Ernst Lothar

 4.6 Sterne bei 9 Bewertungen
Autor von Der Engel mit der Posaune, Die Rückkehr und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Ernst Lothar

Der Engel mit der Posaune

Der Engel mit der Posaune

 (7)
Erschienen am 11.09.2017
Die Rückkehr

Die Rückkehr

 (1)
Erschienen am 29.01.2018
Unter anderer Sonne

Unter anderer Sonne

 (1)
Erschienen am 19.09.1986
Macht und Ohnmacht des Theaters

Macht und Ohnmacht des Theaters

 (0)
Erschienen am 26.09.1968
Die Rückkehr

Die Rückkehr

 (0)
Erschienen am 10.06.2019
Ausgewählte Werke / Kleine Freundin

Ausgewählte Werke / Kleine Freundin

 (0)
Erschienen am 08.03.1962
Die Rückkehr: Roman

Die Rückkehr: Roman

 (0)
Erschienen am 29.01.2018
La melodia di Vienna

La melodia di Vienna

 (0)
Erschienen am 01.07.2014

Neue Rezensionen zu Ernst Lothar

Neu
SiColliers avatar

Rezension zu "Der Engel mit der Posaune" von Ernst Lothar

Verlorene Leben
SiColliervor 4 Monaten

Er schüttelte den Kopf. „Ich kann’s mir nicht vorstellen, dass man im Jahr 1914 Krieg führt!“ (...)
Katastrophen konnte man sich erst vorstellen, wenn sie da waren.
(Seite 271)

Meine Meinung

Ein Engel mit einer Posaune thront wachsam über dem Eingang des Hauses Seilerstätte 10; mit diesem beginnt sowohl das Buch als auch die Verfilmung des Romans „Der Engel mit der Posaune“, durch welche ich auf die Buchvorlage aufmerksam wurde. Wie ich inzwischen weiß, weicht der Film in Teilen erheblich vom Roman ab; das Buch erscheint mir härter - und damit vermutlich realistischer - zu sein. Auch wenn sich das Buch gut lesen läßt, wenn man sich an den Stil des Autors gewöhnt hat, so ist es jedoch alles andere als einfache Kost. Aber das sollte alleine schon durch die Anfang und Ende des Romans bezeichnenden Ereignisse klar sein.

Von Beginn an hatte ich das Gefühl, in einer anderen Zeit zu sein. Lothar hat es verstanden, daß ich in den Jahren, die während des Kaiserreichs spielten, stimmungsmäßig dort war und er verstand es, die bedrückende Atmosphäre, die sich mit dem Nahen der Nazis mehr und mehr ausbreitete, spürbar werden zu lassen. Selten (oder vielleicht noch nie) habe ich ein Buch gelesen, in welchem in so lakonisch-neutraler Erzählweise dermaßen scharfe und gleichermaßen hochemotional aufgeladene Bilder entworfen und beschrieben werden wie hier. Das führt stellenweise zu Szenen, in denen einen das Grauen förmlich aus den Buchseiten heraus ins Gesicht springt. Viel deutlicher kann man die Verworfenheit und Absurdität der Nazi-Ideologie nicht mehr entlarven.

Passend zum Untertitel „Roman eines Hauses“, der durchaus mehrdeutig verstanden werden kann, beginnt das Buch mit der Beschreibung eben jenes Hauses in der Seilerstätte 10 in Wien, seiner Geschichte und der seiner Bewohner. Ein Personenverzeichnis wäre hilfreich gewesen, wird es doch von zahlreichen Personen aus verschiedenen Zweigen einer einzigen Familie bewohnt, bei denen man leicht den Überblick verliert. So viele verschiedene Wohnungen das Haus hat, so verschieden sind auch die Menschen, die es bewohnen und die über die Jahre hinweg irgendwie miteinander auskommen müssen.

Hier hinein heiratet Henriette Stein, die Tochter des der Obrigkeit - und manchem im Haus - etwas suspekten Professors Stein. Von ihrem Gatten Franz, dem Inhaber der Klavierfabrik, heftig geliebt, ist es für sie eher eine Vernunftehe, denn über all die Jahre hinweg trauert sie ihrer großen Liebe, dem Kronprinzen Rudolf, nach.

Eingebettet in die Zeitläufte erleben die Figuren - und damit wir Leser - die Ereignisse mit: die Monarchie, den Ersten Weltkrieg, die Revolution und Republik, deren Scheitern bis hin zum Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich. Die Figuren sind gut gezeichnet und weit entfernt davon, einfach oder gar eindimensional zu sein. Sie haben ihre Ecken und Kanten, ihre guten und schlechten Seiten, so daß es schwer fällt, Sympathie und Antipathie immer eindeutig zu verteilen. Sie handeln nicht immer logisch, nicht immer rational, und mögen manches mal so gar nichts dazu lernen. Es ist, wie im richtigen Leben. Aber gerade deshalb war es mir möglich, vieles so gut nachzuempfinden. Aus ihrer jeweiligen Situation heraus konnten sie nicht anders denken oder handeln, als sie es taten. Der Autor hat seine Figuren, wie es im Nachwort heißt, in der Tat „voller Zuneigung und Humor gezeichnet“. Daß manche sich entwickeln, wie sie es eben tun, ist darob um so erschreckender - und vermutlich um so realistischer.

Franz’ magere Phantasie ließ ihn im Stich. Waren sie wirklich glücklich gewesen, seine Vorgänger auf Nummer 10? Er hatte sich nie darum bekümmert. (S. 32)
Ob die Vorfahren glücklich gewesen waren, wird wohl niemand mehr erfahren. Ob aber Franz und die Seinen glücklich geworden sind, ist in diesem Buch zu lesen. Eine längst fällige Wiederentdeckung, ein großartiger Roman und vermutlich mein Lesehighlight des Jahres: Der Engel mit der Posaune.


Mein Fazit

Ein großartiger Roman, nicht nur über eine Familie, sondern den Untergang der einen und das Heraufdämmern einer anderen Epoche.

Kommentieren0
3
Teilen
Miamous avatar

Rezension zu "Die Rückkehr" von Ernst Lothar

Heimkommen??!!
Miamouvor 5 Monaten

Der Roman „Die Rückkehr“ von Ernst Lothar feiert nächstes Jahr seinen 70. Geburtstag und ist heuer als Neuauflage für den Leser zugänglich gemacht worden. Im Grunde ein sehr unscheinbares Buch, aber mit einem sehr gewaltigem Inhalt und einer poetisch – virtuosen Sprache.

Felix van Geldern kehrt nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Emigration in sein geliebtes Wien zurück. Doch all seine Hoffnungen auf das neue Europa und insbesondere auf Wien muss er schnell begraben. Denn seien Rückkehr wird keine Heimkehr. Als nun amerikanischer Staatsbürger steht er zwischen den Stühlen. Einerseits muss er sich von den Wienern anhören, warum er das Land 1938 im Stich gelassen hat, andererseits wird er angefeindet, weil die amerikanischen Alliierten nicht der „erhoffte Heiland“ sind. Genau diese Zerrissenheit kennzeichnet das gesamte Buch. Als er dann auch noch mitansehen muss, dass seine einstige Geliebte, eine Nazi, mit einem amerikanischen Major anbändelt, gerät die Welt für ihn in vielerlei Hinsicht aus den Fugen.

Sehr gekonnt führt Lothar Ernst in den Roman hinein. Felix ist in Amerika und verfolgt von dort aus das Ende des Krieges in Europa. Er ist emigriert, weil er damals nach dem Anschluss Österreichs, wie er es ausdrückt „kein Deutscher werden wollte“ und weil er zu einem Viertel jüdischer Abstammung ist. Er bekommt nun den Auftrag für seinen Onkel geschäftliche Belange im Nachkriegseuropa für ihn zu beschleunigen und gemeinsam mit seiner Großmutter Viktoria setzt er über in seine Heimat. Doch dort ist nichts mehr, wie er es kennt. Mit sehr klaren und realen Worten beschreibt der Autor die Gefühle Felix, denn Lothar Ernst hat sie am eigenen Leib verspürt. Auch er ist in den 1930er Jahren nach Amerika emigriert und bei seiner Rückkehr wurde er nicht mit offenen Armen empfangen, ganz im Gegenteil. Während sich die Österreicher noch mit der Schuldfrage und dem Vorwurf nicht gegen Hitler gestimmt zu haben herumschlagen, schlägt den Zurückgekehrten auch noch Neid und Missgunst entgegen.

Auch Felix und seine Großmutter Viktoria spüren diese Missgunst an allen Ecken, in denen sie sich in Wien begegnen. Ehemalige Freunde wenden sich ab, sogar Felix‘ Mutter, die 1938 aus Liebe zurück in Wien blieb, kann den Sohn nicht so annehmen wie er ist. Felix fühlt sich als Wiener, wird aber nicht als solcher gesehen. Gleichzeitig ist er Amerikaner, kann sich selbst als solcher aber immer weniger sehen. Er ist zerrissen zwischen zwei Welten und die Versuche diesen Riss zu kitten, gelingen kaum. Als er seiner früheren Geliebten zufällig begegnet, heiratet er sie recht bald, in der Hoffnung wieder an Altes anknüpfen zu können. Doch die Katastrophe ist vorprogrammiert, denn sie ist eine ehemalige Nazi und hat sich mit Goebbels mehr als gut gestanden. Wie kann das also mit Felix funktionieren, der gegen alles ist, wo Nazi draufsteht?

Felix ist die Haupfigur des Buches und mit ihm steht und fällt die Geschichte. Sein Gefühl der Nicht – Dazugehörigkeit kann man auf jeder Seite fühlen. Trotzdem war für mich die weit interessantere Figur seine Großmutter Viktoria. Sie stellt sich auf die Beine und spricht auch Unangenehmes an. Die Szene, als sie zu einem amerikanischen General ins Büro geht und ihm vorwirft, dass Amerika als alliierte Besatzungsmacht gar nichts für die Wiener Bevölkerung tut, was eine Schande ist, die zum Himmel schreit, findet man wohl kaum in irgendeiner Nachkriegsliteratur. Auch im privaten Bereich hält sie ihre Zunge wenig im Zaum und sagt, was Sache ist, jedoch immer im Hinterkopf behaltend, was für ihren Enkel das Beste ist.

Was Ernst Lothar auch noch mehr als gelungen ist, ist die Wiener Atmosphäre nach dem 2. Weltkrieg einzufangen. Die Kriegsüberlebenden kehren in ein sehr trübes und hoffnungsloses Wien zurück. Die Entnazifizierung hat zwar schon begonnen, aber so richtig durchziehen will sie niemand und ehemalige Nazis sehen ihren wahren Untergang noch nicht gekommen. Überlebende aus den KZs kehren zurück, können aber nicht über ihr Erlebtes sprechen und wie alle anderen auch versuchen sie ihr Leben zu ordnen. Der Autor greift viele Themen nebenbei auf und fügt sie zu einem gehaltvollen Ganzen zusammen. Dabei kann er auch sehr gut mit dem typisch Wienerischen, den „Schauma mal“ – und „Warten wirs ab“ – Mentalitäten umgehen, was dem Leser in der ganzen Hoffnungslosigkeit doch auch an manchen Stellen zum Schmunzeln bringen kann. Dies alles geschmückt mit einem poetischen Sprachstil, der virtuos wirkt.

Ganz offensichtlich verarbeitet der Autor viele seiner Gefühle auch durch seinen Hauptprotagonisten Felix, ohne dabei aber ständig auf die Tränendrüse zu drücken oder die Mitleidsmasche aufzufahren. Im Gegenteil beschreibt er sie oft sehr sachlich und gibt auch gegengestellten Meinungen ihren Platz.

„Die Rückkehr“ kam in seinem Erscheinungsjahr 1949 nicht sehr gut an. Zu Nahe war man noch an den darin enthaltenen Themen dran. Heute bekommt er eine andere Bedeutung. In Wirklichkeit wirkt der Roman, als ob er aus der Zeit gefallen wäre und dann auch wieder nicht, weil er uns eine neue und seltene Sichtweise auf eine geschichtlich wichtige Zeit präsentiert.

Kommentare: 5
98
Teilen
BettinaR87s avatar

Rezension zu "Der Engel mit der Posaune" von Ernst Lothar

"Die Liebe ist nicht für jeden Tag"
BettinaR87vor 9 Monaten

Eine ebenfalls ältere Geschichte ist "Der Engel mit der Posaune" - das Buch erschien nicht nur schon 1946, sondern wurde ebenso früh (1948) bereits verfilmt. Hier gibt's ihn auf Youtube für alle, die kurz reinspitzen möchten, bevor sie das Buch lesen - und das sollten sie!

Das Buch beginnt 1888 mit der Verlobung von Franz Alt, Mitglied einer renommierten Familie von Klavierbauern. Er beabsichtigt, Henriette Stein zu ehelichen, doch weil sie mit dem Kronprinzen in Verbindung gebracht wird, gibt es Zweifel an ihrer "Eignung" als Braut. Die Gerüchte sind wahr und Henriette in Wirklichkeit in den Kronprinz Rudolf verliebt. Doch die Hochzeit findet statt, wobei relativ zeitgleich der Kronprinz verstirbt. Henriette fügt sich ihrer Ehe - zunächst. Denn über die Zeit wird immer deutlicher, dass es keine Liebesheirat war und Henriette emotional ziemlich unruhig ist. Die Geschichte geht weiter bis zum Ersten Weltkrieg bis hin zum Auftakt der Zweiten Weltkriegs. Dabei rückt die Generation in den Fokus: Hans und Herrmann, Henriettes Söhne, entwickeln sich recht gegensätzlich und zu ihrem absoluten Erschrecken muss sie feststellen, dass einer der beiden sich politisch mit Hitler verbündet ...

Das Buch steigt mit vielen Personenbeschreibungen und Namen ein, die einerseits das Spielbrett der nächsten Jahrzehnte bilden, andererseits aber schon sehr zahlreich sind. Da das Buch allerdings aus einer sehr zeitgenössischen Perspektive geschrieben wurde, ist es kein "historischer Roman", der von Moderne geprägt über Geschichte berichtet - sondern vielmehr ein Abbild der Gedankenwelt und Kultur aus dem Österreich der damaligen Zeit. Vielleicht fällt es manchem deswegen ein wenig schwerer, sich in das Buch hineinzufinden. Lothars persönliche Einsicht in die Zeit erweist sich jedoch als unschätzbares Gut für Entwicklung der Geschichte und ihrer Charaktere, die sehr glaubwürdig auftreten. Ihre Emotionen liegen für den Leser so offen dar, wie es in der Realität damals wahrscheinlich eher weniger der Fall gewesen wäre. Es wird turbulent!

Auch vom historischen Hintergrund her ist der Zeitpunkt sehr gut gewählt: Von einer Kaiser-zentrierten Regierung wandelt das Land sich permanent und durchläuft seine wohl tiefste Änderung. Zunächst durch die Schwächung des Kaisers im Spannungsfeld erstarkende Wirtschaft und Regierung, dann die Ermordung des Thronfolgerpaares bis hin zum Anschluss an Nazi-Deutschland. Das sind alles Änderungen auf hohem Level, die sich im Alltag der geschilderten Personen unmittelbar auswirken und so den Leser vollends in seinem Bann halten.

Ein Buch, das man getrost mehrfach lesen sollte!

Kommentieren0
3
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 22 Bibliotheken

auf 10 Wunschlisten

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks