Bereits David Glaser in seiner fundierten Betrachtung der modernen „Berufswelt“ („Bullshit-Jobs“), hat es sachlich und nachvollziehbar vor Augen geführt und es scheint tatsächlich eine Systematik dahinterzustecken: Je „sozialer“ und für das „Zwischenmenschliche“ bedeutsamer ein Beruf, ein „Job“ sich darstellt, desto niedriger ist seine „entlohnende Anerkennung“ im Sinne einer Bezahlung. Das Busfahrer/innen, Krankenpfleger/innen und viele andere Berufe mehr noch absolut und sofort das Gefüge massiv in Erschütterung bringen würden, sollten diese Tätigkeiten von jetzt auf gleich wegfallen, erschließt sich ohne weitere abstrakte Theorie. Demgegenüber hochbezahlte Firmenanwälte oder Investmentbanker vielleicht nicht ganz so viel direkt dazu beitragen, dass das Leben der Menschen basal funktioniert.
Und gerade Frauen sind es, immer noch, weltweit, die man in diesen „Basis-Berufen“ von der Krankenpflege über die Altenpflege hin zum Kindergarten oder als Lehrerinnen in der Grundschule in einer hohen Zahl antrifft.
„Frauen wenden nämlich viel zu viel Zeit dafür auf, sich sowohl bezahlt als auch unbezahlt um andere Menschen zu kümmern“. Und müssen zudem mit dem gesellschaftlichen Bild leben (natürlich per Excel-Tabelle auf Heller und Pfennig finanzamttechnisch berechnet), dass sie den Staat „mehr Kosten, als sie einbringen“. Wie das so ist in einer Lebensform, die inzwischen jede menschliche Handlung mit einem Preis versehen hat und deren Hiel die Optimierung der Gewinne ist. Also dessen, was Menschen an „finanzieller Leistung“ in das „System“ hineinbringen. So wird eben nicht die pflegende Tätigkeit oder eine andere soziale Aufgabe als „Ideal“ verstanden, sondern jene paar Prozent „Superreiche“, die den Takt vorzugeben scheinen.
„Wenn alles mit einem Preisschild versehen wird, entsteht dadurch eine Hierarchie. Und ganz unten in dieser Hierarchie befinden sich alle die und all das, für die und das am schwersten ein Preis festzustellen ist“.
Dazu passt dann natürlich auch die schwer zu begründende Widersprüchlichkeit, einerseits „Nachwuchs“ für die Gesellschaft dringlich zu erwarten (zumindest in den entwickelten westlichen Ländern) und andererseits das Leben einerseits so teuer zu gestalten und andererseits den „nicht-hoch-verdienenden Menschen“ so gering zu schätzen, dass gerade für Frauen dieser Drahtseilakt zwischen eigenen Kindern und fast Notwendigkeit auch zum wirtschaftlichen Erfolg kaum gelingen kann.
Bis dahin, dass für Frauen der Einkommensverlust nach der Geburt eines Kindes erheblich in den Raum tritt, während das Einkommen von Männern in der Regel gleich bleibt.
Holten führt diese Offensichtlichkeiten zurück auf eine, seit dem Ende des 7. Jahrhunderts zunehmende „mechanische Betrachtung“ des sozialen Lebens, auf allein wirtschaftlichen Zielen und Berechnungen beruhend. Wobei „Freiheit“ stark definiert wurde (Hobbs) als das Recht, seine Arbeitskraft zu verkaufen und den Lohn dafür zu behalten. Wobei sich das Einkommen natürlich (tatsächlich aber rein theoretisch gesetzter Wert zunächst) darin bemisst, wieviel „Wert“ man geschaffen hat. Damit werden Menschen auch in ihren sozialen Handlungen alleine darauf reduziert, welchen messbaren Wert sie für die Wirtschaft darstellen oder, wie in aktuellen Diskussionen um die sozialen Sicherungssysteme zu sehen ist, dass Menschen scheinbar prinzipiell als „Kostenfaktor“ betrachtet werden, die den „Break Even“ zur „Wertigkeit“ zu schaffen haben als Lebensziel.
Ein interessantes Buch und ein wichtiges Thema angesichts der mit hohem Tempo versehen Transformationen der modernen Welt, die offenkundig nicht sonderlich interessiert an einem „guten Leben für alle“ interessiert sich zeigen. Mit einem kleinen Wehrmutstopfen, dass all das, was Holten aufführt, vielleicht zu sehr und manchmal zu gewollt allein auf Frauen bezogen werden und einer „feministischen Ökonomie“ das Wort redet, während das Problem vor allem auf die Berufe und helfenden Tätigkeiten an sich zu beziehen ist. Egal, ob diese Tätigkeiten von einer Frau oder einem Mann ausgeführt werden.
Dennoch, wer wissen möchte, worin eine Vielzahl gesellschaftlicher Probleme und ungerechter Bewertung und Verteilung von gesellschaftlichem Aufwand ihre Ursache haben, der wird in diesem Werk fündig.

