Erich Fromm

 4,2 Sterne bei 623 Bewertungen
Autor*in von Die Kunst des Liebens, Haben oder Sein und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Erich Fromm

Erich Fromm, geboren 1900 in Frankfurt am Main, Psychoanalytiker, wurde von Max Horkheimer an das Institut für Sozialforschung nach Frankfurt berufen. 1934 emigierte er und lehrte in Chicago, New York und Cuernavaca, Mexiko. Er starb 1980 in der Nähe von Locarno im Tessin.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Erich Fromm

Cover des Buches Die Kunst des Liebens (ISBN: 9783548377513)

Die Kunst des Liebens

 (257)
Erschienen am 17.11.2017
Cover des Buches Haben oder Sein (ISBN: 9783423195195)

Haben oder Sein

 (133)
Erschienen am 21.06.2011
Cover des Buches Die Furcht vor der Freiheit (ISBN: 9783423350242)

Die Furcht vor der Freiheit

 (16)
Erschienen am 01.03.1993
Cover des Buches Die Seele des Menschen (ISBN: 9783423348805)

Die Seele des Menschen

 (16)
Erschienen am 18.03.2016
Cover des Buches Vom Haben zum Sein (ISBN: 9783548367750)

Vom Haben zum Sein

 (13)
Erschienen am 12.04.2005
Cover des Buches Authentisch leben (ISBN: 9783451069680)

Authentisch leben

 (12)
Erschienen am 17.11.2017
Cover des Buches Den Menschen verstehen (ISBN: 9783423349284)

Den Menschen verstehen

 (10)
Erschienen am 08.09.2017
Cover des Buches Die Pathologie der Normalität (ISBN: 9783548367781)

Die Pathologie der Normalität

 (9)
Erschienen am 12.04.2005

Neue Rezensionen zu Erich Fromm

Cover des Buches Über den Ungehorsam und andere Essays (ISBN: 9783423350129)
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Rezension zu "Über den Ungehorsam und andere Essays" von Erich Fromm

Ungehorsam macht den Menschen zum Menschen
Vera-Seidlvor 2 Monaten

Den Esseyband "Über den Ungehorsam" verfasste Erich Fromm kurz vor seinem Tod im Jahr 1980. Er enthält viele Einsichten, die ich aus seinen Büchern "Die Furcht vor der Freiheit" (1941), "Die Kunst des Liebens" (1956) und "Haben oder Sein" (1976) schon kannte.

 

So wusste ich bereits, welche Bedeutung der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe dem Ungehorsam von Adam und Eva beimisst: "Die Erbsünde hat den Menschen keineswegs verdorben, sondern setzte ihn frei; sie war der Anfang der Geschichte. Der Mensch musste den Garten Eden verlassen, um zu lernen, sich auf die eigenen Kräfte zu verlassen und ganz Mensch zu werden."

 

Das zweite Kapitel trägt die Überschrift "Die Anwendung der humanistischen Psychoanalyse auf die marxistische Theorie".  Fromm schreibt selbst, dass es neben ihm kaum jemanden gegeben habe, der versucht hätte, die revidierte Psychoanalyse auf das Problem des Marxismus und Sozialismus anzuwenden. "- Unter den anderen Autoren, die in ihren Schriften von einem psychoanalytisch-marxistischen Standpunkt ausgehen, ist Wilhelm Reich der bedeutendste, auch wenn seine Theorien und meine eigenen wenig Gemeinsames haben. Sartres Versuche eine marxistisch orientierte humanistische Analyse zu entwickeln, leiden darunter, daß er zu wenig klinische Erfahrung besitzt und deshalb trotz seiner glänzenden Formulierungen mit der Psychologie nur sehr oberflächlich umgeht."

 

Aus "Haben oder Sein" habe ich gelernt, dass es zwei Arten des Wissens gibt. Jemand kann sich Wissen aneignen, um damit zu brillieren oder er kann das Wissen anwenden. Sei es Karl Marx, Friedrich Engels, Rosa Luxemburg, Adam Smith, Sigmund Freud, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, um nur einige Größen aus dem zweiten zu Essey zu nennen, Fromm kennt sie nicht nur, er ist in ihr Mark vorgedrungen.

 

Laut schlug mein Herz im dritten Kapitel, "Propheten und Priester". "Zweifellos war die Kenntnis der großen Ideen der Menscheit noch nie so weit auf der Welt verbreitet wie heute. Noch nie war aber auch ihre Wirkung so gering." Die Diskrepanz erklärt Fromm damit, dass die Ideen nur gelehrt, aber nicht gelebt werden. "Viele Völker hatten Propheten: Buddha verwirklichte seine Lehre, in Christus ist sie Fleisch geworden, Sokrates starb für seine Ideen und auch Spinoza hat sie gelebt."

 

Die Priester würden die Ideen verwalten, womit sie auf Formeln reduziert würden. "Während selbst ein Kind merken könnte, daß sie genau das Gegenteil ihrer Lehre leben, unterzieht man die große Masse des Volkes einer so gründlichen Gehirnwäsche, daß sie schließlich glaubt, die Priester brächten ein Opfer, wenn sie im Luxus lebten, weil sie eine große Idee zu repräsentieren hatten, ja selbst ihr unbarmherziges Töten geschähe aus ihrem revolutionären Glauben heraus."

Muss ich an dieser Stelle wirklich noch ergänzen, dass es in der Gegenwart mehr wirtschaftliche und politische Priester gibt als religiöse?

 

"Zum Problem einer umfassenden philosophischen Anthropologie", heißt das vierte Essey. Darin zeigt er, wie die humanistische Philosophie in den verschiedenen Kulturepochen zum Ausdruck kam. Fromm beginnt mit dem buddhistischen Humanismus und endet mit dem von Karl Marx.

 

Erstaunt hat mich, dass sich Erich Pinchas Fromm, der ursprünglich Rabbiner werden wollte, 

am Ende seines Lebens als Sozialist sah und mit einer atheistischen Mystik sympathisierte, die er unter anderem im Zen-Buddhismus zu finden glaubte.

 

Fromm beschließt das vierte Kapitel folgerichtig mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche: "Gott ist tot." Auch der Mensch liege im Sterben. Geistig Tote können nicht mehr ungehorsam sein, meine ich.

 

Unter der Überschrift "Den Vorrang hat der Mensch" entlarvt Fromm den Sozialismus seiner Zeit als eine Form des Kapitalismus. Im darauf folgenden Kapitel entwirft er ein Programm für einen humanistischen Sozialismus. 

Hier musste ich weinen, weil wir uns 42 Jahre später so extrem weit davon entfernt haben.

 

Unter "Psychologische Aspekte zur Frage eines garantierten Einkommens" fand ich folgende Aussage: "Man kann nachweisen, daß die Gier des homo consumens sich hauptsächlich auf den individuellen Konsum von Dingen bezieht, die er ißt (sich einverleibt), während die Benutzung kostenloser öffentlicher Einrichtungen, die dem einzelnen die Möglichkeit bieten, sich seines Lebens zu freuen, keine Gier und Unersättlichkeit erzeugt."

 

In den letzten beiden Kapiteln seines Buches beschäftigt sich der Autor mit dem Frieden. Sie heißen: "Gründe für eine einseitige Absrüstung" und "Zur Theorie und Strategie des Friedens". Darin ist zu lesen: "Wenn wir weiterhin in dieser Angst vor unserer Vernichtung leben und die Massenvernichtung anderer Menschen planen, werden wir die letzte Chance vertun, die humanistisch-geistige Tradition wiederaufleben zu lassen."

 

Insgesamt ist das Buch "Über den Ungehorsam" sehr lesenswert! 

Jedoch nicht in dieser Ausgabe. Das Büchlein ist zwar handlich, aber die Schrift extrem klein. Auch die Bindung lässt zu wünschen übrig. Die Seiten lösen sich.

 

Vera Seidl

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Cover des Buches Haben oder Sein (ISBN: 9783423195195)
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Rezension zu "Haben oder Sein" von Erich Fromm

Der Weg aus dem Kapitalismus in die Freiheit
Vera-Seidlvor 3 Monaten

Nach "Die Kunst des Liebens" und "Die Furcht vor der Freiheit" habe ich nun Erich Fromms Werk "Haben oder Sein" zum dritten Mal in meinem Leben gelesen. Der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe lässt mich nicht mehr los. Besonders hat es mir seine Kapitalismuskritik angetan:

 

"Der Kapitalismus des 18. Jahrhunderts machte schrittweise einen radikalen Wandel durch: Das wirtschaftliche Verhalten wurde von der Ethik und den menschlichen Werten abgetrennt. Der Witschaftsmechanismus wurde als autonomes Ganzes angesehen, das unabhängig von den menschlichen Bedürfnissen und dem menschlichen Willen ist - ein System, das sich aus eigener Kraft und nach eigenen Gesetzen in Gang hält ... Die Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems?"

 

Das Wort Privateigentum komme vom latainischen privare, habe ich erfahren, was rauben bedeutet und nicht ohne Gewalt möglich ist.

Das betrifft auch die Natur, die die kapitalistische Gesellschaft ebenso verachte, wie alles, was nicht von Maschinen hergestellt worden ist.

 

Wie sehr sich das Haben in unsere Köpfe eingeschlichen hat, zeige sich auch am Wandel der Sprache. Der Schwerpunkt liege nicht mehr auf den Verben, sondern auf den Substantiven. Sogar einen Namen HABEN wir, der eine Unvergänglichkeit vortäusche.

Vom Haben durchdrungen sei auch das Lernen, das Erinnern, das Lesen, das Wissen, der Glaube und das Lieben.

 

Das Sein sei dagegen Tätigsein, womit nicht Geschäftigsein gemeint sei, sondern nicht entfremdete Aktivität. Fromm spricht hier vom "produktiven Tätigsein", während er im Buch "Die Kunst des Liebens" vom "spontanen Tätigsein" spricht. 

Letzteres gefällt mir besser, weil nicht das Produkt entscheidend ist, sondern der Prozess. 

Ich habe daran gedacht, wie Kinder aus Bauklötzen einen Turm bauen, dessen Bestand ihnen aber nicht wichtig ist.

 

Im Kapitel "Sein als Wirklichkeit" unterscheidet der Autor das Sein vom Schein, indem er auf die Verdrängungen aufmerksam macht. "Wir wissen fast alles Wesentliche über das menschliche Verhalten, so wie unsere Vorfahren erstaunlich viel über die Bahnen der Gestirne wußten. Doch während sie sich ihres Wissens bewußt waren und es anwandten, verdrängen wir unser Wissen sofort, denn wenn es bewußt bliebe, würde unser Leben zu schwierig werden und - so reden wir uns ein - zu 'gefährlich' sein."

 

So viel für das Sein spricht, beide Tendenzen, das Haben und das Sein, seien im Menschen veranlagt: "die eine, zu haben, zu besitzen, eine Kraft, die letzlich ihre Stärke dem biologisch gegebenen Wunsch nach Überleben verdankt; die andere, zu sein, die Bereitschaft, zu teilen, zu geben und zu opfern, die ihre Stärke den spezifischen Bedingungen der menschlichen Existenz verdankt, speziell in dem eingeborenen Bedürfnis, durch Einssein mit anderen die eigene Isolierung zu überwinden."

 

Aufgehorcht habe ich, als Fromm die Möglichkeit zu sein einschränkte: "Dies gilt für normale Lebensumstände und natürlich nicht für extreme Situationen wie Krankheiten mit unerträglichen Schmerzen, Folter oder andere Fälle, in denen die meisten Menschen ihrer Fähigkeit zu sein beraubt sind."

 

"Über den Ungehorsam" lautet der Titel eines der Bücher Erich Fromms. Für den Analytiker ist der Ungehorsam keine Sünde, sondern die Aufrechterhaltung der Distanz. "'Sie machten sich einen Schurz' (Gen 3,7) und versuchten auf diese Weise, die volle menschliche Begegnung zu vermeiden, die Nacktheit, in der sie einander sehen. Aber weder Scham noch Schuld lassen sich beseitigen, indem man sie verbirgt. Sie suchten nicht, sich in Liebe zu nähern; ... Daß sie einander nicht lieben, geht aus ihrer gegenseitigen Einstellung hervor: Eva versucht nicht, Adam zu beschützen, und Adam will der Bestrafung entgehen, indem er Eva als die Schuldige bezichtigt, statt sie zu verteidigen."

 

Über die bedingungslose, mütterliche Liebe spricht der Autor ausführlich in "Die Kunst des Liebens". Im Buch "Haben oder Sein" macht er auf eine "neue geheime Religion - die Religion des Industriezeitalters -" aufmerksam. Sie sei eine rein patriachalische Form des Christentums, die durch die Verdrängung der Jungfrau Maria in der Reformationszeit möglich wurde.

 

Im dritten Teil des Buches "Der neue Mensch und die neue Gesellschaft" beneidete ich Fromm um seine Hoffnungen. Folgen konnte ich ihm, als er mir noch einmal die Lehre des Buddhas ins Gedächtnis rief: "Ich bin überzeugt, daß sich der menschliche Charakter in der Tat ändern kann, wenn die folgenden Voraussetzungen gegeben sind:

- Wir leiden und sind uns dessen bewußt.

- Wir haben die Ursache unseres Leides (ill-being) erkannt.

- Wir sehen eine Möglichkeit, unser Leiden zu überwinden.

- Wir sehen ein, dass wir uns bestimmte Verhaltensnormen zu eigen machen und unsere gegenwärtige Lebenspraxis ändern müssen, um unser Leiden zu überwinden."

 

Schon am ersten Punkt scheitern die Menschen des 21. Jahrhunderts, meine ich. Die absolute Vorherrschaft hat der "Marketing-Charakter" übernommen. "Ich habe die Bezeichnung 'Marketing-Charkater' gewählt, weil der einzelne sich selbst als Ware und den eigenen Wert nicht als 'Gebrauchswert', sondern als 'Tauschwert' erlebt." "Der Bürokrat fürchtet persönliche Verantwortung und sucht hinter seinen Vorschriften Zuflucht. Was ihm Sicherheit und Stolz gibt, ist seine Loyalität gegenüber den Gesetzen, nicht seine Loyalität gegenüber den Geboten der Menschlichkeit ... Die bürokratische Einstellung ist nicht nur Verwaltungsbediensteten verbreitet - sie ist auch unter Ärzten, Schwestern, Lehrern und Professoren zu finden, sowie unter Ehemännern und Eltern gegenüber ihren Frauen bzw. Kindern."

 

"Warum ist das Buch noch keine Pflichtlektüre in den Schulen?", hatte ich in meiner Rezension zu "Die Kunst des Liebens" gefragt. Leider kenne ich inzwischen die Antwort.  Fromms Werke entsprechen nicht dem Diktat des Kapitalismus, sondern ermöglichen wahre Freiheit.

 

Meister Eckhart definierte das so: "Selig sind die geistlich Armen; denn ihrer ist das Reich der Himmel ... Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat.

 

Ich verneige mich vor der Seele von Erich Fromm und danke ihm herzlich für die Bereicherung meines Lebens.

 

Vera Seidl

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Cover des Buches Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft: To Have Or to Be? (ISBN: B00R7Q3YX0)
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Rezension zu "Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft: To Have Or to Be?" von Erich Fromm

Der Weg aus dem Kapitalismus in die Freiheit
Vera-Seidlvor 3 Monaten

Nach "Die Kunst des Liebens" und "Die Furcht vor der Freiheit" habe ich nun Erich Fromms Werk "Haben oder Sein" zum dritten Mal in meinem Leben gelesen. Der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe lässt mich nicht mehr los. Besonders hat es mir seine Kapitalismuskritik angetan:

 

"Der Kapitalismus des 18. Jahrhunderts machte schrittweise einen radikalen Wandel durch: Das wirtschaftliche Verhalten wurde von der Ethik und den menschlichen Werten abgetrennt. Der Witschaftsmechanismus wurde als autonomes Ganzes angesehen, das unabhängig von den menschlichen Bedürfnissen und dem menschlichen Willen ist - ein System, das sich aus eigener Kraft und nach eigenen Gesetzen in Gang hält ... Die Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems?"

 

Das Wort Privateigentum komme vom latainischen privare, habe ich erfahren, was rauben bedeutet und nicht ohne Gewalt möglich ist.

Das betrifft auch die Natur, die die kapitalistische Gesellschaft ebenso verachte, wie alles, was nicht von Maschinen hergestellt worden ist.

 

Wie sehr sich das Haben in unsere Köpfe eingeschlichen hat, zeige sich auch am Wandel der Sprache. Der Schwerpunkt liege nicht mehr auf den Verben, sondern auf den Substantiven. Sogar einen Namen HABEN wir, der eine Unvergänglichkeit vortäusche.

Vom Haben durchdrungen sei auch das Lernen, das Erinnern, das Lesen, das Wissen, der Glaube und das Lieben.

 

Das Sein sei dagegen Tätigsein, womit nicht Geschäftigsein gemeint sei, sondern nicht entfremdete Aktivität. Fromm spricht hier vom "produktiven Tätigsein", während er im Buch "Die Kunst des Liebens" vom "spontanen Tätigsein" spricht. 

Letzteres gefällt mir besser, weil nicht das Produkt entscheidend ist, sondern der Prozess. 

Ich habe daran gedacht, wie Kinder aus Bauklötzen einen Turm bauen, dessen Bestand ihnen aber nicht wichtig ist.

 

Im Kapitel "Sein als Wirklichkeit" unterscheidet der Autor das Sein vom Schein, indem er auf die Verdrängungen aufmerksam macht. "Wir wissen fast alles Wesentliche über das menschliche Verhalten, so wie unsere Vorfahren erstaunlich viel über die Bahnen der Gestirne wußten. Doch während sie sich ihres Wissens bewußt waren und es anwandten, verdrängen wir unser Wissen sofort, denn wenn es bewußt bliebe, würde unser Leben zu schwierig werden und - so reden wir uns ein - zu 'gefährlich' sein."

 

So viel für das Sein spricht, beide Tendenzen, das Haben und das Sein, seien im Menschen veranlagt: "die eine, zu haben, zu besitzen, eine Kraft, die letzlich ihre Stärke dem biologisch gegebenen Wunsch nach Überleben verdankt; die andere, zu sein, die Bereitschaft, zu teilen, zu geben und zu opfern, die ihre Stärke den spezifischen Bedingungen der menschlichen Existenz verdankt, speziell in dem eingeborenen Bedürfnis, durch Einssein mit anderen die eigene Isolierung zu überwinden."

 

Aufgehorcht habe ich, als Fromm die Möglichkeit zu sein einschränkte: "Dies gilt für normale Lebensumstände und natürlich nicht für extreme Situationen wie Krankheiten mit unerträglichen Schmerzen, Folter oder andere Fälle, in denen die meisten Menschen ihrer Fähigkeit zu sein beraubt sind."

 

"Über den Ungehorsam" lautet der Titel eines der Bücher Erich Fromms. Für den Analytiker ist der Ungehorsam keine Sünde, sondern die Aufrechterhaltung der Distanz. "'Sie machten sich einen Schurz' (Gen 3,7) und versuchten auf diese Weise, die volle menschliche Begegnung zu vermeiden, die Nacktheit, in der sie einander sehen. Aber weder Scham noch Schuld lassen sich beseitigen, indem man sie verbirgt. Sie suchten nicht, sich in Liebe zu nähern; ... Daß sie einander nicht lieben, geht aus ihrer gegenseitigen Einstellung hervor: Eva versucht nicht, Adam zu beschützen, und Adam will der Bestrafung entgehen, indem er Eva als die Schuldige bezichtigt, statt sie zu verteidigen."

 

Über die bedingungslose, mütterliche Liebe spricht der Autor ausführlich in "Die Kunst des Liebens". Im Buch "Haben oder Sein" macht er auf eine "neue geheime Religion - die Religion des Industriezeitalters -" aufmerksam. Sie sei eine rein patriachalische Form des Christentums, die durch die Verdrängung der Jungfrau Maria in der Reformationszeit möglich wurde.

 

Im dritten Teil des Buches "Der neue Mensch und die neue Gesellschaft" beneidete ich Fromm um seine Hoffnungen. Folgen konnte ich ihm, als er mir noch einmal die Lehre des Buddhas ins Gedächtnis rief: "Ich bin überzeugt, daß sich der menschliche Charakter in der Tat ändern kann, wenn die folgenden Voraussetzungen gegeben sind:

- Wir leiden und sind uns dessen bewußt.

- Wir haben die Ursache unseres Leides (ill-being) erkannt.

- Wir sehen eine Möglichkeit, unser Leiden zu überwinden.

- Wir sehen ein, dass wir uns bestimmte Verhaltensnormen zu eigen machen und unsere gegenwärtige Lebenspraxis ändern müssen, um unser Leiden zu überwinden."

 

Schon am ersten Punkt scheitern die Menschen des 21. Jahrhunderts, meine ich. Die absolute Vorherrschaft hat der "Marketing-Charakter" übernommen. "Ich habe die Bezeichnung 'Marketing-Charkater' gewählt, weil der einzelne sich selbst als Ware und den eigenen Wert nicht als 'Gebrauchswert', sondern als 'Tauschwert' erlebt." "Der Bürokrat fürchtet persönliche Verantwortung und sucht hinter seinen Vorschriften Zuflucht. Was ihm Sicherheit und Stolz gibt, ist seine Loyalität gegenüber den Gesetzen, nicht seine Loyalität gegenüber den Geboten der Menschlichkeit ... Die bürokratische Einstellung ist nicht nur Verwaltungsbediensteten verbreitet - sie ist auch unter Ärzten, Schwestern, Lehrern und Professoren zu finden, sowie unter Ehemännern und Eltern gegenüber ihren Frauen bzw. Kindern."

 

"Warum ist das Buch noch keine Pflichtlektüre in den Schulen?", hatte ich in meiner Rezension zu "Die Kunst des Liebens" gefragt. Leider kenne ich inzwischen die Antwort.  Fromms Werke entsprechen nicht dem Diktat des Kapitalismus, sondern ermöglichen wahre Freiheit.

 

Meister Eckhart definierte das so: "Selig sind die geistlich Armen; denn ihrer ist das Reich der Himmel ... Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat.

 

Ich verneige mich vor der Seele von Erich Fromm und danke ihm herzlich für die Bereicherung meines Lebens.

 

Vera Seidl

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