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von Eshkol Nevo 
4,3 Sterne bei12 Bewertungen
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Neue Kurzmeinungen

Sassenach123s avatar

Man muss zwischen den Zeilen lesen können......

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Mit dem Freudschen Modell zu konstruiert - hat mich leider nicht überzeugt!

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Inhaltsangabe zu "Über uns"

Ein Haus, drei Etagen und jede Menge Geheimnisse
Arnon und Ayelet haben seit der Schwangerschaft Probleme mit dem Sex. Damit die Dinge wieder ins Lot kommen zwischen ihnen, passen Ruth und Hermann, das reizende ältere Ehepaar von nebenan, gern auf ihre kleine Tochter auf. Ein Stockwerk drüber hadert Chani Doron, die »Witwe« (ihr Mann ist ständig auf Geschäftsreise), mit ihrem Leben und Dvorah Edelman, ehemalige Richterin und tatsächlich verwitwet, träumt in der obersten Etage nachts davon, ihr Über-Ich werde amputiert. Lügen und Selbsttäuschung durchdringen Alltag und Familienleben. Nevo wirft Licht in die dunklen Winkel der menschlichen Natur und ist seinen Figuren zugleich mitfühlender Freund. Einfach davonkommen aber lässt er sie nicht ...

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783423281317
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:320 Seiten
Verlag:dtv Verlagsgesellschaft
Erscheinungsdatum:12.01.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    WinfriedStanzickvor 2 Monaten
    Nevos freundlicher Blick auf die Menschen



    Eshkol Nevo zählt seit langem zu den erfolgreichsten Schriftstellern in Israel. Viele seine Romane sind auch in Deutschland veröffentlicht worden und nicht nur der Rezensent schätzt seine unabhängige Stimme.

    Sein neuer Roman beschreibt die Menschen, die in einem dreistöckigen Haus in einem bürgerlichen Vorort von Tel Aviv wohnen. Jedem Stockwerk und seinen Bewohner widmet er ein großes Kapitel und deckt deren Lügen und Selbsttäuschungen schonungslos auf.  Doch obwohl er in die dunklen Lebensecken der Bewohner sein grelles Licht richtet, bleibt er seinen Figuren gleichwohl wohlgesonnen. Er fühlt mit ihnen und richtet sie nicht. Und dennoch ist er überzeugt davon, dass sie so nicht weiteröleben können, wollen sie nicht am Leben völlig vorbeigehen.

    Vom ersten bis zum  dritten Stock arbeitet sich Nevo durch dieses Haus, dessen Bewohner durch vielfältige Lebensfäden miteinander verbunden bzw. verstrickt sind.

    Im ersten Stock des Hauses leben Ayelet und Arnon. Seit Ayelet mit der mittlerweile siebenjährigen Tochter schwanger war, haben die beiden Probleme mit ihrem Sexleben.  Nebenan wohnen Ruth und Hermann, ein älteres Ehepaar, die gerne auf die Tochter der jungen Nachbarn aufpassen, wenn diese mal wieder versuchen, ihre Probleme ins Lot zu bringen.
    Arnon verdächtigt den etwas dementen Hermann, sich seiner Tochter ungehörig genähert zu haben. Doch was nach vielen Befragungen sich herausstellt, ist Arnons Problem mit seinem eigenen Liebesleben.

    Chani ist eine frustrierte Frau, emotional vernachlässigt von einem permanent auf Geschäftseise weilenden Ehemann. Sie wohnt dort mit ihren beiden Kindern. Sie hat ein Verhältnis mit dem kriminellen Bruder ihres Ehemanns, das sie trotz aller Gefahren wieder zu sich selbst kommen lässt.

    Im dritten Stock wohnt Dvorah, eine pensionierte Richterin. Sie lebt im Schatten ihres verstorbenen Ehemanns, von dem sie sich zu befreien sucht, indem sie ihm ihre Lebensbeichte auf den Anrufbeantworter spricht.

    Seine drei Erzählungen über seine drei Protagonisten hat Eshkol Nevo an das Strukturmodell der menschlichen Seele von Sigmund Freud angelehnt.
    Sehr warmherzig und dennoch schonungslos lässt Nevo seine Figuren die drei Instanzen Ich, Es und Über-Ich darstellen. Drei Menschen richten ihre Monologe an drei unterschiedliche Hörer. Menschen sind das, die in großes seelischer Bedrängnis sich befinden. Menschen, denen plötzlich, während sie sich redend zu öffnen versuchen, klar wird, dass etwas in ihrem Leben schief gelaufen ist. Alle drei sind sie an einem Punkt angelangt, der sie zwingt, zu reden.

    Der Leser ist in der Zuhörerrolle, und weil die Geschichten der Protagonisten so voll sind mit Alltagserfahrungen, wird er sich in manchem wiederentdecken.

    Nevos freundlicher Blick auf die Menschen ist es, die jene zu Wort kommen lässt, die sonst schweigen und deshalb in Einsamkeit, Schuld oder Enttäuschung untergehen.





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    pardens avatar
    pardenvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Zu gewollt - ein Haus, das das Drei-Instanzen-Modell der Psyche nach Freud repräsentiert u. Einblicke in die israelische Gesellschaft bietet
    Ein Freud-en-haus...

    EIN FREUD-EN-HAUS...

    Arnon und Ayelet haben seit der Schwangerschaft Probleme mit dem Sex. Damit die Dinge wieder ins Lot kommen zwischen ihnen, passen Ruth und Hermann, das reizende ältere Ehepaar von nebenan, gern auf ihre kleine Tochter auf. Ein Stockwerk drüber hadert Chani Doron, die »Witwe« (ihr Mann ist ständig auf Geschäftsreise), mit ihrem Leben und Dvorah Edelman, ehemalige Richterin und tatsächlich verwitwet, träumt in der obersten Etage nachts davon, ihr Über-Ich werde amputiert. Lügen und Selbsttäuschung durchdringen Alltag und Familienleben. Nevo wirft Licht in die dunklen Winkel der menschlichen Natur und ist seinen Figuren zugleich mitfühlender Freund. Einfach davonkommen aber lässt er sie nicht ...

    Zentraler Schauplatz in diesem Buch ist ein dreistöckiges Haus in einem bürgerlichen Vorort von Tel Aviv ('Bourgeoisistan'). Kein Unkraut wächst zwischen den Platten auf dem Bürgersteig, kein lauter Streit dringt durch die Wohnungstüren, im Treppenhaus begegnet man sich höflich. Doch in den eigenen vier Wänden geht es zuweilen anders zu.

    Der Autor widmet sich nacheinander allen drei Etagen des Hauses, wodurch der Leser die Möglichkeit hat, die dort wohnenden Parteien näher kennenzulernen. Im Grunde sind es dadurch jedoch drei Geschichten, die sich von unten nach oben durch die Stockwerke bewegen, ohne wirklich eng miteinander verknüpft zu sein - eben so, wie auch die Nachbarschaft lediglich eine lose ist.

    Im Erdgeschoss wohnt eine junge Familie mit zwei Kindern, und zwischen den Eltern ist seit der letzten Geburt das Sexleben zum Erliegen gekommen. Der Familienvater bemüht sich sehr, seiner Rolle gerecht zu werden, verrennt sich jedoch bald in die Vorstellung, dass der alte Nachbar von nebenan, der gelegentlich gemeinsam mit dessen Frau auf seine ältere Tochter aufpasst, sich an der 7Jährigen vergangen haben könnte. Je mehr er darüber nachdenkt, desto mehr steigert er sich in diese Idee hinein, bis alles in eine unumkehrbare Schieflage gerät...

    In der Etage darüber wohnt eine vom Leben frustrierte Frau, die von den anderen Hausbewohnern hinter vorgehaltener Hand als 'Witwe' bezeichnet wird. Ihr Mann ist jedoch nur ständig auf Geschäftsreise, so dass sie für die Kinder alleine verantwortlich ist. Ständig zu Hause, wächst ihre Unzufriedenheit, und sie beginnt an allem zu zweifeln, v.a. an ihren eigenen Fähigkeiten - und an ihrer Wahrnehmung. Als der kriminelle Bruder ihres Ehemanns plötzlich bei ihr auf der Schwelle steht, beginnt sie mit diesem eine Affäre. Oder vielleicht doch nicht?

    Im obersten Stockwerk schließlich lebt eine verwitwete pensionierte Richterin, die versucht, sich von dem übermächtigen Schatten ihres toten Ehemanns zu befreien. Auch das Zerwürfnis mit ihrem einzigen Sohn versucht sie zu kitten, was zu Lebzeiten ihres Mannes nicht mögich war.

    Eshkol Nevo lässt die drei Personen ihre Geschichte jeweils selbst erzählen - Monologe, die in unterschiedlicher Form präsentiert werden. Der junge Familienvater aus dem Erdgeschoss erzählt seine Gedanken einem nicht näher bezeichneten Freund, die Frau aus der Etage darüber schreibt einer Freundin einen langen Brief, und die Richterin spricht ihrem Mann auf einen in der Schublade gefundenen Anrufbeantworter - in zweiminütigen Sequenzen, jeweils vom Piepton unterbrochen. Einen zusammenhängenden Roman ergibt das in meinen Augen nicht, auf bereits zurückgelassene Etagen geht die Erzählung anschließend kaum noch ein, höchstens einmal durch eine flüchtige Bemerkung.

    Hat mich die Tatsache schon gestört, dass es sich hierbei kaum um einen Roman handelt, fand ich es noch viel ärgerlicher, dass mir die Schilderungen der ersten beiden Etagen einfach nicht gefallen haben. Unbeherrscht und sexbesessen der junge Familienvater, abgedreht und nahe am Wahnsinn die Frau aus dem Stockwerk darüber - keine angenehmen Zeitgenossen, und die Handlungen rund um die beiden waren für mich bestenfalls verstörend, was dazu noch jeweils offen endete, so dass ich mit den Geschichten in der Luft hängen gelassen wurde.

    Die abschließende Geschichte um die Richterin allerdings hat mir gut gefallen - ein wenig ausgeschmückt hätte mir diese vollkommen als Roman gereicht, und auch so hätte ich einen kleinen Einblick in die gesellschaftliche Lage in Israel erhalten, was wohl in der Intention des Autors lag.

    Nicht aufgegangen dagegen wäre dann jedoch bei nur einer Geschichte das Konzept, das Eshkol Nevo seinem Roman zugrunde gelegt hat. Er hat das Haus so gestaltet, dass es das Drei-Instanzen-Modell der Psyche nach Freud repräsentiert: unten das Es (Triebe, Bedürfnisse, Affekte, handelnd nach dem Lustprinzip), in der Mitte das Ich (bewusstes Denken, Selbtsbewusstsein, Regulativ zwischen Es und Über-Ich), und schließlich ganz oben das Über-Ich (Normen, Werte, Gehorsam, Moral, Gewissen). Wem sich dieser Gedanke nicht aufdrängt, dass es sich hier um ein Freud-en-haus handelt und wer sich dazu auch noch nicht das Literarische Quartett vom 20. April 2018 angesehen hat, dem wird diese Interpretation im dritten Teil des 'Romans' demonstrativ (und wortwörtlich) aufgedrängt...

    Dieser Interpretationsansatz ist zwar innovativ und erklärt auch einige Aspekte der Erzählung, wirkt für mich aber schon arg konstruiert und experimentell. Da wurde die Erzählung mühsam über ein Konstrukt gestülpt, was ich persönlich als zu gewollt empfand. Als ich in der Vita des Autors las, dass er vor einiger Zeit Psychologie studiert hat, erklärte sich mir, wie Eshkol Nevo auf die Idee kam - doch gefallen hat mir dieser Aufbau letztlich nicht. Auch die häufigen Verweise und Anspielungen auf Psychologen in Israel, seien sie auch noch so ironisch vorgebracht, erzeugten bei mir allenfalls ein müdes Lächeln. Den Einblick in die heutige israelische Gesellschaft dagegen fand ich durchweg interessant.

    Der Schreibstil ist angenehm und flüssig zu lesen, doch hat mir die Form mit den drei doch recht isoliert stehenden Geschichten nur mäßig gefallen. Die dritte Erzählung gefiel mir am besten und hat letztlich für den dritten Stern gesorgt - und mich mit dem Rest halbwegs versöhnt... 

    © Parden

    Kommentare: 4
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    walli007s avatar
    walli007vor 5 Monaten
    Drei Etagen

    Verschiedene Parteien leben in einem Mietshaus, da sind zum Bespiel Arnon und Ayelet, die nach der Geburt der Kinder auch mal wieder Zeit für sich brauchen, Chani, deren Mann so oft unterwegs ist, dass sie schon die Witwe genannt wird, und Dvorah, deren Mann tatsächlich verstorben ist. Während Arnon und Ayelet ihre Tochter gerne mal für ein paar Stunden bei den Nachbarn gegenüber parken, glaubt Chani, sie sei dabei sich selbst zu verlieren. Dvorah dagegen hat schon alles verloren, vielleicht hat sie eine Chance, sich neu zu erfinden. Ein Haus - drei Etagen, Nachbarn, die man grüßt, von denen man allerdings kaum weiß, wie es hinter verschlossenen Türen aussieht. 


    Auf verschiedene Arten erzählen die Bewohner von ihrem Leben, Leben, die anders verlaufen als man beim Anblick des einfachen, zeitlosen Miethauses vermuten würde. Ehen, die nach außen glücklich scheinen, erweisen sich als schwierig oder schon vergangen. Da werden Nachbarn zur Kinderbetreuung herangezogen und nicht bezahlt. Da erweisen sich verloren geglaubte Brüder als Gefahr für das eigene Denken, da könnte man den Eindruck bekommen, es bestehe auch nach dem Tod eines Ehegatten noch die Möglichkeit, sich von diesem zu trennen. Eshkol Nevo überrascht mit seinen Ideen der Darstellung. 


    Vielleicht würde man sich einen gewissen Zusammenhalt oder Zusammenhang zwischen den Geschichten wünschen, mehr als das sehr lockere Gerüst, das der Autor gewählt hat. Dennoch ist jede der Erzählungen über die Hausbewohner auf ihre Art spannend. So wie man in den Etagen aufsteigt, so steigert sich nach meinem Empfinden auch die Qualität der Geschichten. Gemeinsam ist ihnen allerdings, dass man hinter die schöne Fassade blicken darf und nicht immer eitel Sonnenschein zu sehen bekommt. Wobei die erste Etage mit dem selbstmitleidigen Arnon eher unangenehm wirkt, während die zweite einen schon fast hoffnungsvoll stimmt und die dritte einem Mut macht, dass es auch spät noch Aufbrüche zu neuen Ufern geben kann. 


    Die schöne Sprache, die der Autor beziehungsweise sein Übersetzer Markus Lemke verwendet, macht die Lektüre zu einem Genuss, der größer wird je weiter man die Treppe nach oben steigt.

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    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor 7 Monaten
    Drei Etagen

    Ein Hausroman – aber keiner von der üblichen Sorte. Denn um die Beziehungen der Bewohner untereinander geht es hier nur sehr am Rande. Tatsächlich sind die Figuren lediglich durch die Tatsache verbunden, dass sie alle im selben Haus am Rande von Tel Aviv beheimatet sind. Auch geht es nicht in erster Linie darum, unterschiedliche Menschen mit dem Rahmen „Wohnhaus“ vorzustellen und ihre Geschichten zu erzählen.
    Eshkol Nevo ist studierter Psychologe (und Enkel des israelischen Ministerpräsidenten von 1963 bis 1969, Levi Eshkol) und hat mit seinem Roman „Über uns“ (auch) ein anderes Ansinnen. „Shalosh komot“ lautet der Originaltitel „Drei Etagen“. Und richtig, Nevo möchte auf spielerische Weise das Freudianische Strukturmodell der Psyche mit seinen drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich in einen erzählenden Text fassen. Drei Instanzen, die jeweils auf einem Stockwerk eines Wohnhauses angesiedelt sind. Drei Erzählungen, die nur lose miteinander zu tun haben.
    Eshkol Nevo macht den Leser zum Zeugen von fast typischen psychoanalytischen Monologen. Drei Menschen, die in einer Zwickmühle stecken, über die sie reden müssen, die vielleicht auch Rat suchen, aber vor allem eine Art Beichte ablegen. Die Adressaten dieser Beichten sind merkwürdig diffus.
    In der ersten scheint es ein Freund oder Kollege zu sein, der den Ausführungen von Arnon folgt. Dieses Gegenüber tritt kaum in Erscheinung, greift in den Monolog nahezu überhaupt nicht ein. Arnon erzählt von etwas, dass ihn tief aufregt. Er lebt mit seiner Frau Ayelet und zwei kleinen Töchtern im Erdgeschoss. Die ältere von beiden geben die Eltern immer wieder mal rüber zu dem älteren Ehepaar Hermann und Ruth, um mal ein paar Stunden für sich zu haben oder um Dinge zu erledigen. Die kleine Ofri fühlt sich wohl dort, und es ist ja so bequem und billig. Doch Hermann zeigt zunehmend Zeichen von Demenz und eines Tages verirrt er sich beim Spazierengehen mit der Kleinen und wird in ziemlich aufgelöstem Zustand aufgefunden. Für Arnon ist klar, da muss was passiert sein. Der Leser erfährt über diese Geschichte nur durch die Augen von Arnon, und doch wird ihm sehr bald klar, dass hier ein völlig überreagierender, latent aggressiver, wenig eigene Triebkontrolle besitzender Mann spricht. Der Angriff auf Hermann und die nachfolgenden Enthüllungen über ein Verhältnis mit dessen minderjähriger Enkelin erstaunen da wenig. Hier waltet wohl eindeutig das „Es“.
    Bei der zweiten „Beichte“ ist die Adressatin eine im fernen Amerika lebende Jugendfreundin, der Chani aus dem ersten Stock einen Brief schreibt. Chani ist verwirrt. Emotional völlig vernachlässigt, da Ehemann Noam ständig geschäftlich unterwegs und auch sonst nicht sehr am familiären Leben interessiert ist, lebt sie ziemlich isoliert mit der kleinen Tochter. „Die Witwe“ wird sie im Haus heimlich genannt. Eines Tages steht der wegen Betrügereien von der Polizei und wohl auch von weitaus zwielichtigeren Gläubigern verfolgte Schwager vor der Tür. Noam ist mal wieder auf Geschäftsreise, und Chani lässt ihren Schwager nicht nur bei sich im Haus wohnen, sondern entdeckt auch Gefühle für ihn. Oder entspringt das alles nur ihrer überreizten, nicht ausgelasteten Fantasie?
    Im dritten Stock herrscht das Über-Ich in Person der pensionierten Richterin Dvorah. Seit einiger Zeit verwitwet, plant sie einen Umzug und stößt beim Packen auf einen alten Anrufbeantworter. Dieser ist noch mit der Stimme ihres äußerst rechtschaffenen Mannes Michael, auch er Richter, besprochen. In einem Monolog an ihn bespricht sie nun etliche Bänder. Im Mittelpunkt steht der durch eine Begegnung unlängst wieder hochgekommene Bruch mit ihrem Sohn Adar. Dieser war wohl schon immer ein schwieriges Kind – aber auch hier bekommen wir natürlich nur eine Seite der Medaille zu sehen bzw. zu hören. Den strengen ethischen Ansprüchen und Verhaltensnormen besonders des Vaters konnte er nie entsprechen, wurde auch straffällig und kam schließlich in eine nahezu unentschuldbare Situation, aus der ihn die Eltern nicht „raushauen“ konnten oder wollten. Daraufhin wandte sich Adar brüsk und vollkommen von seinen Eltern ab. Eine Situation, die für Chani sehr schwer erträglich war. Auch, weil die Verhaltensnormen der Frauen in ihrer Umgebung sie streng verurteilten, nach dem Motto „Eine Mutter muss alles verzeihen und ihrem Kind immer beistehen.“
    Drei Menschen, drei Konflikte, drei Beichten. Auch wenn sich für mich der Bezug zum oben erwähnten Strukturmodell der Psyche nicht allzu klar herstellen ließ und die Rahmenkonstruktion mit den „Adressaten“ der Monologe manchmal etwas knirschte, hat Eshkol Nevo doch drei interessante Geschichten erzählt, die jede ein wenig nachdenklich zurücklässt.
    Wer Eshkol Nevo noch nicht kennt, dem empfehle ich aber vor allem seinen wirklich wunderbaren Roman „Wir haben noch das ganze Leben“, eine warme, lebendige Freundschaftsgeschichte.

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    M
    michael_lehmann-papevor 9 Monaten
    Tiefer Blick hinter die Türen von Wohnungen und Seelen

    Tiefer Blick hinter die Türen von Wohnungen und Seelen

    Munter von der Seele plaudernd, so beginnt in der ersten der verschiedenen Geschichten über die Bewohner eines Hauses Amon zu erzählen. Seinem Freund. Und klar, dass der Mann sich von der Seele reden möchte, wie kompliziert das heimische Leben im Bett mit seiner Frau nach der Geburt der zweiten Tochter geworden ist.

    Trotzdem im älteren Ehepaar im gleichen Haus ein Schatz an Babysitting vorhanden ist. Leute, die noch nicht mal nach Geld fragen, trotz der vereinbarten 20 Schekel.

    „Ein Segen ist Ori für uns“, so erklärt es die ältere Dame, deren Enkel und Kinder verstreut in der Welt leben und nur ab und an in Israel vorbeischauen.

    Ein Segen, weil ihr Mann mehr und mehr leichte „Aussetzer“ zeigt.

    Ein allgemein anregendes Arrangement, könnte man meinen. Wenn da nicht Eshkol Nevor mit Hintersinn erzählen würde und, entgegen des lockeren Plaudertons, immer wieder ziemliche Schwinger in den Magen mit einbauen würde.

    Was zum einen das stetig sich verschlechternde Verhältnis der Eheleute angeht. Was deren jüngste Tochter, kränklich angeht. Was diesen enormen, kaum zu beherrschenden erotischen Trieb in Amos angeht, den dieser zwar mit Augenzwinkern schildert, der aber im Lauf der Seiten den Leser unangenehm in seiner Zwanghaftigkeit berührt.

    Aber ist da nicht auch noch der senile, dement werdende Herrmann, der von Ori mehr und mehr „Küsschen“ fordert, selbst wenn man sich nur im Vorbeigehen trifft? Und hat er nicht die Hände merkwürdig hoch auf den Schenkeln des kleinen Mädchens, wenn er sie sich auf den Schoß setzt?

    Als zudem noch die Enkelin des Paares aus Paris eintrifft, Teenager, jung, mit einem Minirock, der eher als Bikini durchgehen würde, da beginnt alles, bedrängend, beängstigend, spannend zu werden. Was auch an der wahren Schreibkunst Nevo´s natürlich liegt, all die inneren Vorgänge und düsteren Ahnungen mit sehr großem Wortschatz und legerem Tempo dem Leser näher und näher an die Emotion kommen lässt.

    So dass man doch ziemlich geschafft ist nach dieser ersten Episode der so ganz äußerlich harmlos, freundlich und „normal“ wirkenden Bewohner des Mietshauses. Und das noch bevor die anderen „Wohnungen“ betreten werden, hinter deren Fassaden ähnliche bedrängende, unvermutete Persönlichkeiten hinter der biederen Oberfläche „vor sich hin toben“.

    Ob in einer Plantage in der Außenwelt oder im eigenen Bett in aufgewühlter Innenwelt im Zweigespräch mit dem längst verstorbenen Ehemann, ob unschuldige Kinder oder gar nicht unschuldige mittelalte und alte Menschen. Innere, lodernde Emotionen, die auch in der Außenwelt für Veränderungen, Bedrängungen, Geheimnisse, böses Erleben sorgen werden.

    Glänzend erzählt betritt Nevo mit sprachlich scheinbar leichter Hand die „Welt hinter den Türen“ und zieht den Leser weiter und weiter in den Bann all dessen, was hinter der schmalen Tünche zivilisierten Verhaltens und Umgang miteinander Erschreckendes, einsames, bedrängendes zu finden sein kann.

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    Sassenach123s avatar
    Sassenach123vor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Man muss zwischen den Zeilen lesen können......
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    LitteraeArtesques avatar
    LitteraeArtesquevor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Mit dem Freudschen Modell zu konstruiert - hat mich leider nicht überzeugt!
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    mondys avatar
    mondyvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Drei ganz unterschiedliche Menschen gewähren einen Einblick in ihr Leben - berührend, bedrückend und bewegend. Und lesenswert!
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    C
    cupofteavor 2 Tagen
    B
    BiancaBerlinvor 5 Monaten

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