Bereits häufiger wurde der Frage nachgegangen, ob Literatur (oder Kunst allgemein) in der Lage sei, positiv auf Menschen, und damit auf die Gesellschaft insgesamt, einwirken, die Welt zumindest ein kleines Bisschen besser machen könne. Mit Büchern wie dieses von Eva Menasse stünden die Chancen jedenfalls nicht schlecht.
„Dunkelblum“ ist ein fiktiver Ort, eine Kleinstadt in Österreich unmittelbar an der Grenze zu Ungarn. Die Geschichte spielt kurz vor dem „Fall der Mauer“ 1989, erschöpft sich allerdings nicht in dieser Zeit, sondern greift zurück in die dunkle Geschichte der Nazi-Vergangenheit des Ortes und seiner Bewohner. Markiert dabei die Gegensätze zwischen denjenigen die „Mitmachen“ (oder nur „Zuschauen“) und denen die „aussortiert“ werden. Und danach unterscheidet der „Eiserne Vorhang“ in „Hüben“ und „Drüben“ – auch in den Köpfen der „Hiesigen“, wahlweise der „Unsrigen“. Konsequenterweise steht man auf der „richtigen Seite“ und qualifiziert die „von Drüben“, die „Drüberen“, die „Drüberisch“ sprechen, bereits wortwählerisch ab. Insofern wird die geographische Lage zu einem Brennglas menschlicher „Möglichkeitsräume“.
Dabei hätte man genug zu tun mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, bräuchte kein solches Ventil, wenn es denn nicht so schmerzhaft wäre, und im Umkehrschluss so einfach, sich eines Sündenbocks zu bedienen, der einem diese Last abnimmt. Oder ganz einfach sich seine Wahrheit zurechtbastelt, so wie hier beschrieben: „Dem Gedächtnis Einzelner ist nur in begrenztem Ausmaß zu trauen, die meisten erinnern sich lediglich an das, was ihnen selbst in den Kram passt, ihre eigene Rolle in ein besseres Licht rückt oder ihre Gefühle schont.“ Es funktioniert, solange es eben geht. Und in diesem Fall sind es gleich mehrere Ereignisse, die dafür sorgen, dass die Ereignisse aus der Vergangenheit (zum Beispiel die Hinrichtungen in den letzten Tagen des Nazi-Regimes) ans Licht drängen.
In diesem vielstimmigen Konzert der Stimmen, im Wechselspiel von Beharren und Aufklären, passieren außergewöhnliche Dinge, die diesem Roman zusätzlich eine gewisse Spannung verleihen. Es braucht allerdings einige Zeit, bis man diese Stimmen im Kopf sortiert bekommt. Zum Glück gibt es im Anhang ein „Figurenverzeichnis“ (mit Kurzbeschreibungen). Und für die Nicht-Österreicher ein „Glossar der Austriazismen“. So geholfen kann man sich ganz auf das Geschehen einlassen, Dinge hinterfragen und letztlich seine eigene Haltung überprüfen.
(15.8.2023)
















