Erika Veld Klein, still & weiß

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Inhaltsangabe zu „Klein, still & weiß“ von Erika Veld

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  • Rezension zu "Klein, still & weiß" von Erika Veld

    Klein, still & weiß
    capkirki

    capkirki

    04. December 2012 um 13:44

    “Demenz. Das war ein Schlag. Ich musste es laut vor mich hinsagen, Ma, um es zulassen zu können. Es ist so ein Wort, auf das man eindreschen möchte, das man anspucken und zertreten möchte, mit aller Wucht. Es ist ein Wort, das die Tränen löst.” Sandra und ihre Schwester Evelien wollen es zunächst nicht wahrhaben und müssen sich dann doch der traurigen Tatsache stellen: beide Elternteile leiden an Demenz. Die Ehe der beiden ist bereits vor 40 Jahren gescheitert, was vor allem daran lag, dass der Vater nicht treu seien konnte. Seit dem lebten sie getrennt, zum Vater bestand schon immer wenig Kontakt – er wurde schon früh “merkwürdig”. Jetzt lebt er in mitten von Teddybären in einem verdreckten Haus und füttert die Tiere der Umgebung. Die Mutter scheint zunächst noch fitter zu sein. Auch sie lebt in ihrem eigenen Haus, dort ist scheinbar noch alles in Ordnung. Ab und zu vergisst sie zwar Sachen, aber wer tut das nicht? Während die zwei Schwestern wieder einmal das zu Hause ihres Vaters aufräumen, wird ihnen klar, wie weit die Demenz des Vaters schon fortgeschritten ist. “Hab ich dir das Geld schon gegeben?” “Ja Papa, hast du.” “Prima. Aber hab ich dir das Geld schon gegeben?” “Ja, hast du vorhin, weißt du nicht mehr?” “Ach ja doch.” ….. “Hab ich dir das Geld denn schon gegeben?” diese Fragen ziehen sich über die gesamte Dauer des Buches hinweg. Geduldig beantwortet Sandra all seine Fragen, passt auf, dass sie beim Saubermachen keine Spinnen tötet – ihr Vater liebt sie – sammelt Zigarettenstummel und Klumpen von Tierfutter auf und wundert sich, wie man bloß so leben kann. Doch noch scheint der Vater für sich selbst sorgen zu können. Nur die verwahrloste Wohnung mahnt an, dass hier etwas nicht mehr stimmt. Als der Vater eines Tages stürzt, gibt es keinen Ausweg mehr, er wird langsam zur Gefahr für sich selbst und muss betreut werden. Seine Töchter finden einen Platz in einem Heim, das Zimmer ist 4×4 m groß. Wie soll hier ein ganzes Leben reinpassen? Mit schlechtem Gewissen räumen sie sein Haus aus, suchen die Sachen zusammen, die er mitnehmen kann, sortieren die anderen Sachen, nehmen geliebte Stücke mit nach Hause, verschenken oder entsorgen den Rest. So schnell löst sich ein Leben auf. Als der Vater vom Krankenhaus ins Heim zieht, protestiert er nicht mehr, er fügt sich, wird teilnahmslos, auch seine geliebten Enten und Tauben kann er hier nicht mehr füttern. Die Terrassentür wird abgeschlossen. Ein Gefängnis – 4×4 m groß, in dem er bald im Rollstuhl sitzt und die Wände anstarrt. “Hab ich dir das Geld schon gegeben?” “Wer ist man überhaupt, wenn die Erinnerung schwindet? Wenn man nicht mehr weiß, welchen Herausforderungen man sich gestellt hat, welche Grenzen durchbrochen und wie man über sich selbst hinausgewachsen ist? Das tut man nicht für andere, das tut man für sich. Aber wenn man alles vergisst?” Auch die Situation der Mutter wird immer problematischer. Einmal erwischen sie die Nachbarn nur mit dem Schlafhemd bekleidet auf der Straße, dann vergisst sie, dass sie ein Taxi gerufen hat und weiß auch nicht mehr wohin sie fahren wollte. Eines Tages kann sie die Tür nicht mehr öffnen, sie ist abgeschlossen, doch die Mutter weiß nicht mehr, dass sie einfach nur den Schlüssel drehen muss. Doch das Schlimmste sind die Halluzinationen, die Mutter hört Stimmen, glaubt das Haus voller Leute, weiß plötzlich nicht mehr, dass es ihr Haus ist, sieht Gesichter, die die Treppe hochkommen. Panisch greift sie dann zum Telefonhörer und ruft ihre Töchter an. Diese schaffen es immer wieder, die Mutter zu beruhigen, ab und zu fährt auch der Enkel mit dem Fahrrad vorbei, um nach ihr zu sehen. Doch alle wissen, auf Dauer kann auch die geliebte Mutter nicht mehr allein bleiben. Sandra leidet unter der Situation, es fällt ihr schwer, scheibchenweise Abschied zu nehmen. Denn obwohl Ma noch da ist, entfernt sie sich immer weiter von der Person, die sie einst war. Sie erinnert sich nicht mehr an ihr Leben, an Ereignisse, geliebte Erinnerungen verblassen. Dennoch gibt es ab und zu auch noch schöne Momente, an denen sich die Töchter festklammern. Eines Tages entdeckt Sandra ein altes Spiel, dass sie immer mit ihrer Mutter gespielt hat, sie nimmt es mit und die beiden spielen und lachen den ganzen Nachmittag – fast so wie früher. Doch schon am Abend danach ruft die Mutter an und fragt sie, was denn die ganzen Leute in ihrem Haus wollen, sie kenne doch niemanden hier. Als die Mutter wieder einmal orientierungslos herumläuft und den Herd anstellt, obwohl die Töchter den Haupthahn zugedreht haben, wird es gefährlich. Die Mutter kann nicht mehr auf sich aufpassen, braucht Hilfe, Betreuung – noch mehr sogar als der Vater. Die Töchter können sie nicht aufnehmen, denn für eine 24 Stunden Pflege haben sie beide keine Zeit. Der Gedanke, die geliebte Mutter ins Heim zu geben, ist ihnen beiden unerträglich. Doch was bleibt ihnen für eine Wahl? In die Hilflosigkeit mischt sich die Wut, wieso haben die Eltern sich nicht schon vorher darüber Gedanken gemacht, was in so einem Fall mit ihnen passieren soll? Wieso haben sie diese Verantwortung an die Kinder weitergegeben? Doch Sandra plagen noch andere Gedanken. Ihre Schwester hat Kinder, sie werden sich im Alter um sie kümmern, doch Sandra hat niemanden. Was passiert, wenn sie einmal so weit ist? Wer hilft ihr? Wer sucht das Heim aus? Will sie das überhaupt? Die Situation der Eltern zwingt sie, über ihr eigenes Leben nachzudenken. Auch ich habe mich beim Lesen dabei ertappt, dass ich mir selbst Gedanken gemacht habe, was denn aus mir wird. Auch ich habe keine Kinder, die für mich Entscheidungen treffen können. Soll ich das Fremden überlassen? Und wie ist es, wenn meine Eltern einmal in diese Lage kommen sollten, was dann? Erika Veld weckt mit ihrem Buch Fragen, vor deren Antworten man sich fürchtet und sie deshalb gern verdrängt und doch sind sie so wichtig, dass man sich ihnen stellen muss. Auch die Frage nach dem Heim traf bei mir ins Schwarze. Ich kann mir nicht vorstellen, meine Eltern einmal ins Heim zu geben und noch viel weniger kann ich mir mal vorstellen, in 4×4 m zu sitzen und die Wände anzustarren. Was also tun? Diese Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten und ich bin der Autorin dankbar, dass sie mich schon früh darauf gebracht hat. Auch die zwei Schwestern müssen sich entscheiden… der Bruder kümmert sich nicht um die Familie, es besteht kaum Kontakt. Doch eines Tages ruft er dann doch an und Sandra muss ihm sagen, wie sie sich entschieden haben… “Ich rufe. Ich schreie. Ich flüstere. “Mama kommt nicht mehr zurück.” Ein Buch, das berührt, das nachdenklich macht, das aber auch hilft, dem Unvermeidlichen ins Auge zu blicken, es zu akzeptieren und vielleicht auch, ein klein wenig vorbereiteter zu sein. Erika Veld erzählt tragisch, offen, direkt, aber auch mit einer Prise Humor von einer heimtückischen Krankheit, vom Abschied nehmen und loslassen können, von Hilflosigkeit und absurden Momenten. Sie tut das mit ganz wunderbaren Worten, Worten, die berühren, die innehalten lassen, die nachklingen und einen nicht mehr loslassen. Ihre Erzählweise ermöglicht es dem Leser, selbst in die Rolle des Kindes zu schlüpfen und mitzufühlen, was es heisst, wenn beide Eltern an Demenz erkranken. Es ist ein stilles Buch und doch so wortgewaltig, dass es sich einen Platz ganz oben in meiner “Bücher des Jahres” Liste erobert hat. Klare fünf Sterne und ein Lesetipp für alle, die die leisen und nachdenklichen Töne mögen. “Über die Lesebrille hinweg schaue ich lange aus dem Fenster. Ich mag Nebel. Er macht die Welt so klein. Und still. Und weiß. Ist das nun Demenz, Ma? Sieht es in deinem Kopf auch so aus: klein, still und weiß?”

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