Lieber Halim, wir kennen uns nicht und doch erreichte mich auf Umwegen Ihr Buch „Liebe im Schatten der dunklen Flaggen“, das ich ansonsten wahrscheinlich nie gelesen hätte, einfach, weil ich nicht gewusst hätte, dass es dieses überhaupt gibt. Das wäre schade gewesen; denn ich hätte etwas versäumt. Sie werden sich vielleicht fragen: was? Nein, nicht den schrecklichen Krieg, einen von so vielen auf diesem Planeten, entstanden aus Hass und Fanatismus, gefördert oder zumindest teilnahmslos geduldet von mächtigen Kräften dahinter. Nein, nicht einmal Kobane, diese eigentlich unbekannte kurdisch syrische Stadt, die dann in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückte. Ich glaube, dies nicht zuletzt deshalb, weil es - nicht nur aber doch sehr prägend- junge Frauen waren, die ihr Leben der Rettung der Stadt und Ihrer Bewohnerinnen und Bewohner und der kurdischen Kultur widmeten - und oft genug hingaben. Danke für dieses Buch.
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Ein kleines Buch, kleine Geschichten aus der Welt der Lebenden und Toten, „kleine“ Leben, die im Kampf und im Tod Größe erfahren. Dies umso stärker, da der Autor sowohl die Lebenden als auch die Toten sprechen lässt - und einen objektiven Beobachter, der dennoch Gefühle zeigt : einen Walnussbaum.
Es ist ein Roman, der abwechselnd tatsächlich wie ein Roman, dann wieder wie ein Tagebuch, wie eine Biografie, wie ein Bericht daherkommt. Wie auch das Grauen beschreiben, wie dieses in Worte fassen, für das es eigentlich keine Worte gibt? Der Autor Halim Youssef schafft es, Fakten, das Grauen und die Menschen so rüberzubringen, dass es authentisch und lebendig beim Lesenden ankommt, selbst die Toten behalten ihre Stimme. Und es werden Botschaften transportiert, die gerade in unserer Zeit so wichtig sind: die Tatsache, dass Fanatismus, religiöser und anderer Wahnsinn überall und immer wieder versuchen, die Oberhand zu gewinnen, und die Hoffnung, dass nur mutige Menschen dieses verhindern können. „Jeder Ort, den sie berührten, war mit Blut bedeckt und in Totenstille gehüllt. An diesem neuen Tag in den Tagen des Ramadan töteten Menschen, die sich als Repräsentanten und Soldaten Gottes sahen, im Namen Gottes jeden Menschen, den sie zu Gesicht bekamen.“ Sie töteten Kinder Frauen und Männer, die zum selben Gott beteten - aber in den Augen dieser selbsternannten wahnsinnigen „Gotteskrieger“ falsch beteten, die falsche Sprache sprachen, die falsche Kultur ihr eigen nennen, die falsche Ethnie besitzen. Wie dieses in Worte fassen? In einer Sprache, die Tatsachen und Gefühle anders beschreibt als mitteleuropäische Menschen es tun? Ich gebe zu, ich hatte mit der Sprache stellenweise Probleme und mir ein anderes Lektorat gewünscht. Es ist in der Übersetzung zu Brüchen gekommen bzw. zu Sprach- und Stilmitteln, die hölzern wirken. Dann wieder brechen die Emotionen durch, mit einer manches Mal theatralisch und blumig wirkenden Ausdrucksweise. Das mag daran gelegen haben, dass die Übersetzerin, die eine wirklich schwierige Aufgabe bravourös gemeistert hat, versucht hat, genau am Text zu bleiben. Diese Brüche in der Sprache haben aber meiner Lesefreude, wenn ich dieses Wort in diesem Kontext wählen darf, keinerlei Abbruch getan. Im Gegenteil, ich habe dieses Buch in einem Zuge lesen können und die Protagonisten, die der kurdische Autor Halim Youssef zum Teil selber hat kennenlernen dürfen, sind mir im Laufe des Lesens immer vertrauter geworden - auch der Walnussbaum. Liebe im Schatten der dunklen Flaggen ist ein lesenswertes Buch.

