Egal wie abstrus eine Geschichte von Daniel Pennac auch erscheint, immer ist sie für eine Überraschung gut, inhaltlich wie sprachlich; die fein versteckten Anspielungen auf historische Gegebenheiten oder Literatur gilt es zu entdecken und für ein Aha-Erlebnis zu nutzen (so blöd bin ich ja doch nicht …). Es gilt also, sich nicht gleich beim Einlesen entmutigen zu lassen, selbst wenn zunächst der Eindruck entstehen sollte, dass hier eine Geschichte lapidar heruntererzählt wird. Sicher ist auf jeden Fall, dass der Schrecken, die Überraschung, das Ungewohnte Einzug halten werden und eine ganze Suchkaskade im Kopf des Lesers freisetzen: Wie war das noch gleich? Wie sind die Zusammenhänge? Kann das stimmen?
In diesem ersten Malaussène-Roman (erschienen 1985) leuchten schon die Möglichkeiten einer Fortsetzungsgeschichte durch. Die Charaktere sind so interessant wie „schräg“. Der Ernährer der Familie und gleichzeitig Ich-Erzähler der Geschichte, Ben(jamin, muss sich um seine Geschwister kümmern, während ihre Maman sich „anderweitig“ beschäftigt, um der Schar der Kinder weitere hinzuzufügen. Als Broterwerb schlüpft er in die Rolle des Sündenbocks in einem Kaufhaus, in dieser er auftauchende Beanstandungen möglichst kostenneutral für seinen AG abwickeln soll. Dies gelingt ihm unnachahmlich gut und wäre schon allein eine Story wert: „‘Sehen Sie, der Sündenbock ist nicht nur jemand, der gegebenenfalls für die anderen den Kopf hinhält. Er ist auch und vor allem ein Erklärungsprinzip […]. Er ist der unbegreifliche, aber offenkundige Grund eines unerklärlichen Ereignisses. […] So erklären sich zum Beispiel die Judenpogrome während der großen Pestepidemien im Mittelalter. […] Für einige Ihrer Kollegen sind Sie – der Sündenbock – schlicht und einfach deshalb der Bombenleger [davon gibt es einige – Bomben], weil diese Leute einen Grund brauchen. Das beruhigt sie. […] Diese Leute brauchen keine Beweise, ihre festen Überzeugungen genügen ihnen […].‘“
Im Wesentlichen geht es um Bomben, die im Kaufhaus auf spektakuläre wie eindeutige Weise hochgehen, um Verwicklungen rund um diese Vorfälle und das Suchen nach Hintergründen wie Schuldigen. Neben der zu betreuenden Kinderschar (die Älteste ist immerhin inzwischen schwanger, wenn auch ungewollt), mit ihren jeweiligen Stärken, man könnte auch von Marotten sprechen, sind es die Flics und eine Schöne, die mithelfen für Klarheit im Geschehen zu sorgen. Insofern eine vielversprechende Ansammlung von Charakteren, die gekonnt in Szene gesetzt werden und dafür sorgen, dass es hier spannend wie lustig zugleich zugeht. Nicht unbedingt die schlechtesten Voraussetzungen für einen guten Roman.




