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Latchro

vor 9 Monaten

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“Der Metro-Medizinmann“ ist ein grossartiger und genüsslich lesbarer Neunzigerjahre Roman, ein Psychogramm jenes Jahrzehnts, in dem die Individualisierung vielleicht ihren Höhepunkt erreicht hat. Den jungen Menschen wird scheinbar unbestraft ein temporärer Systemausstieg zur weiteren Selbstverwirklichung nahegelegt, woraus sich etwas später größter Profit schlagen lässt. Der Roman, in dem einige im Technogroove schwelgen, “während andere die Ungerechtigkeiten anprangerten, die ihre Karrieren gerade am erneuern waren“ lässt wiedererleben, zu welchem Individualismus diese Epoche ihre Kinder verleitet hat, zu welcher Vermengung von Empörung und Reflektiertheit, von Ironie und Sensibilität noch für die feinsten Details ihrer Befindlichkeit. Damit wird aber auch eine Epoche beschrieben, die zuletzt ihre eigenen Kinder verrät, ihre Fähigkeit der ironischen Selbst- und Gesellschaftskritik einbüsst und nur noch ihre Schwächen besser tarnen lernt. Der Autor beherrscht aufs Subtilste die Kunst der Gesellschaftskritik nach dem Komma, der Gesellschaftskritik im Nebensatz. An dem Punkt, an dem der Medizinmann zur totalen Entlarvung ansetzt, steigert sich diese Kritik zur visionären Abrechnung, aber auch zu einem notwendigen Entstehungsprotokoll der Gegenwart. Es ist die Intensität und Authentizität der Liebe zu all den Frauen dieses Romans, die diesem schmerzenden Entlarvungsakt die Balance hält – und ihm auch ein schönes, ein gutes Ende ermöglicht.

Autor: Ernest Albert
Buch: Der Metro-Medizinmann
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