„… sie hatte sich den Tatsachen verweigert. Sie hatte nur Bruchstücke der Wirklichkeit zugelassen. An den Pforten ihrer Wahrnehmung hatte sie einen Kontrollpunkt eingerichtet. Nicht jedes Bild durfte passieren …. was hinter den Bildern war, hatte vielleicht Bestand.“
Drei Jahre lang hat die namenlose, Anfang 40ig-jährige Protagonistin mit dem Wissen um die Folgen einer Krebserkrankung ihres Lebenspartners zugebracht, aber die Kenntnis lindert letztendlich nicht die Heftigkeit des Verlustes. Und doch muss sie lernen, sich nach dem Tod ihres Partners auf neue Lebensumstände einzustellen. Er ist, ohne ihre Anwesenheit, im Krankenhaus verstorben. Mit dem Bedürfnis, wie ein Menschenfisch unter radikal veränderten Umständen weiterzuleben, geht die Frau in die erste Nacht, die auf den Tod ihres Lebensgefährten folgt und in der sie versucht, für die Todesanzeige das passende Foto zu suchen. Dabei wird ihr bewusst, dass Bilder fehlen, von dem, was war, und von dem, was kommen würde, dass es von ihrem Mann kaum Fotos gibt und für vieles, dass in ihren Gedanken auftaucht, noch Worte gefunden werden müssen. Der Sprung in die Vergangenheit, den sie mit der Gegenwart vermengt, aber keine Zukunft zur Folge haben wird. Kain erzählt weder verhalten noch unverhohlen, dafür rational und feinsinnig zugleich, aber wenig sentimental und ist zugleich mit jedem Satz ganz bei der Frau und deren Empfindungen. Besonders schön empfand ich die Entstehung der Flüsterlieder in der slowenischen Grotte.
Ich habe das Buch als ein „stilles“ Buch wahrgenommen – getragen von einer melancholischen anmutenden Dunkelheit, der Angst, starken Gefühlen, gleichzeitig aber auch von einer beruhigenden Kraft.
„… es hätte nichts geändert, wenn sie auf seinen Tod vorbereitet gewesen wäre. Es gab tausend Worte, die nicht gesagt worden waren. Es gab tausend Verletzungen, die nicht vermieden worden waren. Es gab tausend Begebenheiten, die nicht in der Erinnerung gespeichert worden waren.



