Erich Fromm

 4,2 Sterne bei 634 Bewertungen
Autor*in von Die Kunst des Liebens, Haben oder Sein und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Erich Fromm, geboren 1900 in Frankfurt am Main, Psychoanalytiker, wurde von Max Horkheimer an das Institut für Sozialforschung nach Frankfurt berufen. 1934 emigierte er und lehrte in Chicago, New York und Cuernavaca, Mexiko. Er starb 1980 in der Nähe von Locarno im Tessin.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Erich Fromm

Cover des Buches Die Kunst des Liebens (ISBN: 9783548377513)

Die Kunst des Liebens

 (261)
Erschienen am 16.11.2017
Cover des Buches Haben oder Sein (ISBN: 9783423195195)

Haben oder Sein

 (134)
Erschienen am 21.06.2011
Cover des Buches Die Furcht vor der Freiheit (ISBN: 9783423350242)

Die Furcht vor der Freiheit

 (16)
Erschienen am 01.03.1993
Cover des Buches Die Seele des Menschen (ISBN: 9783423348805)

Die Seele des Menschen

 (16)
Erschienen am 18.03.2016
Cover des Buches Vom Haben zum Sein (ISBN: 9783548367750)

Vom Haben zum Sein

 (14)
Erschienen am 11.04.2005
Cover des Buches Authentisch leben (ISBN: 9783451069680)

Authentisch leben

 (12)
Erschienen am 17.11.2017
Cover des Buches Den Menschen verstehen (ISBN: 9783423349284)

Den Menschen verstehen

 (10)
Erschienen am 08.09.2017
Cover des Buches Die Pathologie der Normalität (ISBN: 9783548367781)

Die Pathologie der Normalität

 (9)
Erschienen am 11.04.2005

Neue Rezensionen zu Erich Fromm

Cover des Buches Die Kunst des Liebens (ISBN: 9783548377513)
Maxim_Wermkes avatar

Rezension zu "Die Kunst des Liebens" von Erich Fromm

Lob & Kritik zu Fromms Die Kunst des Liebens
Maxim_Wermkevor 8 Monaten

Fromm hat sich ein wunderschönes Gesamtkonzept zum Lieben, romantischer Liebe, zum Lernen des Liebens  und der Liebe selbst ausgedacht. Er definiert die Facetten der Liebe sinnvoll und erlaubt damit eine nähere Analyse und Diskussion des Themas. Außerdem ist sein Buch eine brillante gesellschaftliche Analyse und enthält spannende Beobachtungen zur westlichen und östlichen Logik. Weiterhin sind seine Ausführungen zu Problemen in der Kindheit, samt Beispielen zu was für Herausforderungen, Leidenschaften oder Eigenarten, das im späteren Leben führen kann, extrem hilfreich zum “Erwachsen“ werden. (Erwachsen im Sinne von: Ein glücklicher, eigenständiger und potenter Mensch oder auch ein Mensch, der zum Lieben fähig ist.)

Während viele seiner Analysen, insbesondere zu menschlichen Problemursachen und dessen symptomatischer Manifestierung, stimmen mögen, ist das Buch und seine Erklärungen unnötig komplex. Es baut auf sehr vielen wertvollen Beobachtungen auf, aber zumindest ein paar seiner Annahmen sind zwar als Logik erklärt, aber nur mit Glauben nachvollziehbar - also weil man sie glauben möchte. Sein Gesamt-Stil lässt einen wissenschaftlichen Anspruch anmuten, und seine Komplexität sowie seine Kompliziertheit machen Kritik an seinem Werk extrem schwer.

Schön und schwierig zugleich ist, dass er sich ein subjektives und menschlich höchst komplexes Thema annimmt. Beim Versuch ihn zu verstehen, habe ich viel “Wahrheit” gefunden, mich aber trotz intensiver Auseinandersetzung an einigen Stellen nicht in der Lage gesehen, seine Logik nachzuvollziehen. Ich gehe soweit und sage, es sind entweder Logikfehler enthalten oder nicht erklärte Annahmen.

Sein Konzept der Liebe ist an sich schön, kann glücklich machen und vor allem eine schöne Welt produzieren. Es hilft beim Verständnis anderer und beim eigenen persönlichen Wachstum. Doch das, was man dabei leicht vergisst, ist, dass es letztlich ein Konzept ist und bleibt und keine wissenschaftliche Arbeit, auch wenn viele seiner Schlussfolgerungen gut abgeleitet sind. 

Ich dachte zunächst, sein Kommentar Schwule können nicht wirklich lieben (nach seiner Definition!) sei auf ein falsches Verständnis von “weiblicher” und “männlicher” Energie zurückzuführen (ein anderes Konzept, das ich sehr hilfreich finde). Doch bei genauerem Hinschauen hat seine Logik an dieser Stelle einfach keinen Sinn ergeben und man mag mit ihm aufGrund der Zeit, in der er gelebt hat, nachgiebig sein. Eine andere Stelle, an der seine Logik meines Erachtens nicht funktioniert, ist die Aussage:
“Man muss alle Menschen lieben, um einen Menschen lieben zu können.”
Die Aussage ist schön, und ein für die Menschheit sehr hilfreicher Glaubenssatz. Doch ich glaube nicht, dass sie stimmt. Vielleicht verstehe ich sie auch nicht richtig. Ich habe es jedenfalls lange versucht. Fromm argumentiert, man müsse das Menschsein an sich lieben. Aber warum? Den Teil, den man am Mensch sein nicht liebt, würde man auch an seinem Objekt der Liebe und sich selbst nicht lieben. Diese Aussage ist höchst philosophisch und ich glaube nicht, dass sie in sich stimmt. Vielleicht hilft dieses Konzept der Menschheit, und allgemein beim Vergeben. Sie hilft sicherlich beim allgemeinen Umgang miteinander und daran zu glauben ist meines Erachtens höchst wertvoll. Aber der Logik und fast axiomatischen Annahme möchte ich widersprechen. Zusätzlich ist das Konzept sehr artenspezifisch. Vielleicht sollte man auch das Leben an sich lieben. Egal was mensch glauben möchte, in dieser Schlussfolgerung sehe ich keine einwandfreie Logik. Seine Darstellung lässt einen jedoch der Gefahr laufen, dass es eine solche sei, man sie vielleicht nur nicht ganz versteht.


Mein höchster Kritikpunkt jedoch ist, dass Fromm behauptet, Liebe sei die einzig nachhaltige Antwort auf das Problem menschlicher Existenz. Durch das Lesen und Verstehen seines Konzeptes, bin ich zum gleichen Schluss gekommen. Dann habe ich von Singer “Die Seele will frei sein” gelesen und teile diese Meinung nun nicht mehr. Letztlich ist Fromms Buch voll von Konzepten und ein nur fast in sich stimmiges Gesamtkonzept. Es kann sicherlich beim glücklich sein helfen. Besonders wertvoll dabei ist, dass zum glücklich sein vor allem innere Arbeit, bzw “Arbeit” an sich selbst nötig ist. Auch seine Erklärung von “Aktivitäten” - dem wirklich von innen heraus - und “Passivitäten” - zu denen man getrieben ist - finde ich dazu sehr hilfreich.     Doch vereinfacht gesagt, schreibt Fromm, man brauche eine weitere Hälfte, um nachhaltig glücklich zu sein. Und auch wenn diese hilfreich sein mag, kann mensch auch definitiv nachhaltig glücklich sein, ohne jegliche Erfüllung von externen Faktoren. Vielleicht ist es nicht einfach, doch es ist schlicht: Wenn mensch sich von Konzepten befreit, oder zumindest die Freiheit entwickelt, seine eigene Konzepte davon wie die Welt zu sein hat, nicht zu verteidigen, wenn man also aufhört zu definieren was man braucht um glücklich zu sein und einfach beobachtet was die Welt, seine eigenen Gedanken und Emotionen tun, wenn man aus dem Zentrum seines Bewusstseins die Welt beobachtet, dann kann man ohne jegliche externe Faktoren glücklich sein.



Letztlich sind die wertvollsten Dinge die man sich aus dem Buch ziehen kann die folgenden:

  1. Es ist eine sehr gute Gedankenübung

  2. man kann Liebe besser differenzieren

  3. man lernt viele Aspekte die hilfreich sind, um nachhaltig zu Lieben (sollte Fromms Logik aber nicht als “Wahrheit” anerkennen”)

  4. sein Konzept des Erwachsen werdens ist sehr hilfreich

  5. das Verständnis von östlicher und westlicher Logik

  6. die gesellschaftliche Analyse zu “Liebe und ihrem Verfall in der heutig westlichen Gesellschaft”


Problematisch beim Lesen jedoch ist zum Einen, dass sein Werk beim ersten Mal schwer zu lesen ist oder man zumindest oder ich zumindest immer nur kurze Abschnitte lesen konnte, weil es so informationsdicht geschrieben ist. Zum anderen ist schwierig, dass man leicht der Annahme verfallen kann, seine Analysen seien wissenschaftliche Erkenntnisse.
Die gleiche “Sperrigkeit“ beim ersten Lesen, entwickelt sich übrigens zu einer wundervollen Prägnanz beim wiederholten Lesen - was ich sehr genossen habe.


Unabhängig von all meiner Kritik denke ich, dass insbesondere das Kapitel “Liebe und ihr Verfall in der heutig westlichen Gesellschaft“, seine Ausführungen zu westlicher und östlicher Logik, seine Erklärung von Aktivität vs Passivität und seine Praxistipps zum Lieben lernen höchst lesenswert sind. Sie sollten meines Erachtens von allen Menschen, die Teil der westlichen Kultur sind, gelesen/ konsumiert werden. Zur Aktivität habe ich bereits eine Konzept-Erklärung als Video veröffentlicht. 





Cover des Buches Über den Ungehorsam und andere Essays (ISBN: 9783423350129)
V

Rezension zu "Über den Ungehorsam und andere Essays" von Erich Fromm

Ungehorsam macht den Menschen zum Menschen
Vera-Seidlvor einem Jahr

Den Esseyband "Über den Ungehorsam" verfasste Erich Fromm kurz vor seinem Tod im Jahr 1980. Er enthält viele Einsichten, die ich aus seinen Büchern "Die Furcht vor der Freiheit" (1941), "Die Kunst des Liebens" (1956) und "Haben oder Sein" (1976) schon kannte.

 

So wusste ich bereits, welche Bedeutung der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe dem Ungehorsam von Adam und Eva beimisst: "Die Erbsünde hat den Menschen keineswegs verdorben, sondern setzte ihn frei; sie war der Anfang der Geschichte. Der Mensch musste den Garten Eden verlassen, um zu lernen, sich auf die eigenen Kräfte zu verlassen und ganz Mensch zu werden."

 

Das zweite Kapitel trägt die Überschrift "Die Anwendung der humanistischen Psychoanalyse auf die marxistische Theorie".  Fromm schreibt selbst, dass es neben ihm kaum jemanden gegeben habe, der versucht hätte, die revidierte Psychoanalyse auf das Problem des Marxismus und Sozialismus anzuwenden. "- Unter den anderen Autoren, die in ihren Schriften von einem psychoanalytisch-marxistischen Standpunkt ausgehen, ist Wilhelm Reich der bedeutendste, auch wenn seine Theorien und meine eigenen wenig Gemeinsames haben. Sartres Versuche eine marxistisch orientierte humanistische Analyse zu entwickeln, leiden darunter, daß er zu wenig klinische Erfahrung besitzt und deshalb trotz seiner glänzenden Formulierungen mit der Psychologie nur sehr oberflächlich umgeht."

 

Aus "Haben oder Sein" habe ich gelernt, dass es zwei Arten des Wissens gibt. Jemand kann sich Wissen aneignen, um damit zu brillieren oder er kann das Wissen anwenden. Sei es Karl Marx, Friedrich Engels, Rosa Luxemburg, Adam Smith, Sigmund Freud, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, um nur einige Größen aus dem zweiten zu Essey zu nennen, Fromm kennt sie nicht nur, er ist in ihr Mark vorgedrungen.

 

Laut schlug mein Herz im dritten Kapitel, "Propheten und Priester". "Zweifellos war die Kenntnis der großen Ideen der Menscheit noch nie so weit auf der Welt verbreitet wie heute. Noch nie war aber auch ihre Wirkung so gering." Die Diskrepanz erklärt Fromm damit, dass die Ideen nur gelehrt, aber nicht gelebt werden. "Viele Völker hatten Propheten: Buddha verwirklichte seine Lehre, in Christus ist sie Fleisch geworden, Sokrates starb für seine Ideen und auch Spinoza hat sie gelebt."

 

Die Priester würden die Ideen verwalten, womit sie auf Formeln reduziert würden. "Während selbst ein Kind merken könnte, daß sie genau das Gegenteil ihrer Lehre leben, unterzieht man die große Masse des Volkes einer so gründlichen Gehirnwäsche, daß sie schließlich glaubt, die Priester brächten ein Opfer, wenn sie im Luxus lebten, weil sie eine große Idee zu repräsentieren hatten, ja selbst ihr unbarmherziges Töten geschähe aus ihrem revolutionären Glauben heraus."

Muss ich an dieser Stelle wirklich noch ergänzen, dass es in der Gegenwart mehr wirtschaftliche und politische Priester gibt als religiöse?

 

"Zum Problem einer umfassenden philosophischen Anthropologie", heißt das vierte Essey. Darin zeigt er, wie die humanistische Philosophie in den verschiedenen Kulturepochen zum Ausdruck kam. Fromm beginnt mit dem buddhistischen Humanismus und endet mit dem von Karl Marx.

 

Erstaunt hat mich, dass sich Erich Pinchas Fromm, der ursprünglich Rabbiner werden wollte, 

am Ende seines Lebens als Sozialist sah und mit einer atheistischen Mystik sympathisierte, die er unter anderem im Zen-Buddhismus zu finden glaubte.

 

Fromm beschließt das vierte Kapitel folgerichtig mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche: "Gott ist tot." Auch der Mensch liege im Sterben. Geistig Tote können nicht mehr ungehorsam sein, meine ich.

 

Unter der Überschrift "Den Vorrang hat der Mensch" entlarvt Fromm den Sozialismus seiner Zeit als eine Form des Kapitalismus. Im darauf folgenden Kapitel entwirft er ein Programm für einen humanistischen Sozialismus. 

Hier musste ich weinen, weil wir uns 42 Jahre später so extrem weit davon entfernt haben.

 

Unter "Psychologische Aspekte zur Frage eines garantierten Einkommens" fand ich folgende Aussage: "Man kann nachweisen, daß die Gier des homo consumens sich hauptsächlich auf den individuellen Konsum von Dingen bezieht, die er ißt (sich einverleibt), während die Benutzung kostenloser öffentlicher Einrichtungen, die dem einzelnen die Möglichkeit bieten, sich seines Lebens zu freuen, keine Gier und Unersättlichkeit erzeugt."

 

In den letzten beiden Kapiteln seines Buches beschäftigt sich der Autor mit dem Frieden. Sie heißen: "Gründe für eine einseitige Absrüstung" und "Zur Theorie und Strategie des Friedens". Darin ist zu lesen: "Wenn wir weiterhin in dieser Angst vor unserer Vernichtung leben und die Massenvernichtung anderer Menschen planen, werden wir die letzte Chance vertun, die humanistisch-geistige Tradition wiederaufleben zu lassen."

 

Insgesamt ist das Buch "Über den Ungehorsam" sehr lesenswert! 

Jedoch nicht in dieser Ausgabe. Das Büchlein ist zwar handlich, aber die Schrift extrem klein. Auch die Bindung lässt zu wünschen übrig. Die Seiten lösen sich.

 

Vera Seidl

Cover des Buches Haben oder Sein (ISBN: 9783423195195)
V

Rezension zu "Haben oder Sein" von Erich Fromm

Der Weg aus dem Kapitalismus in die Freiheit
Vera-Seidlvor 2 Jahren

Nach "Die Kunst des Liebens" und "Die Furcht vor der Freiheit" habe ich nun Erich Fromms Werk "Haben oder Sein" zum dritten Mal in meinem Leben gelesen. Der Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe lässt mich nicht mehr los. Besonders hat es mir seine Kapitalismuskritik angetan:

 

"Der Kapitalismus des 18. Jahrhunderts machte schrittweise einen radikalen Wandel durch: Das wirtschaftliche Verhalten wurde von der Ethik und den menschlichen Werten abgetrennt. Der Witschaftsmechanismus wurde als autonomes Ganzes angesehen, das unabhängig von den menschlichen Bedürfnissen und dem menschlichen Willen ist - ein System, das sich aus eigener Kraft und nach eigenen Gesetzen in Gang hält ... Die Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems?"

 

Das Wort Privateigentum komme vom latainischen privare, habe ich erfahren, was rauben bedeutet und nicht ohne Gewalt möglich ist.

Das betrifft auch die Natur, die die kapitalistische Gesellschaft ebenso verachte, wie alles, was nicht von Maschinen hergestellt worden ist.

 

Wie sehr sich das Haben in unsere Köpfe eingeschlichen hat, zeige sich auch am Wandel der Sprache. Der Schwerpunkt liege nicht mehr auf den Verben, sondern auf den Substantiven. Sogar einen Namen HABEN wir, der eine Unvergänglichkeit vortäusche.

Vom Haben durchdrungen sei auch das Lernen, das Erinnern, das Lesen, das Wissen, der Glaube und das Lieben.

 

Das Sein sei dagegen Tätigsein, womit nicht Geschäftigsein gemeint sei, sondern nicht entfremdete Aktivität. Fromm spricht hier vom "produktiven Tätigsein", während er im Buch "Die Kunst des Liebens" vom "spontanen Tätigsein" spricht. 

Letzteres gefällt mir besser, weil nicht das Produkt entscheidend ist, sondern der Prozess. 

Ich habe daran gedacht, wie Kinder aus Bauklötzen einen Turm bauen, dessen Bestand ihnen aber nicht wichtig ist.

 

Im Kapitel "Sein als Wirklichkeit" unterscheidet der Autor das Sein vom Schein, indem er auf die Verdrängungen aufmerksam macht. "Wir wissen fast alles Wesentliche über das menschliche Verhalten, so wie unsere Vorfahren erstaunlich viel über die Bahnen der Gestirne wußten. Doch während sie sich ihres Wissens bewußt waren und es anwandten, verdrängen wir unser Wissen sofort, denn wenn es bewußt bliebe, würde unser Leben zu schwierig werden und - so reden wir uns ein - zu 'gefährlich' sein."

 

So viel für das Sein spricht, beide Tendenzen, das Haben und das Sein, seien im Menschen veranlagt: "die eine, zu haben, zu besitzen, eine Kraft, die letzlich ihre Stärke dem biologisch gegebenen Wunsch nach Überleben verdankt; die andere, zu sein, die Bereitschaft, zu teilen, zu geben und zu opfern, die ihre Stärke den spezifischen Bedingungen der menschlichen Existenz verdankt, speziell in dem eingeborenen Bedürfnis, durch Einssein mit anderen die eigene Isolierung zu überwinden."

 

Aufgehorcht habe ich, als Fromm die Möglichkeit zu sein einschränkte: "Dies gilt für normale Lebensumstände und natürlich nicht für extreme Situationen wie Krankheiten mit unerträglichen Schmerzen, Folter oder andere Fälle, in denen die meisten Menschen ihrer Fähigkeit zu sein beraubt sind."

 

"Über den Ungehorsam" lautet der Titel eines der Bücher Erich Fromms. Für den Analytiker ist der Ungehorsam keine Sünde, sondern die Aufrechterhaltung der Distanz. "'Sie machten sich einen Schurz' (Gen 3,7) und versuchten auf diese Weise, die volle menschliche Begegnung zu vermeiden, die Nacktheit, in der sie einander sehen. Aber weder Scham noch Schuld lassen sich beseitigen, indem man sie verbirgt. Sie suchten nicht, sich in Liebe zu nähern; ... Daß sie einander nicht lieben, geht aus ihrer gegenseitigen Einstellung hervor: Eva versucht nicht, Adam zu beschützen, und Adam will der Bestrafung entgehen, indem er Eva als die Schuldige bezichtigt, statt sie zu verteidigen."

 

Über die bedingungslose, mütterliche Liebe spricht der Autor ausführlich in "Die Kunst des Liebens". Im Buch "Haben oder Sein" macht er auf eine "neue geheime Religion - die Religion des Industriezeitalters -" aufmerksam. Sie sei eine rein patriachalische Form des Christentums, die durch die Verdrängung der Jungfrau Maria in der Reformationszeit möglich wurde.

 

Im dritten Teil des Buches "Der neue Mensch und die neue Gesellschaft" beneidete ich Fromm um seine Hoffnungen. Folgen konnte ich ihm, als er mir noch einmal die Lehre des Buddhas ins Gedächtnis rief: "Ich bin überzeugt, daß sich der menschliche Charakter in der Tat ändern kann, wenn die folgenden Voraussetzungen gegeben sind:

- Wir leiden und sind uns dessen bewußt.

- Wir haben die Ursache unseres Leides (ill-being) erkannt.

- Wir sehen eine Möglichkeit, unser Leiden zu überwinden.

- Wir sehen ein, dass wir uns bestimmte Verhaltensnormen zu eigen machen und unsere gegenwärtige Lebenspraxis ändern müssen, um unser Leiden zu überwinden."

 

Schon am ersten Punkt scheitern die Menschen des 21. Jahrhunderts, meine ich. Die absolute Vorherrschaft hat der "Marketing-Charakter" übernommen. "Ich habe die Bezeichnung 'Marketing-Charkater' gewählt, weil der einzelne sich selbst als Ware und den eigenen Wert nicht als 'Gebrauchswert', sondern als 'Tauschwert' erlebt." "Der Bürokrat fürchtet persönliche Verantwortung und sucht hinter seinen Vorschriften Zuflucht. Was ihm Sicherheit und Stolz gibt, ist seine Loyalität gegenüber den Gesetzen, nicht seine Loyalität gegenüber den Geboten der Menschlichkeit ... Die bürokratische Einstellung ist nicht nur Verwaltungsbediensteten verbreitet - sie ist auch unter Ärzten, Schwestern, Lehrern und Professoren zu finden, sowie unter Ehemännern und Eltern gegenüber ihren Frauen bzw. Kindern."

 

"Warum ist das Buch noch keine Pflichtlektüre in den Schulen?", hatte ich in meiner Rezension zu "Die Kunst des Liebens" gefragt. Leider kenne ich inzwischen die Antwort.  Fromms Werke entsprechen nicht dem Diktat des Kapitalismus, sondern ermöglichen wahre Freiheit.

 

Meister Eckhart definierte das so: "Selig sind die geistlich Armen; denn ihrer ist das Reich der Himmel ... Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat.

 

Ich verneige mich vor der Seele von Erich Fromm und danke ihm herzlich für die Bereicherung meines Lebens.

 

Vera Seidl

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