Erik Neutsch Der Friede im Osten : Zweites Buch : Frühling mit Gewalt

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Inhaltsangabe zu „Der Friede im Osten : Zweites Buch : Frühling mit Gewalt“ von Erik Neutsch

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    Der Friede im Osten : Zweites Buch : Frühling mit Gewalt
    Heike110566

    Heike110566

    24. August 2010 um 11:33

    Als Schriftsteller in der DDR musste man ein Gespür dafür haben, wann es der rechte Zeitpunkt ist ein Buch zu veröffentlichen. Verpasste man ihn, so gab es eventuell schon eine neue Leitlinie in der Politik und ein Roman, der ein oder zwei Jahre noch zuvor veröffentlicht worden wäre, wäre es nun nicht mehr oder umgekehrt, da das, was darin geschrieben stand, nun nicht mehr der aktuellen Leitlinie der Politik entsprach bzw. es nun tat. - Besonders schwierig war dies sicherlich, wenn man sich an ein Mammutwerk, wie einen Mehrteiler, heranwagte, dass sich über viele Jahre des Schreibens erstrecken würde. Der erste Teil von "Der Friede im Osten" erschien 1974, im Jahr des 25-jährigen Bestehens der DDR und beleuchtete die Jahre zwischen 1945 und 1950. Kritische Töne, insbesondere solche, die sich auf diese Zeit bezogen, waren 1974 durchaus publizierbar. Herrschte doch die Zeit eines Kulturfrühlings. Die DDR strebte nach internationaler Anerkennung. - Kurze Zeit später änderte sich aber das Klima. Biermann wurde ausgebürgert, eine Phase der Repression setzte ein. Dass man aber dennoch auch kritische Töne veröffentlichen konnte, so man sie entsprechend verpackte, zeigt der 1978 erschienene zweite Band der bislang vierteiligen Romanserie "Der Friede im Osten". Sicher: Erik Neutsch war kein Gegner des Systems, absolut nicht. Im Gegenteil: Seit 1964 war er sogar Mitglied der SED-Bezirksleitung Halle. Dennoch war er aber keiner, der immer alles schluckte, sondern in seinen Romanen brachte er auch immer wieder Kritisches zur Sprache, zeigte Missstände und auch Fehlentwicklungen auf. - Erinnert sei an den Bestseller "Spur der Steine". - Er verstand es hervorragend, die Vorgaben des sozialistischen Realismus einzuhalten und dennoch in diesem Schema kritische Nuancen unterzubringen. In diesem Zweiten Buch schreibt er über die Jahre 1951 bis 1954. Dabei begegnen dem Leser die Figuren aus dem Ersten Buch natürlich wieder: Achim und Frank studieren inzwischen in Leipzig. Der eine, der Erstgenannte, Biologie, der andere macht an der ABF sein Abi nach und beginnt dann Journalistik zu studieren. Die beiden Freunde prallen immer wieder, schon wie im Ersten Buch, mit ihren Ansichten aneinander. Frank, inzwischen Funktionsträger in der SED, und Achim begegnen sich wieder, als Achim vor die Parteiüberprüfungskommission geladen wird. Die SED will ihre Reihen von Karrieristen und Renegaten, die ihnen nicht ins Konzept passen, säubern. Auch Achim gerät in diese Mühlsteine und als er schon alles überstanden zu haben glaubt, stellt Frank die Frage: "Warum bist du Mitglied der Partei geworden?" Achim entgegnet, dass dies eine sehr weitreichende Frage ist, die er nicht kurz und knapp beantworten kann. - Einige Zeit danach erfährt er, dass er das Überprüfungsverfahren überstanden hat und in der Partei verbleiben darf. Der Biologie-Professor Beesendahl wird aber, weil er die Thesen der formalen Genetik von Mendel und Morgan vertritt, aus der Partei ausgeschlossen. Sie widersprechen den Thesen der Sowjetwissenschaft, die sich auf Mitschurin und Lyssenko berufen und besagen, dass von der Umwelt beeinflusste Eigenschaften auch an die Nachkommen vererbt werden, also nicht Gene das Bestimmende sind, sondern die Umwelt in der ein Lebewesen existiert. Berücksichtigen muss man dabei, dass 1951 noch nicht die DNA als Träger der Erbinformation entdeckt war und somit beides Theorien waren. Die Haltung der Sowjetwissenschaft war begründbar durch den dialektischen Materialismus, die These der Genetiker aus ihrer Sicht unhaltbar, weil eben das Gen zwar als Begriff im Raum stand, aber noch nicht gefunden war und somit eher ein idealistisch geprägtes obskures Etwas sei. Man sah das gen als etwas unveränderliches, starres Etwas an uns somit Unbeeinflussbares. Etwas, dass somit wie ein Pseudonym für "Gott" auf Marxisten wirkte. Die Diskussion war nicht auf Fakten, sondern auf Ideologien gestützt. Stalins Regierung erhob die Milieuthese Lyssenkos in den Rang einer Staatsdoktrie und somit zur offiziellen Lehrmeinung. Auch in der DDR wurde diese übernommen. Prof. Beesendahl vertrat aber weiter die dem widersprechende Gen-Theorie. Das war für die Partei und Uni-Führung untragbar. Auch Achim stellt sich, nachdem er von Frank und anderen Genossen entsprechend zur Milieu-Biologie bekehrt wurde gegen Beesendahl, den er zuvor verehrt hatte, und schreibt sogar Artikel gegen die Gen-Theorie. Kurz nach einem solchen Beitrag erscheinen in der englichen Wissenschaftszeitung "Nature" Veröffentlichungen von Hershey und Chase sowie Watson und Crick. Ihnen ist es gelungen, die DNA ist als Träger der Erbinformation entdeckt, die DNA-Struktur entschlüsselt. - Was nun tun? Achim beschließt seinen Zeitungsartikel, der die Milieu-These vertrat, zu widerrufen, aber die Leipziger Volkszeitung, das Bezirksorgan der SED weigert sich, diesen Widerruf zu veröffentlichen. Auch von der Partei bekommt er eine Zurechtweisung: Es ginge hier um das Grundprinzip und nicht um eine biologische Frage. Achim stellt die Biologie als Fachrichtung für sich in Frage. Er ist davon überzeugt, dass die Vererbung über die Gene erwiesen ist, aber an den DDR-Universitäten wird auch weiterhin die Milieu-Theorie der sowjetischen Wissenschaftler als die Wahrheit gelehrt. Anhand dieses Konflikts kann man sehr schön sehen, wie wichtig der richtige Erscheinungszeitpunkt war für ein Buch. Noch viele Jahre nach jener Zeit, die in diesem Roman ihre Handlungszeit hat, wurde in den Ostblock-Staaten an der Milieu-Theorie festgehalten. Das Festhalten an dieser These hatte auch Auswirkungen auf das tägliche Leben. So zB sind die Engpässe bei der Versorgung mit Obst und Gemüse in den 1960er Jahren damit erklärbar, da man versuchte die Pflanzen nach der Milieu-Theorie "zu erziehen". - Hätte Neutsch in dieser Epoche seinen Roman geschrieben, so wäre er mit der kritischen Darstellung dieser Diskussion sicher nicht veröffentlicht worden. Ende der 1970er sah dies anders aus. Die Gen-Theorie war mehr und mehr durch Belege abgesichert und begann sich auch im Ostblock durchzusetzen. Den Chefideologen des real existierenden Sozialismus wurde klar, dass die Gen-Theorie absolut nichts Starres zur Folge hat, sondern die DNA und damit auch die Gene durchaus Veränderungen unterliegen, die durch Umwelteinflüsse hervorgerufen werden, was ja wieder im Grunde die sowjetische Milieutheorie mit einbezieht. (Deutlich wird hier, wie wenig es die stalinistisch geprägten Ideologen verstanden, die Gesetzmäßigkeiten des Dialektischen Materialismus auf die aktuelle Wissenschaft anzuwenden. Entscheidend war für ihre Vorgaben, wo der Wissenschaftler her stammt, der eine These aufstellt oder eine Entdeckung macht. Wären die primitivsten Grundlagen des marxistischen Denkens wirklich ernstgenommen angewandt, dann wären derartige Fauxpas' nicht passiert. Aber: es herrschte eben der Kampf zwischen den Machtblöcken, der Kalte Krieg. Und der war von Starrsinn und Dogmen geprägt, auf beiden Seiten!) Und natürlich spielen auch die Ereignisse um den 17. Juni 1953 eine Rolle in diesem Roman. Im Frühjahr 1953 hatte die DDR-Regierung die Preise für Lebensmittel und Dienstleistungen erhöht und dazu auch noch die Arbeitsnormen in den Betrieben. Die Versorgungslage in der DDR war nach wie vor völlig desolat. Noch immer gab es Lebensmittelkarten und nun sollte man auch noch höhere Preise zahlen für das Wenige, das man bekam. - Der Unmut gegen die Führung wuchs. Verständlicherweise. Matthias Münz, der inzwischen Chefredakteur der "Wahrheit", der SED-Bezirkszeitung des Bezirkes Halle war und zudem auch Mitglied des ZK, spricht sich im Roman gegen diese Politik aus. Doch er stößt in der Partei auf taube Ohren, wird zurechtgewiesen. Er fährt zu den Arbeitern, will die Stimmung vor Ort erkunden. Ihm schlägt der Unmut ins Gesicht und er anerkennt: "Die Arbeiter waren im Recht und die Beschlüsse des Ministerrates falsch. Zwischen der Regierung, der Partei und der Klasse würde eine Kluft aufprallen, sofern die Maßnahmen nicht zurückgezogen werden. Noch war es Zeit." (Der Friede im Osten. Zweites Buch, Teil II, Zweites Kapitel, S. 271, 5. Auflage 1980) Neutsch nutzt hier überzeugend den möglichen Gestaltungsspielraum im Sozialistischen Realismus. Er läßt eine Person oppositionell auftreten. Dieser Person kann er kritische Töne in den Mund legen, ohne dass das Gesamterscheinungsbild des Romans oppositionell wird. So wird aber auch die kritische Sicht nicht unterdrückt. Es ist dieses berühmte zwischen den Zeilen lesen, was man als Leser herauslas. Ob der Autor auch letztlich diese Maßnahmen so sah wie Münch oder eher der Parteilinie folgte, bleibt völlig offen. Neutsch konstatiert einen Zustand und bietet verschiedene Sichtweisen auf diesen Zustand. Die DDR-Regierung jedenfalls erkannte 1951 die Fehlentscheidungen zu spät. Zu spät nahm sie die Maßnahmen zurück. Der Zorn in der Bevölkerung brodelte, angeheizt auch durch westliche Unterstützung, immer mehr. Der Westen nutzte dies zum Anheizen der Kräfte, die grundsätzlich gegen das DDR-System gerichtet waren. Es kam der Tag X, der 17. Juni 1953. Die DDR stand auf der Kippe. - Nicht der berechtigte Zorn der Arbeiter war aber das Problem, auch dies macht Neutsch deutlich, sondern das nun westlich gesteuerte Elemente ihre Chance sahen, den real existierenden Sozialismus zu stürzen und das DDR-Gebiet wieder unter kapitalistische Kontrolle zu bringen. - Bei der Bewertung der Ereignisse muss man unterscheiden zwischen den Protest der Arbeiter und der Bevölkerung und der klar vorliegenden versuchten Konterrevolution, die nichts, aber auch gar nichts mit den eigentlichen Unmut zu tun hatte. Bei letzterer ging es um Sein oder Nichtsein. Und da wird verständlich, warum die Führung auch zu gewalttätigen Gegenmaßnahmen, inklusive der Unterstützung durch die sowjetischen Truppen in der DDR, griff. - Auch dies macht Neutsch meines Erachtens nach sehr schon deutlich. Neben diesen Konflikten, gibt es noch zahlreiche andere dramatische Ereignisse in diesem Roman: den Kampf gegen das Hochwasser 1951, die Sabotage in den Betrieben, das Gastspiel der ZKG, der Zentralen Kulturgruppe der Universität Leipzig in Bochum, das im Bochumer Gefängnis endet, die Weltfestspiele 1951 in Berlin (Ost), inklusive einer FDJ-Demo in Berlin (West), die von der westberliner Polizei zusammengeknüppelt wird und wo auch Wasserwerfer gegen die Demostranten eingesetzt werden, die selbstbetrügerische Einweihung eines noch unfertigen Niederschachtoffen-Werkes und andere mehr. Aber trotz aller Dramatik kommt auch in diesem Zweiten Buch die Liebe nicht zu kurz. Frank heiratet. Achim hat diverse Liebschaften und landet am Schluss doch wieder, und man kann sagen: endlich, bei seiner Ulrike. Wege. Umwege. Irrwege. - Dieser Roman bietet alles. Der Roman ist, trotz er zu einer mehrteiligen Reihe gehört, in sich geschlossen und auch einzeln lesbar. Das notwendige Wissen über Teil 1 wird an entsprechender Stelle vom Autor eingebaut. Dennoch sind natülich alle Teile des Mehrteilers lesenswert und somit auch zum Lesen zu empfehlen.

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