Eva Schmidt Ein langes Jahr

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Inhaltsangabe zu „Ein langes Jahr“ von Eva Schmidt

Benjamin lebt mit seiner Mutter allein, die Wohnung in der Siedlung am See ist klein, den Hund, den er gerne hätte, kriegt er nicht. Als er Joachim davon erzählt, will der sich einen schenken lassen, am besten zwei, aber Benjamin findet, Hunde sind fast wie Menschen und kein Geschenk. Eines Tages begegnet Benjamin Herrn Agostini, einem alten Mann aus der Nachbarschaft, auch er wollte sein Leben lang einen Hund. Früher als er ist seine Frau nach einem Sturz ins Pflegeheim umgezogen, jetzt hat er endlich einen, Hemingway heißt er. Aber Herr Agostini ist nicht mehr gut auf den Beinen, er weiß nicht, was aus »Hem« werden soll. Ähnlich wie Karin, die gerne wüsste, wer sich um ihren Hund kümmert, wenn ihr was zustößt, wie sie sagt. Karin ist krank, sie hat Schmerzen, niemand weiß davon. Im Baumarkt kauft sie eine Leiter, vom Nachbarn borgt sie eine Bohrmaschine … Eva Schmidt erzählt so mitfühlend und bedacht, so teilnehmend und zurückhaltend von den kleinen Dingen des Lebens, als wären sie groß, von den großen, als wären sie klein. Sie erzählt davon, wie wir leben, allein und miteinander, und wie wir uns dabei zuschauen.

Menschen in einer Stadt und ihre Beziehungen untereinander. Schmidt zoomt vom großen Bild ins Kleine, Große. Hunde sind immer dabei.

— alasca
alasca

Detaillierte 'Milieu'beschreibung, die mir teilweise jedoch etwas zu genau ausfällt. BregenzliebhaberInnen werden es aber vermutlich lieben.

— Xirxe
Xirxe

Sehr berührend, bleibt lange im Gedächtnis

— Milagro
Milagro

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  • Bregenz - kein Ort für zum Glücklichsein?

    Ein langes Jahr
    Xirxe

    Xirxe

    10. November 2016 um 13:34

    Auch wenn der Ort nirgends in diesem Buch genannt wird, ist schnell klar, dass es nur Bregenz sein kann, wo die Menschen leben, von denen in 'Ein langes Jahr' die Rede ist. Eva Schmidt ist eine derart akkurate Beschreiberin, dass man nicht nur die Stadt schnell erkennt, sondern auch während des Lesens die Strecken die die Personen zurücklegen, mit dem Finger auf dem Bregenzer Stadtplan nachzeichnen kann.Als Roman wird das etwas mehr als 200 Seiten starke Büchlein annonciert, was meiner Meinung nach zumindest am Beginn ziemlich danebenliegt. Die durchnummerierten Kapitel, von denen es 38 Stück gibt und die meist zwei bis fünf Seiten umfassen, verbindet anfangs kaum mehr als der Schauplatz Bregenz. Die beschriebenen Menschen kennen sich meist nicht und wenn sie etwas gemeinsam haben ausser ihrem Wohnort, ist es eine Einsamkeit, die die einen mehr, die anderen weniger gut ertragen. Allzuviel erfährt man nicht über die Personen; wenn, dann geschieht es eher beiläufig. Es sind die Beschreibungen einer Stunde oder eines Tages, vielleicht auch einer Woche, in denen scheinbar nebenbei Sätze fallengelassen werden, die das Drama eines Lebens andeuten und/oder plötzlich offenlegen.Der Ton ist sachlich-nüchtern, kaum eine Spur von Empathie, stattdessen die exakte Beschreibung der Vorkommnisse und des Innenlebens der Protagonisten. Die ersten 50 bis 70 Seiten tat ich mich ziemlich schwer mit diesem Buch: Was interessierten mich diese eintönigen Leben dieser größtenteils so fürchterlich drögen Menschen? Das einzig Spannende war die Raterei, um wen es sich im neuen Kapitel handelt. Denn zu Beginn jedes neuen Abschnittes werden nur Personalpronomen genutzt und ich musste aufmerksam weiterlesen um herauszufinden, von wem denn nun die Rede ist. Doch dann beginnen sich die Lebenswege der Beschriebenen zu kreuzen. Da ich nun bereits etwas vertraut war mit Tom, dem Sohn aus reichem Elternhause; Herrn Agostini, dem älteren Hundeliebhaber; Cora, der etwas zu viel trinkenden alleinerziehenden Mutter und den vielen Anderen, wollte ich wissen, wie und ob die Begegnungen mit den restlichen Figuren sich weiterentwickelten.So viel kann ich verraten: Viel mehr Handlung gibt es auch im Rest des Buches nicht. Die Menschen begegnen sich, gehen auseinander oder nicht - wie ihm wahren Leben nur ohne Glück. Es fühlte sich für mich ein bisschen so an, als würde ich einen etwas intimeren Einblick in das Leben mancher Bregenzer BürgerInnen erhalten, ob die nun wollten oder nicht. Und ich glaube, die Meisten hätten es eher nicht wollen - so traurig wie deren Leben wirkt.Muss oder sollte man das lesen? Um sich zu unterhalten wohl eher nicht - ausser man ist BregenzliebhaberIn und möchte die Stadt mal von einer völlig anderen Seite erleben.

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  • Ein Jahr am See

    Ein langes Jahr
    Buecherschmaus

    Buecherschmaus

    10. October 2016 um 12:21

    Eine Stadt am See - obwohl nie explizit erwähnt, leicht als Eva Schmidts Wohnort Bregenz zu identifizieren. Der Roman beginnt mit einer Totalen darauf. Es ist früh am Morgen, der Herbst beginnt und die Autorin zoomt langsam näher, nimmt eine Siedlung ins Visier, kleine Siedlungshäuschen, Villen, ein Hochhaus. In 38 meist sehr kurzen Kapiteln werden nun einzelne Bewohner vorgestellt, fast dreißig an der Zahl, gewähren dem Leser kurze Einblicke in ihr Leben, meist in der personalen, in einzelnen Fällen auch in der Ich-Perspektive.„Sehnsüchtig sein heißt nicht wissen, wohin man möchte.“ Dieses Zitat von Robert Walser hat Eva Schmidt ihrem Buch vorangestellt. Sehnsüchtig sind die Menschen alle, auf unterschiedliche Weise auch orientierungslos, ohne Antwort auf die Frage wohin. Sie leben, wie die heutigen Menschen zumeist, mehr oder weniger beziehungslos nebeneinander her. Man sieht sich im Vorbeigehen, man grüßt sich, man weiß kaum etwas voneinander.Aber man beobachtet sich – durch Fenster, von Balkonen, in Gärten, auf der Straße. Dadurch entstehen feine Beziehungsgeflechte, die der Leser zunehmend gespannt und fasziniert verfolgt. Wie kleine Mosaikteilchen passen die kleinen, anfangs eher etwas zusammenhanglosen Szenen schließlich zusammen und geben am Ende tatsächlich ein berührendes Bild eines ganzen Jahres. Es wird gelebt und gestorben, Menschen werden alt und hilfebedürftig, Beziehungen zerbrechen, andere werden neu geknüpft, Träume blitzen kurz auf und werden meist zerschlagen, oft sind Hunde die letzten verbleibenden oder ersehnten Bindungen. Es ist eng dort in der Siedlung am See und ein wenig trostlos.Einmal wagt ein unglücklicher Junge den Ausbruch, fährt mit dem Zug nach Innsbruck, dort auf einen Berg und verbringt die Nacht in einer Berghütte ganz allein. Kläglich kehrt er am nächsten Tag doch nach Hause zurück. Seine Abwesenheit wurde vom vielbeschäftigten, alleinerziehenden Vater gar nicht bemerkt. Auch die ehemalige Reporterin, die allein mit ihrem Hund lebt, sehnt sich nach dem Draußen. Immer wieder klickt sie sich in die Webkamera von Peggy´s Cove in der kanadischen Provinz Nova Scotia ein. Ein Freund von ihr wohnt dort, einmal hat er für sie in die Kamera gewinkt, seiner Einladung ist sie nie gefolgt. Am Ende des Buches wird sie es aber sein, die ein Zeichen setzt für Aufbruch, für Neuanfang. Ein hellblaues Wohnmobil steht vor der Tür. Gibt es ein schöneres Symbol für Hoffnung?Eva Schmidt erzählt sehr zurückhaltend, ihr Blick ist distanziert, aber nie ohne Anteilnahme. Das lässt ihren sehr kunstvollen, aber nie künstlichen Romanaufbau umso mehr wirken. Auch bei den traurigsten, erschütterndsten Szenen kommt zu keinem Zeitpunkt etwas wie Pathos oder Kitsch auf. Dadurch werden sie umso stärker.Ein Jahr, um die dreißig Leben, gerade mal 200 Seiten – große Kunst.

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    • 2
  • Wunschhund

    Ein langes Jahr
    walli007

    walli007

    07. October 2016 um 16:15

    Verschiedenste Menschen leben in der Siedlung. Tom zum Beispiel hat einen Hund aus Amerika adoptiert. Dieser Hund ist etwas besonderes und sehr beliebt. Insbesondere bei Herrn Agostini, der immer ein Leckerli für ihn bereithält. Doch irgendwann ist der liebenswerte Hund nicht mehr da und Herr Agostini erfährt, dass der Hund krank war und verstorben ist. Auch der junge Ben wünscht sich einen Hund. Seine Mutter, mit der er allein in einer Wohnung lebt, erlaubt das nicht. Das Angebot seines Freundes Joachim, sich zwei Hunde zu wünschen und einer könne dann Ben gehören, mag er allerdings nicht annehmen. Karin, deren Tochter in Amerika lebt, hat einen Hund. Sie macht sich Sorgen, was mit dem Tier geschehen könne, wenn ihr einmal etwas passiert. Es beginnt wie zusammenhanglos aneinander gereihte Geschichten. Wenn man selbst vielleicht nicht begeistert ist von Kurzgeschichten, könnte man in Versuchung geraten, das Buch zu schnell beseite zu legen. Je länger man sich jedoch auf die Geschichten und Episoden, die Eva Schmidt in ihrem Buch erzählt, einlässt, desto mehr nimmt einen die Suche nach dem Zusammenhang gefangen. Mit teils winzigen Hinweisen und eingestreuten Worten macht die Autorin klar, welche Verbindungen zwischen den Menschen, von denen sie berichtet, bestehen. Aufmerksames Lesen ist gefordert und das bei der leichten und angenehmen Sprache, die die Autorin verwendet. Mit so großer Eindringlichkeit, mit so bildhaften Worten schildert sie, was die Menschen in ihrem Buch erleben, was sie bewegt, was sie wünschen oder befürchten. Man wähnt sich mitten im Geschehen und trotz der eher ruhigen Erzählweise kann man sich dem Buch nicht entziehen. Man fühlt Entsetzen, Trauer, Freude - wie ein Wasserfall stürzen die Geschehnisse auf einen ein und schließlich fragt man sich, ob man wirklich alles entschlüsselt hat oder ob man das Buch einfach noch einmal lesen sollte, um jede noch so kleine Kleinigkeit zu entdecken.  Ein Roman, mit dem man sich etwas anfreunden muss, der sich dann allerdings ganz wunderbar entwickelt.

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  • Großartiges Kopfkino

    Ein langes Jahr
    Milagro

    Milagro

    Ich habe lange keine solche Geschichte mehr gelesen, eine so einprägsame, ruhige Geschichte, die mich so sehr berührt hat. Zunächst dachte ich, es handele sich um Kurzgeschichten, kurze Kurzgeschichten. Aber die Episoden sind miteinander verwoben, erzählen das Leben der Menschen einfach aus unterschiedlichen Perspektiven. Berührend, erschreckend, wehmütig. Die Erzählstränge verwickeln den Leser in die Schicksale einiger Personen einer Kleinstadt in Österreich, die Stadt scheint nicht besonders, eben normal, mit schönen und weniger schönen Ecken. Die Personen bringen ihre Geschichten mit, schöne und weniger schöne. Jede aber berührt, jede bleibt unvergleichlich, jede unvergessen. Ganz großes Kopfkino auf 200 Seiten.Welch ein Genuss.

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    • 7
    Insider2199

    Insider2199

    01. October 2016 um 00:06
  • Mit großer sprachlicher Kraft und zarter Poesie

    Ein langes Jahr
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    14. March 2016 um 11:49

    Fast zwanzig Jahre hat die in Bregenz in Österreich lebende Schriftstellerin Eva Schmidt geschwiegen und keine Zeile veröffentlicht. Wir kennen die Gründe nicht und freuen und deshalb umso mehr darüber, dass sie nun mit dem Episodenroman „Ein langes Jahr“ mit großer sprachlicher Kraft und zarter Poesie zurückmeldet.Das Buch beschreibt eine fiktive Stadt in der Provinz, eine Landschaft mit Berg und See, wie sie überall vorkommen kann. Der Fokus der Autorin und ihrer feinen, einfühlsamen Beobachtungen liegt auf Menschen, von denen jeder einzelne unser Nachbar sein könnte, wo immer wir das Buch auch lesen und uns zuhause fühlen. Alltägliche, manchmal regelrecht banale Ereignisse sind, die sie so erzählt, dass deutlich wird, was die Existenz des jeweiligen Menschen ausmacht und entscheidet. Und in immer wieder unerwarteten Wendungen wird ein ganzes Menschenleben offenbar. Da ist etwa Benjamin. Er lebt mit seiner Mutter allein, die Wohnung in der Siedlung am See ist klein, den Hund, den er gerne hätte, kriegt er nicht. Als er Joachim davon erzählt, will der sich einen schenken lassen, am besten zwei, aber Benjamin findet, Hunde sind fast wie Menschen und kein Geschenk.Eines Tages begegnet Benjamin Herrn Agostini, einem alten Mann aus der Nachbarschaft, auch er wollte sein Leben lang einen Hund. Früher als er ist seine Frau nach einem Sturz ins Pflegeheim umgezogen, jetzt hat er endlich einen, Hemingway heißt er. Aber Herr Agostini ist nicht mehr gut auf den Beinen, er weiß nicht, was aus »Hem« werden soll. Ähnlich wie Karin, die gerne wüsste, wer sich um ihren Hund kümmert, wenn ihr was zustößt, wie sie sagt. Karin ist krank, sie hat Schmerzen, niemand weiß davon. Im Baumarkt kauft sie eine Leiter, vom Nachbarn borgt sie eine Bohrmaschine …Eva Schmidt lässt mit ihren Worten diese Menschen ganz nahe an den Leser heran, so nah, dass es ihm manches Mal unbequem wird. Denn sie erinnern ihn daran, dass es auch in seinem Leben oder dem von Menschen, mit denen er lebt oder die er kennt, solche Nöte und spärlichen Freuden gibt,  Seelenzustände, die oft erst dann offenbar werden, wenn der Mensch plötzlich nicht mehr da ist oder in eine große Krise gerät. Dann   beginnt man zu verstehen und wird ganz leise angesichts der Vielfalt des Lebens und seiner Leiden und Freuden.

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