Am Seil

von Erich Hackl 
4,7 Sterne bei12 Bewertungen
Am Seil
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In seiner Schlichtheit eine unglaublich fesselnde und berührende Erzählung und das nicht nur, weil sie einen realen Hintergrund hat.

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Ein berührendes und zutiefst menschliches Buch.

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Inhaltsangabe zu "Am Seil"

Wie es dazu kam, dass der stille, wortkarge Kunsthandwerker Reinhold Duschka in der Zeit des Naziterrors in Wien zwei Menschenleben rettete. Wie es ihm gelang, die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang in seiner Werkstatt zu verstecken. Wie sie zu dritt, an ein unsichtbares Seil gebunden, mit Glück und dank gegenseitigem Vertrauen überlebten. Was nachher geschah. Und warum uns diese Geschichte so nahegeht.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783257070323
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:128 Seiten
Verlag:Diogenes
Erscheinungsdatum:25.07.2018

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Rezensionen und Bewertungen

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    HansDurrers avatar
    HansDurrervor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Ein berührendes und zutiefst menschliches Buch.
    Eine Heldengeschichte

    Eine Heldengeschichte, lautet der Untertitel von Erich Hackls Am Seil und ganz automatisch regt sich in mir Widerstand, denn mit Helden habe ich’s generell und überhaupt nicht. Und mit dem Zitat von Samuel Moser auf der vierten Umschlagseite schon überhaupt gar nicht. „Hackl ist nicht hinter der historischen Faktizität her. Sein Wahrheitsbegriff ist ein anderer. Wahr ist sein Text, wenn in ihm steht, was und wie es ihm die Menschen erzählten.“ Schon etwas esoterisch, das NZZ-Feuilleton. Mir selber steht E.W. Heines Ansatz näher: „Menschliche Eindrücke lassen sich widerlegen, nicht so die Fingerabdrücke des Angeklagten auf der Tatwaffe.“  (New York liegt im Neandertal, Diogenes Verlag, Zürich 1984).

    „Er war der beste Freund ihres Vaters, zu einer Zeit, in der Männer noch beste Freunde und Frauen beste Freundinnen hatten, vor einer halben Ewigkeit also.“ So beginnt Erich Hackls Am Seil. Neben der sehr schönen  zeitlichen Einordnung ist es vor allem der Sprachrhythmus, der mich für diesen Text einnimmt, doch worum geht’s?

    Die Jüdin Regina Steinig, Doktor der Chemie und arbeitslos wie viele zur Zeit des Naziterrors in Wien, Mutter der achtjährigen Lucia, doch ohne Ehemann (der Kindsvater, den sie durchaus schätzte, kam für sie, obwohl er wollte, dafür nicht in Frage) muss sich vor den Nazis in Sicherheit bringen. Der Kunsthandwerker und passionierte Bergsteiger Reinhold Duschka, der zu ihrem halb pazifistischen, halb kommunistisch gesinnten Freundeskreis gehört, nimmt sie und ihre Tochter bei sich auf.

    Detailliert und einfühlsam beschreibt Erich Hackl, auf Lucias Erinnerungen gestützt, wie die drei in Duschkas Werkstätte ihre Tage verbrachten. Wie Lucia und ihre Mutter in der Werkstatt mithalfen, Essen zubereiteten, sich vor Besuchern in Deckung brachten, sich davor fürchteten, krank zu werden. Man wähnt sich vor Ort mit dabei, glaubt nachfühlen zu können, wie die Angst vor dem Entdecktwerden ihr Leben bestimmte.

    Die drei bemühen sich, soviel Normalität wie möglich aufrecht zu erhalten. Regina versucht ihre Tochter zu unterrichten, doch das gestaltet sich schwierig, geht dieser doch „alles beim einen Ohr rein, beim andern raus.“ Was auch nicht half, erinnert sich die Tochter gegenüber Erich Hackl, dass ihre Mutter auch „von eher ungeduldigem Naturell war.“

    Es ist die Fähigkeit des Autors, Vergangenheit und Gegenwart lebendig werden zu lassen, die dieses Buch prägt. „Besonders schaurig hörte sich für Lucia das durchdringende Heulen der Sirenen an, das ihr noch heute, als Feierabendsignal jeden Samstagmittag, durch Mark und Bein geht, dabei die anderen todankündenden Geräusche in Erinnerung ruft: das Brummen der Flieger, das Bellen der Flak, das Zischen und Jaulen der vom Himmel stürzenden Bomben, ihr betäubendes Krachen.“

    Bomben fallen auf ihre Bleibe, zerstören das Haus, sie müssen einen neuen Unterschlupf finden. Dann kommen die Russen. „Wir hatten beim Einmarsch die Deutsche Wehrmacht marschieren gesehen. Gezirkelte Bewegungen, stramm, straff. Das Knallen der Stiefel auf dem Pflaster. Die Russen dagegen sind nicht marschiert, sondern gegangen. Geschlendert! Sie hatten weiche Filzstiefel and und trugen statt Stahlhelmen Pelzmützen.“ Meine Vorstellungen von Russen sind anders und genau deshalb ist die Schilderung der erlebten Wirklichkeit so wesentlich.

    Am Seil ist eine Würdigung des wortkargen und schwierigen Reinhold Duschka und vor allem deswegen so gelungen, weil der Autor vorführt, wie Komplexität in einfacher Sprache vermittelt werden kann. Und damit klar macht, dass bestenfalls eine Annäherung an das, was vorgefallen ist, möglich ist. „Lucia wollte alles, was sie sah, in ihrem Gedächtnis speichern, aber der Wunsch selbst vereitelte das Vorhaben, weil sie vor angestrengtem Hinschauen gleich wieder vergass, was ihr eben noch erinnerungswürdig erschienen war.“

    Am Seil ist ein berührendes und zutiefst menschliches Buch.

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    schillerbuchs avatar
    schillerbuchvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Literarisches Denkmal für einen mutigen Mann
    Ein Gerechter unter den Völkern

    Erich Hackls Buch „Abschied von Sidonie“ hat mich vor vielen Jahren sehr bewegt. In ihm erzählt er das Schicksal des Sintimädchens Sidonie, das von einer österreichischen Pflegefamilie angenommen wird und gegen deren Widerstand kurz vor Kriegsende nach Auschwitz deportiert wird. Es ist ein ganz typisches Buch für diesen österreichischen Autor, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, von menschlichen Schicksalen zu erzählen, die nicht in Vergessenheit geraten sollten.

    Der Inhalt

    In seinem neuen Buch erzählt er die Geschichte von Reinhold Duschka, einem Berliner Handwerker, den seine Leidenschaft für die Berge nach Wien verschlägt, wo er nicht nur dem Bergsteigen nachgehen kann, sondern auch auf einen Freundeskreis trifft, der politisch interessiert ist und vielfältige Themen diskutiert. Regina Steinig steht im Mittelpunkt dieses Kreises, eine attraktive Frau mit wechselnden Liebhabern und einer Tochter, Lucia. Als Jüdin sieht sich Regina zunehmenden Repressalien ausgesetzt und findet 1941 in der Werkstatt von Reinhold, die er sorgfältig als Notquartier vorbereitet hat, Unterschlupf. Bis kurz vor Kriegsende leben Regina und Lucia dort, stets in der Angst entdeckt zu werden. Als dieses Notquartier bei einem Bombardement zerstört wird, bringt Reinhold die beiden in einem Laden, den er anmieten konnte, unter.

    Nach Kriegsende führen alle Beteiligten wieder ihr eigenes Leben, bleiben jedoch in regelmäßigem Kontakt. Reinhold verliert kein Wort über seine Heldentat, selbst seine Tochter erfährt erst spät, was er getan hat. Lucias Hartnäckigkeit gibt er im Alter von 90 Jahren schließlich nach: Sie schlägt ihn aus für die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“, die die Gedenkstätte Yad Vaschem vergibt. Mit 93 Jahren stirbt Reinhold Duschka.

    Die Hauptpersonen

    Reinhold Duschka, Regina Steinig und Lucia, ihre Tochter stehen im Mittelpunkt des Buches. Erich Hackl setzt aus persönlichen Berichten viele kleine Episoden zu einem intensiven Bild des Wiens der Nazizeit zusammen.

    Regina ist eine attraktive Jüdin, Chemikerin an der Charité, die sich nach kurzer Ehe scheiden lässt. 1929 bekommt sie eine Tochter, Lucia, von Rudi Krauss, den sie nicht heiraten möchte, weil sie ihn für eheuntauglich hält. Dieser bleibt sein Leben lang mit seiner Tochter in Kontakt. Nach Kriegsende besucht Lucia ihn in seiner neuen Heimat Australien, erkennt jedoch, daß sie dort nicht leben kann und kehrt nach Österreich zurück, wo sie heiratet und eine Familie gründet. Regina heiratet nach dem Krieg ihren langjährigen Liebhaber Fritz Hildebrandt, einen farblosen Mann, von dem niemand begreift, was Regina an ihm findet und der sie sogar im Altenheim noch betrügt. In der Nachkriegszeit kämpft Regina jahrelang um ihre alte Stelle, die man ihr gekündigt hatte, weil sie Jüdin war.

    Reinhold ist ein schweigsamer Mann, den es in jeder freien Minute in die Berge zieht. Als Bergsteiger ist er es gewohnt, andere zu führen und Verantwortung für sie zu übernehmen. Regina und Lucia zu verstecken ist für ihn eine Selbstverständlichkeit und eine Form des Widerstands gegen ein Regime, das er verabscheut– er verliert weder in seinem Freundes- noch im Familienkreis ein Wort darüber. Sein Enkel, mit dem Erich Hackl gesprochen hat, bezeichnet seinen Großvater als einen der „intelligenten Widerstand“ geleistet hat.

    Meine Meinung

    Zu Beginn hatte ich etwas Schwierigkeiten, mich in den knappen und, wie ich es empfand, etwas sprunghaften Stil des Buches einzulesen. Aber diese Art des Erzählens passt letztendlich gut, denn so gelingt es dem Autor, stets authentisch zu bleiben und eine gewisse Distanz zu wahren, die die Intensität der Geschichte erhöht. Er mischt Zitate aus den Erinnerungen der Protagonisten mit Passagen, in denen er erzählt und sich einfühlt in deren Gefühls- und Gedankenwelt.  Mit der Zeit hat mich das Schicksal von Reinhold, Regina und Lucias immer mehr gefesselt. Die Jahre, die sie in der Werkstatt Reinholds verbringen, stets in der Gefahr, entdeckt zu werden, gingen mir unter die Haut. Lucia und Regina helfen Reinhold dabei, seine Vasen und andere kunstgewerbliche Gegenstände zu produzieren. So sind sie unter der Woche wenigstens beschäftigt. Die Wochenenden sind die schlimmste Zeit, denn hier dürfen sie keine Geräusche von sich geben, um eine Entdeckung zu vermeiden. Vor allem für Lucia ist das schwierig und die Episode, in der Reinhold einmal das Risiko eingeht und mit ihr hinaus in die Natur fährt war die, die mich am meisten berührt hat. Vor meinem inneren Auge sah ich das Mädchen, das minutenlang einfach ständig hin und her rennt und sich endlich einmal für kurze Zeit frei bewegen kann.

    „Am Seil“ – ich habe mir lange überlegt, was Erich Hackl zu diesem Titel bewogen haben könnte. Letztendlich denke ich, er passt sehr gut: Am Seil ist Reinhold Duschka in den Bergen unterwegs und sichert damit sich und seine Bergkameraden, man muss sich hundertprozentig aufeinander verlassen können. Eine Seilschaft bildet er auch mit Regina und Lucia, denn sie sind aufeinander angewiesen. Regina’s und Lucia’s Überleben hängt von Reinholds Fürsorge ab und er muss sicher sein können, daß seine Schützlinge sich sets so verhalten, daß niemand sie bemerkt. (Hätte ich mir die Videos, die der Diogenes Verlag in’s Netz gestellt hat, vor dem Schreiben dieser Rezension angesehen, dann hätte ich mir das gar nicht überlegen müssen, denn in diesem Video bestätigt Erich Hackl meinen Gedankengang.)

    Fazit: Ein Buch, das nachhallt. Ich finde es wichtig, daß wir immer wieder solche Geschichten hören und lesen und bewundere einmal mehr den Mut und die Zivilcourage von Menschen wie Reinhold Duschka, die in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus ohne Zögern ihr Leben auf’s Spiel gesetzt haben, um Menschen vor der Vernichtung zu retten. Ein großes Danke an Erich Hackl, der diese Menschen der Vergessenheit entrissen hat!

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    Xanakas avatar
    Xanakavor 2 Monaten
    Unglaublich und faszinierend

    Es ist die Geschichte von Reinhold, Regina und Lucia. Scheinbar verbindet sie nur Freundschaft. Lucias Vater Rudolf und Reinhold Duschka waren schon Mitte der zwanziger Jahre befreundet und so lernte er auch Regina und Lucia kennen. Mit der Machtübernahme der Nazis ändert sich alles. 

    Plötzlich ist das Leben von Regina und Lucia in Gefahr. Regina ist jüdischer Abstammung und fürchtet über kurz oder lang um ihr Leben und das von Lucia. Reinhold überlegt gar nicht lange. Er nimmt beide bei sich auf und versteckt sie in seiner Werkstatt. Er schafft es beide den gesamten Zeitraum zu ernähren, obwohl er nur für sich selbst Lebensmittelmarken hat. Er kann beide beschäftigen, ihnen wird damit die Zeit nicht lang. Ihm gelingt es, trotz der Umstände, beiden ein menschenwürdiges Überleben zu sichern. Es ist unglaublich, dass es ihm in dieser Zeit unter diesen Bedingungen und Umständen gelungen ist.

    Das Buch ist einfach unglaublich. Als ich anfing zu lesen, dachte ich oh mein Gott- so wunderbar lange Schachtelsätze. Dann habe ich einzelne Stellen laut gelesen und freute mich darüber, wie es dem Auto gelingt, so eine Vielzahl an Informationen, mit allen Wendungen und Nebenschauplätzen, in einen Satz zu packen. Vielleicht ist es diese Ausdrucksform, die das Buch so ausdrucksstark macht.
    Die Geschichte ist unglaublich und spannend. Ich war fasziniert.

    Von mir gibt es eine ausdrückliche Leseempfehlung und verdiente fünf Lesesterne.


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    Niccitrallafittis avatar
    Niccitrallafittivor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Eine Heldengeschichte über Menschlichkeit und Nächstenliebe.
    Eine Heldengeschichte über Menschlichkeit und Nächstenliebe.

    Auf der Leipziger Buchmesse wurde uns dieser Titel vorgestellt. Alleine die kurze Beschreibung des Inhalts sorgte dafür, dass ich neugierig wurde. Dieser Teil der (deutschen) Geschichte besitzt für mich immer seinen Reiz, denn ich finde es sehr wichtig, sich damit auseinander zu setzen und nicht zu vergessen, was während des zweiten Weltkrieges passiert ist.

    Auf 128 Seiten wird die ergreifende Geschichte des Kunsthandwerkers Reinhold Duschka erzählt, der in der Zeit des Naziterrors in Wien zwei Menschen rettete, indem er sie in seiner Werkstatt versteckt hielt. Er hat sich somit in große Gefahr gebracht, wirkte unglaublich mutig und selbstlos. Regina, deren Vater mit Duschka befreundet war, und ihre zu Beginn zehnjährige Tochter Lucia hielten sich vier Jahre lang in seiner Werkstatt in der Mollardgasse 85 a in Wien auf, arbeiteten für und mit ihm und bestritten einen Alltag, der stets von Emotionen wie Angst, kleinen Hoffnungsschimmern und Verzweiflung geplagt wurde, in einer beengten, eintönigen Atmosphäre. Reinhold Duschka versteckte die beiden nicht nur, er sorgte darüberhinaus dafür, dass Lucia Schulmaterialien erhielt, damit sie von ihrer Mutter, Doktor der Chemie, unterrichtet werden konnte. Mit den Produkten, die die beiden Frauen in der Werkstatt herstellten, verdiente Duschka ein wenig Geld, welches er wiederum in Nahrung für Regina und Lucia investierte.

    Erzählt wird diese Geschichte auf der Grundlage Lucias Erinnerungen, und ruft eine dramatische, schwierige Zeit ins Gedächtnis. Gleichzeitig wird dadurch wieder deutlich, dass Intoleranz und Ausgrenzung auch heutzutage ein präsentes Thema in unserer Gesellschaft ist. Das Buch besitzt keine Kapitel, trotzdem gestaltete dies das Lesen nicht ermüdend oder anstrengend, im Gegenteil. Ich habe die Geschichte in einem Rutsch gelesen, konnte mich ihr nicht entziehen. Zwar wiegt die Thematik schwer, die Erzählung besaß jedoch aufgrund des angenehmen Schreibstils eine gewisse Leichtigkeit.

    Im Untertitel auf dem Buch steht Eine Heldengeschichte – und genau das ist sie. Eine dramatische, emotionale, ergreifende Geschichte über einen Helden, der sich für zwei Menschen in Todesgefahr begeben hat, um ihnen letztendlich das Leben zu retten. An der Wand seiner Werkstatt wurde im April 2013 eine Gedenktafel für ihn angebracht, die hier gezeigt wird. Im März 1990 erhielt er eine Auszeichnung.

    Fazit
    Am Seil ist eine ergreifende Geschichte über einen stillen Helden, der in der Naziterror-Zeit zwei Menschen in seiner Werkstatt versteckt hielt und dadurch rettete. Die Erzählung gewährt einen authentischen Einblick in eine Zeit, die nicht vergessen werden darf.

    Danke an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

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    Giselle74s avatar
    Giselle74vor 3 Monaten
    Ein literarischer Stolperstein

    "Eine Heldengeschichte" ist der Untertitel dieses schmalen Büchleins. Und eine Heldengeschichte enthält es in der Tat. Es ist die wahre Geschichte Reinhold Duschkas, der es zwei Menschen ermöglichte, in der Zeit des Naziregimes zu überleben: den Jüdinnen Regina Steinig und ihrer Tochter Lucia. Er versteckt die Beiden unter großen Risiken in seiner Werkstatt, mehr noch, er gibt ihnen eine Beschäftigung, lässt sie mithelfen bei seinen Arbeiten als Kunsthandwerker und lenkt sie so zumindest zeitweilig ab von Angst und Eingesperrt sein.
    Hackl gibt die Geschichte so weiter, wie sie in Lucias Erinnerung passiert ist, mit den kleinen Ungenauigkeiten und Ungereimtheiten, die die Zeit anrichtet bei Erinnerungen. Der Stil ist dokumentarisch, teilweise stichwortartig. Der Autor wertet nicht, er berichtet, lässt unterschiedliche Menschen den Charakter Duschkas beschreiben, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Dadurch ist Duschka nicht nur Held, sondern doch auch Mensch, was für mich seine Tat nur noch großartiger macht.
    Literarisch ist das Buch kein großer Wurf, sind die Personen teilweise zu schablonenhaft dargestellt. Aber es ist wie ein Stolperstein, der an einen Akt der Menschlichkeit erinnert, an jemanden, der für seine Vorstellung davon ein großes Risiko einging, der sich gegen den Strom gestemmt hat und der dafür keinen Dank wollte, weil es ihm gewissermaßen selbstverständlich war, zu helfen. Solche Geschichten sind wichtig, weil sie Vorbilder geben, zeigen, dass es Menschen gibt, die auch dem größten Terror trotzen, leise, aber beharrlich und die es verdienen, nicht in Vergessenheit zu geraten.
    Auch nicht vergessen sollten wir, gerade in der heutigen Zeit, wo Fremdenhass und Ausgrenzung wieder salonfähig sind, zu welchem Leben Mutter und Kind verdammt waren. Verdammt, obwohl sie ja zu den "Glücklichen" zählten, die nicht deportiert wurden. Über Jahre eingesperrt in einer Werkstatt, Kälte und auch Hunger ausgesetzt, ohne Aussenkontakte und mit der ständigen Angst vor der Entdeckung -welche enorme innere Kraft müssen sie gehabt haben, besonders die zu Beginn erst zwölfjährige Lucia, um nicht irre zu werden an der Situation oder aufzugeben.
    Und deshalb umfasst der Untertitel "Eine Heldengeschichte" eigentlich mehr als nur die Tat Duschkas. Helden sind alle die, die geholfen haben, genauso wie auch die, die durchgehalten haben. Und Bücher, die die Erinnerungen an diese unmenschliche Zeit festhalten, kann es gar nicht genug geben. Damit wir niemals auch nur in Versuchung kommen zu vergessen.

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    walli007s avatar
    walli007vor 3 Monaten
    Ein Gerechter

    In Wien lebt die Jüdin Regina mit ihrer kleinen Tochter Lucia. Während des zweiten Weltkrieges sind schon viele Verwandte geflohen oder verschwunden. Die Repressalien gegen die jüdischen Mitbürger werden immer schlimmer. Als die Not am größten ist und sie der Aushebung ihrer Sammelwohnung und der Deportation nur dadurch entgehen, dass sie in eben genau jenem Moment zwar auf dem Heimweg, aber nicht daheim sind, greift als Retter Reinhold Duschka ein, der beste Freund von Lucias Vater. Ohne lange zu zögern oder nach einem Dank zu fragen, bringt er Regina und ihre Tochter in seiner Werkstatt für das Kunsthandwerk unter. Dort müssen die beiden zwar peinlich darauf achten, nicht aufzufallen, im Trubel der Werkstätten aber kann ihre Gegenwart untergehen.


    Der Autor Erich Hackl nimmt sich häufiger der Geschichten von Menschen an, die es verdient haben, ein solches literarisches Denkmal zu erhalten. Zusammengesetzt aus Lucias Erinnerungen, Recherchen und Vermutungen zeichnet er das Bild eines Retters, dem es eine Selbstverständlichkeit war, Schutz zu gewähren. Über vier lange Kriegsjahre half er unermüdlich und verlangte nichts. Sehr nahe geht einem auch die Qual und die Angst, die Regina und ihre Tochter empfinden mussten angesichts der überall lauernden Gefahr.


    Möglicherweise bedarf es einer gewissen Gewöhnung an die Art wie kurze Sätze und Worte aneinandergereiht werden. Vielleicht wirken die Perspektivwechsel etwas eigen. Hat man sich dem Duktus des Autors allerdings geöffnet, findet man eine berührende Schilderung von wahren Schicksalen, eine Perle einer Erzählung. Man spürt wie bedrückt und bedroht das Leben der Beteiligten in jeder Sekunde dieser Lebensphase ist, wie sehr sie die Entdeckung fürchten, die mögliche Denunziation, wie sie versuchen, der Langeweile zu entgehen. Auch die Erleichterung als dieser unselige Krieg mit seinen menschenfeindlichen Auswüchsen endlich zu Ende ist gut nachzuempfinden. Man freut sich, das Lucia, Regina und Reinhold nach dem Krieg ein freies und selbstbestimmtes Leben beschieden war, von dem Lucia berichten kann. Man wünscht sich, es gäbe viel zu berichten von solchen Menschen.


    Reinhold Duschka - ein Gerechter unter den Völkern.

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    pardens avatar
    pardenvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Zivilcourage und Menschlichkeit in der Zeit des Nationalsozialismus - dokumentarisch, menschlich, mahnend... Gegen das Vergessen...
    Ehre, wem Ehre gebührt...

    EHRE, WEM EHRE GEBÜHRT...

    Erich Hackl schreibt seine Erzählungen und Geschichten nach wahren Begebenheiten - so auch diese. Im Klappentext heißt es:

    Wie es dazu kam, dass der stille, wortkarge Kunsthandwerker Reinhold Duschka in der Zeit des Naziterrors in Wien zwei Menschenleben rettete. Wie es ihm gelang, die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang in seiner Werkstatt zu verstecken. Wie sie zu dritt, an ein unsichtbares Seil gebunden, mit Glück und dank gegenseitigem Vertrauen überlebten. Was nachher geschah. Und warum uns diese Geschichte so nahegeht.

    Erinnerungen. Unvollständig. Aber eindrücklich. Zu Papier gebracht. Dokumentarisch. Menschlich. Mahnend.

    Lucia ist es, die sich hier erinnert, die Tochter der Jüdin Regina Steinig, beide um ein Haar auf demselben Transporter gelandet, der die Nachbarn aus der Sammelunterkunft in den Tod fuhr. Doch stattdessen - ein Freund. Der ohne große Worte seine Werkstatt öffnete für die beiden Menschen in Not. Menschen, die nicht wussten wohin. Menschen, denen als Alternative nur noch der Weg ins Gas blieb.

    Es ist eine besondere Erzählweise, derer sich Erich Hackl bedient. Durch das Aneinanderreihen von mosaikartigen Erinnerungsfetzen wirkt die Erzählung oftmals sehr distanziert, gleichzeitig aber auch eindringlich. Dass dies zusammengeht, verblüfft mich immer wieder. Hackl wertet nicht, er gibt in seinen Worten, in seinem Stil wieder, was ihm anvertraut wurde.

    Regina Steinig gehörte wie Reinhold Duschka auch einer Gruppe junger Leute an, die aus eigenständig denkenden Individuen bestand: halb Pazifisten, halb Kommunisten. Alles potentielle Kandidaten fürs KZ. Zwar hat es die meisten der Gruppe im Zweiten Weltkrieg irgendwohin verschlagen, aber Reinhold blieb in Wien und sah es glücklicherweise wohl als selbstverständlich an, seine Hilfe anzubieten. Vielleicht auch geschuldet seinem Ehrenkodex als Bergsteiger - Kletterer müssen sich in jeder Lebenslage aufeinander verlassen können.

    Durch die geschilderte Situation - vier Jahre eingesperrt in enge Räumlichkeiten - drängt sich fast schon zwangsläufig der Vergleich zu Anne Frank auf, deren Schicksal vielen Menschen durch die immer wieder aufgelegten Tagebücher bekannt ist. Aber Schicksale lassen sich nicht miteinander vergleichen, das wird hier auch ganz deutlich. Und auch Menschen nicht. Deutlich wird aber trotz des fast sachlichen, dokumentarischen Stils und trotz der Erinnerungslücken auch die Atmosphäre jener vier Jahre, die Bedrücktheit, die Ängste, der Hunger, die Suche nach Zeichen der Hoffnung.

    Erich Hackl gibt dem Kind aus Kriegstagen eine Stimme. Lucia, der so wichtig war, dass der selbstlose Einsatz Reinhold Duschkas nicht vergessen wird. Der es nicht reichte, dass er - fast gegen seinen Willen - durch Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt wurde. Die seinen Namen und das was er getan hat hinausschreien wollte in die Welt. Er, der beileibe kein Held war, ein begabter Kunsthandwerker und leidenschaftlicher Bergsteiger, kein Mann der vielen Worte, jemand, der ebenso fehlerbehaftet war wie andere Menschen auch. Aber jemand mit Zivilcourage zu Zeiten, in denen dies lebensgefährlich war.


    "Er war nicht eitel, was auch von Vorteil war. Er hat nach seinen Überzeugungen gehandelt, aber die offene Konfrontation vermieden, so daß die Schläge des Feindes ins Leere gegangen sind. Er hat sich nicht aufgeopfert. Er hat sowohl das eigene als auch das Leben anderer hochgeschätzt. Darin ist er mir ein Vorbild." (S. 110 f.)


    Und nun? Zurücklehnen und wohlwollend nicken? Hoffen, dass man selbst in vergleichbarer Situation ähnlich gehandelt hätte?

    Das wird nicht ausreichen. Denn Unmenschlichkeit gibt es heute wie damals, Menschen zweiter Klasse auch - oder was ist mit den zahllosen Flüchtlingen, die seit einigen Jahren Europa überschwemmen und die schlimmstenfalls und nicht selten im Mittelmeer ersaufen? Ein Gerechter unter den Völkern - sollten wir uns nicht alle ein Beispiel daran nehmen?


    © Parden

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    Petriss avatar
    Petrisvor einem Monat
    Kurzmeinung: In seiner Schlichtheit eine unglaublich fesselnde und berührende Erzählung und das nicht nur, weil sie einen realen Hintergrund hat.
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    wortmeers avatar
    wortmeervor 2 Monaten
    Kurzmeinung: In nüchterner Sprache, dafür umso eindringlicher geschilderte Biografie eines mutigen Mannes, der im 2. Weltkrieg zwei Jüdinnen versteckte.
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    19angelika63s avatar
    19angelika63vor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Vom Mut eines Einzelnen, der nicht wegschaut und Menschlichkeit zeigt ...
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