurzen Sätze anspruchsvoll.

Durch die drei Perspektiven (die Tagebücher von Diana und Lina sowie der Erzählstrang von Rostam Mortschiladze, der einen Brief vom Krankenhaus mit Beileidsbekundungen erhält, die er nicht versteht und die ihn wütend machen) ist der Roman ebenso packend wie abwechslungsreich, und durch die Tatsache, dass die Autorin die körperliche Behinderung der Schwestern mit großer Ehrlichkeit und Direktheit anspricht, ist der Roman meiner Meinung nach ein besonderer Buchschatz, den ich gerne und ohne jede Einschränkung empfehlen kann.

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Rezension zu "Einsame Schwestern" von Ekaterine Togonidze

Bewegend und erschütternd
-Leselust-vor 3 Monaten

"Wo würde ich hinlaufen, wohin würde ich vor meiner Schwester fliehen? Oder vor mir selbst? Wie sieht das Leben aus, wenn man keine Gefangene ist?" (Aus Einsame Schwestern, S. 113)

Kurzmeinung:
Ein starkes Debüt aus Georgien. Ekaterine Togonidze erschafft mit Einsame Schwestern einen besonderen Roman mit außergewöhnlichen Protagonistinnen und einer außergewöhnlichen Erzählart. Die Geschichte der siamesischen Zwillinge Diana und Lina ist erschütternd und ergreifend. Ein besonderes Buch, das sich zu lesen lohnt.

Meine Meinung:
Die Frankfurter Buchmesse steht vor der Tür. In diesem Jahr ist das Gastland Georgien, weswegen viel interessante georgische Literatur ins Deutsche übersetz wurden. Auch ich habe also mal ein bisschen gestöbert, was georgische Autor_innen so zu bieten haben. Das Debüt von Ekaterine Togonidze hat mich gleich angesprochen.

Es ist wirklich ein besonderes Buch. Es erzählt die Geschichte von Diana und Lina. Die beiden Mädchen sind Schwestern. Aber nicht nur das. Sie teilen sich einen Körper. Von der Taille abwärts sind sie verbunden. Sind nie allein. Gleichzeitig leben sie versteckt bei ihrer Großmutter, dürfen nie raus, sind immer allein.


"Als wir noch Kinder waren, hat das nicht so wehgetan. Früher gab es Momente, in denen wir auch glücklich waren. (...) Es wird mir zu eng hier, in diesem kleinen Zimmer, uns fällt allmählich die Decke auf den Kopf. Das alles, diese Leere, macht mich schrecklich müde. Unser Leben besteht nur aus dieser Leere."
(Aus Einsame Schwestern, S. 17)

Doch das Leben für die Schwestern wird noch schlimmer. Als die Großmutter stirbt und das Haus durch ein Hochwasser zerstört wird, finden sich Diana und Lina schließlich im Zirkus wieder, wo sie körperlich und emotional misshandelt werden.

In Tagebuchform schreiben die beiden abwechselnd, was sie erleben und fühlen. Die Autorin schafft es dabei sehr gut, beiden eine eigene Stimme, einen eigenen Stil zu geben.
Diana, die viel nachdenkt, die Pragmatischere, die Starke.
Lina, die Sentimentale, Hoffnungsvolle und Naivere. Die Gedichte schreibt und sich sogar verliebt.

Dazwischen erfahren wir in kurzen Passagen auch immer etwas über Rostom, den Vater der beiden, der nichts von der Existenz seiner Töchter weiß. Erst hatte ich fast ein bisschen Mitleid mit ihm, weil er erst durch den Tod der Zwillinge von ihnen erfährt. Doch je mehr ich von ihm gelesen habe, desto wütender hat mich dieser Charakter gemacht!
Gleich am Anfang erfährt man als Leser*in mit Rostom zusammen, dass Diana und Lina sterben. Und so herrscht von Anfang an in dieser Geschichte eine sehr bedrückende Stimmung.

Die Zwillinge stellen sich oft die Frage nach dem Warum? Warum passiert so was? Warum ihnen? Will sie überhaupt jemand? Wie soll ein Leben für sie aussehen?

"Mir ist es peinlich, dass wir anders sind. Manchmal macht mich das alles fast verrückt. Warum passiert so was? Und warum ausgerechnet uns?"
(Aus Einsame Schwestern, S.13)

Auch wenn die Geschichte absolut trostlos ist, konnte ich es als Leserin doch ertragen, es zu lesen, was vor allem durch die Art und Weise herrührt, wie die Schwestern von ihrem Leben erzählen. Sie waren nie in der Schule und drücken sich eher einfach aus. Außerdem wuchsen sie isoliert auf und wissen wenig von der Welt. So beschreiben sie oft sehr naiv und unwissend, was ihnen passiert. Sie erleben die Dinge anders, als andere es vielleicht täten, weil sie Vieles nicht verstehen. Das schafft irgendwie auch eine gewisse Distanz und macht die Geschichte für mich erträglicher zu lesen.

"Unsere Mutter konnte friedlich sterben, weil sie uns nicht alleine zurückließ, wir haben einander, und so wird es bleiben. Ich kann ohne Diana nicht leben, und sie nicht ohne mich. Diese Worte entsprechen den Tatsachen, sind kein romantisches Gefasel."
(Aus Einsame Schwestern, S. 31)


Fazit:
Dieses Buch ist wirklich besonders und sticht aus anderen Romanen heraus, sowohl was die Themenwahl angeht, aber auch was Aufbau und Schreibstil betrifft. Eine absolut bewegende und erschütternde Geschichte über das Schicksal der siamesischen Zwillinge Lina und Diana, die so gerne leben wollten, und denen das Leben nur Kummer und Leid zu bieten hatte. 

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