Erik Neutsch Der Friede im Osten : Viertes Buch: Nahe der Grenze.

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Inhaltsangabe zu „Der Friede im Osten : Viertes Buch: Nahe der Grenze.“ von Erik Neutsch

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    Der Friede im Osten : Viertes Buch: Nahe der Grenze.

    Heike110566

    18. September 2010 um 09:37

    Dieser bislang letzte Teil der Roman-Serie erschien 1987. An der Grenze der DDR zur CSSR liegen die Bataillione der NVA. Die Truppen des Warschauer Paktes sind in die CSSR eingerückt, nachdem dort der Sozialismus ins Wanken kam. Es ist das Jahr 1968 - Achim Steinhauer, der inzwischen als Gleisbauer, Fernfahrer und Vogelbeobachter gearbeitet hat, hatte eine Erzählung erfolgreich verlegt und war nun zu Lesungen bei der NVA eingeladen worden. Als Fernfahrer war er auch viel in der Tschechoslowakei und ihn interessiert, was dort vor sich geht. - Die Stimmung im Lager ist gespannt. Selbst unter den Offizieren ist der Einmarsch in das Nachbarland umstritten. Achim beobachtet die Situation genau. - Aber: ihm beschäftigen auch andere Sachen. Zuhause sitzt Ulrike, seine Frau, mit vier Kindern. Den beiden eigenen und den zwei von Frank und Ilse Lutter. - Ilse war kurz vor Achims Abreise plötzlich gestorben und Frank hat seine Kinder bei dem alten Freund untergebracht. Der Roman unterscheidet sich im Aufbau von den Vorgängern. Die Ereignisse im NVA-Camp bilden einen Rahmen, das erste und das letzte Kapitel aowie eines in der Mitte. Dazwischen werden die letzten Jahre, die Jahre zwischen Mauerbau und diesem Prager Frühling 1968, rückbetrachtet. Dabei insbesondere die Entwicklung von Frank Lutter. Franks Entwicklung war konstant auf der Karriereleiter nach oben gegangen. Dafür stieg er aber auch über alles hinweg, was ihn behinderte und nahm keine Rücksichten. Auch nicht gegenüber der Familie. Inzwischen war er in der SED-Bezirksleitung Halle stellvertretender Wirtschaftssekretär, seine Frau kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder. Nur wenn es Probleme mit den Kindern gab, dann wurde er familiär. Aber nicht durch Liebe und Zuwendung, sondern Schläge. Für ihn war es selbstverständlich: die Kinder müssen so toll werden wie er. - Aber: es kam zunehmend anders. Der heranwachsende, inzwischen pubertierende Robert schließt sich einer Clique Rowdys an, wird kriminell und findet den Sozialismus Mist. Prügelt sich bei Fussballspielen, klaut ein Motorrad, lamdet schließlich vor Gericht mit der Clique.. Auch Franks kleinere Tochter beginnt zu stehlen, wird in der Kaufhalle dabei erwischt und klaut sogar der Mutter Geld aus der Handtasche. - Frank sieht die Schuld einzig bei Ilse, seiner Frau. Sie habe als Mutter versagt. Es sei ihr Job gewesen alles in Ordnung zu halten, während er für die Partei alles tat. Schuld bei sich suchen, das kennt Frank nicht. Selbst dass er fremd geht, mit Lina Bonk, seiner ehemaligen Kommilitonin, sieht er als richtig und normal. Doch dann kommt es zum Knick. Frank hatte spekuliert Wirtschaftssekretär der SED-Bezirksleitung zu werden. Er wird übergangen und ihm wird eine Frau auf diesen Posten vor die Nase gesetzt. Er ist erbost, macht das Verhalten seines Sohnes dafür verantwortlich und seine Frau, die versagt habe. Fehlverhalten bei sich sieht er nicht. Seine Frau begeht Selbstmord. Aber: statt nun Frank aufwacht, zieht er auch noch über sie nach dem Tode her. Was sie sich bloß dabei gedacht habe sich zu töten? Hat sie denn gar nicht an ihn gedacht und seine Funktion und Stellung in der Partei? Was der Autor in diesem Band zur Sprache bringt, ist die wachsende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Funktionsträger und der SED auch selber. Deutlich wird: Kommunisten sind nicht bessere Menschen, nur weil sie sich Kommunisten nennen. Dabei gerät die These, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, der Mensch Produkt seines Daseins, auch ins Wanken. Auf den ersten Blick zumindest. Die Kinder von Lutter werden nicht automatisch passgerechte Vorzeigekinder, nur weil Papa SED-Funktionär ist. Und deutlich wird auch in diesem Roman: die moralische Verlogenheit der SED-Bürokraten. Frank ist da das Paradebeispiel: öffentlich moralisch top, privat ein Kinderschläger und Ehe-Fremdgeher. Hier wird dann doch, bei genauerer Betrachtung, wieder klar: Marx hatte doch recht! - Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Der Mensch wird entscheidend mitgeformt durch seine Daseinsbedingungen. - Die Kinder von Frank und Ilse entwickeln sich so, wie sie es tun, weil sie genau in dem Setting leben, wie sie leben. - Auch der Selbstmord von Ilse ist folgerichtig. - Der karrieregeile Frank Lutter hat für diese Bedingungen gesorgt, die zu dem Geschehenen führten. Und auch er ist Produkt seiner Umwelt. Ihm wurden nie Grenzen gesetzt. Seine Karrierestrebsamkeit, besser gesagt: sein der SED-Führung sich anpassendes Wendehals-Verhalten, immer wieder mit neuen Posten bedacht. Neutschs Handlung spielt zwar in den 1960er Jahren, aber was er in diesem Buch darstellte bezüglich den Werten, war auch für 1987, dem Erscheinungsjahr des Romans, zutreffend. - Ein sehr interessantes Buch.

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