Eine mögliche Erklärung für Griechenlands Pleite?
Kästner prangert unsere Oberflächlichkeit an, denn wir lassen uns von „bunten Programmen und vom Klugschwatz“ berieseln, die er als Dummglücklichmacher der Neuzeit bezeichnet. Und da wir uns mit nichts mehr auseinandersetzen, führen immer mehr Menschen nur noch ein Scheinleben, das er wie folgt beschreibt: Wir sind „allesamt Angestrengte, doch sinnlos. Allesamt Arbeiter, doch fruchtlos.“ Wir leben immer schneller, höher, weiter und verschwenden so unser Leben, nur um herauszufinden, was es heißt zu leben. Die Griechen sind da wohl anders gestrickt, sie brauchen nämlich keine Ablenkung, weil sie mit sich im Reinen sind. Immer wieder betont er seine Liebe zu den Griechen und ihrem Land. Er bewundert und verehrt die Griechen, denn sie sind für ihn weise, weil sie ihre Kraft aus der Ruhe und der Natur schöpfen und keine bunte Erlebniswelt zu ihrer Ablenkung brauchen. Das Buch wurde 1973 veröffentlicht. Heute, vierzig Jahre später, ist Griechenland pleite. Was würde Kästner wohl dazu sagen, wenn er noch leben würde? Es ist interessant, diese Hommage an die Griechen hinsichtlich des kürzlich erlittenen Herzinfarktes des Landes zu betrachten.
Zu Recht befürchtet Kästner, dass die alte Weisheit, das Stille stärker ist als Lärm, bald nicht mehr zutreffen wird. Unsere laute und schnelle Gesellschaft überrollt die Stille gnadenlos, sodass niemand mehr in der Lage ist, Stille zu hören, so wie Kästner sie einst zu hören und zu beschreiben vermochte: „Grillen-Gezirp, dieser geniale Einfall der Stille, sich hörbar zu machen.“
Vielmehr sind wir - die laute Gesellschaft - Sklaven unserer Dinge und verbrauchen die Welt wie Ware. Früher richtete sich die Herstellung von Dingen nach dem Verbrauch. Damals haben wir die Dinge zwar versklavt, aber nur wenig Abfall produziert. In der Neuzeit stellen wir viele verschiedene Dinge ohne konkreten Bedarf her und hoffen, dass sie verbraucht werden. Da wir aber viel mehr herstellen, als wir überhaupt verbrauchen können, produzieren wie natürlich viel mehr Müll. Und mit diesem Verhalten machen wir uns zu den Sklaven der Dinge, die Dinge versklaven uns und wenn man den Fehler begeht und zu lange lebt, wird einem das schmerzlich bewusst, so Kästner.
Seine Erkenntnisse, die mir manchmal etwas desillusioniert und depressiv erscheinen, schildert und untermauert er durch Geschichten um verschiedene Kirchen, Moscheen und Museen quer durch das ehemalige byzantinische Reich. Wobei er den Konflikt zwischen den Türken und den Griechen natürlich nicht außer Acht lässt. So erfährt der geneigte Leser unter anderem viel über die Hagia Sophia des alten Konstantinopel, dem heutigen - leider – Istanbul.
Trotz aller Philosophie sind Kästners „Byzantinische Aufzeichnungen“ gut zu lesen und enthalten einige wirkungsvolle Vergleiche, die das literarische Herz mancher Autoren wahrscheinlich höher schlagen lassen.
Ein altes Buch, das viele Wahrheiten und kluge Ansichten enthält und durch den wirtschaftlichen Kollaps in Griechenland an neuer Bedeutung gewinnt.







