Ich muss sagen, dieses Buch hat mich sehr beeindruckt. Hier wird anhand der Familie Aymard und deren Umfeld, der Entwicklung des damaligen Frankreichs über Jahrhunderte nachgegangen. Wir lernen Marie Aymard und ihren Mann Louis Ferrand und die 83 Unterzeichner des Ehevertrages ihrer Tochter Francoise kennen. Alles ausgehend von dem Ort Angouleme im westfranzösischen Départements Charente in der Region Nouvelle-Aquitaine. Mir war diese Stadt vorher nicht bekannt, aber nach der Lektüre dieses Buches kann ich mir wirklich ein Bild über die Entwicklung dieser Stadt und ihren Bewohnern machen. Es ist ein Sachbuch und trotzdem war es für mich wie eine lebendige Geschichte über die Menschen und ihren Lebensweg. Die Autorin hat in einem wahnsinnigen Arbeitsaufwand, die Geschichten der einzelnen Personen anhand von vorhandenen Steuerbescheiden, Briefen, Listen, Verträgen, Kircheneinträge usw. in den verschiedenensten Archiven nachvollzogen. Es ist beeindruckend zu erfahren, welchen Mengen an Informationen man dort noch über diese vergangenen Zeiten finden kann. Mit Hilfe der verschiedensten Aufzeichnungen kann man einigermaßen die Lebensumstände der Protagonisten nachvollziehen. Ich war beeindruckt über die Vielzahl an Auflistungen, die es überhaupt gibt. Eheverträge und Kaufverträge.. man denkt, es sind einfach nur begrenzt wichtige Informationen, aber man kann mit ihrer Hilfe vieles nachvollziehen. Wer wen wann und wo geheiratet hat, welches Vermögen vorhanden war, welche Personen im Umfeld wohnten und Kontakte untereinander hatten. Emma Rothschild hat hier sehr genau gearbeitet und diese vielen verschiedenen Informationen zu einem Ganzen zusammengefügt. Man erlebt die privaten Lebensläufe, aber dadurch natürlich auch die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklung der Menschen und der ganzen Region mit. Die Spuren sind sogar über die ganze Welt verteilt, denn die Menschen reisten schon damals aus den verschiedenensten Gründen durch die Welt. Auch daran lässt sich einiges erklären. Mir haben diese Lebensgeschichten sehr gut gefallen. Ich war über viele Dinge überrascht - mit der vielen Reisetätigkeit hätte ich z. B nie gerechnet. Oder auch die feministische Ausrichtung der Erbfolge, bei einigen der unverheirateten Frauen der Familie. Es ist spannend den Spuren der Personen und ihren Nachkommen über die Jahrhunderte zu folgen. Sehr hilfreich ist dabei natürlich der Stammbaum im Anhang. Außerdem werden auch im Anhang alle 83 Signatare des Ehevertrages nochmals genannt und einige Daten dazu gegeben. Das habe ich öfter beim Lesen genutzt. Es ist kein Buch fürs Lesen zwischendurch. Man braucht schon Zeit und Ruhe, damit man das Gelesene auch nachvollziehen kann. Denn es kommen ja sehr viele Namen und Begebenheiten vor. Aber für mich war das Buch eine sehr interessante Informationsquelle, um das Leben von normalen Bürgern durch die Jahrhunderte zu erleben. Denn hier wurden normale Menschen wie du und ich porträtiert und nicht Könige und Kaiser. Das finde ich mal besonders gut, denn hier erlebt man die Höhen und Tiefen, nicht nur der einzelnen Menschen, sondern auch eines ganzen Landes. Wie ging es den Menschen damals? Wie erlebten sie persönlich die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen? All diese Fragen werden hier an dem Beispielen der Protagonisten erzählt. Es ist spannend und man bekommt eine besondere Sicht auf die Geschichte... die Geschichte der Menschen und der Geschichte eines Landes. Für mich war es eine sehr unterhaltsame und lehrreiche Lektüre.
Emma Rothschild
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Eine Hochzeit in der Provinz
An Infinite History: The Story of a Family in France over Three Centuries (English Edition)
Neue Rezensionen zu Emma Rothschild
Eine Hochzeit in der Provinz
Von Emma Rothschild
Das Buch ist kein Roman und sicher auch kein Buch zum schnell Lesen.
Ausgangspunkt des Buches ist ein Ehevertrag mit 83 Unterschriften. Was sehr viele Unterschriften sind auch in der damaligen Zeit etwas Ungewöhnliches. Die Autorin begibt sich auf die Spuren der Familie Aymard, deren offizielle Gründung sich mit der Eheschließung im Jahre 1764 datiert. Der Heiratsvertrag, wurde in der französischen Stadt Angoulême unterschrieben.
Diese Menschen die den Heiratsvertrag Unterschrieben haben werden über Generationen begleitet und ihr Leben verknüpft mit den Ereignissen der Zeitgeschichte dargestellt.
Von mir gibt es 4 von 5 Sterne
Rothschild ist Wirtschaftshistorikerin und hat ein Buch über eine französische Familie geschrieben. 1995 besuchte sie den Ort das erste Mal; 2021 ist das Buch in England erschienen und liegt nun in einer deutschen Übersetzung vor. Rothschild verfolgt die Familie vom 18. bis ins 20. Jahrhundert und erwähnt auch weitere Bewohner des Ortes Angouleme.
Ausgangspunkt ist ein Ehevertrag mit 83 Unterschriften. Das weckte wohl die Neugier der Autorin; immerhin handelt es sich nur um einen kleinen Ort in der Provinz. Es kann aber auch der Erzbischof gewesen sein, der in der 5. Generation als Einziger aus der Familie weltweite Bekanntheit erlangte.
Der schöne Einband und neugierig machende Titel sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um ein Sachbuch mit detaillierten Beschreibungen der recherchierten Verhältnisse der einzelnen Personen handelt. Das ist manchmal sehr gut zu lesen aber auch häufig anstrengend, wenn alle 'Umstände' der Personen zum Teil wieder und wieder erwähnt werden. Als Nichtakademikerin habe ich jetzt Hochachtung vor Wirtschaftshistorikern. Das Buch ist in mehrfacher Hinsicht hochinteressant: ich wusste zuvor nicht, dass völlig normale Menschen zu dieser Zeit rege Reisetätigkeiten in die Kolonien hatten und dort auch mehrere Jahre lebten und arbeiteten. Zudem kannte ich den Reichtum der Kirche in Frankreich nicht und war überrascht, wie viele derer Grundstücke nach der Revolution bei den Bürgern landeten. Als Hobby Ahnenforscherin bin ich ein bisschen neidisch darauf, welche Quellen die Autorin beiziehen konnte und was sie alles zu Tage gefördert hat. Schön finde ich, dass die Abbildung des 'auslösenden' Dokuments, ein Lageplan und ein Stammbaum das Buch ergänzen. Ich habe trotzdem den Überblick über die vielen Personen verloren. Der umfangreiche Anhang mit Quellenangaben ist für Geschichtswissenschaftler bestimmt interessant und lässt eine deutliche Vertiefung der Inhalte zu.
Ich werde dieses Buch behalten und es in einigen Jahren zu Rate ziehen, wenn ich die Ergebnisse meiner Ahnenforschung zu Papier bringen möchte. Ich stelle fest, wie wichtig das exakte Zitieren von Quellen ist und wie interessant Abweichungen sein können. Vielleicht komme ich dann Dank Rothschild auch auf die Shortlist des Cundill History Prize :)
Für Menschen mit Interesse an Geschichte, Frankreich und/oder Ahnenforschung kann ich dieses Buch empfehlen. Ich habe wirklich etwas dazu gelernt. Von mir gibt es 4 Sterne für das Sachbuch.
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