Erich Scheurmann

 4,2 Sterne bei 26 Bewertungen

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Cover des Buches Der Papalagi (ISBN: 9783035029000)janett_marposnels avatar

Rezension zu "Der Papalagi" von Erich Scheurmann

Unsere kranke Scheinwelt
janett_marposnelvor 3 Monaten

Die Reden des Häuptlings Tuiavii der Insel      Upolu in Samoa im      Südpazifik sind 100 Jahre alt und wurden von Erich Scheuermann,      der ein Jahr      mit Tuiavii auf der kleinen Insel verbrachte, ohne dessen Wissen      vor langer      Zeit veröffentlicht. Wer demütig genug ist, wird die ungeschminkte      Sicht des      Häuptlings auf uns Zivilisierte weise belächeln. Wer sich selbst      zu wichtig      nimmt, wird das Buch als einfältig und kindisch beurteilen. 

   

Denn Tuiavii erzählt      seinem Stamm      detailliert, dass der Papalagi, also der fremde Europäer, von oben      bis unten      sein Fleisch mit seltsamen Häuten mehrfach bedeckt, sodass kein      Sonnenstrahl      hindurchdringt und sein Leib dadurch bleich und müde wird, zumal      er auch noch in      steinernen Truhen wohnt. 

   

Die Zeit vertreibt er      sich, indem      er oft freudlos einem anständigen Beruf nachgeht, was dem Zwecke      dient, so viel      wie möglich rundes Metall und schweres Papier zu bekommen, um sich      dann darüber      zu beklagen, dass er nie Zeit hat. Ständig jagt er rastlos von      einem Ziel zum      nächsten und weiß nicht, dass man Zielen nicht hinterherjagen      muss, denn das      Leben ist viel unbeschwerter, wenn das Ziel auf einen zukommt. 

   

Hat er von seiner      wertvollen Zeit      etwas übrig, geht er gern an den Ort des falschen Lebens. Eine      dunkle Hütte. So      dunkel, dass man geblendet ist, wenn man hineingeht und noch      geblendeter, wenn      man wieder herausgeht, denn auf einer beschriebenen Matte ist eine      Scheinwelt      mit Scheinmenschen zu sehen, die den Papalagi im Kino ablenken      soll. 

   

Abschließend kann man      sagen, der      Papalagi ist ein Mensch mit besonderen Sinnen. Er tut vieles, was      keinen Sinn      ergibt und ihn deshalb krank macht, aber in seiner kleinen Welt hält      er sich für      großartig und je mehr dunkles Metall und schweres Papier er hat      und je größer      seine steinerne Truhe ist, umso besser kann er die anderen      Papalagis blenden      und so viel Blendung ist fünf Sterne wert.

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Cover des Buches Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea (ISBN: 9783859310155)bm_eleonoras avatar

Rezension zu "Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea" von Erich Scheurmann

Und immer wieder Papalagi
bm_eleonoravor 4 Jahren

Das Buch ist erstmals 1920 erschienen, und zwar "als geheime Mitteilung" wie Scheurmann seinem Leser erklärt, da er die Reden des Häuptlings Tuiavii "sicherlich gegen seinen Willen“ veröffentlichte. Das Buch ist in 11 Reden untergliedert, was das Lesen und vor allem das Wiederfinden von bestimmten Beschreibungen des Häuptlings leicht macht.
Die naive Ausdrucksweise zur Darstellung der Weisheiten des Häuptlings wurde oft als rassistisch kritisiert, denn Scheurmann bedient sich des Klischees primitiver Kolonialvölker, in diesem Fall die Bewohner von Samoa. Es ist schnell kritisiert - v.a. wenn man immer wieder in die gleiche Kerbe schlägt.

Warum sich nicht auf das konzentrieren, was das Buch heute lesenswert macht? Die Message ist Immer noch gültig - vielleicht mehr denn je.
Die Weisheiten des Häuptlings regen zum Nachdenken über unsere Wertvorstellungen an. Mit einem Augenzwinkern und einer Art Ermahnung gibt er einige Gedanken auf den Weg - Gedanken, die mich seit vielen Jahren begleiten. Immer wieder (nach 30 Jahren ?) habe ich mich an den einen oder anderen Punkt erinnern müssen, musste lachen oder auch den Kopf schütteln. 

Das Buch ist in jedem Fall auch heute noch top-aktuell, oder gibt es etwa "das runde Metall" oder "das schwere Papier" nicht mehr? 
Ein Beispiel:

"Solche Maschine, die sich leicht auf zwei flachen Fingern tragen läßt, sieht in ihrem Bauche aus wie die Maschinen im Bauche der großen Schiffe, die ihr ja alle kennt. Es gibt aber auch große und schwere Zeitmaschinen, die stehen im Innern der Hütten oder hängen auf den höchsten Hausgiebeln, damit sie weithin gesehen werden können. Wenn nun ein Teil der Zeit herum ist, zeigen kleine Finger auf der Außenseite der Maschine dies an, zugleich schreit sie auf, ein Geist schlägt gegen das Eisen in ihrem Herzen. Ja, es entsteht ein gewaltiges Tosen und Lärmen in einer europäischen Stadt, wenn ein Teil der Zeit herum ist."
Ist das nicht einfach genial? 

Natürlich müsste Tuiavii heutzutage so Einiges hinzufügen, wie zum Beispiel: 

"Der Papalagi trägt eine Metallplatte vor sich her, wenn er durch die Straßen geht, wendet seinen Blick fast nie von deren bunt glänzenden Seite ab und streichelt sie immer wieder. Seine Augen leuchten und Speichel tritt auf seine Lippen, wenn er mit einem oder zwei Fingern die bunte Seite in schnellen Bewegungen flüchtig berührt. Sollte der Papalagi die Metallplatte doch einmal in seine Lendentücher gesteckt haben, so zögert er keinen Augenblick, sie beim Vernehmen eines besonderen Klanges wieder ans Tageslicht zu holen  - um sie erneut zu streicheln, bei ihrem Anblick zu lächeln oder entsetzt dreinzuschauen. Manchmal hält er die Metallplatte wie eine Muschel an sein Ohr und redet sogar mit ihr, als ob sie ganz und gar lebendig sei."






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Cover des Buches Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea (ISBN: 9783859310155)Samtpfotes avatar

Inhalt:
Papalagi ist ein aus dem Samoanischen stammendes Wort, welches übersetzt etwa "der Himmelsdurchbrecher" oder auch "der Fremde" oder "der Weisse" bedeuten kann. "Himmelsdurchbrecher" soll davon kommen, dass die Weissen bei der Erforschung von Samoa mit einem Segelboot (wobei den Bewohnern das Segel direkt aus dem Himmel kommend erschien) auf Samoa zugerudert seien. Es habe also so ausgesehen, als hätten die Weissen den Himmel durchbrochen und wären dem Segel entlang auf die Erde geklettert. Die elf verschiedenen Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea richten sich an sein Volk und beschreiben das Leben und Verhalten der Europäer und üben dabei natürlich auch Kritik an deren Umgang mit der Natur und der Anbetung materieller Güter.
Wie ich aber gelesen habe, ist der Häuptling eine fiktive Person und die Reden stammen allesamt vom Maler und Schriftsteller Erich Scheurmann. Scheurmann weist mit diesem kleinen Büchlein in kindlicher Sprache, welche die Sprachweise der Inselbewohner imitieren soll, auf verschiedenste Missstände in der europäischen Kultur hin. Die Anbetung des Geldes, das Bauen von Häusern, in die gar keine Sonne und keine frische Luft hinein gelangen kann und die "Unsitte" sich in mehrere "Lendentücher" zu hüllen, obwohl Körper doch so etwas Schönes seien sind nur einige Beispiele aus den Reden. Der Autor hat ein Jahr auf der Insel Samoa verbracht und weiss somit, wovon er spricht und erinnert uns Leser immer wieder ein wenig daran, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen.

Meine Meinung:
Das Buch regt sehr zum Nachdenken an, tut dies jedoch auf nicht immer ganz ernste Weise. Mit einem Augenzwinkern und einer sanften Ermahnung gibt es dem Leser einige Gedanken auf den Weg und darf sicher nicht als wortwörtliche Kritik verstanden werden. Ich habe mich beim Lesen sehr gut unterhalten und trotzdem ein wenig blossgestellt gefühlt, musste einige Male laut lachen, aber auch den Kopf schütteln. Alles in allem erscheinen mir die elf Reden nach wie vor als sehr aktuell und passend. Ausserdem halten sich dabei der erhobene Zeigefinger und das gutmütige Schulterklopfen angenehm die Waage.

Zusätzliche Infos:
Editor: Erich Scheurmann
Kartonierter Einband: 117 Seiten
Verlag: Let Me Print
Sprache: Deutsch
ISBN  978-5-87403-647-8

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