"Die Apokalypse ist nicht ein einziger großer Knall. Sie ist etwas, das passiert, während wir darauf warten, dass sie passiert", hat Noam Chomsky (übersetzt von mir) vor Jahren in einem Interview gesagt. Sie hockt über uns, in allen Winkeln, wie eine Spinne im Netz. Wir sehen, wie viele Fliegen ihr schon in selbiges gingen. Ein uralter Instinkt lässt sie uns fürchten. Aber sie ist ja da oben. Warum sollte sie zu uns runterkommen? Warum sollten uns die Fliegen kümmern – unsere Flügel haben wir doch noch, unsere Freiheit. Wer sollte die abknipsen?
Ich muss zugeben, ich habe mit diesem Langgedicht etwas gehadert. Die Sprache ist beeindruckend, schlicht und doch zwingend, aber das zentrale Bild der Spinne – es will mir nicht ganz einleuchten, weder als Sinnbild für die Apokalypse, das schleichende Böse, noch als ambivalente Schuldmetapher. Beides greift zu kurz und vernachlässigt in meinen Augen die komplexe Stellung der Spinne in der Literatur- und Kulturgeschichte.
Wobei: muss derlei denn hineinspielen in Leuenbergers verdichtete Erzählung, in der sie sehr konsequent ist mit ihrer Metaphorik, die Spinne in ihrem eigenen poetischen Kosmos als Figur, als Metapher klar definiert? Ich würde behaupten: ja. Aber diese Antwort kann und darf anders ausfallen.
Zumal meine Interpretation ja auch falsch sein könnte. Vielleicht sind Spinne und Netz doch eher eine Metapher für das Internet oder vielleicht ist die Spinne auch eine Identifikationsfigur, kein Schreckgespenst. So oder so, Leuenbergers Sprache, die feine Struktur ihrer einzelnen Absätze, machen den Band auf jeden Fall lesenswert. Ganz langsam und doch letztlich geschwind, erschließt sie mit wenigen Bildern und Zeilen das Ausmaß unserer Ohnmacht im Angesichts der sich nicht anbahnenden, sondern sich bereits ausbreitenden Katastrophe. Wenn euch die Flügel schon zittern, schlagt es unbedingt mal auf!
Lyristix


