Die Anatomie des Erwachens

von Eleanor Catton 
3,8 Sterne bei25 Bewertungen
Die Anatomie des Erwachens
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Positiv (15):
Looooras avatar

Am Anfang braucht es seine Zeit um reinzukommen, und man sieht, wie die Charaktere in Verbindung stehen. Gutes Debüt!

Kritisch (5):

Sprachlich toll, aber die Geschichte ließ leider zu wünschen übrig.

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Inhaltsangabe zu "Die Anatomie des Erwachens"

Die siebzehnjährige Victoria hat eine Affäre mit ihrem Musiklehrer. Ihre Freundinnen sehen sich durch dieses unerhörte Ereignis auf einen Schlag mit der Macht ihrer Weiblichkeit konfrontiert. Plötzlich stehen die Mädchen im Rampenlicht der Öffentlichkeit, in dem die kleinste Bewegung zu einer Darbietung wird und das noch den intimsten Ort in eine Bühne verwandelt. In der Theaterklasse kommt jemand auf die Idee, ein Stück über Victoria und den Musiklehrer zu inszenieren. Die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen geraten unerbittlich in Auflösung. Und schließlich kommt es zwischen Realität und Spiel zur Kollision. Die Anatomie des Erwachens erzählt vom sexuellen Erwachen und von der damit einhergehenden Entfesselung von Kräften, die schwer zu verstehen und noch schwerer zu bändigen sind.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783442748945
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:400 Seiten
Verlag:btb
Erscheinungsdatum:11.07.2016

Rezensionen und Bewertungen

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    Zaliras avatar
    Zaliravor einem Jahr
    Entweder genial oder enttäuschend!

    Zu Beginn des Buches habe ich wirklich sehr lange gebraucht bis ich überhaupt etwas verstanden habe, man erfährt zwar von Victoria und dem Skandal, jedoch steht Victoria selbst gar nicht im Fokus der Geschichte und taucht auch nur selten auf. Gerade mit den Figuren hatte ich bis zum zweiten Drittel große Probleme, als Leser erhält man zwar ein paar Namen und Beschreibungen, dadurch dass die Handlung oft hin und her springt ist es unglaublich schwierig sich die Charaktere als Personen vorzustellen und zu merken, erst später reihen sich diese in die Geschichte und Handlung ein.
    Das ganze Buch hat dabei zwei Erzählstränge, die erst mit der Zeit ineinander greifen. Etwas das mich jedoch ab der ersten Seite begeistern konnte war Eleanor Cattons einmaliger Erzählstil. Sie schafft es mit einer beeindruckenden Rhetorik ungewöhnliche Thesen aufzustellen, die einen sprachlos und tief in Gedanken versunken zum mehrmaligen Lesen eines Absatzes bringen.

    "Das Saxofon spricht die Sprache des Undergrounds, die ermattete, melancholische Sprache des Halbdunkels – schmutzig und sexy und verschwitzt und hart. Es ist die Sprache der Waisen und Bastarde und Huren." (S. 74)

    Der Mittelteil der Geschichte ist sehr spannend und ab dem Zeitpunkt, ab dem die wichtigsten Personen bekannt sind, wird man von der Handlung vollkommen mitgerissen. Die einzelnen Puzzleteile an Information fügen sich langsam zusammen und die Beziehungen der Charaktere untereinander rücken mehr und mehr in den Fokus. Die Beschreibung einzelne Szenen werden als Theaterstück inszeniert, bei dem eine Person im Scheinwerferlicht zu leiser Saxofonmusik erzählt was passiert ist. Gerade hierbei merkt man den guten Schreibstil, der es auf beeindruckende Weise schafft in einem Buch Theater und Musik miteinander zu verknüpfen.
    Allerdings muss ich sagen, dass mich der Schluss dann wiederum enttäuscht hat. Von der ersten Seite an habe ich das Buch als ein großes Rätsel gesehen, das es zu lösen gilt. Weil größten Teils alles sehr verwirrend ist, war ich lange auf der Suche nach dem roten Faden. Den ich dann irgendwann glaubte gefunden zu haben, um am Ende doch wieder verwirrt da zu sitzen. Mir wurde die Mischung aus Theater und Handlung zu abstrakt und auch wenn die Autorin gekonnt mit Anspielungen und Wahrheit spielt, endet das Buch für meinen Geschmack zu offen. Als Leser – zumindest in meinem Fall – bleibt man mit Kopfschmerzen zurück, sodass der letzte Satz des Buches es genau trifft..

    "[…] ich wäre glücklich, wenn du mir einfach genügend Fakten erzählen würdest, damit ich es mir vorstellen kann. Damit ich es mir nacherzählen kann. Damit ich mir vorstellen kann, ich wäre wirklich dabei gewesen." (S. 398)

    Nachdem ich schon mit „Die Gestirne“ von Eleanor Catton etwas Probleme hatte, wollte ich aber nochmal ein Buch der Autorin ausprobieren. Nun bin ich hin und her gerissen, und kann mich nicht entscheiden ob ich das Buch furchtbar oder genial finde. Die Autorin schafft auf kreative Weise ein Spiel mit Rollen und Sexualität. Obwohl ich das Buch teilweise unglaublich beeindruckend finde und froh bin es gelesen zu haben, kann ich doch keine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen. Eigentlich 2,5 Sterne.

    Abschließend noch ein Dankeschön an den Random House Verlag, der mir freundlicherweise das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Der Wert der eigenen Meinung ist jedoch sehr wichtig und meine Meinung bleibt unbeeinflusst.

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    Gegen_den_Strom_lesens avatar
    Gegen_den_Strom_lesenvor 2 Jahren
    Sprachgewalt

    Zugegeben, anfangs hatte ich Schwierigkeiten Zugang zu diesem Buch zu finden. Diese Schwierigkeiten, wichen dann aber spätestens nach 50 Seiten purer Entzückung!
    Die ersten Kapitel erzählten verworren aus der Sicht unterschiedlicher Schüler/Lehrer/Mütter einer Highschool, an der sich ein unmöglicher Skandal ereignete. Eine minderjährige Schülerin hatte/hat eine Affäre mit einem Lehrer! Dabei geht es nicht um die verbotene Liaison selbst, es geht vielmehr um die Wellen, die diese Enthüllung schlägt.  Das Verhältnis löst tiefe Unsicherheiten und Eifersucht bei den heranwachsenden Mädchen aus. Handelt es sich um Missbrauch oder um eine Affäre?

    Das Buch ist in mehrere Teile untergliedert, die abwechselnd von den Geschehnissen der Highschool und der benachbarten Schauspielschule berichten.In der ersten Hälfte des Romans berühren sich die zwei Teile nicht, und man frägt sich als LeserIin wann diese Teile sich wohl berühren mögen. Doch plötzlich verbinden sich die zwei Erzählfäden und es wird auf eine psychologische Weise unheimlich spannend!

    Im Rampenlicht stehen Isolde, Schülerin an der Highschool und kleine Schwester der missbrauchten Schülerin, und der Theaterstudent Stanley. Beide "erwachen" in ihrer Selbstständigkeit, in ihrem selbstständigem Denken und in ihrer Sexualität.

    Die schmerzend ehrlichen Nebencharaktere, wie zum Beispiel die Saxofonlehrerin und der Bewegungsleiter, bleiben dabei namenlos. Sie ziehen oftmals im Hintergrund die Fäden und manipulieren die Schüler/innen und Studierenden, wie es ihnen beliebt, was einen hohen Spannungsbogen bildet.

    Nicht nur die Handlung hatte mich fasziniert, sondern vor allem die originelle Sprachgewalt Cattons!

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    serendipity3012s avatar
    serendipity3012vor 2 Jahren
    Probe fürs Leben

    Probe fürs Leben – Eleanor Catton: Die Anatomie des Erwachsens

    Eleanor Catton hat offenbar eine Vorliebe für Konstruktionen. Bereits in ihrem Debütroman „Die Anatomie des Erwachsens“, der in Neuseeland 2008 erschien (da war sie 23 Jahre alt) und der bei uns gerade als Taschenbuch herausgekommen ist, hat sie das bewiesen. In ihrem zweiten Werk, dem Goldgräberepos „Die Gestirne“, für das sie 2013 als jüngste Preisträgerin überhaupt den Booker Prize gewann, hat sie es perfektioniert und auf die Spitze getrieben. Dort sind es die Tierkreiszeichen, die sie mit den handelnden Figuren ins Verhältnis setzt. Sogar die Seitenzahlen der Kapitel folgen einem strengen Schema. Cattons großes Talent zeigt sich auch dem Leser von „Die Anatomie des Erwachens“ schon nach wenigen Seiten. Ihr erster Roman ist bereits hervorragend konzipiert, aber natürlich würde das allein nicht ausreichen.

    Als herauskommt, dass die junge Victoria eine Affäre mit ihrem Lehrer Mr. Saladin hatte, ist der Skandal perfekt. Doch was nun mit beiden geschieht (der Lehrer wird suspendiert, seine Schülerin für eine ganze Weile nicht mehr in der Schule gesehen), das ist nicht Thema von Cattons Roman. Vielmehr richtet sich der Fokus auf Victorias Mitschülerinnen, auf ihre jüngere Schwester Isolde, auf sie alle, die nichts von der Affäre wussten, sich ausgeschlossen fühlen, weil Victoria niemanden eingeweiht hatte. Und die, wie es der deutsche Titel verspricht, „erwachen“, wie aus einem Kindheitsschlaf, die erwachsen werden und vor allem die Sexualität, Liebe, das andere (und auch das eigene) Geschlecht entdecken. Deren Welt sich mit Wucht und ganz plötzlich vergrößert. Das ist spannend, sehr aufregend, aber auch beängstigend und so neu, dass es verwirrend ist.

    „Später wird sie das Gefühl vielleicht als eine objektlose Form der Erregung identifizieren, als eine ungehörige Forderung, die hin und wieder an ihrem Körper zupft, wie wenn eine Saite, obwohl unberührt, in harmonischem Einklang mit einem Klavier in der Nähe mitschwingt. […] Bisher hat Isolde nichts erlebt, und dieses Gefühl bedeutet deshalb nicht Ich muss heute Abend Sex haben […] Es ist noch kein Gefühl, das sie in eine Richtung weist.“ S. 24f.

    Wie Catton ihre Geschichte aufbaut, ist ausgeklügelt und so konzipiert, dass der Leser immer wieder verwirrt wird, eine Weile im Dunkeln tappt, bis langsam deutlich wird, wie hier alles zusammenhängt. In großen alternierenden Kapiteln lesen wir auf der einen Seite von den jungen Mädchen, die allesamt Saxophon spielen und bei der gleichen Lehrerin Unterricht nehmen. Diese diskutiert mit ihren Schülerinnen stets auch Privates und immer wieder die Affäre zwischen Victoria und ihrem Lehrer. Und auf der anderen Seite gibt es den zunächst völlig separaten Handlungsstrang um die Anfängerklasse an einer Schauspielschule im direkten Umfeld des Skandals. Aufgabe der Schüler ist es, am Ende ihres ersten Jahres ein Stück komplett allein auf die Bühne zu bringen. Sie wählen sich die Affäre um den Lehrer und seine Schülerin zum Thema.

    Als Leser muss man sich in Cattons Roman einiges selbst erschließen, und nur so ist es wohl möglich, dass die Geschichte ihre komplette Wirkung entfaltet. Catton zeigt schon in ihrem Debütroman ihr großes Talent, das vor allem immer dann deutlich wird, wenn sie die Gefühle, die Beweggründe, die ganze Komplexität ihrer jungen Protagonistinnen darstellt: In einer bildreichen, oft verästelten, sehr starken Sprache bringt sie stets psychologisch auf den Punkt, was in den jungen Mädchen vorgeht, die ganze Verwirrung, die Ängste, die mit dem Erwachsenwerden einhergehen. Man staunt über so viel Reife in jungen Jahren.

    Und auch die Passagen an der Schauspielschule weisen letztlich in die gleiche Richtung: Über den Fragen, was Schauspielkunst wirklich ist, über die Gegensätze zwischen Imitation, Abbildung und dem Problem, wie nah man der dargestellten Figur kommen kann, schwingt auch hier immer die Frage nach der eigenen Identität mit, die die sehr jungen Schauspielschüler noch suchen.

    Cattons Ton, ihr kreativer Schreibstil, ihr haarscharfer psychologischer Blick erinnert mich an die ebenfalls noch sehr junge Emma Cline, die mich mit ihrem Roman „The Girls“ vor kurzem so begeistert hat: Beide Romane, obwohl komplett unterschiedlich und mit sehr verschiedenen Themen, schaffen es sehr gut, die Gefühle, Sorgen, Nöte von jungen Mädchen darzustellen. Beide Autorinnen sind große Talente, wenn man auch beiden vorwerfen könnte, dass sie es manchmal etwas übertreiben, man ihren Stil zuweilen überfrachtet empfinden könnte. Das ist aber Kritik auf hohem Niveau. „Die Anatomie des Erwachens“, im Original schlichter, aber sehr passend mit „The rehearsal“ übertitelt, ist eine fesselnde, sehr unterhaltsame und kluge Geschichte. Man darf gespannt sein, was von Eleanor Catton als nächstes zu lesen sein wird.

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Sprachlich toll, aber die Geschichte ließ leider zu wünschen übrig.
    Sprachlich toll, aber eine verwirrende und unzusammenhängende Geschichte

    Eleanor Catton konnte mich bereits mit ihrem preisgekrönten Buch „Die Gestirne“ überzeugen, weshalb ich mich sehr darauf gefreut habe, ihren Erstling „Die Anatomie des Erwachens“ zu lesen. Für „Die Gestirne“ habe ich drei Anläufe gebraucht, um mich in die Geschichte einfinden zu können. Das lag zum einen an der raffiniert konstruierten Geschichte und zum anderen an den vielen Personen, die ich erst nach einiger Zeit richtig miteinander in Verbindung bringen konnte. Es ist Cattons Schreibstil zu verdanken, dass ich am Ball geblieben bin, denn der ist wirklich phänomenal.
    Beim Lesen von „Die Anatomie des Erwachens“ stand ich vor einem ähnlichen Problem. Ich habe zwar keine drei Anläufe gebraucht, dafür war es mir schlichtweg einfach nicht möglich, Zugang zu den Personen und der Geschichte zu finden.
    Eleanor Catton schreibt in „Die Anatomie des Erwachens“ von einem Skandal (die 17-jährige Victoria hat eine Affäre mit ihrem Lehrer), der dazu führt, dass die Mädchen um sie herum sich ihrer eigenen Sexualität bewusst werden. Es geht darum, was passiert, wenn junge Menschen ihre eigene Sexualität begreifen wollen, sich ausprobieren und welche Probleme bzw. Konsequenzen daraus resultieren können.
    Hauptpersonen sind Victoria, ihre Schwester Isolde, Julia, Bridget und Stanley, sowie die Saxophonlehrerin, die als Dreh und Angelpunkt für alle fungiert. Es gibt zwei parallel laufende Erzählstränge - einerseits die Mädchen, über die man viel über ihr Leben und ihre Probleme in Gesprächen mit der Lehrerin erfährt und andererseits die Schauspielschule, die eine Aufführung über den Skandal geplant hat. Einer ihrer Schüler ist Stanley, der die obskuren Methoden der Schauspielschule beobachtet und beschreibt.
    Das ganze Buch dreht sich um kleine und größere Skandale und der Entdeckung der eigenen Macht der Sexualität, ohne dabei „sexuell“ zu sein. Das Buch enthält keinerlei reißerisch pornografisches Material, es erzählt lediglich und das sehr gut. Leider fehlte mir der Zusammenhang oder ich konnte diesen einfach nicht herstellen. Für mich schienen die einzelnen Erzählungen und Personen erst am Ende zusammenzufinden. Erzählstil und Idee Eleanor Cattons sind bewundernswert, aber die Ausführung ist ihr in diesem Buch meiner Meinung nach nicht so gut gelungen, da die Geschichte zu verwirrend konstruiert ist. Man erfährt zum Teil nur wenig über die Personen, die deshalb lose und unverbunden bleiben und es dem Leser erschweren, Sympathien und Antipathien aufzubauen. Es ist, als würde einem Catton immer wieder einen Ball zuwerfen, den man nicht fangen kann. Nichtsdestotrotz ist „Die Anatomie des Erwachens“ sprachlich so gelungen, dass ich es dahingehend sehr empfehlen kann. 

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    S
    storiesonpapervor 2 Jahren
    Die Schule als Bühne

    Mit diesem Roman zeigt Eleanor Catton erneut, wie meisterhaft sie die Verwebung der Figuren beherrscht. Alles ist verbunden – jede Aussage, jede Situation steht im Zusammenhang. Werden die Leserin und der Leser am Anfang in das Geschehen geworfen, findet man sich schnell ein und verfolgt anschließend mit großem Interesse den verschiedenen  Handlungssträngen, die immer wieder zueinander führen. Im Vordergrund stehen die High-School-Schülerin (und die kleine Schwester Victorias) Isolde und der Theaterstudent Stanley, die beide in ihrer Selbstständigkeit und in ihrer Sexualität „erwachen“.  Die knallhart ehrlichen Figuren, die scheinbar längst erwacht sind – die Saxofonlehrerin, der Bewegungsleiter etc. – bleiben namenlos. Sie ziehen oftmals im Hintergrund die Fäden und manipulieren die Schüler, wie es ihnen beliebt, wodurch sie nicht unbedingt zu Sympathieträgern werden.

    Der Handlungsort Schule wird zum Theater. Die Figuren werden in ihrer Pubertät zu Rollen, die sie in der Gruppe ausleben müssen – jeder hat seinen Platz. Versucht Stanley sich als Schauspieler zu beweisen, ist es bei Isolde der Kampf mit den eigenen Gefühlen, die immer im Schatten ihrer Schwester stehen. Wen kann man sich anvertrauen? Wen seine wahren Gefühle offenbaren, ohne, dass diese benutzt werden? Catton gelingt eine fabelhafte Erzählweise, die mit zeitlichen Ebenen spielt und in der man sich nie richtig sicher sein kann, wo man eigentlich gerade steht.

    Fazit:  Catton hat mich mit der Neuauflage ihres ersten Romans nach „Die Gestirne“ erneut überzeugt.  Ich vergebe 4 von 5 Sternen und bin gespannt, was die Autorin als nächstes veröffentlichen wird.

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    thursdaynexts avatar
    thursdaynextvor 5 Jahren
    Die Anatomie des Erwachens - Eleanor Catton

    Gemeinschaftslesung with friendly little neighboursupport von Rallus ;)

    <"Die Klarinette ist die Kaulquappe des Saxophons, verstehen sie das? Die Klarinette ist eine schwarzsilberne Samenzelle und wenn sie diesen Samen sehr lieben wächst er eines Tages zum Saxophon heran."<

    Die Anatomie des Erwachens, wie passend der dt. Titel, wobei auch The Rehearsal stimmig ist, seziert eben diesen Übergang zum Erwachsenenalter. Gnadenlos geht es zu. Pubertäre
    Egozentrik, Drama, Theatralik inbegriffen. Dabei sind die Gefühle [und Szenen] fast echt oder zumindest kaum [von den Gedanken] zu trennen ....
    "Wenn einem jemand zuschaut, dann weiß man dass man was wert ist."
    Amüsant und packend, denn wir kennen es alle noch von damals auch wenn die Erinnerungen mittlerweile verschwommen sein mögen und die eigenen Kinder sich jetzt auf den Weg in diese Zwischenstation machen, aus der manche ihr Leben lang nie herausfinden.
    Zahllose Satzperlen sind in der "Anatomie....." zu finden:
    "Später kam Stanley zu der Ansicht, dass die Mädchen von Natur aus listenreicher seien, geschickter darin ihr wahres Ich mit einem falschen Mantel zu enthüllen , während der Charakter der Jungen einfach viel klarer durchschimmerte. Das war, schloss er, diese weibliche Begabung für Multitasking, dieses Hexentalent, zwei und dreifache Aufmerksamkeitsebenen zugleich zu bedienen. Mädchen konnten ständig und bewusst zwischen Selbst und Selbstdarstellung, zwischen Form und Inhalt unterscheiden. Diese Doppelbegabung, diese dauernde Dualität bedeutete, dass jedes belibige Mädchen zu jedem beliebigen Zeitpunkt sowohl Produkt als auch Werbung war. Mädchen spielen immer Theater. Mädchen können sich jederzeit neu erfinden, dachte er später mit einem bitteren Zug um den Mundwinkel......"
    Charmant, elegant und perfide kommen die Sätze daher, die Gedanken der Protagonisten werden ungefiltert ins Gespräch gebracht. Der Unterschied zwischen dem wirklich Gesprochenen und dem Gedachten verwischt, ist irrelevant – die in ihrer Wahrhaftigkeit nicht zu überbietenden Aussagen sind es die zählen.


    Teils nervt diese Allwissende Erzählweise ohne Erzähler ein wenig, Zugang zu den Charakteren erhält man nie, nur der Vorhang wird ab und an gelüpft, behindert jedoch nie die Leselust, die hier Sogwirkung entfaltet. Aufmerksam muss man lesen denn wer seiner Gier die Zügel lässt verpasst kleinste, wichtige Details, erhält ein faszinierende Verwirrspiel mit wechselnden Figuren und muss nochmal lesen .....
    Eleanor Catton versteht es die verschiedenen Betrachtungsweisen, je nach Entwicklungsstufe durchgängig darzustellen. Ist der menschliche Schmetterling nachdem er sich aus dem Puppenstadium schält, doch nie wirklich fertig. Man kann daran arbeiten. Das Spiel des Lebens beeinhaltet das Theater weiterhin. Wahrgenommen werden will ein Jeder und wenn er sich dafür verstellen muss......................
    Ein vielschichtiges komplexes Werk, gerade auch für Pädagogen die hier vielfältige Möglichkeiten zur Selbstreflexion finden und [außerdem ist] das [alles noch zusätzlich] amüsant, traurig, wehmütig und
    dankbar zugleich.


    ....Merci an Bellami & Rallus für lesegierig machende Rezis zum Buch, welches ich sonst verpasst hätte, was sehr schade gewesen wäre !.....


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    ralluss avatar
    rallusvor 8 Jahren
    Rezension zu "Die Anatomie des Erwachens" von Eleanor Catton

    Theater, Aufwachsen, sich selber finden, Erotik, sich zurecht finden in der Welt der Anderen, der Erwachsenen.
    Wie in der Anatomie wird auch hier Absatz für Absatz sezierend vorgegangen, der englische Originaltitel lautet übersetzt, Generalprobe, was eher das Dramatische und Theaterhafte betont, beides hat seine Legitimation, Berechtigung.
    Mich hat selten so ein Buch zum Nachdenken, Anregen, Verharren über Zeilen, Absätzen, Buchstaben - Innehalten, Eintauchen bewegt wie dieses - leider unbeachtete Debüt - einer jungen Kanadierin (Jahrgang 85). Die Rahmengeschichte dreht sich um einen Jungen und ein Mädchen die in verschiedenen Kapiteln ihr heranwachsendes Leben, erleben, spielen. Doch vermischen sich ihre Welten, ihre Rollen werden immer neu definiert, so wie ein Heranwachsender die Welt sieht und ausprobieren muss.
    Eleanor Cotton spielt mit dem Leser und ihren Figuren, sie spielt mit der aufkommenden Sexualität der Jugendlichen, mit ihren Problemen die die Erwachsenen auch nicht ganz gelöst haben.
    Erwachsene haben keinen Namen und sind Stellvertreter, so wirken die Figuren zwar plastisch, aber bekommen Rollen, die sie immer versuchen aufzubrechen.
    Es gibt so viele zentrale Stellen in diesem Buch, so viele Anknüpfpunkte, so viele poetische, weise Momente, eine wichtige nur möchte ich erwähnen, die wie ich finde sich durch das ganze Buch zieht: Katharsis bezeichnet die seelische Reinigung durch das Drama und die Dramen werden hier genutzt um sich zu reinigen, die Welt, die Scham, die Schuld, Sex, Hoffnung, seine eigene Rolle.
    Ein beeindruckendes, lange nachklingendes Buch!

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    Denise93s avatar
    Denise93vor 9 Jahren
    Rezension zu "Die Anatomie des Erwachens" von Eleanor Catton

    Dieses Buch ist wundervoll. Es ist total verwirrend und selbst am Ende findet man sich noch nicht zurecht. Aber das macht es so realitätsnah. So authentisch. Es ist sehr schlau und schlau geschrieben, Gedanken, die ich kenne und auch schon hatte. Es ist total anregend und macht Lust auf mehr. Schon am Anfang ist man total gefesselt, glaubt zwischendurch man hat es verstanden und dann kommt doch die nächste Ecke. Bite bitte mehr davon!

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    Gretas avatar
    Gretavor 9 Jahren
    Rezension zu "Die Anatomie des Erwachens" von Eleanor Catton

    "'wenn sie nur origineller gewesen wäre', sagt bridgets mutter; 'es wäre leichter gewesen. denn dann, verstehen sie, dann hätten wir uns vielleicht sorgen gemacht, sie könnte eines tages selbstmord begehen. dann hätten wir immerhin schon an ihren tod gedacht. wir hätten uns einfach mit der vorstellung befasst und so auf die möglichkeit vorbereitet. aber ein so unorigineller mensch wie bridget kommt doch nicht auf die idee, sich umzubringen. der ist doch gar nicht aufgeweckt genug, um selbstmord überhaupt in erwägung zu ziehen.'
    'ja', sagt die saxofonlehrerin, 'das ist mir auch aufgefallen. bridget schien mir nicht intelligent genug, um verzweifelt zu sein.'"

    Kommentare: 1
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    Claris avatar
    Clarivor 9 Jahren
    Rezension zu "Die Anatomie des Erwachens" von Eleanor Catton

    Reifezeit---schwierige Zeit!

    Veratzstücken gleich arbeitet man sich in einem Roman vor, bei dem es um Sex, Verführung und Missbrauch geht.
    Die Missbrauchsdebatten in unseren heutigen Medien könnte dem Roman Vorschub leisten. Doch ist die Definition hier eindeutig? Geht es um Missbrauch oder Verführung?
    Victoria, eine siebzehnjährige Oberschülerin, hat sich mit ihrem Musiklehrer eingelassen. Sie scheint damit allen Mitschülerinnen der High School namens Abbey Grange und ihrer Schwester Isolde etwas voraus zu haben: Sex!
    Neugierig, verschämt und abenteuerlustig bestaunen diese die Geschichte mit Geflüster von außen.
    In einem zweiten Erzählstrang geht es um eine Schauspielschule und deren Eleven. Studenten mit dem Protagonisten Stanley an der Spitze bemühen sich darum, an der Schule überhaupt angenommen zu werden. In fast surrealen Szenen wechseln Gespräche über Sinn oder Unsinn von schauspielerischer Darstellung und realem Leben.
    Eleanor Catton bemüht eine fragmentarische Erzählweise. So sind die Kapitel mit Wochentagen oder Monatsnamen überschrieben, was den zeitlichen Rahmen vage hält, und man sieht sich mit immer neuen Figuren konfrontiert: Mütter, die in ihren Töchtern eigene Wünsche realisieren wollen; eine namenlose Saxofonlehrerin, die sehr bestimmend allen falschen Ehrgeiz zu durchschauen meint und gleichzeitig die Fäden zieht, mit denen sie die Schülerinnen zu manipulieren versucht. Instrumente werden zu erotischen Objekten, an denen sich Sehnsüchte nach körperlicher Berührung manifestieren. Zuletzt verschwimmt ein extraordinäres Theaterstück, das die Affäre zwischen Victoria und ihrem Lehrer Mr. Saladin zum Thema hat, mit der realen Welt der Mitspieler, und die gesamte Erzählung gleicht einer Bühne mit darin agierenden Schauspielern.
    Kompliziert und schwer eingängig erscheinen diese Versatzstücke einer Erzählung, in der es letztendlich um die Pubertät mit ihren Reifeschwierigkeiten geht. Jeder erlebt sie anders, jeder und jede hat andere Vorstellungen, und die Sehnsüchte nach Vollendung und Erfüllung sehen vermeintlich doch immer gleich aus.
    Eleanor Catton war selber noch mitten in ihrer Reifezeit, als sie mit 22 Jahren diesen Roman schrieb. Ausgezeichnet mit anerkannten Literaturpreisen wird der Roman auf dem Einband als „ die Zukunft des Romans “ gefeiert. Wenngleich man den Eindruck gewinnt, dass hier jemand mit Sprache und Inhalten in ungewöhnlicher Weise jongliert, kann ich mich diesem Fazit nicht anschließen.

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