Ernst Jünger Annäherungen

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Inhaltsangabe zu „Annäherungen“ von Ernst Jünger

Drogen und Rausch sind für Jünger ein Mittel, dem Menschen einen Anteil an der geistigen Welt zu verschaffen. Zuerst ist der Rausch reiner Genuss mit Gewinn und Gefahren, dann wird er zum Abenteuer mit seinen fantastischen, ästhetischen und geistigen Bezirken, schließlich aber zur Annäherung. In zahlreichen Selbstversuchen u. a. mit Albert Hofmann, dem Erfinder des LSD, lotete Jünger die Dimensionen der Rauschmittel und ihren Bezug zu ihrem jeweiligen Kulturkreis aus.
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  • Im Gehege der Zeit

    Annäherungen

    jamal_tuschick

    11. October 2014 um 08:28

    Zu einer Zeit, als Drogen in allen Boutiquen der Anschauungen Gegenstände der Gegenwart sind, rückt sie Jünger in einen überzeitlichen Rahmen. Er fängt an mit dem Wein, der Wein habe „Europa stärker verändert als das Schwert.“ Jünger vermutet, dass die Jahrhunderte Wirkungen des Weins schwächten. Er erinnert an Weinfeste der Götter, die wie Koksorgien über den Horizont gingen. Er betrachtet den gelinden Rausch wie ein kultivierendes Moos auf den Findlingen der Gewalt, die zu Völkern und Staaten führen. Jünger stellt Wein als eine Sache heraus, die Eroberungszüge überdauert. Tabak ist ein „großes Geschenk Amerikas an Europa“. Auch beim Tabak spekuliert Jünger auf einen Niedergang von Euphorie & Weisheit „in der Sphäre der Alkaloide“. Den Autor interessieren Übergänge zwischen „gemeinem Schlaf“ (Shakespeare) und seinen (profanen) Träumen und zitierten „Visionen & Prophezeiungen“. Jünger geht von einem beseelten Universum aus, das mit Antennen aus Feinstofflichkeit vermessen werden kann. Insofern sind Drogen so etwas wie Radioteleskope. Jünger betont die Bedeutung der „rezeptiven Bereitschaft“ des Probanden, vor allem jedoch unternimmt er Abgrenzungen von „mechanistischen Theorien“, der Grobheit des Gesetzgebers und Säufern so wie Kettenrauchern - und, um ein Wort der Dekade anzubringen, vom uncoolen User. „Annäherungen“ erschien 1970 als empirisches Dokument mit autobiografischem Charakter. Jünger schrieb vermutlich das kenntnisreichste Buch zu einem Thema, das alle interessierte, Bewusstseinserweiterung war Mode. Die Acid-Adepten, Jünger nannte sie „Lehrlinge“, pilgerten zum Meister nach Wilflingen auf die Schwäbische Alb.  Jünger lotet Chancen der Askese aus, er meditiert über erhöhte Empfänglichkeit in Exerzitien. Er nennt die Pole der Zeit animalisch und vegetativ. Er führt die zur Beschwörung fantastischer Zustände taugenden Drogen im Spektrum zwischen Stechapfel und Bilsenkraut an. Das zählt zum Hexenwerk und Mittelalter und zur Groteske, die stets eine Verkümmerung darstellt. Der Leser ahnt Reserve des Autors im Nachtschattendschungel. Diese Räusche gehören dem Themenkreis Hokuspokus und Rummelplatz, während man mit Kokain die „Titanenwelt“ erreicht. Für Jünger sind Drogen Transportmittel, Raumschiffe, die keinem Süchtigen an Bord Platz bieten. Jünger kommt auf die Differenz immer wieder zurück, sein Bild ist die Morgenzigarette des Genussrauchers. Kokain weicht aus „einer der Büchsen der Pandora“ unserer Gattung. Die von Kokain freigesetzten „Kräfte“ sind „natürlich“, sie übersteigen lediglich das ständige „Fassungsvermögen“. Jünger spricht von der Gewinnung „strahlender Materie aus organischer Substanz“. „Der geistige Hunger ist unstillbar.“ Jünger fängt Träume und durchschreitet Blakes/Huxleys Pforten der Wahrnehmung als Abenteurer auf der Suche nach Satori. Den allgemeinen Drogenhunger von 1970 erklärt er mit dem im Maschinenzeitalter zur Zentrallinie des Lebens gewordenen, zeitfressenden Wettbewerbs. Die Theologie sei um ihre Mittel gekommen, als trostlose Wissenschaft. Nun hält man Drogen für Paragleiter der Metaphysik. Jünger exponiert seine Skepsis vor der Masse, die richtig abgefahrenen halluzinogenen Stunts sind nach seinen Begriffen eine aristokratische Angelegenheit. Er rollt seine von bürgerlichem Stolz lodernde und sich zugleich über das Bürgerliche setzende Geschichte auf, seit den Tagen des Leutnant Jünger, den Verletzungen anfällig machen für Entspannung im Rausch. Zwei Dinge hält der Erfahrene fest: „Die Flucht (in den Rausch) ist als Bewegung verhängnisvoll“ und „der Rausch enthüllt, als ob ein Vorhang aufgezogen würde“ einen tieferen Charakter des (im Rausch wahrgenommenen) Geschehens. Klar ist hier nicht die Rede von Schnaps als Schlüssel zum Schloss Bill Blake`scher Türen: „If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, Infinite. For man has closed himself up, till he sees all things thro' narrow chinks of his cavern.“   Ernst Jünger, „Annäherungen“, Klett-Cotta, 450 Seiten; 21.95 Euro  

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