Elina Hirvonen Erinnere dich

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Inhaltsangabe zu „Erinnere dich“ von Elina Hirvonen

War es ein Unfall? Ein Mordversuch? Annas Bruder Joona ist überzeugt, dass der Vater die Familie umbringen wollte, als er mit dem Auto gegen einen Baum raste. Die häufigen, unkontrollierten Gewaltausbrüche des Vaters nähren Joonas Verdacht. Aber Joona war schon immer misstrauisch, und schließlich steigert sich die Erfahrung von Gewalt in der Kindheit bei ihm zur Psychose. Anna hingegen, seine jüngere Schwester, bietet dem Leben die Stirn, behauptet ihr Recht auf ein eigenes Leben. Sie erlaubt der Vergangenheit nicht, unbeschränkt Macht über sie haben. - Ja, als kleines Mädchen auf dem Schoß des Vaters fühlte sie sich glücklich, wenn sie weinen musste. Trotz allem. Sie hat gelernt, die Widersprüche des Lebens auszuhalten.

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  • Rezension zu "Erinnere dich" von Elina Hirvonen

    Erinnere dich

    HeikeG

    12. August 2008 um 21:17

    Außenseitertum in finnischer Idylle Elina Hirvonen zeichnet in ihrem großartigen, teils erschütterndem Debütroman ein Bild fernab der verklärten unendlichen Wildheit der finnischem Landschaft. Ein flüchtiger Blick auf Finnland zeigt dem Betrachter ein blühendes, friedliches Land, mit einem vorbildlichen Schulsystem und ausgezeichneten sozialen Systemen. Hinzu kommt eine unendliche, wilde Landschaft voller ätherischer Schönheit. Aber unter dieser Idylle liegt eine bedrohlichere Seite, ein Land, das sich die Hälfte des Jahres der naturgegebenen Finsternis unterordnen muss. Der Norden hat jährlich für zwei Monate unter extremer Dunkelheit zu leiden. Einsamkeit und Depression sind üblich, die Selbstmordrate ist eine der höchsten der Welt. Diese bedrohliche Seite eruptierte im Herbst letzten Jahres das erste Mal öffentlich wahrnehmbar. Der "moderne Terror" schlug nun auch in Finnland wie ein Meteorit ein. Am 7. November 2007 richtete der achtzehnjährige Abiturient Pekka-Eric Auvinen ein Massaker an seiner Schule an. Er erschoss fünf Jungen, zwei Mädchen, die Schulleiterin und anschließend sich selbst. Für die Finnen war ein derartiges Gemetzel bis dato fremd, das Problem jedoch bekannt - psychische Krankheiten sind schon lange ein Teil der kulturellen Landschaft geworden. Elina Hirvonens erster Roman "Erinnere dich" zeigt, wie eine Familie unter der Geisteskrankheit eines Mitgliedes leiden kann. Ihr Buch, das mittlerweile der am meisten übersetzte Roman der finnischen Geschichte ist, beleuchtet diese dunkle Ecke der finnischen Gesellschaft. Problembehaftete Kindheiten Der Leser begegnet Anna Louhiniitty in einem Helsinkier Café, die dort an einem Tisch sitzt und den schmerzhaften Besuch bei ihrem Bruder Joona in einer Nervenklinik hinauszögert. Das gesamte Roman-Rahmenkonstrukt handelt in diesen wenigen Stunden eines Tages. Während sie eine Tasse Kaffee trinkt, an einem Campari nippt und einem Mozzarella-Salat isst, liest sie abwechselnd in Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" und denkt an ihren schizophrenen Bruder. War nicht sogar sie verantwortlich für Joonas letzte Krise? Anna erinnert sich an Momente ihrer frühen Kindheit, ihre Teenagerjahre, als Joona bereits psychisch gestört war und an ihre jüngste Vergangenheit. Joona und Anna sind die Kinder eines evangelischen Pfarrers und seiner in Schweden, bei Pflegeeltern aufgewachsenen Frau. Joona macht durch sein auffälliges Verhalten seinen Vater mehr als oft genug rasend, der ihn dann unkontrolliert und mit äußerster Brutalität verprügelt. Auch die beiden Eltern hatten schwierige Vergangenheiten, die ständig in ihr Erwachsensein hineinbrechen, wie die reife Anna jetzt erkennt. Parallel zu Annas Geschichte wird die ebenfalls problembehaftete Kindheit ihres amerikanischen Freunds Ian eingeflochten. Er ist der Sohn eines, durch seine schrecklichen Erfahrungen zerstörten Vietnam-Veterans und einer Mutter, die einen Weg aus so viel Leiden nur durch einen neuen Partner fand. Starke Parallelen zu Virgina Woolfs "Mrs. Dalloway" Alle Charaktere durchleben noch einmal ihre schwierige Vergangenheit und erfinden zum Teil ihre Erinnerungen neu, indem sie darüber schreiben; Anna schreibt Poesie über ihren Bruder, und Ian verbrachte seine Kindheit damit, Geschichten über einen Vater als Superhelden zu erfinden. Die ganze Struktur wird von Anna als Erzählerin noch zunehmend kompliziert: Sie stellt sich nicht nur ihre eigene Geschichte wieder vor, sondern auch die von Ian, der sich wiederum seine vorstellt. Im Wesentlichen laufen zwei Erzählstränge parallel, diese werden mit anderen Episoden, Beobachtungen und Reflexionen aus wechselnden Perspektiven erweitert, "nebeneinander" berichtet und dann zusammengeführt. Die Stimmungen, Eindrücke und äußeren Geschehnisse verweben sich aus der Sicht der verschiedenen Personen in gleitenden Übergängen miteinander. Neben der Handlung sind auch im Stil starke Parallelen zu Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" zu finden. Genau wie Woolfs Roman weicht Hirvonen mit ihrer "simultanen" Darstellung von der Tradition des auktorialen Erzählers ab. Sie setzt erlebte Rede, direkte Rede, inneren Monolog nebeneinander und betrachtet die Figuren aus unterschiedlicher Sichtweise. Tragische und höchst persönliche Familiengeschichte Die unterschiedlichen Beziehungen kulminieren mit dem Kriegsbeginn im Irak, was "Erinnere dich" zu einem aktuellen zeitgenössischen Roman macht und seiner Melancholie und finnisch geprägten Atmosphäre auch internationale Schärfe gibt. Jedoch bildet die Beziehung Annas zu ihrem Bruder das eigentliche Herzstück des Romans: eine intensive Co-Abhängigkeit der Geschwister Louhiniitty, aus der Anna nun eine lebenswerte Erinnerung machen will: "Ich will eine Kindheit, an die man sich erinnern kann, ein Leben, über das man mit anderen sprechen kann. Einen Bruder, der ein richtiges Leben hat." Großartig gelingt es Hirvonen, trotz der Einflechtungen von 9/11, dem Irak-Krieg und Vietnam-Referenzen, einen Roman zu konstruieren, der nicht vorgibt, mehr zu sein, als er ist: Das Buch ist und bleibt eine tragische Familiengeschichte und ist höchst persönlich. Die globalen Ereignisse liefern nur den Kontext zu den persönlichen und privaten Geschichten: das Politische übernimmt niemals die Oberhand. Zerstückeltes, aber faszinierendes Ganzes "Erinnere dich" ist ein fragmentiertes, zerlegtes und zerstückeltes, aber faszinierendes Ganzes - wie ein Puzzle, das Anna, Stück für Stück anhand ihrer eigenen Erinnerungen und derjenigen von anderen zusammensetzt, und dann halb beendet beiseite legt. Es ist auch eine Art Schlüsselloch, durch das man das Leben betrachten kann, aber niemand erklärt einem die Vorgänge. Dem Freiraum der Gedanken wird dadurch ein enormes Potenzial gegeben. Elina Hirvonen schreibt ruhig, klar und scharfsinnig. Sie hat einen Stil, der einzigartig und äußerst kraftvoll ist, und sie benutzt ihn, um ein starkes Netz aus Spannung und Entschlossenheit zu flechten. Auf nur 160 Seiten hat die Autorin einen großartigen Roman gestrickt, der trotz aller Sparsamkeit eigentlich alles sagt, was es zu sagen gibt und für all jene zugänglich ist, die gewillt sind, sich für einen Tag in die Gedanken eines anderen Menschen hineinzuversetzen. Fazit: Ein beeindruckendes Debütwerk in einer wunderbaren, flüssigen und stilechten Übersetzung von Elina Kritzokat! Eine unbedingte Leseempfehlung!

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