"Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
Herr Kästner, wo bleibt das Positive?
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt."
Misanthrop, Menschenfreund, Aufrüttler, Resignierter, Melancholiker, kritischer Zeitgenosse und guter Beobachter - all diese Titel und vielleicht noch einige mehr könnte man Erich Kästner nach der Lektüre von "Ein Mann gibt Auskunft" anhängen; doch so klar und trefflich wie hier ist er in kaum einem seiner anderen frühen Gedichtbände aufgetreten und ich halte diesen Band für seinen Besten (gleichauf mit den genialen Epigrammen aus Kurz und bündig ). Und das nicht nur weil viele der bekanntesten Gedichten hier versammelt sind, sondern auch weil keins unter den Durchschnitt fällt und jedes auf seine Weise ein lesenswertes, eingängiges Werk ist.
"Ich setzte mich sehr gerne zwischen Stühle.
Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen.
Ich gehe durch die Gärten der Gefühle,
die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen."
Natürlich ist Kästners sog. Gebrauchslyrik keine Luftdarbietung, aber akrobatisch kann man sie schon nennen, es sind nicht einfach nur geklopfte Reime, nur aus Engagement, Kritik und Skepsis gegossen. Sie haben schon ihre eigene - eine sehr unverwüstliche - Klasse und auch in manchen Versen ihre Ureigene Genialität. Und bei aller Kritik hat Kästner doch eigentlich Worte für Vieles:
"Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das wagt sich kaum aus ihrem Mund hervor.
Das Allerschönste, was sich Kinder wünschem
das flüstern sie der Mutter bloß ins Ohr..."
Ich empfehle diesen Gedichtband allein schon deswegen, weil man ihn gut lesen kann, weil er erheitert, unterhält und es immer wieder schön ist, interessante Momente in Reimform präsentiert zu bekommen - das hat einfach einen ganz speziellen ästethischen Genußfaktor, den man nicht auf andere Weise beschwören kann. Egal ob es dabei jetzt um die Reize der Frauen, die Dummheit der Reichen, die Spiele der Kinder, die Fragen der Gesellschaft geht. Nicht zuletzt stimmt Kästner uns natürlich auch nachdenklich, oder zumindest haut er uns das noch positiv zu machende nicht leichtfertig um die Ohren.
"Ihr sollt ja gar nicht aus Güte handeln.
Ihr seid nicht gut. Auch sie sind's nicht.
Nicht euch, aber die Welt zu verwandeln,
ist eure Pflicht!"
Erich Ohser
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Erich Ohser
Kästner für Erwachsene
Herz auf Taille
Gesang zwischen den Stühlen
Vater und Sohn
Ein Mann gibt Auskunft
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Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken.
Mit „Was auch geschieht!“ beginnt Kästners Gedichtband, der erstmals im Jahre 1932 erschien: Sein „Gesang zwischen den Stühlen“ könnte auch als Gesang zwischen zwei Weltkriegen, zwischen zwei Gesellschaftsformen, zwischen dem Tanz auf dem Vulkan und dem Schwimmen gegen die brauen Flut, zwischen zwei Leben eines Literaten verstanden werden.
Kästner spielt mit dem Versmaß und variiert mit der Länge der Gedichte. Thematisch deckt er eine große Bandbreite ab und reimt über alltägliches, politisches, philosophisches wie auch persönliches. Teilweise deutet er seine Meinung nur an und versteckt die Kritik hinter Verse, die scheinbar unbedeutende Normen beschreiben, die gesellschaftlich akzeptiert und somit wenig hinterfragt werden. Kästner hinterfragt: Feingeistig, ironisch und gesellschafts-kritisch legt er die Schwachpunkte offen.
So hinterfragt er z. Bsp. im Gedicht „Brief an meinen Sohn“ die klassische Rollenverteilung in der Erziehung. In „Das Riesenspielzeug“ weist er auf die damalige hohe Zahl von jugendlichen Erwerbslosen hin, die ohne Perspektive nur allzu empfänglich für den Lockruf der Nazis waren. Im Gegenzug wechselt er in „Ein Quartaner denkt beim Anblick des Lehrers“ die Sichtweise: Wie kann ein Lehrer ein gutes Vorbild sein, wenn der Schüler, den er auf das Leben vorbereiten soll, gesellschaftlich über ihm steht und dessen Summe an Taschengeld höher ist als das Salaire des Lehrers?
In „Sozusagen in der Fremde“ beschreibt er mit bitterem Ton die Vereinsamung des Einzelnen, obwohl dieser von Menschenmassen umringt scheint. Bei „Die deutsche Einheitspartei“ führt er die Daseinsberechtigung eben dieser ad absurdum, indem er das Widersinnige und die Sinnlosigkeit bloßlegt. Mit „Das ohnmächtige Zwiegespräch“ wirft der Autor einen beängstigenden Blick in die nahende Zukunft und beendet hiermit diese Vers-Sammlung von insgesamt 47 Gedichten.
Und je mehr ich Gedicht für Gedicht lese, je mehr ich mich in Kästners Prosa vertiefe, umso mehr verdichtet sich in mir der Verdacht, dass es sich hier weniger um einen volltönenden, schönstimmigen Gesang (wie der Titel fälschlicherweise versprechen könnte) handelt. Vielmehr versteckt sich hinter Kästners Versen ein zwar scharfzüngiger aber auch tottrauriger Ab-Gesang, der ein Ausblick gab auf die folgenden Jahre, die alles verändern sollten.
Und so bitter seine Verse auch klingen mögen, so brutal er den literarischen Finger auf die offenen Wunden der Gesellschaft legt, so blickt er mit einer melancholischen Heiterkeit doch auch voller Verständnis auf die Menschheit.
Denn schließlich war er ja einer von ihnen: ein Mensch unter Menschen…!
Kästners Werke durchziehen sowohl die feine Ironie des Satirikers als auch die ungeschönte Wahrheit des Realisten. Dabei blieb er, der Literat, immer Menschenfreund und sehr nah am Volk und favorisierte den gesunden Menschenverstand.
Komplementiert wird dieses Werk durch Illustrationen von Erich Ohser, einem ausführlichen Kästner-Porträt sowie einer detaillierten Zeittafel. Neben dem literarischen Inhalt verführt auch die edle Optik mit grünem Leinen und Prägedruck, diese Bücher immer und immer wieder in die Hand zu nehmen.
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