Mit Worten wie "ehrlich" und "authentisch" wird heutzutage gern um sich geschmissen und fast immer wird dabei ein versichernder Ton angeschlagen, so als wäre es kaum glaubwürdig, dass Ehrlichkeit und Authentizität noch irgendwo existieren (oder es werden Dinge und Personen mit diesen Worten als Opposition gegen etwas übergroßes Unehrliches, Künstliches, Zweitklassiges inszeniert, das ist noch gruseliger...).
Darum weiß ich, auf was für dünnes Eis ich mich begebe, wenn ich Elizabeth Wurtzels Buch "Bitch" als eines der ehrlichsten Bücher bezeichne, die ich gelesen habe - zumal das Cover, das eine klare Inszenierung ist, diese Aussage quasi schon vorab in Lächerliche zu ziehen scheint. Es ist ein Jammer, denn nachdem man das Buch gelesen hat, wird man selbst dieses Cover als authentisch empfinden, aber dafür braucht es die Lektüre - und die tritt man(n) vielleicht erst gar nicht an (oder mit falschen Vorstellungen), wenn man das Cover sieht, in der Regel nunmal zuerst.
Auf gewisse Weise würde man in diesem Fall einige Ideen des Buches nur bestätigen, nämlich, dass die Welt im Prinzip Angst vor selbstbestimmter weiblicher Sexualität hat und sie deswegen mit Begriffen wie promiskuitiv, verdorben, aufmerksamkeitsheischend, platt oder anderen negativen Bezeichnungen zudeckt und versucht, sie in fast jedem Settiung als verlogen erscheinen zu lassen. Natürlich ist hier die Rede von ECHTER selbstbestimmter weiblicher Sexualität, nicht einer solchen, die sich Männer zwar wünschen, die ihnen aber im Ernstfall dienlich sein muss, die FÜR SIE und nicht um ihrer selbst willen existiert.
Und darum geht es unter anderem in diesem Buch, um Selbstbestimmtheit und warum das für Frauen aus verschiedenen historischen, gesesellschaftlichen und biologischen Gründen keine einfache Sache ist. Würde sich das Buch in diesen Feststellungen erschöpfen, gäbe es sicher noch einige andere, bessere, die man lesen könnte und vor allem für Frauen hätte die Lektüre vermutlich nicht viel zu bieten außer Anlass zum Kopfnicken.
Was "Bitch" dann aber zu einer großen, ich würde sogar sagen transformativen Erfahrung macht, sind die die Offenheit und Ambivalenz mit der Wurtzel ihre Themen behandelt. Statt sich einfach nur auf eine feministische Position zurückzuziehen und die üblichen (wahren, aber nichtsdestotrotz oft unplastischen, eindimensionalen) Parolen anzustimmen, unternimmt sie mutige Expeditionen in die Grau- und Transitzonen; nicht um dort gegen den Feminismus zu trommeln oder dessen Forderungen aufzuweichen, sondern um ihn mit der Realität zu konfrontieren und ihm dabei auch manche Blindstellen und bisher unbekannte Widersacher zu offenbaren. Bemerkenswert ist, wie sie Popkultur analysiert und in ihr einen fast schon allzu passenden Spiegel für die zentralen Probleme in heterosexuellen Beziehungen und der heutigen Mediendemokratie findet, auf immer wieder originelle und nachdrückliche Weise.
Manche Aspekte, die sie anspricht, haben sich seit damals (das Buch erschien vor 28 Jahren, Wurtzel selbst starb vor sechs Jahren an Brustkrebs) gewandelt, aber im Kern sind ihre Analysen bis heute (erschreckend) tragfähig, subtil und divers und es gibt viele Tendenzen, die fortbestehen oder sich ausgewachsen haben, obwohl sie von ihr so umfassend und klar benannt wurden.
Es gibt viele Bücher, gerade Sachbücher, die auf eine Konsequenz hinauslaufen. Sie bereiten sie hübsch vor, untermauern sie und entlassen einen dann damit, oft in der Hoffnung, dass man das Evangelium weiterverbreitet. Wurtzels Buch läuft zwar auch auf einige Erkenntnisse hinaus, gehört aber zu jenen seltenen und wertvollen Büchern, die von der Auseinandersetzung leben, nicht von einer geradlinigen Botschaft, hinter der man sich einreihen kann. Man sollte die Bereitschaft zu solch einer Auseinandersetzung mitbringen, wenn man der Lektüre des Buches etwas abgewinnen will. Ja, wenn man wie ich der Meinung ist, dass, bei aller Schönheit und dem Trost vieler anderer Bücher, es letztlich diese Bücher sind, jene die uns fordern und uns in Frage stellen, die uns nichts servieren, sondern uns die Zutaten aufzählen und vor den brodelnden Kochtopf stellen, dass diese Bücher der Grund sind, warum Lesen nicht nur das Leben erträglich macht, sondern es auch verändern kann, dann sollte man sich "Bitch" schnell anschaffen. Und: lesen!













