Wir befinden uns am Anfang des 14. Jh., also vor etwas mehr als 700 Jahren. Die Christianisierung Europas ist so gut wie durchgeführt. Die Kreuzzüge haben den Reichtum des Klerus so stark vergrößert, dass sie die eigentlichen Machthaber sind. Durch erpresserisches Verhalten gegenüber der weltlichen Macht (z.B. intrigante Unterstützung bei Vernichtung der Templer, Exkommunikations-Drohungen) ist dem Klerus möglich, immer tiefer in alles Handeln - und sei es noch so privat - einzugreifen. Und da tritt eine großgewachsene Frau im Süden Frankreichs auf den Plan, wo ein neuer französischer Papst gerade dabei ist, seinen Glanz und Reichtum in Avignon (geschützt vor den Raubvögel Roms) zu installieren. Die Frau ist an Körper und Geist schwer beschädigt und wird von den Beginen der Stadt Pertuis aufgenommen. Wir lernen nun die hohe phytotherapeutische der damaligen Zeit wie auch philosophische Heilkunst der Antike kennen. Außerdem werden wir in detailreich in den frühmittelalterlichen Alltag eingeführt. Die Handlung bekommt Spannung durch Rettung einer Gebärenden vor dem sicheren Tod, der Entführung des Neugeborenen, Flucht der Heilkundigen (die vorstehend erwähnte Protagonistin hat sich als solche herausgestellt) durch den Süden Frankreichs Richtung Toulon, deren Festnahme, Vorführung der Tiefen der klerusbestimmten Gerichtsbarkeit und überraschend knappes Geschehensende. Die anschließenden geschichtlichen Hintergründe, z.B. über die Schulen in Salerno bringen das Ganze in einem befriedigenden Übergang zurück in die Wirklichkeit.
Das Buch ist ein literarisches Kräuterbeet – sorgfältig gepflegt, historisch korrekt und mit berührendem Tiefgang. Männliche Brutalität tritt hier nicht etwa nur als plumpe Gewalt auf – nein, sie kommt im Gewand der Frömmigkeit, mit dem Weihrauchfaß in der einen und dem Folterinstrument in der anderen Hand. Die Herren des Klerus brillieren durch ihre Fähigkeit, mit göttlicher Miene menschliches Elend zu produzieren. Ihre Heuchelei ist so perfekt inszeniert, dass man fast applaudieren möchte – wäre da nicht die kleine Nebenwirkung namens Tod.
Die Geschichte zeigt, wie eine Frau – beschädigt, aber nicht gebrochen – sich gegen ein System stellt, das sich selbst für unfehlbar hält. Wir erleben eine Welt, in der Männer Macht mit Moral gleichstellen und Frauen mit Besitz – was ja auch heute noch vorkommen soll. Kurz gesagt: Wer sich für Heilpflanzen interessiert, bekommt hier ein Lehrbuch. Wer sich für männliche Machtstrukturen interessiert, bekommt eine Fallstudie.
Das Lesen lohnt sich. Nur eines noch: Der Titel paßt nicht. „Die Ketzerbibel“ klingt nach theologischer Abrechnung oder nach einem Analog-Schriftwerk, das selbst Bibel herausgegeben wäre. Geliefert wird jedoch eine fesselnde, literarische Abrechnung: Beginenjagd!




