Eshkol Nevo Vier Häuser und eine Sehnsucht

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Inhaltsangabe zu „Vier Häuser und eine Sehnsucht“ von Eshkol Nevo

Das ganze Land - in eine kleine, pulsierende Blase gepresst.In der Wand zwischen den beiden Wohnungen ist ein Loch, damit man von beiden Seiten an den Schalter fürs warme Wasser kommt. Auf der einen Seite wohnen Noa, angehende Photographin, und Amir, Psychologiestudent, auf der anderen Seite ihre Vermieter, Moshe und Sima, er ist Busfahrer, sie hat Buchhaltung gelernt, bleibt aber jetzt zu Hause »wegen der Kinder«. Im Haus gegenüber eine Familie, deren Sohn Gidi gerade im Libanon gefallen ist.Dessen kleinem Bruder Yotam gehört eine der Erzählstimmen, die Nevo seinen Protagonisten leiht: Unterschiedliche Perspektiven, Tonfälle, Seelenlagen. Noa, die die Welt durch eine Linse betrachtet, Amir, der sich besser mit Abschiednehmen als mit Bleiben auskennt, Moshe, der zum Missfallen von Sima immer religiöser wird, Sima, die sich ihrer Versäumnisse bewusst wird, wenn sie hört, wie Noa und Amir sich lieben. Schließlich Ssadeq, der arabische Bauarbeiter, dessen Mutter von Rückkehr träumt und noch immer den Schlüssel zu jenem Haus besitzt, aus dem sie 1948 vertrieben wurde und in dem jetzt Moshes Eltern wohnen.Der Ort: ein Vorort von Jerusalem, in dem heute vor allem Kurden leben. Die Zeit: Jene Spanne nach der Ermordung Jitzchak Rabins, als Terroranschläge das Land erschüttern, die Hoffnung auf Frieden zunichte und der Friedensprozeß eingefroren wird. Im Zusammenspiel der Stimmen lässt Nevo das alltägliche Leben von Juden und Palästinensern mit all ihren kleinen und großen Geschichten, Gefühlen, Nöten und Sehnsüchten erstehen.

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  • Rezension zu "Vier Häuser und eine Sehnsucht" von Eshkol Nevo

    Vier Häuser und eine Sehnsucht

    WinfriedStanzick

    15. November 2011 um 11:48

    Dieses Romandebüt von Eshkol Nevo, einem 1971 in Jerusalem geborenen Israeli, hat nicht ohne Grund nach seinem Erscheinen in Israel bei der Kritik und bei einer großen Leserschar erhebliches Aufsehen erregt. Es erzählt die Geschichte und den Alltag einiger Menschen und es gelingt ihm, mit diesen wenigen, sicher nicht repräsentativen Figuren, ein Gesellschaftsbild en miniature zu malen; ein Bild einer zerrissenen Gesellschaft, die um ihr Überleben kämpft, die sich andauernd mit schweren, traumatischen und sich der Gegenwart permanent in den Weg stellenden Vergangenheiten konfrontiert sieht, und die dennoch von einer Sehnsucht durchzogen ist, die die Menschen am Leben hält und sie die Hoffnung nicht verlieren lässt. Eshkol Nevo platziert die Geschichte um den für die israelische Gesellschaft traumatischen Attentatstod von Premierminister Rabin am 5. November 1995. Mit diesem Mann und mit seiner Politik verbanden sich für Juden und Palästinenser Hoffnungen, die nun nach seinem Tod jäh zerstoben scheinen. Der Ort, wo Nevos Figuren leben, heißt Castel und ist ein Vorort von Jerusalem. Da ist das eine Haus, ein Haus mit Geschichte, wie wir später sehen werden; es wird bewohnt auf der einen Seite von Mosche und Sima, und auf der anderen Seite von dem Studentenpaar Noa und Amir. Beide Wohnungen sind akustisch miteinander verbunden, was manches Mal zu delikaten Situationen führt und die beiden Paare am Leben des jeweils anderen notgedrungen teilhaben lässt. Denn in einer Wand, die die beiden Wohnungen voneinander trennt, ist ein kleines Loch, damit man von beiden Seiten an den wichtigen Hebel für das warme Wasser heran kommt. Über Mosche und Sima wohnen deren Eltern, aus Kurdistan stammende Juden, die noch sehr ihrer ehemaligen Heimat und den dortigen Sprach- und Lebensgewohnheiten verbunden sind. Nevo beschreibt auf eine faszinierende und sehr einfühlsame Weise die Beziehungen dieser Paare: ihre innerpartnerschaftlichen Probleme und ihre unterschiedlichen Begegnungen miteinander. Sima und Noa freunden sich an und erzählen sich viel voneinander. Dabei erfahren wir, daß Mosche, dessen Bruder, ein orthodoxer Rabbiner, auch gelegentlich auftaucht, zu Simas Leidwesen immer frommer wird und die gemeinsame Tochter unbedingt in einen orthodoxen Kindergarten bringen will. War Noas und Amirs Beziehung zu Beginn noch geprägt von heftiger Leidenschaft, erlebt vor allem Noa das erste Zusammenleben mit einem Mann als beengend und will ausbrechen. Im Nachbarhaus gegenüber wohnt eine Familie, deren Sohn Gidi im Libanon gefallen ist, und in der sich alles um dieses furchtbare Unglück dreht. Gidis kleiner Bruder Jotam freundet sich mit Amir an, der für den Jungen richtig väterliche Gefühle entwickelt. Und das ist noch Ssadeq, ein älterer Palästinenser, der auf einer Baustelle im Viertel arbeitet und der einen Schlüssel zu Mosches und Simas Haus besitzt. Denn vor 1948 gehörte es seiner Familie, und er muß für seine alte Mutter unbedingt etwas aus dem Haus holen ..... Nevo schildert all diese Figuren, die abwechselnd in der Ich-Form sprechen, mit einer Sprache von eigentümlicher Schönheit, geprägt von großem Respekt vor seinen Figuren und ihren jeweiligen Leiden und ihren Sehnsüchten. Eine Erzählerstimme, die er im Rhythmus fünfhebiger Trochäen sprechen lässt, führt uns durch wesentliche Teile dieses sehr empfehlenswerten Buches. Diese, von Anne Birkenhauer genial ins Deutsche übertragene Verse, sind ein wahrer Lesegenuß. Und so lässt Nevo mit nur wenigen Stimmen ein Klangbild entstehen, das uns ein jüdisch-palästinensisches Universum zeigt, voller Leiden, Nöten, aber auch voller Leidenschaft und Sehnsucht. Mit diesem Buch hat sich eine neue Stimme aus Israel gemeldet, von der man hoffentlich noch mehr hören wird.

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