Eva Menasse

 3,8 Sterne bei 239 Bewertungen
Autorin von Quasikristalle, Vienna und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Eva Menasse

Eva Menasse wurde als Tochter des österreichischen Fußballprofis Hans Menasse in Wien geboren. Nach ihrem Abitur studierte sie Germanistik und Geschichte und war später als Redakteurin unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung tätig. Ihr Debüt "Der Holocaust vor Gericht" wurde im Jahr 2000 veröffentlicht; fünf Jahre später folgte ihr erster Roman "Vienna", der sowohl in Österreich als auch in Deutschland auf der Bestseller-Liste stand und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Menasse wurd in den letzten Jahren mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Heinrich-Böll-Preis. Die Autorin lebt heute in Berlin.

Neue Bücher

Cover des Buches Dunkelblum (ISBN: 9783462047905)

Dunkelblum

 (11)
Neu erschienen am 19.08.2021 als Hardcover bei Kiepenheuer & Witsch.
Cover des Buches Dunkelblum: Roman (ISBN: B0948GPW8H)

Dunkelblum: Roman

Neu erschienen am 19.08.2021 als E-Book bei Kiepenheuer & Witsch eBook.
Cover des Buches Tiere für Fortgeschrittene (ISBN: 9783864847097)

Tiere für Fortgeschrittene

Neu erschienen am 25.08.2021 als Hörbuch bei tacheles!.
Cover des Buches Dunkelblum (ISBN: 9783864847011)

Dunkelblum

 (1)
Neu erschienen am 19.08.2021 als Hörbuch bei tacheles!.

Alle Bücher von Eva Menasse

Cover des Buches Quasikristalle (ISBN: 9783442714513)

Quasikristalle

 (101)
Erschienen am 14.11.2016
Cover des Buches Vienna (ISBN: 9783442740406)

Vienna

 (52)
Erschienen am 21.09.2009
Cover des Buches Lässliche Todsünden (ISBN: 9783442739899)

Lässliche Todsünden

 (33)
Erschienen am 08.03.2011
Cover des Buches Der Engel mit der Posaune (ISBN: 9783442715107)

Der Engel mit der Posaune

 (12)
Erschienen am 11.09.2017
Cover des Buches Die Wasserfälle von Slunj (ISBN: 9783406699603)

Die Wasserfälle von Slunj

 (13)
Erschienen am 29.08.2016
Cover des Buches Dunkelblum (ISBN: 9783462047905)

Dunkelblum

 (11)
Erschienen am 19.08.2021
Cover des Buches Tiere für Fortgeschrittene (ISBN: 9783462047912)

Tiere für Fortgeschrittene

 (9)
Erschienen am 09.03.2017
Cover des Buches Murmeljagd (ISBN: 9783895614545)

Murmeljagd

 (6)
Erschienen am 03.03.2020

Neue Rezensionen zu Eva Menasse

Cover des Buches Dunkelblum (ISBN: 9783462047905)Bellis-Perenniss avatar

Rezension zu "Dunkelblum" von Eva Menasse

Verdrängen, vergessen und vergraben - die Dunkelblumer sind Meister darin
Bellis-Perennisvor 3 Tagen

Eva Menasse nimmt sich eines nach wie vor kontrovers diskutierten Themas der österreichischen Geschichte an: dem Verdrängen der Mittäterschaft während der NS-Zeit. 

Das fiktive Dorf Dunkelbum wird gezielt an der ungarischen Grenze platziert, gibt es doch dort den Ort Rechnitz, an dem sich in den letzten Kriegstagen das Massaker an jüdischen Zwangsarbeiter ereignet hat. Von den Toten fehlt nach wie vor jede Spur.  

Doch zum Roman: 

Koreny, der neue Bürgermeister, muss sich nicht nur mit die ortsansässigen Bauern und deren Kampf um eine eigene Wasserversorgung herumschlagen, sondern auch mit dem Verschwinden einer Studentin und dem Auffinden eines Skeletts. Wer ist der Tote? Ein ehemaliger Wehrmachtsangehöriger? Ein Grenzgänger? Gibt es noch mehr davon? 

Und hängen der plötzliche Tod von Eszter Lowetz und das Verschwinden der Studentin damit zusammen? Beide, Eszter und die, Locke genannte Studentin, haben unangenehme Fragen zur verdrängten NS-Vergangenheit der Bewohner gestellt. Und warum restauriert ausgerechnet jetzt eine Gruppe langhaariger Gestalten den verwahrlosten dritten Friedhof von Dunkelblum? Warum der kleine Ort gleich drei Friedhöfe braucht? Jeder Bewohner, ob katholisch, evangelisch oder jüdisch wurde auf „seinem eigenen“ Friedhof beerdigt - sortenrein, quasi.  

In Dunkelblum scheinen eine Menge von skurrilen Personen zu leben. Alte Frauen, die 1945 der Roten Armee in die Hände gefallen sind, ebenso alte Männer, die sich ewige Treue und Schweigen geschworen haben sowie mancher, der einiges zu verbergen hat.  

Unklar ist, ob die Reschen-Resi, seinerzeit Zimmermädchen, im Hotel Tüffer eine von den Guten oder doch eine Nutznießerin ist. Immerhin hat sie 1938 von der jüdischen Hotelbesitzerin den Schlüsselbund erhalten und ihn bislang nicht hergeben müssen. Ob bei den Recherchen von Eszter und Locke Erben der Familie Tüffer ausfindig gemacht werden, die Ansprüche stellen könnten? Und wer ist dieser Fremde, der im Hotel logiert? 

Meine Meinung: 

Ich bin bei diesem Roman ein wenig zwiegespalten. Das hängt zum einem mit der Sprache und dem Schreibstil von Eva Menasse und zum anderen mit der Vielzahl von Themen zusammen. 

Zur Sprache und Schreibstil: 

Die Autorin verwendet zahlreiche Austriazismen, die mir gut gefallen. Sie hat dem Volk auf’s Maul geschaut. Viele Anmerkungen sind subtil und wirklich bösartig. Nervig hingegen ist für mich persönlich der Verzicht auf die direkte Rede. Damit kann ich mich so gar nicht anfreunden.  

Zusätzlich dauert es sehr lange, bis die Autorin zum Kern kommt. Manches wird wiederholt. So verliert sich Eva Menasse in sehr vielen Details, ohne dass hier ein Informationsgewinn entsteht.  

Der Schreibstil ist für viele Leser anstrengend. Die Fabulierkunst wird hier auf die Spitze getrieben und dient irgendwie nicht der Geschichte sondern einer Art Selbstverliebtheit. 

Vielzahl der Themen: 

Die Episode mit den DDR-Flüchtlingen, die wie seinerzeit die Ungarn-Flüchtlinge 1956, halbherzig wohlwollend aufgenommen werden, passt irgendwie nicht oder doch in die Geschichte. Ist die Hilfe für die DDR-Bürger eine späte Reue? Oder nimmt man sich ihrer nur deswegen an, weil sie Deutsche sind, auch, wenn die gemeinsame Sprache einiges Trennendes mit sich bringt? 

Der Streit um eine eigene Wasserversorgung oder den Anschluss (böses Wortspiel!) an eine kommunale Wasserleitung ist nur ein weiteres davon.  

Eva Menasse lässt uns an Familienzwisten teilhaben und springt ein wenig durch die Zeit, weniger durch den Raum, denn die Ereignisse aktuell oder vergangen, spielen sich in Dunkelblum bzw. in der unmittelbaren Umgebung ab. So kommt der Weinskandal von 1985 zur Sprache, der einige Winzer in den Abgrund reißt. Apropos Winzer! Manchmal hat man den Eindruck, ganz Dunkelblum lebt nur von flüssiger Nahrung in Form von Wein und Schnaps. Selbst wenn den einzelnen Familienmitgliedern täglich vor Augen geführt wird, dass der exzessive Alkoholkonsum letal ausgehen wird, mit dem Saufen aufhören ist keine Option. Sich die unbequeme Wahrheit schönreden, Pardon, schönsaufen schon.  

Die Charaktere hingegen finde ich sehr gut gelungen. So begegnen unter anderem einem Altnazi und ungeschoren davongekommenen Mördern. Aber auch einem Anflug von Reue ("Wäre er erst einmal in Gewahrsam gewesen, hätten vielleicht ein paar andere auch etwas gesagt. Sie wollte nicht die Einzige sein") sowie selbstgeschaffene Differenzierungen ("Josef, ihr Mann und Vater ihres Sohnes, war ein anständiger Nazi"). Gab es „anständige Nazis“? Oder ist das wieder nur Schönfärberei? 

Wenig ist hier im Ort schwarz oder weiß, das meiste, passend zum Ortsnamen dunkelgrau.  

Wer sich mehr mit dem Massaker an den jüdischen Zwangsarbeitern beschäftigen will, dem sei das Buch „Und was hat das mit mir zu tun?“ von Sacha Batthyany, empfohlen, dessen Großtante Gräfin Margit Thyssen-Batthyány in eines der schrecklichsten Nazi-Verbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs verwickelt war. In ihrem Schloss in Rechnitz gibt sie ein rauschendes Fest für führende Nazi-Bonzen. Gegen Mitternacht verlassen die Gäste das Schloss und erschießen 180 Juden. Was genau in dieser Nacht geschieht, ist bis heute unklar. Die Toten nach wie vor nicht gefunden.  

Fazit: 

Leider wirft dieser Roman, wie man an meiner Rezension sieht, mehr Fragen auf, als er beantwortet. Dieser irgendwie unrunde Schluss ärgert mich. Immerhin bin ich der Autorin durch einen Wust an Themen, Schwurbeleien und einer großen Zahl an beteiligten Personen gefolgt. Da hätte ich mir doch einen Abschluss, ob versöhnlich oder nicht, bleibt dahingestellt, verdient. So lässt mich der Roman unbefriedigt zurück. Daher kann ich ruhigen Gewissens auch nur 3 Sterne vergeben.

Kommentare: 2
6
Teilen
Cover des Buches Dunkelblum (ISBN: 9783462047905)awogflis avatar

Rezension zu "Dunkelblum" von Eva Menasse

Die 6 V’s: verleugnen, verdrängen, vertuschen, verschweigen, vergessen, vergraben
awogflivor 16 Tagen

Ich bin ein bisschen zwiegespalten, denn ich mochte die Geschichte fast bis zum Schluss sehr gerne, wenn ich auch jeden verstehen kann, der auf diesem steinigen Weg zwischendurch entnervt abgebrochen hat. Der Roman von Eva Menasse fordert die Leserschaft heraus: eine sehr anspruchsvolle, manchmal auch ein bisschen zu spröde, komplexe Sprache, viel zu viel Personal, viele falsche Identitäten, viele Rückblenden, viel Vertuschung und Verwirrung, viele Lügen und Verdrängung, aber das ist exakt das Programm der Kleinstadt namens Dunkelblum und seiner Bewohner.


Schon seit dem Debüt-Roman Vienna bin ich ein Fan der Sprachfabulierkunst der Autorin und ihrer verzwickten, ausufernd konzipierten Familienbeziehungen, aber ich muss doch eingestehen, ihre Werke sind gewöhnungsbedürftig.


Eva Menasse beschreibt uns ziemlich perfekt den Mikrokosmos Dunkelblum, fast vergessen, genau vor der Demarkationslinie Eiserner Vorhang im österreichischen Burgenland an der Grenze zu Ungarn positioniert. Die Handlung des Romans setzt im Jahr 1989 ein, ein paar Wochen vor dem Beginn des Ostblockzusammenbruchs und der Durchtrennung des österreichisch-ungarischen Grenzzauns. 


Diese Art Orte kenne ich von meiner Oma, die in Altmanns bei Heidenreichstein in Niederösterreich im Grenzland lebte. Nur dass bei meiner Oma halt Tschechien statt Ungarn hinter dem Stacheldrahtzaun und der Todeszone lauerte, aber für uns Kinder war das ohnehin egal, weil alles Terra incognita war. In solchen Gegenden stand das Leben überall bis 1989 still, und man befand sich tatsächlich irgendwie am Rand der Welt, was einen besonderen Menschenschlag hervorbrachte. Alle, die über die Grenze gingen, tauchten lange nicht mehr auf. Sogar harmlose Pilz-Sammler, die sich im Wald verirrt hatten, kehrten Wochen bis Monate nicht mehr zurück. Als Leserin konnte ich diese Stimmung, die ich auch bei der Oma erlebt habe, regelrecht greifen. Das schafft Menasse wirklich sensationell, diese Atmosphäre einzufangen, mit Worten zu erzeugen und sie auch in den LeserInnen zu verankern.


Ein enorme Anzahl an ProtagonistInnen, die Angst vor Fremdem und Misstrauen gegenüber Fremden, viel Nazi-Vergangenheit und Verdrängung derselben kennzeichnen die beschriebene Gesellschaft im Roman. Durch ein bisschen Lüftung des Vorhangs und Andeutung von ein paar Gräueltaten, leichteren Verbrechen und Mitläuferbiografien in der Stadt-Geschichte zur Nazizeit wird einfach viel zu viel Personal gleichzeitig in die Story eingeführt. So entsteht ein unentwirrbares Wimmelbild, das sich noch potenziert, weil auch noch Figuren aus der Vergangenheit unter falschem Namen heute unerkannt leben oder sich durch Heirat und Namensänderung ebenso ihrer Vergangenheit entledigt haben. Alles ist in Dunkelblum unter der Tuchent (Bettdecke), wie man in Österreich so schön sagt, und wenn man diese nur ein kleines bisschen lüftet, um die Wahrheit zu erfahren, dann wimmelt es darunter vor Schaben, Maden, Gewürm und anderen Grauslichkeiten (personell und charakterlich gemeint).


Das Einstiegsszenario stellt sich wie folgt dar: Eine Gruppe von Wiener Studenten hat den Auftrag, den überwucherten und verfallenen jüdischen Friedhof von Dunkelblum aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken, die von Brombeersträuchern überwucherten Gräber freizulegen und die Toten zu ehren. Im Rahmen der Erhaltungsarbeiten wird ein Grab freigelegt, das genauso heißt wie das Hotel des Ortes, die Angestellten wundern sich, denn die Hotelbesitzerin ist keine Jüdin. Zudem wird im Zuge eines Streites um die Wasserversorgung der Stadt bei Probebohrungen auf einer Wiese eine alte Leiche ausgegraben, wahrscheinlich aus 1945. Das Setting mit den Verdrängungen erinnert mich ein bisschen an Das flüssige Land von Raphaela Edelbauer.


Ein Fremder, möglicherweise aus Übersee stammend, der den meisten Stadtbewohnern recht sympathisch ist, schnüffelt neuerdings in den Geschichten und der Vergangenheit herum, wenn er auch sehr subtil und nicht aggressiv vorgeht. Zudem hat ein nach Wien ausgewanderter Sohn namens Lowetz, dessen Mutter gerade gestorben ist, den Weg zurück in den Schoß der Gemeinschaft gefunden. Zusammen mit Flocke, einer jungen Frau, die als Außenseiterin in der Kleinstadt wohnend, nie Respekt vor der Vergangenheit gezeigt hat – die Respektlosigkeit manifestiert sich darin, dass sie die Vergangenheit aufdecken möchte – wühlen die beiden in Sachen, die vielen Leuten sehr, sehr unangenehm sind.  Der wenig integrierte und den Dunkelblumern unsympathische Tourismusbeauftragte und Reisebürobesitzer Rehberg, der im Übrigen homosexuell ist, was auch die Ressentiments der Einwohner hinlänglich erklärt, hat auch nichts dagegen, wenn einige Geheimnisse der Vergangenheit gelüftet werden. Diese vier Protagonisten bilden die progressiven Kräfte der Kleinstadt ab und werden von den ganz Alten, von den Verbrechern und Opfern der Nazizeit, von den Mitläufern und eigentlich fast vom ganzen Rest der Gesellschaft blockiert und verhindert, sodass sie zu Beginn der Geschichte gegen Gummiwände laufen. Dennoch poppen nach und nach immer wieder, durch die neuen Umstände verursacht und durch manche Mittäter und Mitläufer, die ihr Gewissen erleichtern wollen, beziehungsweise durch Opfer, bei denen Traumata auftauchen, die sich nicht mehr unterdrücken lassen, ein paar der Geheimnisse an die Oberfläche.


Fast jede einzelne der unzähligen Figuren ist extrem gut konzipiert und mit spitzer Feder gezeichnet, auch wenn die ProtagonistInnen uns ihre Abgründe, ihre Verbrechen und manchmal sogar ihren Namen und ihre Herkunft verheimlichen. Menasse seziert manchmal mit sehr viel Bösartigkeit – da kommt bei mir immer Freude auf – unzählige Prototypen einer kleinstädtischen Gesellschaft, auch wenn sich diese nachträglich mehrheitlich vielschichtiger erweisen, als erwartet. Das verhindert auch eine Klischee- und Schablonenhaftigkeit des Romans und seiner handelnden Personen.





Die Dunkelblumer alterten regulär vor sich hin, aber weil sie reichlich tranken, bemerkte man ihr Altern lange kaum, die Äuglein blitzend, die Wangen rosarot, bis Freund Flüssigmut und -trost schließlich schnell und erbarmungslos zuschlug. Er war ein Profikiller: Der, den er sich aussuchte, begann morgens beim Aufstehen bloß ein bisschen zu husten, beim Frühstück spuckte er die erste von den vielen, immer schneller aufeinanderfolgenden Portionen Blut und nach höchstens einer Viertelstunde und einer beeindruckenden Sauerei, die den Hinterbliebenen zwar hinterblieb, aber so gut wie nie zur Mahnung gereichte, war die Angelegenheit auch schon vorüber.



Was für eine Wortfabulierkunst! „…die den Hinterbliebenen zwar hinterblieb, aber so gut wie nie zur Mahnung gereichte“, mit dem Saufen aufzuhören. Das ist sprachlich großartig.


Bei all dem nicht einfachen Aufwand, die gesamte Geschichte von Dunkelblum und alle Figuren zu entschlüsseln, war ich dennoch jede einzelne Seite gespannt wie ein Flitzebogen, was noch alles unter dem Teppich versteckt wurde, nach und nach offenbart wird und wie die Geschichte weitergeht. Die Autorin und ihr Mikrokosmos Dunkelblum haben mich gepackt und mitgerissen, ich konnte einfach nicht zu lesen aufhören, obwohl ich manchmal verdutzt und irritiert nur Bahnhof verstand. In der Hoffnung, auf den letzten Seiten dann das ganze Puzzle zusammensetzen zu können, habe ich wissbegierig weitergemacht. Sehr oft habe ich in vielen anderen Büchern schon so ein Verwirrspiel mit den Figuren angeprangert, weil ich den Bezug zu den Protagonisten verloren hatte, und mir das Gewimmel einfach irgendwann zu mühsam wurde. Hier ist mir das ausnahmsweise nicht passiert, wahrscheinlich auch, weil eben das Setting, die Aussage des Romans und die Vertuschung genauso wie das Programm von Dunkelblum sind. Diese unsägliche Kleinstadt-DNA wird zum Leitfaden für den Plot. Ich kann aber jeden verstehen, der so etwas zu anstrengend findet, denn es ist anstrengend, das muss ich zugeben


Leider folgt Eva Menasse im für mich überhaupt nicht befriedigenden Finale des Romans dem eigenen Zitat:





Die ganze Wahrheit wird wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis.



Sie löst daher einfach sehr, sehr wenig auf. Enorm viele Fragen blieben für mich unbeantwortet, oder ich habe die Hinweise bei dem Figurengewusel im Dornengestrüpp der Vertuschung und der Lügen der ProtagonistInnen einfach nicht mitbekommen. Da wären zum Beispiel einige: Ist die Leiche wirklich ein Soldat oder ist es eine Frau und wenn ja, welche? Wer hat den Stahlhelm gestohlen, um ihn bei der Leiche zu deponieren, damit es so aussieht, als sei die Leiche ein Soldat, oder hat sich Loewetz mit seiner Beobachtung getäuscht? Wer war wirklich für die Schüsse an der Grenze verantwortlich und wie wurde diese Intrige konzipiert? … Fragen über Fragen.


Ich bin ja eher von der Fraktion: „Nichts ist so fein gesponnen, dass es nicht kommt an die Sonnen“. Also in meinem kindlichen Sinn für Gerechtigkeit habe ich auch in der Realität die Hoffnung, dass irgendwann einfach alles ans Licht kommt, auch wenn es Jahrzehnte oder Jahrhunderte lang dauern mag. Insofern hat für mich die Autorin als letzte Instanz die Wahrheit ihrer Geschichte einfach nicht abgeliefert, obwohl ich natürlich ihre Intention auch verstehen kann, alles offen zu lassen. In der Fiktion, insbesondere bei Kriminalfällen, will ich aber einfach Ordnung haben, da kommt bei mir der Monk heraus, wenn nicht alles aufgeklärt wird. Offene unbestimmte Enden habe ich schon immer gehasst. Ich fühlte mich ein bisschen geleimt, weil ich fiebernd drangeblieben bin und mir dennoch meine Fragen nicht beantwortet wurden.


Fazit: Ein in vielerlei Hinsicht sehr anstrengender Roman ohne erfolgreiches Finale, fast so wie ein Langstreckenorientierungslauf ohne Karte. Ein geniales Stimmungsbild, ein sehr spannendes Verwirrspiel nur teilweise mit Auflösung. Und trotzdem, bis auf das Ende mochte ich ihn sehr und habe die Reise in die Vergangenheit genossen.

Kommentare: 2
6
Teilen
Cover des Buches Dunkelblum (ISBN: 9783462047905)KateRapps avatar

Rezension zu "Dunkelblum" von Eva Menasse

Unterhaltsam eloquente Farce, die nachdenklich stimmt
KateRappvor einem Monat

Eine satirische, unterhaltsame Farce hat sie geschrieben, die Eva Menasse, die 1989 in einem fiktiven österreichischen Dorf an der ungarischen Grenze spielt und die Grenzöffnungen parallel zu einem Leichenfund und der Suche nach einem Massengrab vom Ende des zweiten Weltkriegs in Szene setzt.

„Es ist, als ob die Landschaft, die hier erst noch wie eine saftiggrün bestickte Samtborte aufgeschoppt und gekräuselt wurde, bevor sie abstürzt ins Flache, Gelbe und Endlose, sich grundsätzlich verwahrt gegen das Durchschautwerden. Und als ob das auch ihre Einwohner beträfe, die sich ähnlich disparat verhalten..“

Hier treffen Geschichten von Nazis und Russen und den sturen Österreichern, die den Mund nicht aufmachen, aufeinander. Eine Gruppe Studenten richtet den verkommenen jüdischen Friedhof wieder her, während der mysteriöse Knochenjäger aus Amerika sich als Jude aus Dunkelblum entpuppt, der damals nur knapp den Gefangenentransport überlebte und nun versucht, seine Retterinnen zu finden. 

Die alten Nazigeschichten verquicken sich mit lokalen Streitigkeiten um die Wasserwirtschaft, der Flüchtlingshilfe und den Nachforschungen einer Dokumentarfilmerin zu einem unglaublich schrägen Filz, in einem Ort, in dem jeder jeden kennt. Mit etwas Geduld und einem Text, den die Autorin mit wunderbaren mundartlichen Worte wie „Zniachterl“,“Grammeln“ oder „Pogatschen“ verziert, gelingt es schließlich, die Zusammenhänge zu entwirren.

Auf unnachahmlich eloquent-ironische Art wird die unverbesserliche Borniertheit, Fremdenfeindlichkeit und der Antisemitismus vorgeführt, die sich bis heute auf dem Land halten und der mangelhafte Umgang mit Verbrechen und Schuld verunsichert die geneigten Leser*innen, ob sie den hemdsärmeligen bäuerlichen Konservatismus witzig oder gruselig finden sollen. Vielschichtig und mit zahlreichen politischen Seitenhieben sowie reichlich Lokalkolorit wird dieser Roman zu einem unterhaltsamen Leseerlebnis, das nachdenklich stimmt.


Kiepenheuer&Witsch 2021

Kommentieren0
0
Teilen

Gespräche aus der Community

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Zusätzliche Informationen

Eva Menasse wurde am 11. Mai 1970 in Wien (Österreich) geboren.

Community-Statistik

in 409 Bibliotheken

von 100 Lesern aktuell gelesen

von 6 Lesern gefolgt

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks