Die Erzählerin, eine Frau von vielleicht 40 Jahren, kommt mit einer Freundin aus dem Kino und will nach Hause fahren, aber dann passiert das Unerwartete.
Statt den Heimweg anzutreten, fährt sie hinaus in die Nacht, auf unbekannten Straßen, einem unbekannten Ort entgegen. Ihre Gedanken begleiten sie und machen den eigentlichen Teil der Handlung aus, wir lernen sie kennen, ihre schwierige Beziehung zu ihrem Mann, ihre einzige Freundin aus Studientagen, ihre beruflichen und künstlerischen Erfolge.
Die nächtliche Fahrt bringt sie von ihrer gewohnten Umgebung weg, sie bewegt sich mit der abnehmenden Tankfüllung hinein in den unbekannten Bereich ihres Inneren, ihrer Gefühle, Gedanken, Ängste, aber eigentlich ist sie nicht auf Konfrontation oder Selbstreflexion aus, sie sucht nicht aktiv nach Lösungen oder Veränderung, sie lässt sich treiben, überlässt den Ausgang der Nacht eher dem Zufall, lässt sich treiben, ist eher passiv.
Die Handlung fehlt, die Frau fährt und fährt, trifft auf ein Reh, auf zwei Tramperinnen, muss tanken, fährt weiter.
Das Licht der vielen grünen Ampeln kann als Zeichen für Freiheit gedeutet werden, für die sich vergrößernde Entfernung vom gefürchteten und ungeliebten Mann, für ein Stück Selbstvertrauen und neu gewonnene Handlungsfähigkeit. Aber schafft sie es, diesen Abstand weiterhin zu vergrößern, sich zu lösen und wieder zur Selbstbestimmung zurückzufinden?
Viele Fragen stellen sich dem Leser und man muss fast zwangsläufig mit dem Kopf schütteln: Warum darf der Mann sich so viel herausnehmen? Warum ist es ihr so wichtig, ihm zu gefallen? Warum nimmt sie nicht die hilfreichen Gedanken der Freundin an?
Wer sich Sorgen macht, darf wütend und laut sein, schreien – so entschuldigt sie das Verhalten des Mannes wiederholt vor sich selbst. Sie bemitleidet ihn, macht sich Sorgen, hat Angst um ihn, da er nicht gerne allein ist und schon so oft verlassen wurde. Warum denkt sie nicht an sich selbst? Sie ist das Opfer einer toxischen Beziehung. Sie braucht Unterstützung, ihre eigene Wertschätzung, Achtsamkeit. Eine Frau mit Helfersyndrom? Eigentlich hat sie sich im Leben mehr erhofft, ist aber jetzt nur getrieben, unglücklich, wirkt krank und erschöpft, ist dem Mann verfallen.
Psychologische Handlungszusammenhänge werden nicht geklärt, es gibt keine Tiefe, nur ein Gerüst mit vielen Leerstellen, die man selbst füllen muss. Die Frau, der Mann, die Freundin – Archetypen mit bestimmten Verhaltensmustern, auf einzelne Charaktereigenschaften reduziert, wir lernen sie nicht umfangreich in ihrer Breite kennen, deshalb sind wir kaum im Geschehen involviert oder leiden mit ihnen. Trotzdem weckt besonders die Figur der Frau unser Mitgefühl, die gedemütigte Frau ohne Energie, Selbstständigkeit, die sich klein machen lässt, eine Rolle, die auch in der Realität Hilfe von außen bräuchte. Gerade durch die stillen Töne und die ruhige, unaufgeregte Erzählweise wird das Leid und die Tragik noch intensiver, es werden keine großen Worte darüber gemacht, die psychischen und physischen Misshandlungen werden nur angedeutet.
Lakonisch erzählt die Autorin in dem kurzen Roman „Grüne Welle“ auf ca. 200 Seiten von dem Ausbruchsversuch der namenlosen Ich-Erzählerin. Die Sprache ist distanziert, äußerst knapp, ihre sprunghaften Gedanken bringen sie uns näher, aber weder eine emotionale Beziehung noch wahre Sympathie ergeben sich.
Eine scheinbar ausweglose Situation einer Frau in der Dunkelheit der Nacht, mitten im Nichts, eingezwängt oder beschützt in ihrem kleinen Bereich, bei der aber am Ende ein Hoffnungsschimmer auf Veränderung aufzieht: „Wir müssen uns immer wieder von unseren alten Versionen trennen.“












