Erik Neutsch Der Friede im Osten. Drittes Buch. Wenn Feuer verlöschen

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Inhaltsangabe zu „Der Friede im Osten. Drittes Buch. Wenn Feuer verlöschen“ von Erik Neutsch

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    Der Friede im Osten. Drittes Buch. Wenn Feuer verlöschen
    Heike110566

    Heike110566

    02. September 2010 um 22:29

    Der dritte Teil der Romanserie "Der Friede im Osten" wurde 1985, sieben Jahre nach dem zweiten Teil, veröffentlicht. In ihm setzt Erik Neutsch (geb. 1931) die Geschichte um seine Romanhelden Achim Steinhauer, dessen Ulrike, seinen Freunden und auch Matthias Münz in den Jahren nach der Niederschlagung der Unruhen am 17. Juni 1953 fort und erzählt die Entwicklungen bis hinein in die 1960er Jahre, bis in das Jahr nach dem Bau der DDR-Grenzsicherungsanlagen, also der Mauer, am 13. August 1961. Und wieder gibt es reichlich Konflikte, aber auch Liebe, Träume, Sehnsüchte. Nachdem Achim am Ende des zweiten Buches seine Ulrike wiedergefunden hat, erzählt sie nun, wie es ihr in den Jahren der Trennung, von ihrer Familie verschleppt in das thüringische Örtchen Hundshübel, wo Angehörige von ihr die Sekte "Wolke der Zweitausend" betrieben, ergangen ist. Ein Jahr benötigen die Beiden, um sich gemeinsam wiederzuentdecken. Sie heiraten. - Eine einschneidende Wende in Achims Leben. Aber auch politisch gibt es einschneidende Veränderungen. In der Sowjetunion wird Nikolai Chrutschow zu Staatschef gewählt. Er leitet eine Phase der Umgestaltung, der Reformen ein: die Auseinandersetzung um die Stalin-Zeit und die damit verbundenen politischen Fehlentwicklungen und verbrechen beginnt. Es ist aber auch eine Zeit des Neuanfangs. Achim, der sich nach Beendigung des Biologie-Studiums von dem Fach verabschiedet hat, geht gemeinsam mit Ulrike nach Grizehne, dass inzwischen Eisenstadt heißt. Als Journalist für die SED-Bezirkszeitung des Bezirkes Halle, "Die Wahrheit", soll er als Reporter über die Entwicklungen in dem Kreis Untersaale und im Niederschachtofenwerk Eisenstadt berichten. Bei einem seiner Besuche im Werk wird er zeuge eines tödlichen Betriebsunfalls. In einem Zeitungsartikel macht er Versäumnisse der Betriebs- und der Parteileitung des Betriebes dafür verantwortlich. Der Betriebsparteisekretär erklärt ihn den Krieg. - Achim wird daraufhin von der Partei aus der Redaktion der "Wahrheit" zur Betriebszeitung des Niederschachtofenwerkes "Die Fackel" als verantwortlicher Redakteur versetzt. - Paradoxerweise ist nun Kühnau, der Parteisekretär, sein Vorgesetzter. Achim kann nicht richtig in die Arbeit hineinfinden. Auch Ulrike, Achims Frau, die als Lehrerin arbeitet, bekommt Probleme. Sie muss sich dafür verantworten, dass ihr Rockschlitz 25 cm lang ist und beim Schreiben an der Tafel der Rock dadurch den Blick auf ihre Oberschenkel freigibt, was die Schüler, besonders die männlichen, vom Unterricht angeblich zu sehr ablenke. Sie erhält dafür einen Verweis vom Kreisschulrat. Aber auch in der Beziehung der beiden krieselt es. Ulrike gesteht ihren Mann, dass sie während der Zeit ihrer Trennung eine sexuelle Affaire hatte. Achim erste Reaktion ist der Gedanke: Scheidung! - Aber er besinnt sich. Die Familie Steinhauer bleibt zusammen. Auch Frank Lutter taucht wieder auf. Fünf Jahre ist es her, dass er zuletzt Achim gesehen hat, als ihre Wege sich nach dem Studium in Leipzig trennten. Nach Stalins Tod bekam er Schwierigkeiten in der Partei, weil bei ihm das Umdenken nicht mit den Entwicklungen mithielt. Er wurde zur "Bewährung" in die Produktion geschickt und schaufelte ein paar Jahre Briketts. Dann wandte er sich an Matthias Münz, dem Chefredakteur der "Wahrheit" und bat ihm um Hilfe. Matti holte Frank als Redakteur in die Wirtschaftsabteilung der Zeitung, deren Chef er auch bald wurde. Matti steigt kurz darauf auch auf der Karriereleiter höher: er wechselt komplett nach Berlin in das ZK der SED. Die Wiedersehensfreude zwischen Achim und Frank hält sich in Grenzen. Die einstigen Freunde haben sich mit der Zeit auseinanderentwickelt. Als das Niederschachtofenwerk zu einem Metallleichtbaubetrieb umprofiliert werden soll, kommt es zum Zerwürfnis. Achim, der mit Leib und Seele an dem Werk hängt, ist mit den Umrüstplänen nicht so einverstanden. Er hat Bedenken, ob dies eine richtige Entscheidung ist. Frank, inzwischen auch in der SED-Bezirksleitung tätig, erwartet von Achim, dass er sich als Genosse dem Parteiwillen fügt. Aber Achim steht zu seinen Bedenken. Auch als er ein Parteiverfahren und eine Parteistrafe, maßgeblich mitiniziiert durch Frank Lutter, bekommt. - Achim Steinhauer ist überzeugter Kommunist, aber einer der selber denkt und der auch zu dem steht, was er denkt. Er hängt sein Meinungsfähnchen nicht immer in den aktuellen Wind, so wie es Frank Lutter erfolgreich immer wieder tut. Achim wird als Redakteur der Betriebszeitung abgelöst, aus dem Werk entlassen. Er muss sich eine neue Arbeit suchen. Immer wieder bestimmen natürlich auch die politischen Ereignisse in der DDR die Roman-Story. In diesem Roman insbesondere die Ereignisse um den 13. August 1961. Und auch diesmal kommen auch wieder, wie in den Vorgängerbänden, bei politischen Geschehnissen kritische Töne vor. - Diesmal ist es Ulrike, der er die kritischsten Bedenken bezüglich des Mauerbaus in den Mund legt: "Ich will nicht den Zollverein der Postkutschenzeit, wie die Dummköpfe der Kommentatoren der anderen Fernsehseite, neu gründen, sondern die Einheit will ich erhalten, die Deutschland heißt, nicht Hessen, Preußen oder Bayern. [...] Die gemeinsame Kultur ist es, davon bin ich fest überzeugt, die uns noch immer in Einheit verbindet, die jedoch wir, wir am dreizehnten August - vorerst jedenfalls - zerschnitten haben. [...] Was mir hingegen vorschwebt, das wäre die Offensive. Wir müßten in unserem Staat so gut sein, nein, tausendmal besser als gut, so daß wir den Bau der Mauer nicht nötig gehabt hätten, so daß nicht wir den endgültigen Trennungsstrich durch die - und ich betone - historisch gewachsene Einheit Deutschlands hätten ziehen müssen." (Drittes Buch, Zweiter Teil, 10. Kapitel) Klare Worte! - Natürliich konnte der Autor diese klaren Worte nicht so klar im Raum stehen lassen. Entsprechende Gegenpositionen, die sich mit der offiziellen Haltung eher decken, dominieren insgesamt. Direkt reagiert ihr Ehemann, Achim, der selber als Mitglied der Kampfgruppen in Berlin bei den Grenzsicherungsmaßnahmen dabei war. - Aber was aus heutiger Sicht interessant ist: Hier zeigt Neutsch wieder eindrucksvoll, wie es auch unter den Vorgaben und der Zensur der Literatur in der DDR möglich war, auch kritische Sichtweisen unter zu bringen im Text. Er zeigt sehr schön, dass auch unter Kommunisten selber nicht nur Einstimmigkeit herrschte, sondern es die unterschiedlichsten Sichtweisen gab. - Hier wird, meiner Erfahrung auch nach, ein Stück Wirklichkeit des Lebens in der DDR realistisch dargestellt. Der Roman ist in einer einfachen, verständlichen, klaren und auch sachlichen Sprache gehalten. Stellenweise wirkt die Erzählweise auch durchaus poetisch, ja romantisch sogar. Am Schluss ist Achim zwar entschlossen für seine Standpunkte weiterzukämpfen und sich nicht selbst aufzugeben, was ja den Vorgaben des Sozialistischen Realismus entspricht, aber eine Auflösung der Konfliktherde in Richtung der Parteilinie ist am Ende nicht zu erkennen, was wiederum untypisch und ungewöhnlich ist für die literarischen Vorgaben. Das Ende steht so im Raum. Und wenn man bedenkt, dass zwischen Band 2 und Band 3 sieben Jahre vergingen, so ist dies noch ungewöhnlicher und bemerkenswerter, denn wann der Nachfolger kommen würde, war sicher noch nicht gewiss. Der Roman ist in sich geschlossen. Notwendige Hintergrundinformationen zum früheren Handlungsgeschehen werden im Text selber, so notwendig, gegeben. Der Romn ist also auch einzeln lesbar und verstädlich. Dennoch ist natürlich die gesamte Reihe, also alle vier bisher erschienenen Bände, lesenswert und zu empfehlen.

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