Elena Ferrante Die Frau im Dunkeln

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Inhaltsangabe zu „Die Frau im Dunkeln“ von Elena Ferrante

Ein heißer Sommer in Süditalien. Leda, eine erfolgreiche Frau in mittleren Jahren, genießt ihre Ferientage am Strand. Die Begegnung mit einer neapolitanischen Großfamilie bringt ihr zu Bewusstsein, welch hohen Preis sie für ihren beruflichen Weg zu bezahlen hatte. Das Glück der anderen weckt in Leda die Erinnerung an jene Zeit, als sie aus Karrieregründen, aus Müdigkeit und Überforderung für drei Jahre ihre beiden kleinen Töchter verließ. Mit einem Mal verdüstert sich die sommerliche Ferienidylle – und die sonst so beherrschte und vernünftige Frau tut etwas Unbegreifliches.

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  • Rezension zu "Die Frau im Dunkeln" von Elena Ferrante

    Die Frau im Dunkeln
    HeikeG

    HeikeG

    15. August 2008 um 11:45

    Befremdliche Nähe "Die Frau im Dunkeln" bringt eine Lawine des Unbehagens ins Rollen Elena Ferrantes Romanfiguren scheinen aus der Bewegung des Schmerzes entsprungen. In ihrem neuen, bedrückend-großartigen Roman erzählt sie eine Mutter-Tochtergeschichte, um Liebe und Hass, Mitleid und Abscheu zwischen sich gar zu Ähnlichen. Elena Ferrante, die große geheimnisvolle Schriftstellerin aus Italien, generiert erneut den Schmerz zum Thema ihres aktuellen Romans. Bereits in ihren vorangegangenen Erzählungen "Tage des Verlassenwerdens" und "Lästige Liebe" thematisierte sie tief verankerte Emotionen aus einem allgemeinen Lebensphasenschmerz heraus. Ferrante selbst interpretiert ihre Werke als Auseinandersetzung mit einem persönlichen emotionalen "Scherbenhaufen". In "Die Frau im Dunkeln" entwickelt die Autorin ihre Betrachtungsperspektive weiter, indem sie auf ihre vorhergehende Werke gleich einer Grundlage aufsetzt und Erkenntnislinien zusammen- und weiterführt. Vorab sei die erneut großartige Übersetzung aus dem Italienischen von Anja Nattefort erwähnt, gleichwohl wie das eindrucksvolle Buchcover - dieser verschwommene Blick aufs Meer, unter einem Sonnenschirm hervor - das großartig den Tenor der Geschichte wiedergibt. In einer äußerst raffinierten zirkularen Erzählstruktur (der Anfang des Buches ist zugleich die homogene Fortsetzung des Endes) schildert eine Frau rückblickend ihre eigenen Erlebnisse, gepaart mit immer dichter werdenden Reminiszenzen ihrer bedrückenden Vergangenheit. Zu Beginn scheint alles unauffällig-profan, denn die 47jährige Anglistikprofessorin Leda - modern, gutaussehend, selbstbewusst - strahlt Zufriedenheit aus. Ihre beiden erwachsenen Töchter leben bei ihrem Vater in Kanada. Endlich muss sie nicht mehr die allzeit präsente Mutter spielen. Sie fühlt sich befreit, "als wäre ein schwieriges Werk wie durch ein Wunder endlich vollendet und von [ihren] Schultern genommen." Leda fährt das erste Mal allein in Urlaub, an die süditalienische Küste. Doch was voller Zuversicht beginnt, endet in der Charakterisierung einer psychisch zutiefst gestörten Persönlichkeit. Bereits zu Beginn platziert Elena Ferrante eine äußerst subtile Allegorie des drohenden Unheils. Leda nimmt ihr hübsches Appartement in Beschlag. Das Personal ist höflich und ausgesprochen charmant, das Zimmer hell und freundlich, und auf dem Wohnzimmertisch steht eine große Schale voller Obst. Doch bei näherer Betrachtungsweise offenbart das fruchtige Arrangement, dass "unter der schönen Oberfläche Feigen, Birnen, Pflaumen, Pfirsiche und Trauben lagen, die matschig und verschimmelt waren." Recht schnell wechselt das ereignislose, von schönem Wetter und idyllischen Strandgängen geprägte "Heile-Welt-Szenario". Eine laute neapolitanische Großfamilie fordert Ledas manische Aufmerksamkeit. Erinnerungen werden wach: "Ich war in ein Umfeld hineingeboren worden, das sich kein Stück von diesem unterschied, auch meine Onkel, meine Cousins, mein Vater besaßen diese aufdringliche Offenherzigkeit. (...) Meine Mutter schämte sich für die pöbelhafte Art (...) sie wollte anders sein, spielte in dieser Welt die gut gekleidete Dame von edler Gesinnung." Die grazile, anmutige Nina mit ihrer dreijährigen Tochter Elena ragt wohltuend aus dieser exzessiv präsenten Sippe heraus. Die beiden scheinen eine enge symbiotische Beziehung eingegangen zu sein, bilden ein "Familienkokon" unter dem pöbelhaften Clan. Leda ist von der Anmut und Schönheit der jungen Frau fasziniert. Doch das kleine Mädchen befremdet sie zunehmend. "Aus ihrem Gesicht sprach der beständige Wunsch, ihrer Mutter nah zu sein: ein ohne Tränen oder Launen vorgetragenes Flehen, dem die Mutter sich nicht entzog". Persistent präsent ist auch die Puppe Elenas. Sie wird in sämtliche Spiele und Aktivitäten integriert. In einem kurzen Aufflackern erinnert sich Leda an ihre eigene Kindheit. Auch sie stand einmal in einer ähnlichen, jedoch schmerzvollen Symbiose zu ihrer eigenen, unzufriedenen, gefühlskalten Mutter. Durch divergente äußere Einflüsse entwickelt Leda aus anfänglichen Gefühlen des Neids, eine zunehmende Paranoia. Nina und Elena werden dabei zur Zielscheibe ihrer fast schizophrenen Aktivitäten. Elena Ferrante greift in ihrem neuen Roman den in der Psychologie bekannten mehrgenerationalen Konflikt auf und zeigt, wie insbesondere tradierte negative Verhaltensmuster sich zwanghaft wiederholen, eigenes Glücksempfinden verhindern und Beziehungen zerstören. "Die Hoffnungen aus der Jugend schienen allesamt gestorben, ich hatte den Eindruck, zu meiner Mutter, zu meiner Großmutter zurückzufallen, in die Reihe stummer, grimmiger Frauen, von denen ich abstammte." Die junge schöne Nina versinnbildlicht die gewünschte, aber nie erlebte Mutter der Ich-Erzählerin. Deren kleine Tochter Elena ist ihr Alter Ego. Wobei die Puppe des Mädchens als entscheidendes, den Roman beherrschendes Bindeglied fungiert: "Sie verkörperte die Liebe zwischen Nina und Elena, das Band ihrer Zuneigung, die Leidenschaft, die sie füreinander empfanden. Sie war der strahlende Beweis eines glücklichen Mutterdaseins." Dinge, die Leda nie erfahren hat. Diese unglückliche Konstellation bringt ihren inneren Konflikt zur Eruption. In einem unbeobachteten Moment nimmt sie die Puppe an sich. Und tatsächlich scheint sich ihre Vermutung zu bewahrheiten: die enge Mutter-Kind-Beziehung von Nina und Elena scheint gestört, wohingegen Nina mit einem Mal gesteigertes Interesse an Leda zeigt. Wie einen bedrohlichen Schatten senkt Ferrante die zunehmenden, schmerzhaften Erinnerungen Ledas über das Szenario und deren verworrenen Faden aus Träumen und Begierden. Leda verstrickt sich in etwas, "was [sie] nicht mehr aufzulösen vermochte und doch [ihre] ganz persönliche Geschichte war". Unprätentiös, glasklar die Sprache, die "Handlung" in jedem Detail luzid, diszipliniert die Erzählhaltung. Analyse statt Bebilderung, Seziermesser statt Tränendrüse. "Die Frau im Dunkeln" verfügt über unglaublich emotionale Durchschlagskraft, dekuvriert eine genaue Selbstbeobachtung. Jeder Eindruck trügt: was zuvor noch friedlich erschien, strahlt im nächsten Augenblick düstere Beklemmung aus. Doch Elena Ferrante gibt ihrer Protagonistin eine Entwicklungschance, ermöglicht Leda, ihre "leblose faulende innere Substanz" auszuspucken. "Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind am schwierigsten zu erzählen", sinniert Leda zu Beginn des Romanes; am Ende bleibt ihr letzter Satz eindrucksvoll und unkommentiert im Raum stehen: "Ich bin tot, aber es geht mir gut." Der Leser legt die Erzählung beiseite und fasst lange kein anderes Buch mehr an.

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