Der neue Roman des vielfach preisgekrönten israelischen Schriftstellers Eshkol Nevo war in Israel das am häufigsten verkaufte Buch in einem Jahr. Dies weckt hohe Erwartungen. Dennoch bin ich weitgehend ohne Erwartungshaltung an die Lektüre herangegangen. Für mich war es der erste Roman aus der Feder von Nevo. Rückblickend und vorwegnehmend kann ich sagen: sicher auch nicht der letzte.
Im als Roman etikettierten Buch geht es im Grunde um drei Einzelgeschichten, die aber durch das lockere Band der Uneindeutigkeit thematisch lose miteinander verknüpft sind. Wenn man so will, ein Etikettenschwindel. Allein ob ein vages, verbindendes Thema die Ansammlung mehrerer Geschichten zu einem Roman macht, könnte man sicher kontrovers diskutieren. Viel Diskussionsstoff bietet aber auch jede der einzelnen Geschichten. In zwei der Geschichten geht es um ein moralisches Dilemma: Sollte man einem Anderen zuliebe, falsche Aussagen machen und damit gleichzeitig ggfs. unangenehme Konsequenzen riskieren? Eine spannende Frage und ein gemeinsames Grundmuster 2 der 3 Geschichten, das ich gerne auch in der 3. Geschichte in einer wieder anders gearteten Variante wiedergefunden hätte. Tatsächlich fand ich keinen Zugang zur dritten Geschichte, in der es um ein plötzliches Verschwinden eines Mannes geht. Die anderen beiden Geschichten las ich soweit gerne. In er einen geht es um Omri, der sich zu Mor, die ihre Hochzeitsreise gemeinsam mit ihrem Ehemann in Bolivien verbringt, erotisch hingezogen fühlt. Man fragt sich, ob sie den liebevoll und fürsorglich auftretenden Vater, der allerdings mit Eheproblemen kämpft, gezielt verführt und seine Standfestigkeit testet? Als ihr Mann bei einem Unfall, der möglicherweise keiner war, zu Tode kommt, bittet Mor ihn zu ihren Gunsten auszusagen.
In der zweiten Geschichte geht es ebenfalls um eine Art trügerischer Anziehung eines Arztes zu einer Kollegin. Ihm droht eine Anklage wegen sexuellem Missbrauch, da seine Finger ihm nicht immer so gehorchen, wie sie sollten. Auch hier wird der männliche Protagonist mit einer Gewissensfrage konfrontiert. Meiner Meinung nach lassen sich diese beiden Geschichten gut vergleichend diskutieren, da sie ein gemeinsames Grundmuster aufweisen. Das hat mir gut gefallen.
Grundsätzlich hat mich das Buch gerade wegen der programmatischen Bearbeitung von Uneindeutigkeit angesprochen; in sprachlicher Hinsicht lässt es sich gut lesen. Ich muss jedoch sagen, dass mir einige Darstellungen zu stereotyp geraten sind, gerade was die männlichen Protagonisten betrifft. Hätte es das wirklich gebraucht? Auch erschienen mir einige Wendungen recht aus dem Hut gezaubert; es gab mitunter ein paar Zufälle zu viel. Mit der letzten Geschichte konnte Nevo mich gar nicht erreichen. Ich habe sie schlicht nicht verstanden.
Dennoch ziehe ich eine posititve Gesamtbilanz und würde es noch mit anderen Werken des Autoren probieren.




















