Evelyn Missals Apathikus ist ein bemerkenswert intensives Werk, das sich mit existenziellen Fragen, tiefer Trauer und der Zerbrechlichkeit der menschlichen Psyche auseinandersetzt. Trotz seiner Kürze gelingt es der Autorin, ein gewaltiges Gefühlsspektrum abzubilden – von der Lähmung durch Schmerz bis hin zur finalen Konsequenz, die der Protagonist für sich zieht.
Die Geschichte zeigt einen einzigen Tag im Leben eines Mannes, Apathikus, dessen Welt vor acht Jahren zerbrochen ist, als seine Frau Cecile bei der Geburt ihrer Tochter starb. Seitdem lebt er in einer inneren Leere, gefangen in apathischer Resignation. Er vermisst Cecile so sehr, dass sein eigenes Dasein unerträglich geworden ist. Die Briefe, die er an seine verstorbene Frau schreibt, sind erschütternde Einblicke in seine emotionale Verlorenheit. Kein Glück, keine Freude – nur der unerträgliche Verlust. Besonders erschreckend ist, dass er seine Tochter nicht mit der gleichen Intensität liebt wie Cecile. Sie bleibt eine Randfigur seines Schmerzes, was ein moralisches Dilemma aufwirft: Kann ein Mensch so sehr von seinem eigenen Leid absorbiert sein, dass er die Verantwortung für das Leben eines anderen ausblendet?
Ein für mich zentrales Element des Buches ist Platons Erzählung von den Kugelmenschen. Apathikus erzählt seiner Tochter diese Geschichte als Gutenachtgeschichte – ein subtiler Hinweis darauf, dass er sich selbst als eine dieser geteilten Hälften sieht. Für ihn war Cecile seine andere Hälfte, sein fehlendes Stück, und ohne sie bleibt nur Leere. Während seine Tochter diese Geschichte vielleicht einfach als Märchen wahrnimmt, ist sie für ihn eine schmerzhafte Wahrheit und er bleibt für immer unvollständig.
Das Buch behandelt große philosophische Fragen: Was bleibt, wenn der Sinn verloren geht? Wie sehr sind wir unseren Gefühlen ausgeliefert? Es zeigt, dass jemand, der einmal Glück kannte, auch weiß, wie tief der Schmerz sein kann, wenn dieses Glück verschwindet.
Sein Ende ist tragisch, aber nicht so, wie er es geplant hatte. Apathikus hat längst beschlossen, sein Leben nicht mehr weiterzuführen, und sucht nach einem Weg, seiner Situation zu entkommen. Doch das Schicksal trifft diese Entscheidung für ihn.
Was mich am meisten beeindruckt hat, ist nicht nur die Tiefe des Buches, sondern auch die Tatsache, dass es eine 17-jährige Autorin geschrieben hat. Die Art, wie Missal den Schmerz beschreibt, wie sie diese Leere greifbar macht, ist außergewöhnlich. Die Sprache ist präzise, auf den Punkt, ohne überflüssige Schnörkel – und genau das macht es so eindringlich.
Fazit:
Apathikus ist ein eindringliches, bedrückendes und gleichzeitig philosophisches Buch über Verlust, Sinnsuche und die zerstörerische Kraft der Trauer. Wer sich auf diese düstere Reise einlässt, wird mit einer literarischen Perle belohnt – und vielleicht auch mit neuen Fragen über das eigene Leben.
Dieses Buch hat mich dazu angeregt, mich mit meiner eigenen Verletzlichkeit auseinanderzusetzen – und genau das macht es so wertvoll.


