Er Li

 4.2 Sterne bei 6 Bewertungen

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Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt

Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt

 (3)
Erschienen am 01.10.2009
Koloratur

Koloratur

 (3)
Erschienen am 01.08.2009

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Rezension zu "Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt" von Er Li

Die Welt der Dorfvorsteherin Kong Fanhua steht Kopf
Lesemanievor 4 Jahren

„Die Welt ist verkehrt, ja verkehrt ist die Welt. / Der Granatapfelbaum trägt Kirschen. / Das Häschen hockt friedlich beim Hunde und bellt, / Das Mäuschen die Katze im Maule hält.“ Als Doudou, die kleine Tochter der Dorfvorsteherin Kong Fanhua diesen Kinderreim vor sich hin singt und die Mutter ihr dabei zuhört, ahnt Fanhua noch nicht, dass in den kommenden Tagen und Wochen ihre Welt tatsächlich gehörig auf den Kopf gestellt wird. Es stehen nämlich Wahlen an, doch eigentlich macht Fanhua sich darüber keine allzugroßen Sorgen, denn ihr fällt kein Grund ein, aus dem sie nicht wiedergewählt werden sollte. Plötzlich muss sie jedoch erfahren, dass Xuedai, eine der Bäuerinnen aus ihrem Dorf schwanger ist – und sie hat bereits zwei Kinder (noch dazu Töchter!). Das stellt den Geburtenplan des Dorfes gehörig auf den Kopf, und ein Rüffel diesbezüglich von höherer Stelle aus der Partei könnte Fanhua ihre Wiederwahl kosten. Gemeinsam mit den Mitgliedern des Vorstandskomitees, macht sich Fanhua daran, Xuedai von einer Abtreibung zu überzeugen, doch weder Versprechungen noch Drohungen zeigen Erfolg. Damit nicht genug, wissen auch auf einmal eine Menge Leute an höherer Stelle von dem Problem und machen Fanhua Druck. Zu allem Überfluss zeichnet sich dann auch noch ab, dass ihre Wiederwahl nicht nur durch Xuedais Bauch in Frage gestellt wird – es scheint ganz so, als strebten gleich mehrerer ihrer Komitee-Mitglieder nach höheren Aufgaben und würden bei der kommenden Wahl gegen sie antreten.

Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt ist noch viel mehr als die Geschichte einer Dorfvorsteherin, die sich auf die kommende Wahl vorbereitet. Es ist nämlich ein erstaunlich offener und kritischer Blick auf das gegenwärtige ländliche China, und das allgegenwärtige Thema der Geburtenkontrolle macht das Buch in meinen Augen zu schwerem Tobak. In diesem Falle steht Abtreibung nicht für die Selbstbestimmung der Frauen, sondern ist ein politisches Werkzeug. Familienplanung ist ein Staatsakt, und wer sich nicht an die vorgegebenen Zahlen hält, schadet nicht nur seiner Familie wegen hoher Strafzahlungen, sondern dem Dorf, dem Landkreis, dem ganzen Land: „Die Familienplanung ist nicht nur eine Frage des Unterleibs, sie steht ebenso in Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage unseres Landes und dem Lebensstandard der Bevölkerung. Sie ist für das Versiegen der Ressourcen, für die Erderwärmung und eine ganze Reihe anderer Probleme von großer Bedeutung.“

Wie es mit Fanhuas politischer Karriere weitergeht, verliert anhand solcher Aussprüche beinahe an Bedeutung, besonders weil Li Er nicht nur sehr offen über Chinas Familienplanung (und die Abneigung gegen Töchter) spricht, sondern auch, ganz nebenbei, sehr viele Gelegenheiten wahrnimmt, um auf Korruption und Selbstbereicherung innerhalb der Partei hinzuweisen. Hier scheint er kurzzeitig den Faden der Geschichte verloren zu haben, doch bald schon nimmt er ihn wieder auf und schlägt einen gekonnten Bogen zu Fanhuas Wahlkampf und der Wahl selbst, deren Ausgang dann einen noch tieferen Blick in das chinesische Landleben zulässt.

Der Erzählstil ist zunächst gewöhnungsbedürftig - ungewohnte Namen und lange Dialoge über Alltagsdinge benötigen ein wenig Zeit. Wer sich jedoch hineingefunden hat, wird mit einem hochinteressanten Einblick in das chinesische Dorfleben belohnt, mit einer gesellschaftskritischen Geschichte, die teilweise parabelhafte Stellen aufweist.

Diese Rezension wurde auch auf lesemanie.com veröffentlicht.

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Rezension zu "Koloratur" von Er Li

Rezension zu "Koloratur" von Er Li
Ein LovelyBooks-Nutzervor 9 Jahren

Der Tagesspiegel lässt auf dem Buchumschlag verlauten: „Li Er gilt als vielversprechender Kandidat für den Literaturnobelpreis.“ Der chinesische Schriftsteller, der im Gastjahr 2009 auch auf der Frankfurter Buchmesse anzutreffen war, erzählt im 440-seitigen Hardcoverroman „Koloratur“, der im August 2009 bei Klett-Cotta erschien, die Geschichte des Helden Ge Ren – und zwar gleich drei Male, und das in einer Mischung aus Protokoll und Erzählung.

Zunächst berichtet der Arzt Bai Shengtao im März 1943 von Ge Ren, als nächstes der Straftäter Aqing im Mai 1970 der Untersuchungskommission, und zuletzt erzählt Fan Jihuai im Juni 2000 von Ge Ren.

Kritik:

Ge Ren ist ein Held – oder auch nicht, denn die Geschichten, die man in „Koloratur“ von ihm lesen kann, sind widersprüchlicher Natur. In der einen ist Ge Ren ein noch lebender Volksheld, der in den Untergrund geflohen ist, in der nächsten ein toter Volksheld, der sein Leben für die Ideologie gab, und schließlich ist Ge Ren – vielleicht – einfach nur ein Deserteur, ob nun noch lebend oder tot. Genau weiß und erfährt man es nicht, auch wenn sich verschiedene Stationen im Leben des Ge Ren und in den Aussagen der verschiedenen Leute wiederholen und identisch sind. In den entscheidenden Punkten kommt es dann jedoch zu Variationen, für die letztlich auch relevant ist, wie die einzelnen Erzähler zu Ge Ren standen oder stehen, ob sie ihn persönlich kannten oder Freunde von ihm, wie ihre eigene politische Einstellung ist und welche ihrer Ansicht nach Ge Ren hatte. Und können sie vielleicht einen bestimmten Standpunkt oder eine bestimmte Ansicht vertreten, indem sie Ge Ren auf eine bestimmte Art und Weise darstellen?
All diese Details, die prägend sind für die Einschätzung und Berichterstattung der einzelnen Erzähler, sorgen dafür, dass es keine eindeutige Wahrheit gibt, sondern mehrere. Es ist nicht klar abzugrenzen, wo Fakten beschrieben werden und wo Fiktion.

Mit „Koloratur“ ist Li Er sicherlich ein spannendes Experiment gelungen, doch es ist auch eines, das sich zumindest westliche Leser hart erarbeiten müssen. Ohne adäquate Kenntnisse der chinesischen Geschichte ab den Dreißiger Jahren ist das Buch kaum einzuordnen und teils unverständlich, und selbst mit diesen gilt es, einiges selbst zu ergänzen. Da die einzelnen Erzähler und ihre Zuhörer natürlich in dem, was sie erzählen, „mittendrin“ sind, sind entsprechend breiter gefächerte Erläuterungen selten, wären aber ungemein hilfreich gewesen.

„Koloratur“ ist also vor allem für Kenner der chinesischen Geschichte von Interesse, wirft darüber hinaus jedoch einige interessante Fragen auf: Was ist Wahrheit? Wie wird sie definiert oder festgelegt, und wie findet sie sich in der Geschichtsschreibung wieder? Wie diskrepant sind Geschichtsgeschehen und Geschichtsschreibung? Gerade die landesübergreifenden Fragen sind es, über die es sich nachzudenken lohnt. Nicht umsonst heißt es: „Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben.“ – und Koloratur bedeutet übrigens auch: „schöne Worte machen, etwas schönreden“.

Für mich persönlich als Fazit: Interessantes Buchprojekt, war mir aber zu kompliziert.

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