Elsa Morante

 4,1 Sterne bei 28 Bewertungen
Autor*in von La Storia, La Storia und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Elsa Morante, geboren 1918 in Rom und 1985 dort gestorben, schrieb Romane, Erzählungen, Lyrik und Kinderbücher. »La Storia« war neben Tomasi di Lampedusas »Der Leopard« und Umberto Ecos »Der Name der Rose« der größte italienische Bestseller der letzten Jahrzehnte.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Elsa Morante

Cover des Buches La Storia (ISBN: 9783492974479)

La Storia

(10)
Erschienen am 17.03.2016
Cover des Buches La Storia (ISBN: 9783803133656)

La Storia

(7)
Erschienen am 14.03.2024
Cover des Buches Arturos Insel (ISBN: 9783803142092)

Arturos Insel

(6)
Erschienen am 17.06.2016
Cover des Buches La Storia (ISBN: 9783803128881)

La Storia

(2)
Erschienen am 12.03.2026
Cover des Buches Das heimliche Spiel (ISBN: 9783803142917)

Das heimliche Spiel

(1)
Erschienen am 20.08.2020
Cover des Buches Aracoeli (ISBN: 9783803128454)

Aracoeli

(0)
Erschienen am 30.09.2021
Cover des Buches Cara Elsa (ISBN: 9783803133816)

Cara Elsa

(0)
Erschienen am 23.10.2025

Neue Rezensionen zu Elsa Morante

Cover des Buches La Storia (ISBN: 9783803128881)
Nicolai_Levins avatar

Rezension zu "La Storia" von Elsa Morante

Nicolai_Levin
Das Rom der kleinen Leute

Elsa Morante erzählt uns in ihrem 1974 erschienenen Roman „La Storia“ vom Schicksal der Familie Ramundo im Rom der Jahre 1941 bis 1947. Mutter Ida kommt aus einer Bauernfamilie im Süden, sie ist verwitwet und arbeitet als Grundschullehrerin. Ihr halbwüchsiger Sohn Nino ist ein Großmaul und Tunichtgut, der lieber mit seinen Kumpeln von der faschistischen Jugend umherzieht, als zur Schule zu gehen. Ein betrunkener und in jeder Hinsicht verirrter deutscher Landser vergewaltigt Ida, und prompt wird sie schwanger. Heimlich bringt sie den Sohn Giuseppe zur Welt, und ist fortan voll damit beschäftigt, die Familie durch den Krieg zu bringen. Bei einem Bombenangriff wird das Haus, in dem ihre Mietwohnung liegt, zerstört und sie ziehen in eine Notunterkunft am Rande der Stadt. Nino schmeißt endgültig die Schule und wechselt die Seiten; er geht zu den antifaschistischen Partisanen, die ihr Lager in den etruskischen Bergen haben und von dort gelegentlich deutsche Wehrmachtslastwägen angreifen. Idas Mutter war jüdisch, nach den faschistischen Rassegesetzen Italiens muss sie als Halbjüdin nichts fürchten (in Deutschland wäre das anders!), aber sie lebt in fortgesetzter Angst vor Verfolgung und Deportation. Als die Alliierten Rom besetzen und der Krieg bald darauf endet, ist oberflächlich die schlimmste Zeit überstanden: Es gibt wieder zu essen, und Ida kann ihren Schuldienst wieder aufnehmen. Nino betreibt mit seinen Partisanenkumpeln Schmuggel und Schwarzmarktschiebereien, bei einem Unfall mit einem Laster voll zweifelhafter Güter kommt er ums Leben. Auch der kleine Useppe, unterernährt, zu klein und auf merkwürdige Weise zurückgeblieben, stirbt, an einem epileptischen Anfall. Dieser Tod bricht auch Ida mental, die zehn Jahre später in der Psychiatrie sterben wird.

Die Kapitel sind in jahresweise Abschnitte gegliedert, denen die Autorin jeweils die großen Ereignisse des Jahres im Schnelldurchlauf voranstellt, ein bisschen wie Billy Joel es in „We didn’t start the fire“ macht. Ihre Deutung der Zeitläufte zeigt eine marxistische Weltsicht, wie ihr der nachgeschobene Lauf der Dinge nach den erzählten Ereignissen (bis zum Zeitpunkt der Entstehung des Buches, 1974) zu einer fulminanten Anklage gegen den Kapitalismus gerät, der die Ressourcen, die Natur, vor allem aber die menschlichen Seelen gnadenlos ausbeutet und zermalmt.

Ist dies das Anliegen von Morante? Eine marxistische Fabel, wie der Kapitalismus und die Faschisten als dessen Knechte und ihr Krieg als gemeinsames Werkzeug die Menschen kaputtmacht? Zu dieser These passt die Geschichte der Ramundos für meine Begriffe nicht so richtig. Ida ist Staatsdienerin, keine der Figuren ist direkt im kapitalistischen Wirtschaften gefangen, lediglich der Mitbewohner und Partisan Davide, ein anarchistischer Dichter und Rebell aus gutem Hause, hat mal versucht, zur Selbsterfahrung ein paar Wochen in einer Fabrik zu arbeiten. Auch als beispielhafte Durchschnittsfamilie (wie die Schaposchnikows bei Wassili Grossman oder Willy Puruckers Grandauers) taugen die Ramundos nicht so richtig, zu speziell sind ihre Schicksale, zu abgesondert vom Rest der Gesellschaft findet ihr Leben statt.

Doch auch für einen bürgerlichen Familienroman eignen sie sich kaum. Keiner von ihnen ist sonderlich sympathisch und bietet sich als Identifikationsfigur an: Ida ist ein bisschen dumm und schwach, Nino, der egoistische Gernegroß, tanzt auf ihrer Nase - auch er wird nicht eben als angenehmer Zeitgenosse geschildert. Und auch der kleine Useppe taugt in seiner Naivität nicht so recht zum Romanhelden, der uns in seinen Bann zieht.

Und dennoch hab ich das Buch gern gelesen und die Lektüre als Bereicherung empfunden. „La Storia“ war bei seinem Erscheinen in Italien ein enormer Publikumserfolg; bei den stramm linken Kulturjournalisten seiner Zeit fiel es durch, weil es angeblich nicht klassenkämpferisch genug war.

Dabei würde ich gerade die undogmatische Menschlichkeit zu den Stärken des Textes zählen. Im Schicksal dieser Außenseiterfamilie erfahren wir viel über das Italien des Krieges, sein etwas zögerliches Mitlaufen mit dem Operettendiktator Mussolini - der im selben Maße opportunistisch bei Hitlers Weltkrieg mitmarschiert ist und es seine Soldaten teuer bezahlen ließ. Die Zerrissenheit nach dem Waffenstillstand, das proletarisch-kleinbürgerliche Milieu, die Rückständigkeit der Gesellschaft gerade auf dem Land, jenseits irgendwelcher plumpen Peppone-Scherze - in „La Storia“ steckt schon eine ganze Menge drin, auch wenn es vielleicht gar nicht das Hauptanliegen der Autorin war, uns diese Dinge näherzubringen.

Was die Autorin getrieben hat, im Text immer wieder an unerwarteten Stellen „und so weiter und so weiter“ einzustreuen, habe ich nicht verstanden. Ich bekomme aber den Eindruck, dass die Übersetzerinnen (Maja Pflug und Claudia Ruschkowski) hervorragende Arbeit geleistet  haben, und das ist vermutlich nicht so einfach gewesen in diesem Text mit Kinderliedern, Schlafreimen, italienischen Wortspielen, den Dialektebenen, Useppes kindlichem Sprachelernen und seinen Aussprachefehlern. Warum der Verlag auch für die deutsche Fassung beim italienischen Originaltitel geblieben ist, erschließt sich mir nicht - mit „die Geschichte“ wäre die Doppeldeutigkeit 1:1 übertragbar gewesen.

Cover des Buches La Storia (ISBN: 9783803133656)
rockchickdeluxes avatar

Rezension zu "La Storia" von Elsa Morante

rockchickdeluxe
Ein Epos


Italien und seine bewegte Geschichte lassen mich literarisch einfach nicht los. La Storia ist ein Epos. Ganz nah an den Figuren und mit unendlicher Fabulierfreude erzählt Elsa Morante die Geschichte von Ida und ihren beiden Söhnen im faschistischen Italien. Es ist die menschliche Geschichte in der Historie des dramatischen 20. Jahrhunderts. 


Der mutige Wagenbachverlag verlegte den Roman 2024 in einer grandiosen Neuübersetzung von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski.


Jedes Kapitel beginnt mit der sachlichen Chronik einer Welt aus Diktaturen, Kriegen und Verbrechen, gespiegelt in der persönlichen Geschichte der kleinen Familie zwischen 1941 und 1947. Ida müht sich bis hin zur Selbstzerstörung, ihre Söhne zu ernähren. Sie fürchtet, die jüdischen Zweige der Familie könnten das Unheil bringen. Der tyrannische Nino gebärdet sich unerzogen, will in den Krieg und landet bei den Partisanen. Useppe, Kind einer Vergewaltigung, ist froh und neugierig, viel allein.


Elsa Morante verbindet das Schicksal der Welt voller Bombenangriffe, den Hunger und das Elend mit dem persönlichen Schicksal der Protagonistin und ihren Söhnen. Das ist so dramatisch und herausfordernd wie anspruchsvolle Literatur es nur sein kann. Die Familie wird zu unfreiwilligen Zeitzeugen, es sind einfache Menschen, die ihren Individuellen Weg in der Gegenwart des totalitären Regimes suchen.


Wie kann das Menschwerden und -sein gelingen, wie können jungen Menschen ihre Identität finden, wenn das Weltgeschehen eingreift in das Persönliche, Kleine, Zerbrechliche? Die Charaktere bieten ein literarisches Verständnis der Lebensumstände. Die Erschöpfung, das Schuften im Armenviertel Roms, die Deportationen, die Bedrohung, der Hunger und die Politisierung treiben einen Keil zwischen die einzelnen Figuren, die um sich selbst kreisen und damit auch ganz im eigenen Kosmos das Zeitgeschehen wahrnehmen. 


Es ist ein umfangreicher Roman mit vielen Seiten, eng beschrieben mit Anspruch auf Genauigkeit. Die Gedanken der Protagonist*innen bereichern die Lektüre ebenso wie die vielen Nebenfiguren, durch deren Anwesenheit sich die Ida und Nino immer wieder neu ausrichten. Die Sprache ist zeitlos, sie entschleunigt und führt zurück in die Welt der großen Erzähler*innen der Weltliteratur. Wer sich darauf einlässt, darf sich auf ein literarisches Ereignis freuen. 


Ich bedanke mich herzlich, lieber @Wagenbach Verlag für die Neuübersetzung und für die intellektuelle Fackel, die mir immerwährend leuchtet. Die broschierte Ausgabe erscheint am 12. März.


Cover des Buches La Storia (ISBN: 9783803128881)
S

Rezension zu "La Storia" von Elsa Morante

Sabine-Simmin_Rahe
„La Storia“ (1974) Elsa Morante neu übersetzt von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski, Verlag Klaus Wagenbach – 2024

„Immer das Jucken überall und die entsetzliche Zange um den Kopf, und im Hirn anstelle von Gedanken nur Schrauben und Nieten, Werkstücke und Schrauben und Nieten … Plötzlich fuhr ihm, brennend wie ein Peitschenhieb, dieser einzige, fürchterliche Gedanke durch den Kopf:

Solange Menschen oder auch nur ein Mensch auf Erden zu einer solchen Existenz gezwungen sind, ist es ein Betrug, von Freiheit, Schönheit und Revolution zu reden.“

Auszug aus
La Storia
Elsa Morante

Es ist schon eine Weile her, dass mich ein umfangreicheres literarisches Werk ähnlich fesselte, wie dieses Buch, das – gespickt mit historischen Fakten – einfühlsam und berührend die Geschichte(n) seiner Figuren in der Zeit rund um und während des Faschismus in Italien erzählt. Der Mahlstrom der Gewalt und der Unempfindlichkeit der Geschichte gegenüber den Schicksalen der Individuen – Mensch und Tier, ist der Gegenstand dieses Romans.
Gerade, weil er nicht mit einem süßlichen, pathetischen, hoffnungsfrohen Resumee abschließt, fordert er zu viel mehr als seinem Konsum heraus und führt in die Gegenwart. Er verändert den Blick und beschäftigt bis in die Träume hinein. Plastisch stehen Useppe, Ninureddo, Bella, Ida, Davide und die Anderen da und die Viertel Roms werden immer von den Schatten dieser Figuren bevölkert sein. Elsa Morante ist es gelungen, die historischen Fakten mit lebendigen Erinnerungen an ihre Protagonisten zu verbinden, die täglich am Abgrund der Existenz stehen und schließlich in seinen bodenlosen Schlund fallen. Und obwohl dies voraussehbar ist, möchte man es nicht weniger dringend verhindern und bleibt mit Trauer, aber auch beglückt – ihnen begegnet zu sein, zurück.

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