Die Geschichte des verlorenen Kindes

von Elena Ferrante 
4,4 Sterne bei127 Bewertungen
Die Geschichte des verlorenen Kindes
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Neue Kurzmeinungen

Positiv (110):
A

Immer noch eine wunderbar und überzeugend zu lesende Geschichte einer Frauenfreundschaft.

Kritisch (2):
Tonias avatar

Zäh, langatmig, politisch. Gar nicht meins.

Alle 127 Bewertungen lesen

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Inhaltsangabe zu "Die Geschichte des verlorenen Kindes"

Elena ist schließlich doch nach Neapel zurückgekehrt, aus Liebe. Die beste Entscheidung ihres ganzen Lebens, glaubt sie, doch als sich ihr nach und nach die ganze Wahrheit über den geliebten Mann offenbart, fällt sie ins Bodenlose. Lila, die ihren Schicksalsort nie verlassen hat, ist eine erfolgreiche Unternehmerin geworden, aber dieser Erfolg kommt sie teuer zu stehen. Denn sie gerät zusehends in die grausame, chauvinistische Welt des verbrecherischen Neapels, eine Welt, die sie Zeit ihres Lebens verabscheut und bekämpft hat.
Bei allen Verwerfungen und Rivalitäten, die ihre lange gemeinsamen Geschichte prägen – Lila und Elena halten einander die Treue, und fast scheint das Glück eine späte Möglichkeit. Aber beide haben sie übersehen, dass ihre hartnäckigsten Verehrer im Lauf der Jahre zu erbitterten Feinden geworden sind.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783518425763
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:614 Seiten
Verlag:Suhrkamp
Erscheinungsdatum:02.02.2018
Das aktuelle Hörbuch ist am 12.02.2018 bei Der Hörverlag erschienen.

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Rezensionen und Bewertungen

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    MilaWs avatar
    MilaWvor 3 Tagen
    Kurzmeinung: Abschluss einer genau analysierenden, aber auch langatmigen Reihe über eine schwierige "Freundschaft" in Neapel.
    langatmig

    Die Geschichte einer Freundschaft voller Verwerfungen geht zu Ende und beide Frauen können ihrer Herkunft nicht entkommen.
    Elena wollte eigentlich nichts mehr von Lila und ihrem Herkunftsort wissen, aber aus Liebe kehrt sie doch zurück. Lila ist indessen in Neapel geblieben und eine erfolgreiche Unternehmerin geworden, verstrickt sich aber mehr und mehr in die verbrecherische Welt, die sie so sehr verachtet.

    Jetzt im vierten Band ist das Personal schon sehr groß und es fällt schwer, den Überblick zu behalten. Leider werden auch einige Rätsel nicht aufgelöst, obwohl die Geschehnisse des ersten Bandes wieder aufgegriffen werden. Im Grunde genommen könnte es in einem fünften Band nahtlos weitergehen und man hätte auch nur stark gekürzte zwei Bände machen können, die trotzdem alle wichtigen Punkte enthalten. Von dem Finale hätte ich nach dem letzten Band, in dem viel passiert ist, mehr erwartet, aber die Handlung plätschert wieder mit kleinen Höhepunkten so dahin, wie es die ganzen anderen Bände auch schon war. Elena Ferrantes Heldinnen und Helden zeichnen sich dadurch aus, dass sie ambivalent sind und es schwer ist, sie uneingeschränkt zu mögen oder zu hassen. Besonders die Erzählerin Elena ist mit ihrer negativen Sicht auf sich und andere Menschen sehr anstrengend. Sicherlich wäre es ein ganz anderes Buch ohne ihren Blickwinkel geworden. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie Lila wirklich war, denn über Elenas selbstbezogene Sichtweise kommt man nicht recht an sie heran.
    Interessant fand ich wieder den historischen und gesellschaftlichen Hintergrund, der in Romanen selten so genau analysiert wird, aber schlussendlich war ich doch ganz froh, dass es zu Ende war. Insofern nicht komplett mein Fall. Leser, die schon die ersten Bände mögen, wird dieser Abschluss sicher nicht enttäuschen. Wer schon am Anfang Probleme mit Elenas Erzählweise hatte, wird auch mit dem letzten Band nicht mehr glücklich.

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    AnnBees avatar
    AnnBeevor 2 Monaten
    Krönender Abschluss eines grandiosen Werks

    Der Abschluss von Ferrantes großartiger neapolitanischer Reihe – vielleicht nicht der stärkste Band, aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Das Buch steigt bei Lénus Affäre mit Nino ein, in den sie immer schon verliebt war und dessen Liebesgeschichte mit Lila sie tief gekränkt hat. Sie geht den entscheidenden Schritt und trennt sich von ihrem Mann; schließlich zieht sie zurück nach Neapel. Allerdings, man hat es schon geahnt, gibt es für sie mit Nino kein Happy End. Dafür gelingt es ihr jedoch, sich in beruflicher Hinsicht (nach einigen Durstphasen und Schwierigkeiten) zu etablieren. Lila steigt derweil, in Zusammenarbeit mit Enzo, zu einer erfolgreichen Unternehmerin auf. Dafür wird sie allerdings teuer bezahlen.


    Besonders Lilas Schicksal hat mich sehr berührt, auch wenn sie charakterlich alles andere als perfekt ist. Beide Lebensgeschichten der Freundinnen verdeutlichen eindringlich, wie schwierig es ist, die Barrieren und Einschränkungen seiner Herkunft zu überwinden, und auch, wie gerade Frauen dabei immer wieder Steine in den Weg gelegt werden und sie für ihren Erfolg bestraft werden. Ferrante schreibt wenig blumig, aber sehr mitreißend. Die Freundschaft von Lila und Lénu ist so komplex wie die beiden Charaktere selbst; sie lieben und sie hassen sich, vor allem aber brauchen sie einander gegenseitig als Messlatte und intellektuelle Sparringpartner. Die Schilderungen von Lénu sind dabei so schonungslos bis unerträglich ehrlich wie immer. Ich habe diese Reihe geliebt und werde sie bestimmt noch mal wiederlesen. Schade, dass es nun vorbei ist!

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    jackdecks avatar
    jackdeckvor 2 Monaten
    Ferrante Band Vier

    Offenlegung des Innen-und Gefühlsleben zweier Frauen, die sich genauso als Freundinnen zu schätzen wussten, wie sie miteinander um Gunst und Erfolg buhlten. Das Buch liest sich wieder super, man steigt voll ein, wird mitgerissen von den Ereignissen. Ich finde den 4. Band super, vielleicht sogar den besten oder den zweitbesten, auch weil er wieder politische Entwicklungen aufzeigt.

    Ziemlich verrückt ist. dass man ja gleich von Anfang an weiß, dass einer der beiden Freundinnen am Ende verschwindet bzw. verschwunden sein wird. Und doch hoff ich auf ein Happy End für die beiden Freundinnen und ihre Lieben. Elena Ferrante schildert intensive, widersprüchliche Gefühle, die man überrascht als die eigenen erkennt, aber sich nie so bewusst gemacht hat. Die Welt des armen und rückständigen Rione in Neapel wird so großartig beschrieben, dass der Leser in ihr lebt! Ich habe die Figuren dieser Neapel-Saga während des Lesens der vier Bände lieb gewonnen und hatte das Gefühl, mich tatsächlich im Rione ein bisschen auszukennen. Vielleicht sollte ich nun, nachdem ich von dort nichts mehr zu Lesen bekomme, mal selber nach Neapel fahren ;-)

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    LesenistLuxuss avatar
    LesenistLuxusvor 3 Monaten
    REZENSION: DIE GESCHICHTE DES VERLORENEN KINDES VON ELENA FERRANTE

    Kurzbeschreibung Die Geschichte des verlorenen Kindes

    Das Finale der neapolitanischen Saga beginnt in den achtziger Jahren. Elena hat ihre Zelte in Norditalien abgebrochen und ist mit ihren Töchtern zurückgekehrt nach Neapel, zu Nino, ihrer ewigen großen Liebe. Lila, die Neapel nie verlassen hat, hat sich inzwischen von den Mafia-Brüdern Solara gelöst und gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Enzo eine eigene Firma gegründet. Doch der Schein trügt und die Freundinnen müssen schmerzhaft feststellen, dass sich einige Dinge im, vom Verbrechen beherrschten Rione, wie auch im restlichen Neapel, niemals zu ändern scheinen. Zum Glück besteht die Freundschaft der beiden Frauen gegen, sämtliche mafiösen Strukturen und Chauvinisten um sie herum.

    Rezension Die Geschichte des verlorenen Kindes

    Ach Lenù, was haben wir zusammen gelitten und gehofft, drei dicke Bände lang! Und nun wirfst du alles, worauf du jahrelang hingearbeitet hast, über Bord und ziehst zurück in den Trümmerhaufen aus geplatzten Träumen, dem du so mühsam entkommen bist. In manchen Büchern möchte ich den Protagonisten zurufen: “bitte tu es nicht!” Aber gut, Liebe macht eben blind und so geht Elena eben zurück nach Neapel. Und als hätte ich sie nicht gewarnt, passiert was passieren muss und ihre Welt bricht in sich zusammen. Nun ist sie erneut unten angelangt, wo sie eigentlich nie wieder hinwollte und das auch noch samt ihrer Kinder. Trotzdem sie sich als gebildete Frau und Schriftstellerin eine gewisse Reputation erarbeitet hat, erlebt sie als alleinerziehende und berufstätige Mutter den sozialen Abstieg.

    Zum Glück gibt es ja die abgebrühte Lila, der ungeachtet ihrer geringen Bildung, so schnell niemand etwas vormacht, weder die Camorristi um sie herum noch die Machos ihrer Zeit. Mit viel List gründet sie zusammen mit Enzo, der inzwischen ihr Lebensgefährte ist, eine eigene Computerfirma, die rasch viel Geld einbringt. Lila entpuppt sich im Laufe des letzten Bandes zunächst als eine Art Wonder Woman, die am Ende jedoch feststellen muss, dass sie nicht alles kontrollieren kann, am wenigsten ihr eigenes Schicksal. Trotz ihrer unterschiedlichen Lebensentwürfe, finden die beiden Freundinnen im letzten Teil wieder zueinander, nicht zuletzt als beide zur gleichen Zeit schwanger werden. Der Umgang miteinander ist im Buch streckenweise alles andere als freundschaftlich, zumindest für mein Verständnis von Freundschaft. Besonders Lila wirkt oft missgünstig, hilft ihrer Freundin Elena jedoch ohne mit der Wimper zu zucken, als diese mitsamt ihrer Töchter vor dem Nichts steht.

    Irgendwann im vierten Buch hatte ich das Gefühl, Ferrante möchte nun unbedingt zu einem raschen Ende kommen, indem sie auf einmal etliche Charaktere über die Klinge springen lässt, entweder durch Tod oder Verfall. Auch mit Lila und Elena ist das Leben im Alter nicht gnädig, während eine eine verbittert und zänkisch ist, wird die andere irgendwie von allen allein gelassen und in Bezug auf ihr Lebenswerk von der Familie missverstanden. Das Ende des Buches ist genauso unspektakulär, wie die gesamte Geschichte – aber wie ich finde – auch sehr passend. Was mir an der Geschichte so gut gefällt, ist dass sie sehr realistisch ist. Ich glaube als Leser ist man inzwischen so viel Spektakuläres, Grausames, Übernatürliches oder sexuell Aufgeladenes gewohnt, dass Einen diese Geschichte schnell langweilt, der nüchterne Erzählstil tut sein Übriges – mir ging es anfangs ja auch so.

    Nachdem ich nun alle vier Teile gelesen habe, würde ich die Geschichte anderen Lesern trotzdem unbedingt empfehlen. Ein Grund ist für mich ganz klar der Einblick in das Italien der Nachkriegszeit. Besonders die Rolle der Frauen und ihre Entwicklung im Laufe der Jahrzehnte zeigt Ferrante in ihren Büchern eindrucksvoll. Im bitterarmen Rione sind Frauen für Hauhalt und Kinder zuständig und altern lange vor ihrer Zeit, zermürbt von prügelnden Ehemännern und Sorgen um Geld und Familie. In den intellektuellen Kreisen von Professoressa Galiani und Adele Airota, geht es hingegen liberaler zu. Ein weiterer Grund ist Ferrantes nüchterner Erzählstil, von dem ich inzwischen ein echter Fan bin und den ich sehr passend für diese Erzählung finde.


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    G
    Gisevor 6 Monaten
    Der lang erwartete Abschluss der Neapel-Saga

    In den achtziger Jahren kehrt Elena nach Neapel zurück, und Elena und Lila erleben ihre Freundschaft wieder intensiver. In diesem vierten Band schließt sich der Bogen, den die Autorin auf den ersten Seiten des ersten Bandes begonnen hat, der Leser erfährt die restliche Geschichte der beiden Frauen, und nimmt die Frage nach dem Verschwinden der Freundin wieder auf.

    Auf interessante Weise schildert die Autorin die Freundschaft der beiden Frauen, eine Freundschaft, die von vielerlei (auch negativen) Emotionen begleitet ist. Dabei streift sie schonungslos viele Themen Italiens in den achtziger Jahren bis hin ins neue Jahrtausend, aber auch die Lebensthemen der beiden Frauen erhalten neue Höhepunkte, die den Alltag der beiden betreffen. Deutlich wird, wie Elenas und Lilas Leben miteinander verbunden waren, sowohl in Zeiten der Nähe wie auch des Abstands, wie beide Frauen erst im Miteinander zu derjenigen wurden, die sie im Leben geworden sind: dass Elena erst im Gegensatz zu Lila die Schriftstellerin wurde, während Lila zur heimlichen Macht im Rione Neapels werden konnte. Verblüfft habe ich festgestellt, wie gut es der Autorin gelingt, bereits bekannte Aspekte der Freundschaft zwischen den beiden Frauen herauszuarbeiten, aber auch neue hervorzubringen. Dies scheint mir ähnlich gut gelungen zu sein wie im ersten Band, es war mir eine besondere Freude, diesen Abschluss zu lesen.

    Etwas verwirrt hat mich der völlig offene Abschluss des Buches hinterlassen, denn zwar sind viele Fäden des Buches zum Abschluss gebracht worden, aber die wichtigste Frage, mit der die Autorin uns Leser in die Geschichte gelockt hat, wurde nicht aufgelöst. Zugegeben, damit hat sie mich mehr zum Nachdenken gebracht als mit einer vorgegebenen Erklärung. Dennoch bleibt ein Gefühl der Unzufriedenheit, denn dieses offene Ende war für mich nicht vorhersehbar.

    Erstaunlich ist es, wie sehr es der Autorin immer noch gelingt, ihre Anonymität zu wahren, scheint das doch in der heutigen Zeit der sozialen Netzwerke kaum machbar. Erstaunlich vor allem auch, weil Elena Ferrante kein Blatt vor den Mund nimmt, um Neapel zu schildern, es ist wahrlich kein touristisch geschöntes Bild, das der Leser hier von dieser Stadt erfährt. Angetan bin ich hingegen davon, wie die Autorin es völlig offen lässt, ob es sich hier um eine Autobiografie handelt oder ob sie die Geschehnisse erfunden hat auf dem Hintergrund der Gegebenheiten in Neapel. Dieses Verwirrspiel ist ihr bis zum Schluss hervorragend gelungen. Bis auf das offene Ende der Geschichte hat mich das Buch dermaßen überzeugt, dass ich nun mit leichten Abstrichen fünf von fünf Sternen vergebe.

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    Marapayas avatar
    Marapayavor 6 Monaten
    Neapolitanischer Kreislauf des Lebens

    Romanreihen dieser Art lesen sich schlecht von hinten nach vorn – daher lässt es sich leider nicht vermeiden, dass die Gedanken in dieser Rezension zu Band 4 der Neapel-Reihe von Elena Ferrante auch die vorherigen Bücher mit einschließen werden. Wer also die ersten drei Bücher noch nicht gelesen hat, sollte jetzt lieber nicht weiterlesen.

    Richtig gute Romane verschlinge ich mit viel Freude und zwinge mich deshalb oft für die letzten 100 Seiten auf die Bremse zu treten, um noch so lange wie möglich mit den Protagonisten in deren Geschichte zu verweilen und den Abschied hinaus zu zögern. Es ist ein süßer Schmerz in dieser Spannung zwischen dem Wunsch, das Ende zu kennen und der Gewissheit, das Buch dann beendet zu haben.

    Über viele Wochen haben mich nun Elena und Lila begleitet. Ich erlebte, unter welch schwierigen Umständen sie aufwachsen mussten, wie das Leben und die Liebe spielen kann und dass nach der Hochzeit nicht alles unweigerlich besser wird. Der Kampf zweier Frauen um ihr Glück und um ihre Eigenständigkeit gegen den Rest der Welt und viel zu oft auch gegeneinander. Am Ende bin ich froh, den beiden Lebewohl sagen zu dürfen und bleibe zwiegespalten zurück. Das ist vielleicht ungerecht den ersten drei Teilen gegenüber, aber Band vier empfand ich wirklich als äußerst anstrengend. Mir ging Elena zunehmend auf die Nerven. Selbst als erwachsene Frau und bekannte Schriftstellerin kreiste sie permanent um sich und ihre Konkurrenz mit Lila. Dass, was mich in den Vorgängerbüchern noch als sehr interessant und aufschlussreich ins Grübeln um meine eigenen Freundschaften und Beziehungen brachte, verlor im letzten Teil irgendwie seine Glaubwürdigkeit für mich. Vielleicht liegt es daran, dass ich diese letzten Lebensalter von Elena und Lila noch vor mir habe und eigentlich hoffe, dass das Vergleichen und Konkurrieren ja irgendwann einmal der Zufriedenheit weichen muss. Dann spricht hier also nur meine eigene Überheblichkeit, diese Form der Arroganz, die mich bei Elena die Wände hoch gehen lässt.

    Nino entpuppt sich als absoluter Schwerenöter, ganz in die Fußstapfen seines Vaters tretend. Was wir Leser schon länger ahnten und Lila durch Antonio ausspionieren ließ, dieser Wahrheit muss auch Elena endlich ins Gesicht blicken. Selbst wenn sie mit ihrem Ehemann Pietro nicht unglücklich gewesen wäre, so hätte Nino sicherlich dennoch leichtes Spiel bei ihr gehabt. Die Genugtuung, ihn nun doch „bekommen“ zu haben, obwohl ihn ihr Lila damals weggenommen hatte, macht sie blind für die Realität. Sie wiederholt mit ihm Lilas Geschichte und merkt es nicht. Die Verhältnisse im Rione scheinen sich nach Elenas Rückkehr ganz allmählich wieder denen ihrer Kindheit anzunähern. Dieses Auf und Ab im Leben, die Wiederholungen innerhalb der Familien, das Streiten, die Gewalt, die ungleichen Machtverhältnisse, all das gibt dem Roman eine deprimierende Schwere. Als würden uns die Buchseiten hinab ziehen in dieses heruntergekommene Viertel und uns nie wieder auftauchen lassen wollen. Es ist wie bei Elena, egal wohin es sie auch zieht, den Rione trägt sie in sich. Sie ist sich bis ins hohe Alter nicht sicher, ob sie es wirklich verdient hat, Erfolg im Leben zu haben. Sie schafft es nicht, aus sich selbst heraus Zufriedenheit zu finden, sondern lässt sich hineinziehen in den Trubel der Bewunderung von außen, um dann umso härter immer wieder auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen.

    Eine Meinung zu Lila aufzubauen, fällt mir ungleich schwerer. Alles ist von Elenas Erzählung eingefärbt. Über Lila erfahren wir immer nur von anderen, vornehmlich aus der Perspektive von Elena. Das schürt bei mir Distanz. Ich lasse sie als Figur nicht an mich heran, betrachte sie wie ein Tier im Zoo – mit Staunen und Mitleid. So wie Elena sie beschreibt, ist sie mir furchtbar anstrengend und ihr Wankelmut ist nervend. Sie wirkt an vielen Stellen so verloren und reagiert wie ein bissiger Hund oder hat zuviel Oberwasser, dass sie sich für unangreifbar und unverletzlich hält. Nie ist man sich sicher, ob sie Elena nun wirklich gern hat oder nicht. Das bringt natürlich eine permanente Spannung in die Erzählung, irgendwann scheint das Konzept aber auch ausgereizt. Diese Freundschaft bleibt ein großes Rätsel, aber sie bringt auch viele Denkanstöße mit sich.

    Und besonders interessant ist das Italien und seine Entwicklung um die beiden Hauptfiguren herum. Die politischen Umwälzungen, der Kampf der Frauen für Gleichberechtigung, der wachsende Anspruch auf Bildung, die mafiösen Strukturen vom Kleinen bis ins Große über diese vielen Jahrzehnte hinweg – das hat mich wirklich begeistert. Es lenkt den Blick hinaus über die Klischees, die ich von Italien im Kopf habe und zeigt mir auf, wie wenig ich weiß. Manchmal hätte ich mir hier allerdings auch etwas mehr Genauigkeit von Elena gewünscht. Historische Fakten finden sich natürlich eher nicht in ihren Ausführungen.

    Die riesige mediale Begeisterung für die Neapelreihe kann ich dennoch nicht ganz nachvollziehen. Der Stil der Ich-Erzählerin ist teilweise unnötig langatmig und wird durch ihre unablässige Nabelschau aufgebauscht. Sprünge und Vorwegnahmen bringen Dissonanzen in den chronologischen Erzählfluss, die wiederum redundant wirken. Man hätte die gleiche Geschichte sicherlich auch nur mit der Hälfte der Seitenanzahl eleganter erzählen können – aber dann wären auch keine vier Bücher in den Verkauf gekommen, sondern nur zwei.

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    Schiessllawvor 6 Monaten
    Kurzmeinung: La fine della storia
    La fine della storia - Freindschaft geht durch alle Zeiten

              Natürlich war ich sehr gespannt wie es nach dem zweiten Buch mit den beiden Protagonistinnen weitergeht.

    Ich wurde nicht enttäuscht .

    Die beiden Freundinnen sind in den 70er Jahren angekommen .

    Elena, die das Glück hatte , dass ihre Begabung nicht nur bewundert , sondern auch gefördert wurde , hat einen Universitätsabschluss und inzwischen Bekanntheit erlangt durch  ein Buch, das sie veröffentlicht hat.

     Sie hat einen Kommilitonen geheiratet, dessen Vater Professor ist. 

    Sie hat in eine progressive, politische linksstehende Familie eingeheiratet, die nicht gegensätzlicher zu ihrer Herkunftsfamilie sein könnte, was  die Autorin auch thematisiert

    Inzwischen hat Elena zwei Kinder, mit denen sie zum Teil ihre liebe Not hat und zu denen sie auch ein zwiegespaltenes Verhältnis hat, wie ich gefunden habe


    Lila hingegen ist in Neapel geblieben. Sie  wohnt bei Enzo, mit dem sie ein nur ein rein platonisches Verhältnis hat.
    Sie zieht ihren Sohn Gennaro alleine groß.

     Lila arbeitet in einer Fabrik, deren Arbeitsbedingungen  sehr verbesserungswürdig sind.


     Lila gelingt es allerdings, sich von der Arbeit in der Fabrik  zu befreien und sie  arbeitet in der damals noch brandneuen Computerbranche, in der sie dank ihrer Intelligenz einen bescheidenen Erfolg hat

    Die Geschichte der Protagonistinnen wird im Kontext mit der Zeit der siebziger Jahre weitererzählt , dem politischen Umbruch , den Bedingungen für die Arbeiter,aber auch dem Terror.

    Dieser hat auch Menschen  aus dem Bekanntenkreis von Lila und Elena in seinen Bann gezogen hat.

     Auch wenn es mir manchmal nicht ganz gelungen ist das Handeln der beiden Heldinnen nachzuvollziehen, oder mich gar damit zu identifizieren (warum ist Lila nicht von Stefano längst geschieden, warum ist sie völlig ohne Geld von ihm gegangen, warum ist Elena nicht zufriedener  ) so habe ich diese Fortsetzung dennoch mit Begeisterung gelesen.

    Ich freue mich auf den vierten Teil!
            

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    Girdies avatar
    Girdievor 7 Monaten
    Der abschließende Band eines unvergesslichen Stücks Literatur

    „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ ist der vierte und abschließende Band einer Romanserie von Elena Ferrante, die sich rund um die Freundschaft der inzwischen 66-jährigen Ich-Erzählerin Elena und ihrer gleichaltrigen Freundin Raffaella dreht. Die Erzählung umfasst die beiden Teile „Reife“ und „Alter“ sowie einen Epilog. Das Buch beginnt mit Elenas Rückblick auf die Zeit Ende der 1970er Jahre, in denen ihre Ehe scheiterte und sie schließlich zum Schreiben nach Neapel zurückkehrte. Der Titel des vierten Teils verhüllt ein tragisches Geheimnis, das erst nach etlichen Seiten im Buch gelüftet wird. Wieder ist der Geschichte ein Verzeichnis der handelnden Personen mit einer Kurzfassung zu den bisherigen wichtigsten Ereignissen vorweg gestellt. Dennoch entfaltet sich der volle Lesegenuss nur bei Kenntnis der vorigen Bände. Die Übersetzung von Karin Krieger ließ die Handlung für mich bis ins Detail verständlich werden.

    Elenas Ehe steckt in der Krise seit aus ihrer Jugendschwärmerei Liebe geworden ist, die erwidert wird. Nach vielen Auseinandersetzungen mit ihrem Ehemann Pietro zieht sie schließlich mit ihren beiden Kindern in eine Wohnung, die ihr Geliebter ihr in Neapel gemietet hat in einer ansehnlichen Gegend. Inzwischen ist aus Lila, wie sie Raffaella seit Kindertagen nennt, eine erfolgreiche Unternehmerin geworden. Lila hat den Rione, die Gegend Neapels in der sie lebt, nie verlassen. Bei ihren Besuchen nimmt Elena die Spannungen dort wahr, die durch die kriminellen Organisationen des Viertels hervorgerufen werden.

    Im Laufe der Zeit erfährt sie immer mehr über das geheime Leben ihres Geliebten. Zwar wird sie als Autorin auch weiterhin wahrgenommen, aber für einen weiteren neuen längeren Roman hat sie keine guten Einfälle. Sie möchte gerne unabhängig leben, jedoch verschlechtert sich ihre finanzielle Situation zunehmend. Als ihr ein Vorschuss zu einem Roman angeboten und eine erste Abgabefrist gesetzt wird, fällt ihr der Entwurf zu einer Geschichte ein, die sie vor Jahren geschrieben hat und die im Rione spielt. Um die Erzählung zu überarbeiten nimmt sie den Vorschlag von Lila an, in die Wohnung über ihr zu ziehen, auch damit die Umgebung auf sie wirken kann. In den folgenden Jahren unterstützen sich die Freundinnen gegenseitig in der Betreuung ihrer Kinder bis eines davon verloren geht.

    Bereits am Ende des dritten Bands deutete sich an, dass Elena mit ihrem Leben nicht zufrieden ist. Nun sucht sie zu Beginn es abschließenden Teils den direkten Vergleich mit Lila in einem ständigen Kampf um den Vorrang, der durch Kriterien bestimmt wird die alleine Elena festlegt und bei denen finanzielle Unabhängigkeit und Ansehen weit oben stehen. Obwohl beide Frauen so unterschiedliche Wege eingeschlagen haben, möchte Elena ihrer Freundin vor allem als gute Mutter in nichts nachstehen, an einer entsprechenden Kritik durch Lila reibt sie sich auf. Doch von ihrer neuen Liebe lässt sie dennoch nicht ab, obwohl sie die Nachteile für ihre Töchter sieht. Sie genießt die neue Zuwendung und ignoriert alle gutgemeinten Ratschläge.

    Lila hat sich inzwischen ein Netzwerk an Seilschaften geschaffen, die sie und ihr Unternehmen stützen, um damit in einer Welt der Korruption zurecht zu kommen. Sie scheut sich nie, ihrer Freundin die Realität nahe zu bringen. Von Elena wird das skeptisch gesehen und sie ist sich nie sicher, ob Lila ihr mit ihren Aussagen nicht schaden möchte. Nach einem schweren Erdbeben, das die Freundinnen erleben, findet Lila Worte für ihre Empfindungen, die nicht nur ihre Freundin berühren und wodurch ich neben Elena einen ungeschönten Blick auf Lila werfen konnte. Sie ist keine Konstante in ihrer Welt, sondern ängstigt sich davor durch nicht voraussehbare Variablen ins Trudeln zu geraten und die selbst geschaffene Sicherheit zu verlieren.

    In ihrer Zeit in Neapel geben die Freundinnen sich gegenseitig Kraft und Halt, während dabei sowohl Stolz als auch Neid aufeinander, Hass und Verständnis zum Tragen kommen. Mit dem vierten Band konnte ich nochmals tief in Elenas und Lilas Gefühlswelt eintauchen und mit ihnen Höhen und einen besonders schweren Schicksalsschlag erleben. Der Epilog schließt den Kreis zum Prolog der Serie. Elena Ferrante hat mit ihrer Romanreihe ein Stück unvergessliche Literatur geschaffen, dem ich meine uneingeschränkte Leseempfehlung gebe.

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    WinfriedStanzickvor 7 Monaten
    Eine der besten und literarisch beeindruckendsten Romanserien, die ich jemals gelesen habe


    Der lange von einer immer größeren Fangemeinde erwartete Abschluss einer literarisch einzigartigen Tetralogie einer sich immer noch erfolgreich in der Anonymität haltenden italienischen Autorin liegt nun vor und ich nehme an, zehntausende von Lesern haben in den letzten Tagen so wie der Rezensent kaum etwas anderes getan, als die letzten 600 Seiten dieses monumentalen Werkes über eine absolut ungewöhnliche lebenslange Frauenfreundschaft zu verschlingen und zu erfahren, wie sich das im ersten Band als Grund für dieses Werk genannte plötzliche Verschwinden von Lila im Alter von 66 Jahren erklärt.

    Zunächst blendet Elena Ferrante zurück in die Zeit Mitte der siebziger Jahre, als Elena, eine mittlerweile auch in anderen Ländern bekannte Schriftstellerin jeglichen Kontakt zu ihrer lebenslangen Freundin Lila vermeidet. Doch 1979 zieht sie, offiziell um authentischer schreiben zu können, wieder in den Rione in Neapel zurück und die alte Nähe zu Lila wird neu belebt. Die ist mittlerweile zusammen mit ihrem Partner eine erfolgreiche Unternehmerin geworden. Beide Freundinnen erfolgreich und reif geworden – das hätte normalerweise die Grundlage sein können für eine Abkehr von der jahrzehntealten Konkurrenz, die sie beide pflegen bis hin zur Grenze der Selbstzerstörung.

    Mir ist gerade in diesem letzten vierten Band, der das Verhältnis der beiden Frauen und ihr jeweiliges unruhiges Leben von Mitte der siebziger Jahre bis hin zu ihrem Alter und Lilas mysteriösem Verschwinden beschreibt, nachdem sie unter ähnlich ungeklärten Umständen lange Zeit vorher ihre Tochter verlor (beide Freundinnen waren etwa zeitgleich von den Männern, die sie am meisten liebten, mit denen sie aber kein Glück finden konnten, schwanger geworden – Grund und Ursache für erneute Konkurrenz und permanente Vergleiche), nicht wirklich klar geworden, von wem diese lebenslange Feindschaft und Missgunst innerhalb einer stellenweise idealen Freundschaft tatsächlich ursächlich ausgegangen ist.

    Die im vorliegenden abschließenden Band mehr als in den drei vorherigen sehr selbstkritische Einsicht und Lebensbilanz der ich-erzählenden Elena lässt vermuten, dass ihr eigener Anteil daran nicht gering zu schätzen ist.  War man in den ersten Bänden noch relativ sicher, dass es sich bei den vier Romanen um so etwas wie eine Autobiographie handelt, halte ich es mittlerweile für denkbar, das Elena Ferrante, ihr Bekanntes und von ihr in Neapel und anderswo Erlebtes integrierend, die Handlung und die Personen der Tetralogie erfunden hat.

    So oder so, die „Neapolitanische Saga“, wie sie nach dem ersten Band schon genannt wurde, ist eine der besten und literarisch beeindruckendsten Romanserien, die ich jemals gelesen habe. Ob das große Geheimnis um Lila gelüftet wird, soll hier an dieser Stelle offen bleiben. Bleiben Sie gespannt, auch auf ihr im Sommer 2018 erscheinendes Buch „Frantumiglia: Mein geschriebenes Leben“.

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    L
    lenu_4vor 7 Monaten
    Genial!

    Wie den letzten drei Teilen mangelt es auch diesem Abschluss der Neapolitanischen Saga nicht an Genialität. Für alle Literaturliebhaber: Unbedingt lesen!

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    101dingo101vor 4 Monaten
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